Klaus Mattes

Aus Forenschlamm wird Sandgestein

  1. Erstens halte ich es für denkbar, dass durch irgendwelche, uns vorerst noch nicht erahnbaren Ereignisse, vielleicht in fünf Jahren, ein wundervolles Textforum wie dein.blauer.Prolog von einem auf den anderen Tag aus dem weltweiten Internet restlos verschwindet, beziehungsweise getilgt wird wie von der chinesischen Trimm-Spirale: „Better yourself every day!“

  2. Wenn man alle paar Tage ins Internet geht und darin Texte schreibt, von denen man sich wünscht, dass 100 oder 1000 Menschen sie lesen, dann ist so ein Text eben das, was man mit seinem Leben anfängt. Wie dieser Text ist, ist dann das, wie ich entschieden habe, soll mein Leben sein, bzw. will ich als Person von meinem Publikum in Erinnerung behalten werden.

  3. Hier ein Rat: Man soll wahrhaftig leben. (Das war's dann auch schon.)

  4. Das ist nicht viel. Das kann jeder. Gewiss doch, die Welt ändert sich mehr oder weniger gar nicht, ob ich wahrhaftig lebe oder nicht. Ich kann an jedem einzelnen Tag sowieso auch andere Dinge treiben, als ins Internet meine Ansichten und Erkenntnisse zu injizieren.

  5. Wahrhaftig wäre dann zum Beispiel, nicht ins Forum zu schreiben, wie man als Hartz-IV-Empfänger in seinem löchrigen einzigen Paar Schuhe mit flatterndem Herzen zum Termin mit bei der Fallmanagerin schleicht, weil man andernfalls 30 Prozent unter das Existenzminimum gekürzt würde. Oder, wie man fröhlich johlend mit den drei Kumpels von der Parkbank mit der zehnten Dose Schloss winkt, die Selbstgedrehten aus der Goldfield-Dose paffend, jedem an dieser Parkbank vorbeikommenden weiblichen Wesen eine politisch unkorrekte, sexistische Bemerkung zurufend. Und doch ist man bis heute noch keinen einzigen Tag auf Hartz IV gewesen, weiß das alles trotzdem so genau, weil man es mehreren Meinungsforen und Fernsehanstalten entnommen hat.

  6. Wahrhaftig wäre, nicht noch einmal die Phrase von der gezielten Überrennung unserer abendländischen Kultur durch islamische Wirtschaftsflüchtlinge aufzupappen, wenn es in einem Gebirgstal oder auf einem Atoll den Amerikanern mit ihren versammelten Kräften nicht gelungen wäre, noch ein kleines Land von der Überlegenheit von Demokratie und Kapitalismus übers Mittelalter zu überzeugen, und die nächsten Flüchtlinge anrollen. Jetzt einmal „den Krieg“ nicht zu beschwören, der global zwischen Milliardären und Menschen, Entschuldigung, zwischen Moslems und Christen brennt, das wäre wahrhaftig. Denn man selbst hat seine Rentenpunkte aus den ersten 35 Jahren zusammen, das Haus ist so gut wie schuldenfrei, der neue süddeutsche Brummer hat einen Hybridantrieb und zum Skifahren geht es dieses Jahr ins Wallis, wo jedem Klimawandel spottend absolut schneesichere Ecken sind, außerdem ist es ordentlich und sicher. Dies alles zu haben und zu tun und dabei im Internet vom „Krieg der Kulturen“ zu schwallen, ist unredlich.

  7. Jede Geschichte, die erzählt wird, ist gefiltert, ist organisiert gemäß der ihr innewohnenden Ästhetik. Also ist jede Geschichte eben auch manipuliert. Es geht nicht anders. In jeder Geschichte steckt mindestens eine Ideologie, oft sogar mehrere, miteinander verquickt.

  8. Um ein Beispiel zu geben: die Liebe. Jeden Tag im Leben haben in diesem Land unzählige Menschen Sex mit anderen Menschen, ohne sie zu lieben. So ein Sex wird mit heftigem Begehr eingefädelt, obwohl mindestens einer, meist alle Beteiligten, keine Spur Liebe empfindet. Die Lieblosigkeit ist Alltag, sie findet statt, sie funktioniert, sie ich landläufig. Aber sobald die Literatur sich dieses Gegenstands annimmt, muss nahezu immer „die Liebe“ im versteckten Winkel doch noch entdeckt und erklärt werden. Dass wir uns dings-ten, es geschah doch aus Liebe!

  9. Jetzt merken wir, dass anfangs nur der Adel die Liebe hatte, dann auch alle anderen Heterosexuellen, die Homosexuellen aber nicht. Und kürzlich erst, noch zu unser aller Lebezeit, sind wir in eine bessere Welt eingetreten, in der auch alle Homosexuellen die Liebe immerdar schon haben, wenn sie etwas treiben. Es kann nicht mehr vom Sex zwischen Homosexuellen geschrieben werden, wenn ihr Sex nichts mit Liebe zu tun hat. Auch von Homosexuellen kann, obwohl es früher oft wurde, inzwischen so nicht mehr übers eigene Leben geschrieben werden. Sie müssen uns vielmehr mitteilen, dass sie sich „einfach lieben“ wollten, dass sie als Menschen ein Recht auf ihre Art der Liebe hätten. Hingegen ist es dabei verblieben, dass die Pädophilen keinerlei Recht auf Liebe haben. Dort geht es um Verbrechen und Unmenschlichkeit. Was Liebe sich nennt, zerstört Menschenleben (siehe auch: Kirche, katholische).

