Petra Klinkenberg

Das Haar – Denken Sie bloss nicht, Sie werden uns los

Guten Tag, ich möchte mich kurz vorstellen:
Ich bin das Haar. Nicht ein Haar, sondern DAS Haar.
DAS Haar, von dem immer alle wünschen, es wäre voll, sitzt oder liegt. DAS Haar, von dem die Werbung behauptet «Haare gut, alles gut!»
Das allgegenwärtige Haar, welches Sie ihr ganzes Leben lang begleiten wird, ob Sie wollen, oder nicht.
Wenn der Mensch frisch geschlüpft ist, sind wir bereits am Start. Meist dunkel und zahlreich vertreten zieren wir das häufig etwas zerknitterte kleine Wesen.
Aber da dem jungen Menschen alsbald eine Mütze oder ähnliches übers kleine Haupt gestülpt wird, ist unsere Anwesenheit dort nicht zwingend notwendig. Die übereifrigen Junghaare haben ihr Pulver schnell verschossen. Denen fehlt noch Durchhaltevermögen. Was Sie da verschwinden sehen, sind eben nur die Vorboten.
Wenn Sie nun fälschlicherweise sagen «Glatt, wie ein Babypopo…» - Obacht!
Zücken Sie mal die Handarbeitslupe von der Omma. Ja, genau! Sie sehen Haare. Ganz feine und ganz zarte. Überall. Meistens üben wir uns in Beherrschung und leben unser evolutionär verankertes Potential an besonders sichtbaren Stellen nicht vollständig aus. Aber da wir in sozialen Verbänden leben und die Verbindung zwischen unseren Niederlassungen nicht abreissen lassen wollen, findet man uns eben auch auf den Armen und diversen anderen Körperregionen, die man meist nicht so hingebungsvoll betrachtet, wie zum Beispiel das Gesicht. Sie wissen schon – Popo und so.
Bald nach dem Verlust der Junghaare machen wir auf den Kinderhäuptern ernst. Es wuchert und spriesst, dass es eine Freude ist. Jugendlicher Überschwang auf dem Kopf.
Aber wir sind bezüglich unserer Destinationen ja nicht so einseitig festgelegt. Nach einigen Jahren erweitern wir unser optisch wahrnehmbares Einsatzgebiet gerne bis unter die Arme, die Schienbeine und Waden.
Bei unseren Wanderungen zieht es einige Unverdrossene auch in andere Regionen, wo sie dann als die berüchtigten Sackhaare ihr Dasein fristen. Manchmal – besonders bei Mädchen, die ja sacklos sind – nennt man sie auch Schamhaare. Wir sind noch nicht hinter den Sinn dieser Bezeichnung gekommen, denn niemand von uns hätte sich jemals geschämt. Aber das nur am Rande.
Zu guter Letzt etablieren wir uns auch ausgesprochen gerne in männlichen Gesichtern. Dies führt zunächst zu ein paar unerfreulichen Diskussionen mit der dort ansässigen Haut. Sie plustert sich auf und wehrt sich mittels Pickel und Mitessern, was das Zeug hält. Wir haben jedoch noch keine Haut gesehen, die sich angesichts unserer Übermacht nicht irgendwann gefügt hätte.

