Klaus Mattes

Vor dem Fenster draußen ist die leere Luft

  1. Ein unsozialer Mensch war ich immer schon. Anhaltende Bemenschung wird mir jedes Mal unangenehm. Wiederholt gezeigtes Verlangen nach Nähe wird dann als Forderung verstanden: „Ich müsste dir inzwischen wesentlich wichtiger sein als viele andere und viel anderes. Kümmere dich nur einmal mehr um mich als um diesen Film oder die Dose Bier neben dir!“

  2. Mein ganzes Leben bin ich kontaktarm gewesen und habe mich still und leise vielem entzogen, bei dem ich hätte mitmachen können oder gar sollen, um nützliche Kontakte zu knüpfen, mein Netz zu spinnen. Nur selten liefen meine Distanzierungen über Streit und Krach. Meist versickerte ich ganz allmählich aus ihrem Umfeld, war in späterer Rückschau irgendwo zwischen den Gullystäben der Erinnerung abhanden gekommen.

  3. Aber sogar mir schien einleuchtend, nützlich und ratsam, Partner, Freunde, Kameraden zu haben, damit ich über Instanzen verfügte, die meine Ambitionen, Ansichten, Gefühle, Wünsche und Hoffnungen im Zuge ihrer Anteilnahme für existent, wesentlich, wichtig und wertvoll erklärten.

  4. So habe ich sehr oft gedacht, wenn ich wieder einmal, aber bloß für einen einzigen Tag, einen sehr sehenswerten, imponierenden oder beseligenden Punkt erreicht hatte, mittels einer Kombination aus langer Zugreise, Busfahrt und Wanderung, beispielsweise die Walhalla bei Regensburg oder die Weinberge am Genfer See: „Herrlich ist es hier, aber richtig, ganz und voll würde es nur zählen, wenn ich nicht allein wäre, sondern mit jemand zusammen und wir uns in Jahren daran erinnern könnten: Weißt du noch, damals in Straßburg, der Bäckeoffe und das Boot auf der Ill?“

  5. In dem Jason-Reitman-Film „Up in the Air“ hatten sie es clever eingefädelt, als George Clooney, ein Typ, der praktisch sein ganzes Leben in Flugzeugen, auf Geschäftsreisen, verbracht hatte, sich direkt an die Kinozuschauer wendet und fragt: „Wenn Sie sich an die besten Momente Ihres Lebens erinnern, bei wie vielen davon sind Sie alleine gewesen?“

  6. Äh ja, bei etlichen von ihnen, aber ich habe sie wahrscheinlich dann doch wieder vergessen, weil ich eben alleine dort war. Zum Glück fiel mir aber gleich ein, dass man die suggestive Frage umdrehen könnte, auch dann würde sie wirken. „Erinnern Sie sich bitte mal an die widerlichsten Augenblicke Ihres Lebens! Waren da eigentlich noch andere Leute dabei?“ Oh ja, andauernd! Nicht vieles außer Krankheiten, Bränden und Sintfluten kann einem das Dasein so vermiesen wie Menschen!

  7. Was ich sehr gerne und extrem ausgiebig tat, sodass es sich in jedem Fall totlief, waren die Briefwechsel, früher auf Papier, später per Mail, in denen man sich im Verlauf von Monaten so nahe kam, dass intimste Details ausgetauscht wurden, jedoch immer so sehr weit von einander entfernt wohnte, dass die Frage persönlicher Begegnungen fast nie gestellt wurde und wenn doch, von meiner Seite umgangen wurde. Vor Jahren korrespondierte ich mit einer Frau in Österreich, einer Witwe mit Kindern, die amourös sich gerade zwischen zwei Männern unterschiedlichen Temperaments aufhielt. Ihr Trost: „Sei froh, dass du alleine lebst!“ Oft schaffe ich es nicht, in mir aufsteigende defätistische Gedanken hinunterzuschlucken und wegzulächeln, doch das habe ich ihr nie geschrieben: Unbedingte Nestsuche-Sucht bis hinein in Beziehungen, die das eigene Wohlbefinden schädigen, ist für mich etwas typisch Weibliches. Aber von den Frauen kenne ich sie gar nicht so sehr, sondern von zahlreichen Schwulen, mit denen ich bis jetzt mehr zu tun hatte als mit Frauen.

  8. Auf keinen Fall alleine bleiben! Alleine ist der Tod. Äh, ja. Und zwar eigentlich so gut wie bei jedem, konnte ich erleben, auch bei jenen, die vorher niemals alleine waren.

  9. Als ich in Heidelberg auf der Station lag, wo es um die Frage ging, ob man sich auf die Suche nach einem Spenderherz für mich machen sollte, dachte ich: „I've been everywhere.“ Ein Lied von Tom Petty, das Johnny Cash mit seinen späten American Recordings aufnahm. In meinem Fall irgendwann praktisch in jedem Ort zwischen Würzburg, Aschaffenburg, Kaiserslautern, Karlsruhe und Stuttgart. Ich rief mir Ansichten und Blicke zurück. Das tröstete, dass ich wenigstens ein einziges Mal dort überall gewesen war, was immer nun bevorstand. Was ich in der Kardiologie überhaupt nicht rekapitulierte, waren die sexuellen Begegnungen, die mir zuteil geworden waren.

  10. Napoleon Seyfarth hat das in seinem heute vergessenen Buch „Schweine müssen nackt sein“ gemacht (aber erfrischend wäre es heute noch zu lesen, damals war Gendern noch nicht mit politisch korrekt verheiratet).Den und den und den sogar auch habe ich abgekriegt! Das und das haben wir getrieben, Schweine, die wir immer waren. So nun sterbe ich [er seinerzeit an Aids], doch das war's mir wert. Ich dagegen sprang, ans Bett gefesselt, von Ort zu Ort, Maintal, Rheintal, Kraichgau, Odenwald und Haradtgebirge. Überall war ich gewesen, immer nur ganz kurz. Immer war ich fremd gewesen und bin als Fremder auch wieder weggegangen. Aber ich hatte geschafft, da hinzukommen. Ohne Führerschein war mir gelungen, an die unzähligen Ortschaften zu gelangen, die nur ein einziger Autofahrer in den letzten 30 Jahren unmöglich ebenfalls gesehen haben kann.

  11. Natürlich waren diese Ort mehr oder weniger unbedeutend. Aber inwiefern ist denn irgendein Ort in unserem Leben bedeutender als die anderen, ein Tag bedeutender als der andere? Welch gewaltige Reihe unbedeutender Tage haben wir zugebracht, uns die Mittel zu verschaffen, um eines schönen Tages an den wirklich bedeutenden Orten bedeutende Stunden zu erleben? Meistens waren wir dann, im Gegensatz zu mir, nicht alleine. Dennoch haben wir die schönen Tage schon vergessen, als hätten sie uns nie viel bedeutet.

  12. Schon als ich es tat, über Jahre erstreckte sich diese Art Leben, hatte ich das Gefühl, dass solche, vorher genau durchgeplanten Tage, anders wären die teils beträchtlichen Entfernungen mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht zu meistern gewesen, ohne ein zu riesiges Geld für eine Hotelübernachtung dranhängen zu müssen, mich genauso nach X wie Y hätten führen dürfen. Meine Ziele schienen vorgeschoben, um noch einen Tag nicht zu Hause in der winzigen Wohnung und im eigenen Leben eingesperrt zu sein. Viele andere sind noch immer und waren damals schon allein. Gekettet an ärmliche Leben sahen sie täglich dieselben Leute, die ihnen nichts sagten, Fernsehsendungen, die alles im schönsten Licht vorführten, ihre fleckigen Tapeten und Bücher. Sie rührten sich immer wieder dieselben Mahlzeiten an, führten ihre Hunde um dieselben drei Ecken herum. Unterdessen sah ich jede Minute, wenn alles auch nur unbedeutend war, etwas, das ich noch nie erblickt hatte und von nun an niemals wieder sehen würde. I've been everywhere.

  13. Beim Schreiben solcher Texte stelle ich mir übrigens keine Leser vor und deren Antworten dazu. Zu den Texten benötige ich keine Antworten. Ich hätte aber diese viele Leser gerne, die schiere Anzahl, nicht ihre Liebe oder Achtung. Ihre Antworten könnten sie für sich behalten.

  14.  

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.08.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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