Brigitte Waldner

Man muss nicht rechnen können, um glücklich zu sein


„Ich muss jetzt einmal auf mich selber schauen“, antwortete eine junge alleinstehende Frau, als ich sie fragte, warum sie aus ihrem Großelternhaus plötzlich ausgezogen ist, wo sie bisher mit ihrer Oma gewohnt hatte und nach deren Tod alleine gewohnt hätte. Sie ist in eine geförderte Wohnung innerhalb desselben Ortes übersiedelt, in zehn Minuten zu Fuß erreichbar. Zurückgelassen wurden fünf Katzen, die nach dem Tod ihrer Oma auf sich allein gestellt sind und die sie mir andrehen wollte. Ihre dortige Nachbarin muss sie jetzt füttern.

Auf wen hat sie denn bisher geschaut? Ich wüsste niemanden. Sie hat immer nur auf sich selber geschaut, weder auf ihre viel jüngeren Geschwister noch auf ihre betagte, schwer kranke Oma. Soll ich ihre fünf alten Katzen übernehmen, wenn ich selber sechs Stück habe und einen Hund? Ich habe ihr angeboten, mit ihr zum Tierarzt zu fahren und ihr das alles zu lernen, was sie im Umgang mit Katzen wissen muss. Sie hat keine Ahnung davon und interessiert sich nicht dafür. Sie hatte in der Pflichtschule Sonderschulstatus in Mathematik. Ohne Hilfe konnte sie keine einzige Rechnung selber lösen. Jetzt hat sie ein größeres Auto als ich. Autofahren kann sie und sie hat auch eine geschützte Teilzeitarbeit als Hilfsarbeiterin in einer Gärtnerei, wo sie pro Monat mindestens ebenso viel verdient, wie ich in Pension erhalte, nur dass sie im Winter nicht beschäftigt ist, sondern ein sehr geringes Arbeitslosengeld bezieht. Sie ist nie frech, aber sie stellt sich oft und gerne wie ein sturer Bock und steht emotionslos da. Wenn sie etwas nicht will, dann redet sie nicht. Man muss alles nur erraten, als ob sie nicht in der Lage wäre, zu formulieren. Sie hat aber nur Dyskalkulie und nicht Legasthenie. Lesen und Schreiben kann sie, wenn auch fehlerhaft.

Warum ist sie wirklich ausgezogen? Ihre Angehörigen, die Mutter und deren drei Geschwister, die anderweitig wohnen, teils in einem Haus gegenüber, teils auf einem Bauernhof weiter entfernt, und teils in einem anderen Bundesland weit entfernt, wollen das uralte Haus endlich einmal sanieren. Ihre beiden Onkel sind Baumeister, ihr Stiefvater ist auch ein Maurer und mit einer Installationsfirma ist sie auch noch verwandt, sowie eine Tante ist Lehrerin.. Ihre Mutter hat von ihr einen finanziellen Beitrag zu den Betriebskosten und zur Sanierung des Badezimmers verlangt und aus der Verlassenschaft werden sie auch Geld erhalten. Es ist nicht wenig vorhanden. Es sind auch Felder vorhanden, die verpachtet sind und in Baugründe umgewandelt werden könnten. Sie ist nicht bereit, die von ihr verlangten geringen Zahlungen zu tätigen. Die Betriebskosten musste sie bisher nicht bezahlen. Die wurden von ihrer Oma bezahlt. Sie will nicht in ein Haus investieren, was ihr nicht gehört. Aber es gehört zumindest zur Hälfte ihrer Mutter, die ansonsten keinen Besitz hat und derzeit auf einem Bauernhof bei ihrem Mann wohnt, der aber ihm nicht gehört, sondern seinem Bruder. Wenn der Mann verstirbt, muss sie samt ihren derzeit noch jugendlichen beiden Kindern ausziehen und hat daher ihr Elternhaus bisher zur Hälfte und zuletzt vielleicht ganz geerbt, damit sie im Notfall ein Zuhause hat.