Wo der jugendliche Mensch zu Beginn noch vergleichsweise stolz auf unser Erscheinen reagiert, legt sich diese Begeisterung doch rasch wieder, wenn die Geschlechter und die Lifestyle- Gazetten aufeinanderprallen. Glatt ist Kult! Besonders an Stellen, wo man höchst vorsichtig mit Chemie oder scharfklingigem Werkzeug herumhantieren sollte. Aber es wird geschabt, weggeätzt und mit kaltem oder warmem Wachs an uns herumgezerrt.
Nun ja, ich verrate Ihnen kein Geheimnis, wenn ich sage: Das ist alles nur Makulatur! Wir kommen wieder! Bald!
Da der männliche Bart mittlerweile im Begriff ist, wieder mehr Respekt zu erfahren, sind wir durchaus geneigt, auf einer markanten Kinnpartie unser Bestes zu geben. Filigran zurechtgestutzt wie der Buchsbaum im Garten und trefflich geölt, tun wir nicht nur dem gepflegten Zeitgeschmack gänzlich Genüge, sondern verleihen auch dem dahinter verborgenen Mann ein würdiges Aussehen.
Ob er dann wirklich würdig ist, kann man natürlich von Fall zu Fall hinterfragen.
Natürlich gibt es auch noch jene Zeitgenossen, die unserer Anwesenheit absolut nichts Schmückendes abgewinnen können und die rücken uns täglich mit allerlei Gerätschaften zu Leibe.  Als krönenden Abschluss dieser Prozedur kippen sie sich dann hochprozentige Duftwässer ins Gesicht. Meist begleitet von einem schmerzerfüllten Aufschrei. Was soll das??? Was glauben Sie, damit erreichen zu können? Tun Sie das in der Hoffnung, uns so verschrecken zu können, dass wir uns am nächsten Tag nicht mehr hervorwagen? Sorry, aber diese Hoffnung ist eine trügerische.
Wenn Sie einen Rasen mähen, bleiben die Wurzeln schliesslich auch da und – oh Wunder – schon zwei Tage später spriesst er wieder wie eh und je.
Zu unserem allergrössten Entzücken gibt es auch noch jene Menschen, denen jegliche Manipulation am Barthaar fremd ist. Wer uns auf diese Weise die Hand reicht, den können wir einfach nicht enttäuschen. Der daraus resultierende fulminante Wuchsrausch begründete dereinst das wunderbare Wort Rauschebart.
Völlig überraschend altert der Mensch dann auch schon. Jetzt bricht für uns als Haar die Zeit der grossen Wanderungen an. Betrachten wir zunächst das männliche Haupt. Ausgesetzte Position, von Wind und Kälte gebeutelt, von Regen durchnässt und von Sonne gebleicht. Meist auch noch unzureichend gehegt und gepflegt. Manch einer Population wird dieses Treiben über kurz oder lang zu bunt. Man macht sich auf die Reise. Schwächliche Familienmitglieder bleiben dabei zurück. Ihre kläglichen Überreste finden Sie dann in Wannenabflüssen oder Waschbecken. Der Blick in den Spiegel zeigt ein trostloses Bild. Tja Mann, da wo kürzlich noch die Surfermatte oder die Latin-Lover- Locke wucherte, ist jetzt – ein Nichts. Obwohl das in den meisten Fällen nicht korrekt ist. Denn von den Schläfen ausgehend spriesst, den Kopf kreisrund umgebend und an der anderen Schläfe endend ein letztes Bollwerk. Eine Wagenburg aus Resthaar. Gezüchtet von manchem ihrer Träger bis zu der Länge, die es ermöglicht, das freie Feld auf dem Oberstübchen zwischen ihren Ohren damit abzudecken. Mal ganz ehrlich – und ich als Ihr Haar darf das sagen – das sieht nicht aus, wie eine Frisur, sondern wie in Leichentuch.
Also lassen Sie diesen Blödsinn. Gucken Sie lieber nach, wo das einstige Haupthaar abgeblieben ist.
Ihre Suche gestaltet sich wesentlich einfacher, wenn Sie sich dazu vor einen Spiegel stellen, der eine Betrachtung von hinten ermöglicht. Ist jetzt nur ein gutgemeinter Rat - oder aber ein gemeiner Seitenhieb. Das können Sie sehen, wie Sie wollen.
Wenn wir uns auf den Weg machen, werden einige Familienmitglieder schon nach kurzer Zeit eine neue Niederlassungsmöglichkeit finden. Die Augenbrauen. Wer hat nicht schon mal die buschigen Hecken über den Brillenrändern von Theo Waigel bewundert? 
Na gut, das sind Einzelfälle und die kleinen Clans, die sich dort bilden, sind nicht in jedem Gesicht so omnipräsent. Doch auch ein Blick in Ohren und Nasenlöcher lohnt mit zunehmendem Alter. Gut, Sie brauchen ja nicht gleich in Begeisterung ausbrechen – ein respektvolles «wtf…» würde schon reichen.
Nun allerdings kommt der Spiegel zum Einsatz. Ich bin untröstlich, aber ich als Ihr Haar kann mir ein Grinsen jetzt nicht verkneifen. Wie eingangs bereits erwähnt sind wir sozial und leben grösstenteils in vielzähligen Familienverbänden. Also seien Sie bitte so freundlich, Ihren Hemdkragen ein kleines bisschen zu lüften.
Überraschung!!! Dort wo dereinst vorwiegend glatte Halshaut schimmerte, können Sie bereits erste versprengte Schwestern und Brüder auf ihren neuen Weidegründen entdecken. Sie machen es nicht besser oder anders, wenn Sie sich jetzt entsetzt das Hemd gänzlich vom Leibe reissen. Also schälen sie sich mit Bedacht aus der Hülle und geniessen Sie den Anblick! Da sind wir wieder! Ist das nicht toll? Schön gleichmässig verteilt über Schultern und Rücken kringeln wir uns wohlig in unserem neuen Domizil. Und endlich gelingt es auch, die Verbindung zwischen den beiden Achselhaarfamilien wiederherzustellen. Was für eine Wiedersehensfreude!

Aber auch da war der Mensch doch recht erfinderisch und hat entzückende kleine Maschinchen ersonnen, um uns zu eliminieren.
Nicht böse sein - vergessen Sie endlich die sattsam bekannten Prozeduren aus Ihren verschiedenen Lebensabschnitten. Wir – das Haar – werden uns nicht vertreiben lassen. Weder von Wachs noch Klinge, Pinzette oder Laser und auch nicht vom Nasenhaarschneider. Es ist an den geschützten Stellen einfach viel zu gemütlich und kuschelig.

