Volker Walter Robert Buchloh

Das unbekannte Mädchen

Das unbekannte Mädchen

Rolf Hermann Buchloh (*1920*2001)

um 1948

 

 

Vor mir her geht ein Mädchen. Die roten Holzsandalen, die mich zuerst auf das bezaubernde Etwas aufmerksam machten, hämmern einen lustigen Takt auf die Steine des Bürgersteigs, im flotten Rhythmus der sportlich schnellen Schritte. Das melodische Geklapper muss ja in die Ohren eines Jeden dringen und die Augen auf die schlanken braunen Beine ziehen, die von den rehschmalen Fesseln allmählich verbreiternd, sanft geschwungen nach oben wachsen. Das niedliche Rund der Kniekehlen das den architektonischen Aufbau der bewundernswerten Säulen angenehm unterbricht, ist genau so nußbraun gefärbt, wie die andere Haut. Und weiter tasten sich die Augen, höher hinauf bis dorthin, wo sich die mit großem Geschick die selbstgezogene Strumpfnaht unter dem gewagt kurzen Sommerkleidchen verliert.

 

Es ist aufreizend reizend, dass dieses beschwingte Wesen in die dreiviertel Meter hauchdünnen Lavabel1 gehüllt ist, denn die farbenfrohe, eng anschmiegende Seide deutet dem Auge mehr an, als sie verbirgt. Oh, diese schmalen Hüften, eine Venus von Milo hatte keine vollkommeneren! Aus dem weichen Rund des Beckens schwingen sie sich sanft nach oben und wiegen sich im Maße der Schritte. Sie bilden den Übergang zu den kräftigen, doch nicht starken Brustkorb, über dessen rückwärtige Mittellinie sich ein tiefer, mit starken Stoffschnallen geraffter Ausschnitt weit hinunter zieht. Vorwitzig schimmert das gleiche, gesunde Braun hindurch, das auch die beschwingt pendelnden Arme ziert. Nur kaum kann man den Anblick der festen, langfingrigen Hand erhaschen. Wie die Beine, so sind auch die Arme aus dem gleichen Ebenholz tadellos geschnitzt und bieten sich dem Beschauer in unverhüllten Wuchs von kleinen Finger bis zur Achsel dar. Hier kuscheln sie sich wieder unter die bunte Seide. Die kräftigen, geraden Schultern werden von einer blonden Lockenfülle überwallt, die die hochgewachsene Gestalt krönt.

 

Ich höre Euch sagen: "Das Gesicht, wie sieht diese Zauberfee von vorn betrachtet aus? Das, lieber Leser, wirst du nicht erfahren, denn es blieb auch mir verborgen. Aber vielleicht findest du sie selbst einmal unter den Menschen auf der Straße. Dann versäume nicht wie ich sie anzusprechen. Hoffentlich bist du von der Vorderansicht nicht enttäuscht. Ich gebe mich mit der Illusion zufrieden, das vollendetste Weib – von hinten gesehen zu haben.

1Der Lavabel (auch Lavable oder Crêpe lavable, von frz. waschbar ist ein waschbares, weiches und feinfädiges Kreppgewebe in Taftbindung mit glatter Oberfläche aus Filamentgarnen. Das Kreppgarn wird in der Kette (je zweimal mit S- und Z-Drehung) geführt, während der Schussfaden ein nur leicht oder gar nicht gedreht ist. Lavabel ist mittelschwer, im Vergleich zu Crêpe de Chine ist es dichter und neigt mehr zum Knittern. Man verwendet es vor allem für Damenunterwäsche, schwereres Gewebe auch für Damenoberbekleidung.

Lavable aus Cupro wurde bei J. P. Bemberg erfunden und bis etwa in die 1950er-Jahre hergestellt, im Schuss wurden mattierte Cuprofäden verwendet. Lavable aus reiner Seide wird auch Crêpe oriental genannt. (Wikipedia)

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Volker Walter Robert Buchloh).
Der Beitrag wurde von Volker Walter Robert Buchloh auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.08.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Der Autor:

  • Autorensteckbrief
  • buchloh-volkergmx.de (Spam-Schutz - Bitte eMail-Adresse per Hand eintippen!)

  Volker Walter Robert Buchloh als Lieblingsautor markieren

Bücher unserer Autoren:

cover

Ein Bücherwurm bittet zu Tisch von Gerhild Decker



Erfolg beflügelt! Nach den beliebten Büchern "Sinnenflut" und "Streifzug durch den Lebensgarten" können sich die Leser auf Neues von Gerhild Decker freuen. Die Autorin zeigt sich als einfühlsame und aufmerksame Betrachterin der Natur, dem Lebensalltag und dem Tierreich. Bunt und vielseitig, nachdenklich aber auch erfrischend heiter ist die Sprache der Kurzgeschichten und Gedichte. Es ist ein Buch, das immer wieder zu einer Pause zwischendurch einlädt und Stress und Hektik vergessen lässt.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Alltag" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Volker Walter Robert Buchloh

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Einzug der Gäste in Kristiansund von Volker Walter Robert Buchloh (Krieg & Frieden)
So ändern sich die Zeiten von Norbert Wittke (Alltag)
Glück gehabt von Rainer Tiemann (Ernüchterung)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen