Brigitte Waldner

Wiener Attentat


In 1979 war ich 23 Jahre alt und arbeitete als Abteilungssekretärin schon das dritte Jahr in einem Wiener Büro einer Firma mit Sitz in Moskau. Den Job hatte ich vom Arbeitsamt vermittelt bekommen. Mein Abteilungschef war ein Österreicher, der mit einer Frau aus Moskau verheiratet war, die laut seinen Aussagen das beste Gulasch kochen konnte. Na, Gulasch kann ich auch. Mein damaliges Anfangsgehalt war brutto öS 4.444,--. Das sind umgerechnet € 322,96. Im dritten Jahr erhielt ich brutto öS 7.777,-- (€ 565,18). Man bot mir an, mich als Direktionssekretärin nach und nach einsetzen zu wollen, dass ich damit vertraut bin, bis die dortige Sekretärin in Pension geht und ich das dann übernehmen kann. Ich wurde auch schon öfters vertretungsweise in das Direktionsbüro gesetzt, wenn die dortige Sekretärin auf Urlaub oder überlastet war. Das hat mir sehr gut gefallen, dass ich extra dafür einen Russischkurs an der Volkshochschule abends besuchte. Ich sprach zunächst aber nicht darüber. Ich wollte alle damit eines Tages positiv überraschen.

Eines Tages, als ich einem der drei Moskauer Direktoren wieder begegnete, die in Wien permanent anwesend waren, habe ich ihn mit einem russischen Satz begrüßt. Das war das Ende meiner Karriere dort. Das war nicht erwünscht, habe ich dann festgestellt. Denen war es lieber, dass einer nichts verstand von dem, was die dort redeten, sagten sie. Von da an wurde ich von meinem Abteilungschef und anderen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen nicht mehr gut behandelt. Aber vorher wollte mich noch ein Mitarbeiter mit seinem Sohn verkuppeln. Das war dann auch nicht mehr erwünscht. Statt mir wurde dann eine andere Dame für das Direktionsbüro aufgebaut. Ab sofort durfte ich es nicht mehr betreten.

Ich hatte den Eindruck, dass sie mich als Mitarbeiterin nicht mehr haben wollten. Morgens fuhr ich immer mit der Straßenbahnlinie D zur Arbeit. Ich war eine ganze Stunde unterwegs. Abends nahm ich bevorzugt die Linie 18, weil ich noch in der Ballettschule war und drei Stunden trainierte.  Meine Haltestelle, wo ich abends aussteigen musste, war auf der Währinger Straße in der Nähe der Kreuzung mit der Canisiusgasse. Von dort musste ich dann nur noch eine kurze steile Straße hinuntergehen auf die Alserstraße, wo ich wohnte.

Eines Abends, als ich aus der Straßenbahn ausgestiegen und ein paar Schritte vorwärts gegangen war auf dem Gehsteig, fiel plötzlich ein Dachziegel aus einem mehrstöckigen Altbau-Wohnhaus unmittelbar vor mir auf den Gehweg. Im Schock blieb ich stehen und blickte nach oben. Ich sah, wie jemand die Flügel eines Fensters im vierten Stock über dem Eingang oder knapp rechts hastig schloss. Es dauerte nicht lange, kam unten bei dem Eingangstor ein Mann heraus und schaute mich kurz an. Dann ging er weiter in dieselbe Richtung wie ich hätte gehen sollen. Im selben Moment kommt ein Mann von der anderen Seite der Währinger Straße herübergelaufen zu mir, packt mich an einem Arm, schreit mich an: „Gehen Sie da weg, sonst fällt gleich noch einer herunter und auf Sie!“ und zerrt mich mit Gewalt über die Straße, wo ich gar nicht hinwollte.

Dort erklärte er mir: „Das war ein Attentat. Gehen Sie da nie wieder entlang. Sonst fällt da noch einmal ein Ziegel auf Sie. Wechseln Sie die Straßenseite.“ Ich bedankte mich bei ihm und ging dann zu meiner Wohnung, völlig naiv, na ja, erst 23 Jahre alt, ohne viel darüber nachzudenken, ob es ein Attentat oder ein Zufall war. Sturm war keiner, so viel stand fest. Mein Retter war ein beherzter Mann, der eingriff, vielleicht mein Schutzengel persönlich.

Am nächsten Tag fuhr ich wie immer in die Arbeit. Dort war man sehr erstaunt, dass ich komme und dass mir nichts fehlt, dass es mir gut geht. Ich hatte noch nicht erzählt, dass ein Dachziegel vor mir herunterfiel. Später habe ich es dann schon einer Kollegin anvertraut. Aber die hat es mir eh nicht geglaubt.
Ich wurde in der folgenden Zeit so gemobbt, mir wurde das Büro weggenommen und man hat mich Nichtraucherin zu einer Raucherin gesetzt und mit total viel Schreibarbeit so eingedeckt, dass es nicht mehr zu übersehen war, dass sie mich lossein wollten. Ich habe mich dann vom Arzt krankschreiben lassen, aus Angst, ich werde umgebracht, habe meinen Koffer gepackt und bin für ein paar Wochen zu meinen Großeltern heimgefahren. Die Kündigung wurde mir dann nachgeschickt.

Von dieser Firma war ich sehr enttäuscht, weil sie zuerst so nett waren und dann plötzlich, nur weil ich ein paar Sätze auf Russisch konnte, ließen sie mich fallen. Der Arzt war sehr nett. Er hat mir alles sofort geglaubt. Die Kündigungsfrist musste ich nicht mehr einhalten. Die Firma hat mich dann freigestellt. Und das alles, nur weil ich freiwillig Russisch lernte für die Firma von Moskau, was damals noch Sowjetunion war. Und ich hatte nicht gewusst, dass ich das nicht darf, dass das ein Kündigungsgrund ist.

© Brigitte Waldner

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