  10. Wahrhaftigkeit fürs Schreiben im Internet ist nicht einfach zu haben. Zu schreiben, wenn Geflohene aus Syrien ihre Frauen und Kinder nachholen, ist das Teil eines Kriegs gegen unsere Kultur, weil der Islam sowieso den Krieg gegen uns erklärt habe, ist nicht wahrhaftig. Zu schreiben, schwuler Sex mit mehreren Männern zugleich, welcher nicht den Anweisungen für Safer Sex folgt und auch sonst keinerlei Absichten hat, je noch mal Verantwortung für den anderen zu übernehmen, sei gegen das Prinzip Liebe, ist ebenfalls nicht wahrhaftig! Wahrhaftig ist vielmehr, dass Schwule Menschen wie alle sind, also stets die Liebe suchen und benötigen. Unsere platonische vom Internetschreibtisch herüber vor allem.

  11. Die Lesekompetenz der Schreibenden wird allerdings immer wieder überschätzt. Die sich selbst für Schriftsteller halten, lesen in aller Regel praktisch gar nichts mehr, weil sie alles früher schon einmal gelesen haben, also nicht mehr müssen, nur schreiben, schreiben müssen sie. (Früher oft Karin Kafka, Thomas Mann, Harry Potter, Douglas Adams, Djuna Barnes, Hemingway, Chandler, Gabaldon, Der Schwarm, Der Schatten des Windes, Die Geheimnisse von Pittsburgh, Isabel Allende, Elke Heidenreich, Martin Suter, Thomas Bernhard, Friedrich Nietzsche, Michel Houellebecq, Albert Camus, Max Frisch, Jakob Arjouni, Akif Pirinçci, Ulrich Wickert, Eva Herman, Roger Willemsen, William S. Burroughs, Hans-Werner Sinn.)

  12. Alle Jugendlichen (die noch immer schreiben) unter 43 (dem Alter, in dem John F. Kennedy Präsident wurde) träumen davon, eines Morgens als Stephen King oder Prof. John Ronald Reuel Tolkien aufzuwachen und zig Millionen Britcoins zu scheffeln mit unnötig dickleibigen Schwarten. Sie kopieren ihre Helden ohne Ende und Scham, aber immer viel schlechter selbstverständlich als diese Vorväter damals selbst schon waren.

  13. In einem namentlich nicht genannten, mir aber bekannten Internet-Schreiber-Forum werden die individuellen Auslassungen der Mitglieder über den Einstieg durch ein nach Textsorten gegliedertes Inhaltsverzeichnis angesteuert. Kurzprosa, Kurzgeschichte, Short Story, Novelle, Erzählung, Krimi, Science Fiction, Erotik. Ich klicke zuerst davon was an und sehe bei der Kategorie, die mich interessiert, die neuesten Beiträge zuoberst und daneben in Form winziger Symbole und Ziffern auch sofort, wie viele andere Menschen den Thread geöffnet haben und wie viele ihn kommentiert haben. Die letzten zwei Stunden stand meine letzte Geschichte ganz vorne bei der Kurzprosa, aber soeben ist sie abgerutscht, weil ein Kollege was gepostet hat. Hat man sich einige Monate im Forum bewegt, so hat man unvermeidlich ein Bild von den literarischen, intellektuellen und kritischen Fähigkeiten der Kollegen gewonnen, das von dem vieler anderer etwas abweichen kann. Allerdings, wenn an diesem Tag 144 Menschen den Text von einem mir völlig unbekannten Mitglied geklickt und 19 ihn extra noch kommentiert haben, sollte ich mal nachschauen, was sich dort tut.

  14. Unterschiedlich nach Textsorte sind manche der Inhaltsüberblicke auch schon 35 (oder mehr) Seiten lang. Vielleicht gibt es einen Link, über den man gleich zur letzten Seite springen kann, aber niemand wird glauben, dass irgendwer öfter als ein einziges Mal diese 35 Seiten Verzeichnis nach attraktiven Titeln und extrem hohen Klickzahlen durchsucht. Selbst die Besten und dereinst Wertgeschätztesten sinken mit der Zeit in die Beliebigkeit hinab, nämlich wenn sie aufhören, immer am Ball zu bleiben, indem sie ständig Novitäten abfeuern und mit ihren Kommentaren um sich ballern.

  15. Für jeden Thread ist erkennbar, wie oft er angeklickt worden ist. Da steht diese Zahl. Weniger werden können solche Zahlen nie, steigen müssen sie aber auch nicht weiter - nach einer Weile. Dem Autoren-Avatar Carol Fuld mag in den vergangenen sieben Jahren geglückt sein, einen besonders ominösen seiner 238 Threads 22.000 mal besucht zu bekommen. Dann ist das Jahr 2033 und wegen den enormen Energiekosten fürs Cloud-Computing und den Server werden pro Minute Internet zwei Chips vom elektronischen Verrechnungsguthaben abgezogen. Im Jahr 2033, wenn auch dann erst, nach mehr als 22.000 Klicks, liest faktisch kein einziger mehr, womit Carol Fuld damals so unglaublich Anstoß erregt hatte. Es sei denn, es wäre schon nach fünf Jahren gelöscht worden - mitsamt dem Forum, in dem es stand.

  16.  

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.08.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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