Jetzt bezahlt die junge Dame lieber Miete für eine Wohnung in einem Mehrparteienhaus, und das sind die anteiligen Baukosten, die kein Eigentum ist und ihr daher niemals gehören wird. Und jetzt bezahlt sie auch dafür Betriebskosten. Eine Ablöse für die Wohnungseinrichtung hat sie auch bezahlt,  obwohl sie im Haus ihrer Mutter bzw. Oma wohnen könnte.  Es gefällt ihr im Wohnblock.  Sie sagt, dass sie glücklich ist, nicht mehr Angst ausstehen müsste, was sie alleine im alten Haus hatte und vor allem, weil sie nicht mehr heizen muss. Sie konnte nicht einheizen und hatte im Winter oft kalt. Man hat versucht, es ihr zu lernen, aber es war ihr zu kompliziert. Sie legte einen großen Prügel Holz in den Ofen oder frische Zweige eines Baumes und versuchte, sie anzuzünden. Sie wollte einfach nicht kapieren, wie das Einheizen geht.
Immer, wenn ihr etwas nicht gefiel und sie zu bequem war, es zu erlernen, schaltete sie auf sturer Bock und emotionslos und sagte: „Das wird mir jetzt zu kompliziert. 'Kana vasteht mi'.“ Dann war sie nicht mehr ansprechbar. Man musste erraten, was sie damit sagen wollte. Wenn ich ihr sagte, die Katzen gehören einmal entwurmt, kam dieselbe Reaktion. Wenn jemand was für die Katzen forderte, wie Kastration, dann musste derjenige es auch organisieren, durchführen und bezahlen. So war sie erzogen und daran hielt sie sich konsequent. Sie hat ja nicht einmal eine Box, die Katzen zu transportieren. Ich habe sie gefragt, ob ich ihr eine besorgen soll, die nur 15 Euro kostet. Sie reagierte: „Wenn überhaupt, kaufe ich sie selber!“ Durchschmarotzen durchs ganze Leben, wofür sie sich dumm und stur stellt, gelingt ihr sehr gut. Heute ist sie mit allem einverstanden, was man ihr anbot und morgen schon, wenn man es durchführen will oder noch was besprechen will, stellt sie sich als sturer Bock quer. Verlassen kann man sich auf sie überhaupt nicht. Mit Leuten, die ihr helfen wollen, will sie nichts mehr zu tun haben.

Sie hat keine Lust zu kochen, oder den kleinen Garten beim Großelternhaus zu pflegen oder dort Gemüse anzupflanzen. Sie kauft Fertignahrung beim Eismann, wo ein Fischmenü angeblich € 25,-- kostet, wo dasselbe beim Lidl nur € 1,99 kostet. Sie ist zu bequem, es beim Lidl zu holen, der Eismann bringt es ins Haus. Da muss sie es auch nicht in den vierten Stock hinauftragen, wo sie bemängelt, dass kein Lift vorhanden ist.
Von ihrer Oma wurde sie immer verhätschelt, weil sie ja geistig sehr langsam ist. Aber wo es um ihre Vorteile geht, da ist sie schneller, als jeder andere in ihrem Umfeld mitdenken kann. Am Smartphone und am PC und im Internet kommt sie auch ganz gut zurecht. Angeblich hat sie viele Bilder bei Facebook eingestellt. Sie bestellt oft bei Amazon. Sie sucht auch einen Partner. Am liebsten hätte sie einen Mathe-Lehrer. Nicht, dass sie rechnen lernen möchte, sondern nur, weil sie nicht rechnen kann. Sie hat überhaupt kein Zahlenverständnis. Es wird nur herumgeraten. Sie war auch nicht bereit, zu üben mit der Bemerkung: „Ja, wenn ich immer alles sofort wieder vergesse.“ Sie meint, man muss einfach so rechnen können, ohne etwas zu üben. Wie einer wissen kann, dass neun größer ist als eins, ist ihr schon ein Rätsel. Das weiß man einfach, aber sie weiß es nicht und wird es nie wissen, und wenn man es ihr hunderte Male gesagt hat. Ich habe mit ihr ein paar Mal gelernt. Sie sagte immer, sie habe nie dividieren gelernt, was aber nicht stimmte. Ich habe es ihr erneut beigebracht. Den einen Tag konnte sie es, danach wieder nicht mehr. Sie sagte, es ist niemand in der Lage, ihr Mathe beizubringen. Man nennt das Dyskalkulie, was sie hat. Rechnen kann sie zwar nicht, zwischen Miete, Betriebskosten und Investition nicht unterscheiden, aber es gelingt ihr, auf sich selber zu schauen.