Fall Sie, liebe Damen nun glauben, ungeschoren (was für ein blödes Wort in diesem Zusammenhang) davonzukommen – Irrtum!
Auch auf Ihrem Haupt setzen Wanderungen ein. Allerdings meist nicht ganz so ausgeprägt. Aber dass Sie im Alter noch immer «Schönes Haar ist mir gegeben …» singend vor dem Spiegel stehen, passiert nur in den seltensten Fällen. Seien Sie doch mal ein bisschen selbstkritisch! Spätestens in der Protest- und «alles Scheisse» - Phase ihres jungen Lebens mutiert das einst süsse Mädchen zur kriegerischen Pubertier - Bestie. Viele von Ihnen haben zu der Zeit erstmalig einen Ausflug in die Welt der Haarfarben gemacht um ihren Eigensinn schreiend bunt zu unterstreichen. Oft nahm das dann ziemlich exzessive Züge an und ich hänge mich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich behaupte, dass manches weibliche Wesen eine solche Abhängigkeit davon entwickelt hat, als wäre es auf Drogen. Ein paar Mal lassen wir uns das relativ klaglos gefallen, aber dann – bei allem Verständnis – reagieren wir doch recht angefressen. Und ich meine das durchaus im wörtlichen Sinne. Gucken sie sich doch mal die durch viel zu aggressive Bleichmittel geschundenen Kollegen auf den Köpfen an. Ausgefranste, schlappe und gebrochenen Existenzen sind das. Kein Wunder, wenn die dann aufgeben und sich in den Tod – äh Abfluss – stürzen. Das Ergebnis ist freilich identisch. Es lichtet sich auf dem Schädel. Eine hingebungsvolle Pflege honorieren wir jedoch durch reduziertes Fluchtverhalten.
Ein paar von uns landen jedoch auch schon mal auf ihren Oberlippen, wo sie ausprobieren, wie das Leben als Barthaar wohl gewesen wäre. Auch das verstärkte Auftreten in zierlichen Frauennasen beruht auf unserer Testfreudigkeit. Uns mittels einer Pinzette von dort zu eliminieren – netter, aber überflüssiger und definitiv sinnfreier Versuch. Ähnlich verhält es sich im Übrigen mit den Augenbrauen. Der kritische Blick in den Vergrösserungsspiegel offenbart unsere Unverdrossenheit. Wir sind immer höchst amüsiert, wenn eine bebrillte Dame ob des Anblickes missbilligend die Nase rümpft. Denn dann wird sie unverzüglich eine Pinzette zum Einsatz bringen, die sie mit chirurgischer Präzision zwischen Brillenrand und Augapfel einfädelt, um unserem Wildwuchs zu Leibe zu rücken. Manchmal reicht die Kapazität des Spiegels eben nicht aus, weshalb die Sehhilfe während der Prozedur auf der Nase verweilen muss. Gelegentlich folgt darauf - je nach Geschicklichkeit - ein Besuch beim Optiker oder in ungünstigen Fällen auch beim Augenarzt.
Frauen sind bezüglich unseres Wuchses wirklich eine ganz eigene Spezies. Auf dem Kopf soll es spriessen, wenn nicht gar wuchern. In glänzender Hülle und üppiger Fülle erwartet man dort unsere Anwesenheit. Aber WEHE, wenn wir uns auch nur in anderen Regionen blicken lassen. Ja, ja Mädels – was ihr da an Brutalität an den Tag legt, um uns zu entfernen, spottet jeder Beschreibung. Ihr seid die wahren «Göttinnen des Gemetzels». Und dennoch – selbst, wenn ihr uns mit dem Laserschwert ausmerzen möchtet – ihr verliert diesen Kampf. Dieser Lichtimpuls, der in die Tiefen eurer Haut vordringt, er ist wie ein Warnsignal an unsere Verwandten alle Reserven zu mobilisieren. Und das machen sie auch. Also vergesst es!

Obwohl wir ja generell eher familiär aufgestellt sind, gibt es, wie in allen Familien, diese renitenten Typen. Diese Einzelkämpfer und Solotänzer, die immer was ganz Besonderes sein müssen.
Sie ahnen es? Genau – diese seltsamen Gewächse, die sich eine Warze, eine Hautfalte, oder eine Nasenspitze zum Habitat auserkoren haben. Wie eine Schweineborste spriessen sie aufrecht, nachtschwarz und quasi aus dem Nichts hervor. Der mühsam unterdrückte spitze Schrei einer Dame im Abendgewand könnte darauf hindeuten, dass sie soeben einen dieser Vertreter in ihrer Nasolabialfalte ertastet hat. Während sie in der Oper sitzt und der Königin der Nacht lauscht.
Nun fummelt sie mit spitzen Fingern in ihrem Gesicht herum, in dem Bemühen, die Borste zu entfernen. Ruiniert dabei das so sorgfältig aufgespachtelte Makeup und entfernt sich dabei sekündlich immer weiter von der Nachtkönigin, die sie heute ebenfalls sein wollte. Selbstverständlich bleiben ihre Entwurzelungsversuche erfolglos, aber das war ja zu erwarten.
Ganz egal also, was Sie gegen uns unternehmen – wir sind da!
Freunde fürs Leben – an welcher Stelle auch immer, ob sie wollen, oder nicht!
 

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