Klaus Mattes

Unser Klavier



Unser Klavier vom großherzoglich badischen Hoflieferanten Ruckmich in Freiburg ist dann erst im Sommer 2013, nach dem Tod meiner Mutter, in den Orkus der Geschichte versunken. Es muss gut hundert, vielleicht aber auch schon hundertzwanzig Jahre alt gewesen sein. Es war tatsächlich aus dem Land eines badischen Großherzogs bis zu uns gelangt.


Der Vater des Großvaters mütterlicherseits hatte in Badenweiler ein Hotel besessen. Hotel und Vermögen sind in der Inflation 1923 verloren gegangen. Nur das braune Klavier war geblieben, kein Flügel. Seit Menschengedenken klang dieser unverwüstliche Holzschrank verstimmt und wies an der Brust die verspachtelten Narben von zwei ehemaligen Lochfeldern für Schraubgewinde auf, an denen vormals Kerzenhalter befestigt gewesen waren.


Anfang der siebziger Jahre, mein Bruder und ich hatten den Mut fast beisammen, uns dem elterlichen Wunsch nach pianistischer Bildung trotzig in den Weg zu stellen, war für exorbitantes Geld aus Basel ein Klavierstimmer gerufen worden. Der hatte einen langen Nachmittag auf dem Instrument herumgeklimpert, Saiten angezogen oder gelockert, sein Hämmerchen benutzt. Es klang angeblich besser, doch reinen Klang hatte dieses Klavier nicht einen einzigen Tag, solange ich es kannte.


Unser fast antikes Klavier, das regelmäßig abgestaubt und mit Politur behandelt wurde, erfüllte im nicht besonders großen Wohnzimmer genügsam seine Hauptaufgaben, nämlich, einen Stapel mit alten Zeitschriften und zuoberst immer der aktuellen Fernsehillustrierten zu kredenzen, dazu die letzten paar Tageszeitungen, eine nicht immer gefüllte Obstschale, in der auch Nüsse oder Kastanien liegen konnten. Um Weihnachten herum wurden auf dem aufklappbaren Deckel des Saitenkastens die von einer mehr oder weniger unbekannten Ostzonen- Bekanntschaft meiner Mutter, sie besuchten einander niemals, vor allem nicht, nachdem die Grenzen offen waren, telefonierten alle Jubeljahre aber doch noch, zugeschickte originale Erzgebirgs-Engelkapelle, putzig grün und weiß lackiert, sowie eine ebenso sächsische Weihnachtspyramide aufgestellt. Lange Zeit thronte in der Mitte auch ein im Bastelkeller meines Vaters angefertigtes Windlicht, welches er fein mit Holzsäulen, Glasfenstern, einer zu verriegelnden Tür und einem gewölbtem Blechdach versehen hatte. Dessen Kerze brannte eigentlich nie.


Es sollte erklärt werden, dass unser bildungsbürgerliche Piano auch einen Überrest aus einer geheiligten, aber doch abgetanen Zeit in der Partnerschaft meiner Eltern festhielt. Nämlich den kulturellen Aufschwung ihrer späten Zwanziger, als sie sich kennen und lieben gelernt, irgendwann ein Kind gezeugt hatten, mich, schließlich geheiratet und eine eigene Wohnung gesucht hatten. Zuvor war das Klavier natürlich beim Vater meiner Mutter, dem Sohn des erwähnten Markgräfler Hoteliers gestanden.


In jenen Tagen, die eindeutig vor der Erinnerung ihrer späteren drei Kinder stattgefunden hatten, hatten mein Vater, der Büromensch aus der Güterabfertigung bei der Bundesbahn, und unsere Mutter, ein Einzelkind, von der Bürofrau war sie, allem späteren Augenschein nach, höchst bereitwillig zur Hausfrau mutiert, regelmäßig literarische Meisterwerke des Bertelsmann-Clubs bezogen. Der Kerzelmacher von Sankt Stephan, Heinrich Böll, Dostojewski. Sie gehörten zu den Leuten mit einem eigentlich fast groß zu nennenden Bücherregal, das ab irgendwann über Jahrzehnte mit dem Platz immer hinreicht, weil nichts mehr angeschafft wird. Auch viel von dem, was ordentlich aufgereiht dort drinnen stand, war wohl ungelesen. Kennen gelernt hatten sie sich im Umfeld des mütterlichen Elternhauses, doch zwischendurch, noch vor der Wohnung von der Baugesellschaft der Eisenbahn, waren sie eine Weile ins väterliche Elternhaus nach Freiburg umgezogen, hatten das Abonnement für die Opern des Freiburger Stadttheaters besessen, sodass zum soliden Dual-Plattenspieler auf ewige Jahre hinaus ein paar Gesamtaufnahmen von Fidelio und der Zauberflöte kamen, die ebenfalls keiner mehr hörte.