Für andere interessiert sie sich nicht. So hat sie allen ihren Verwandten noch vor der Verlassenschaftsverhandlung vor den Kopf gestoßen, in eine geförderte Wohnung zu ziehen, dass das Haus ihrer Oma jetzt leersteht. Sie hatte vermutlich noch kein notariell gesichertes Wohnrecht, aber das hätte man ihr ja einräumen können, und da stünde es ihr nicht schlecht an, wenn sie die Betriebskosten, die sie verursacht, auch bezahlt und sich an der Sanierung des Badezimmers finanziell beteiligt, soweit sie Einkommen und Erspartes hat. Aber sie will ihr Geld lieber für sich ausgeben. Erst während der Verlassenschaftsverhandlung, an der sie nicht teilnahm, haben ihre Verwandten erfahren, dass sie schon ausgezogen ist und waren dann blitzzornig, weil sie ihr Geld anderweitig investiert, statt in dieses Haus, was allen zugutegekommen wäre und auch ihr.

Alle ihre Verwandten haben ihr immer geholfen und hätten auch weiterhin geholfen und werden das auch tun. Es wird der Garten für sie gemacht und das Holz geschnitten. Das macht jetzt ihr Stiefvater. Sie hat kein Problem mit den Verwandten oder anderen Leuten, obwohl sie immer auf ihre Vorteile aus ist. Sie hat kein Wort vorher gesagt und ist einfach ausgezogen. Wie es mit dem Haus ihrer Oma weitergeht, ist ihr egal. Sie muss jetzt einmal auf sich selber schauen, sagt sie, als ob sie jemals auf das Haus geschaut hätte. Jede Verantwortung, jede Verpflichtung wendet sie ab. Alles liegt im Chaos, obwohl sie keine Räuber hatte. Oder hatte sie dieselben Räuber wie ich, also meine Nachbarn,  und hat es vielleicht nicht gemerkt? Das ist alles möglich! Immerhin wohnt das Räuberpack in ihrer Nähe und hat es gerne Häuser von alleinstehenden und alten, auch kranken Leuten nachts durchwühlt und das Beste herausgestohlen, nachdem es vorher die Schlüssel gestohlen hatte und in der Lage ist, geschlossene Fenster auszuhebeln. Sie sprach von Albträumen. Vielleicht hatte sie nicht geträumt, sondern die Räuber waren tatsächlich dort, die ihr auch Gift in die Lebensmittel in ihrer Küche gemischt hatten. So wie das bei mir war, dass man davon ganz meschugge war und sich wochenlang davon nicht erfing.  Vielleicht hatte sie ja recht, wegzuziehen, wenn sie tatsächlich Räuber in der Nacht hatte, die sie als Geister wahrnahm. Mit ihr darüber zu sprechen, ist nicht möglich, da sie sofort zumacht. Aber sie befindet sich immerhin in psychologischer Behandlung deswegen. Ich hatte ihr einmal Hilfe angeboten, aber sie sagte reflexartig: "Ich glaube nicht, dass du mir helfen kannst. Mir kann keiner helfen, weil mir keiner zuhört. Jeder erzählt immer nur von sich selber. Die Psychologin hört mir wenigstens zu." Aber sie kostet € 100,-- pro Sitzung von einer Stunde.

Sie will nur ihre Vorteile. Sie habe es sich verbessert. Das ist ihr wohl zu gönnen. Wie lange wird es in der Wohnung gutgehen? Eines Tages wird sie in das Haus zurückziehen, dann, wenn es fertig saniert ist, und sie gratis drinnen wohnen kann und notariell das Wohnrecht erhält. Das ist ihre Bedingung. Sie sagt es aber nicht. Das kann man nur erraten. Wenn sie ihre geförderte Wohnungsmiete nicht mehr bezahlen kann, und bevor man das alte Haus verkauft oder an Fremde vermietet, wird der sture und teilnahmslose Bock sein Ziel höchst wahrscheinlich erreichen. Oder sie wird zu einem Mann ziehen, den sie aber erst finden muss. Vielleicht will sie deswegen keinen einzigen Euro für das alte Haus ausgeben, damit sie durch das Haus nicht ortsgebunden ist und jederzeit zu einem Mann ziehen könnte.  Sie hat es gelernt, auf sich selber zu schauen.

Wie man sieht, kann ein einfach gestrickter Mensch, der nicht rechnen kann, ein glücklicheres Leben führen als andere, denen das Glück nicht einfach so zufällt und die geistig wesentlich flexibler und keine Egoisten sind.

© Brigitte Waldner

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