In jener ersten Zeit, sie waren allerdings spät dran, eher Anfang dreißig mittlerweile, hatten sie noch zusammen musiziert. Er hatte die Flöte gespielt, mehrere Exemplare und zahlreiche Noten konnten später vorgefunden werden. Sie hatte ihn mit dem Klavier unterstützt. Momentan kann ich mich nicht erinnern, diesem Musikantenpaar jemals selbst gelauscht zu haben. Es gab im Album Fotos davon. Unsere Mutter konnte wir in der Kinderzeit noch gelegentlich am Klavier erleben, insgesamt kaum öfter als zehn Mal. Damals fand ich, sie spielte sehr gut, was von ihr jedes Mal vehement bestritten wurde. Nein, sie stümpere, sie hätte es doch nie richtig gelernt. An manchen Weihnachtstagen spielte mein Vater, der es sonst nie mehr tat, alleine die Flöte, aber nur nachmittags. Im Umfeld der abendlichen Feierstunden wurden Platten mit Weihnachtsliedern aufgelegt und dann kam die festliche Musik aus dem Fernseher.


Es könnten Versuche, tote Traditionen wiederzubeleben, gewesen sein, oder solche, die Kinder dazu zu verdammen, zu erreichen, was man selbst nicht erreicht hat, die mit sich brachten, dass etwa zur Zeit der Grundschulklassen mein Bruder und ich nachdrücklicher mit Anregungen konfrontiert wurden, ein Musikinstrument zu lernen. Anfangs stellten wir uns taub, dann gaben wir nach, begeistert von dem Unterfangen war wir beide niemals. Aber nach einigen Jahren, eigentlich erst, als die Klavierunterricht- Jahre schon eine Weile vorüber waren, konnte geschehen, dass zu Heiligabend, nach der Bescherung und dem Essen, der Fernseher erst an-, dann wieder ausgemacht wurde, weil mein Bruder begonnen hatte, „Ma Baker“ und „The Night Chicago Died“ sehr laut und nicht wirklich korrekt ins nach wie vor jämmerliche Klavier zu hacken.


Im Gegensatz zu uns Knaben konnte sich die Schwester, welche allerdings einige Jahre jünger war, jetzt war das musikalische Scheitern der Kinder bereits klar zu Tage getreten, unwidersprochen in ihrem musikalischen Banausentum und Desinteresse einmauern. Geschlechtstypischen Träumen wie Ballett oder Pferden war sie auch nicht verfallen, somit blieb der Geldbeutel der Eltern geschont.


Allerdings ging bei uns Brüdern es mit den Klavierlehrern, von denen wir so drei bis vier abnützten, mehrere Jahre hindurch und kostete durchaus nicht wenig. Man, also wir Kinder waren es nicht, wollte die Flinte nicht zu früh ins Korn werfen. Anfangs ging es zu einem ordentlichen Musiklehrer, der nachmittags im Auftrag der Städtischen Musikschule im Keller der Realschule operierte, später gab es Privatstunden bei den Lehrern daheim, irgendwann sogar mit einem dritten, also fremden Kind dabei. Hänschen klein und den Flohwalzer spielten wir nie, aber bald irgendwelche Etüden und Mein Hut, der hat drei Ecken. Gegen Ende hin dann noch die Kinderszenen von Robert Schumann in fast unbearbeiteter Ausgabe.


Am längsten ertrug es eine seinerzeit noch junge, aber auffallend dicke, kraushaarige und alleinstehende Frau, die nach Jahren, als sie unserem Lebenskreis längst entschwunden war, dem Krebs viel zu früh zum Opfer fallen sollte. Mein Bruder spielte damals immer besser als ich und hatte seinen Funken Talent, aber gut war auch er nicht. Ich kam nie hinter das Mysterium, wie man via den schwarzen Punkten über den fünf Linien Töne hören sollte. Ich hörte kein einziges Mal etwas, wenn ich Noten las. Ich sah immer nur, wo sie auf der Tastatur lagen und wie lang man sie halten sollte. Wie es klingen würde, keine Ahnung! Eine Zumutung schien mir, wenn man mit der linken Hand, die ja niemals so gut konnte wie die rechte, nicht nur schlichte, sich wiederholende Reihen zu spielen hatte, vielmehr vierfingrige Akkordballungen generieren sollte, die melodiös oder harmonisch ganz anderes machten die rechte Hand. Von allem Anfang an und bis zum letzten Seufzer war es zu schwer, zu viel, vollkommen aussichtslos. Doch es brauchte Zeit und Durchhaltevermögen, bis die Eltern gelernt hatten, dass keines der Kinder mit dem urgroßväterlichen Instrument leben würde.


Die sich anschließenden Jahrzehnte stand das Klavier immer weiter herum. Besonders auffällig war es nicht, sehr hoch war es nicht, im toten Winkel gleich neben der Wohnzimmertür drückte es sich gegen die Wand und roch aus nächster Nähe ein wenig filzig. Klappte man die Tastenabdeckung auf, was jetzt nie mehr geschah, stand das Elfenbein- Imitat der Tastenfurniere vorne etwas über, beziehungsweise nicht mehr, weil es abgebrochen war. Die Oberseiten vieler Tasten waren vergilbt. Man konnte darauf hauen, das Klavier wurde sehr laut, wohl im ganzen Haus vernehmbar, und es wummerte wunderbar, wenn man aufs Pedal trat und nicht mehr wegging.


Zu verkaufen wäre dieses Klavier wohl kaum noch gewesen. Wir haben es jedenfalls nie versucht. Man hätte es schon 1980 abtransportieren und verschrotten können, doch niemand wagte das. In der Rückschau finde ich gut, dass er dort immer stand. Ich denke sonst nie mehr daran, aber wo ich jetzt daran denke, tut es ein bisschen weh zu wissen, dass ich dieses Klavier niemals wieder sehen werde.


 


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