Hans K. Reiter

Rede eines Abtrünnigen

Veranstaltung des Landfrauenbundes, Sektion Oberbayern

Veranstaltungsort Dingharting,

Redner Prof. Dr. Martin Ainerlay, Wissenschaftlicher Berater Atlantik-Allianz (WiBAA)


 

Guten Abend Damen und Herren Anwesende,

 

heutzutage ist es nicht ganz einfach, mit der richtigen Anrede zu beginnen. Ich habe Anwesende gewählt, weil es nun mal eine Tatsache ist, dass Sie hier sind. Obwohl dieses unter Philosophen keineswegs als unumstritten gilt. Ja, sie erklären uns, dass wir nichts wissen, weil unsere Erkenntnis das Ding an sich nicht fassen kann. Unser Verstand zaubert quasi Hirngespinste, die entfernt der Realität liegen. Nun, frage ich mich, und andere tun es auch, ist das Ding an sich nicht auch ein dem Verstande entsprungenes Hirngespinst? Ich selbst folglich nur ein Hirngespinst?

Lassen wir das und wenden uns dem Thema des heutigen Abends zu, dem kognitivistischen Instinktivismus.

 

Sie mögen einwenden, dass die Grundlage des Instinktivismus, der instinctus naturae, sich der Erkenntnis auf der bewussten Ebene entzieht. Selbstverständlich spreche ich nicht ab, dass solche Rückschlüsse und Annahmen bereits im Begriff an sich angelegt sind, bitte jedoch zu bedenken, dass wir durch die dialektische Behandlung die Thematik in unser Bewusstsein emporheben. Allerdings betrachten wir dabei streng genommen nicht instinktives Verhalten per se, sondern versuchen lediglich Erklärungen für dessen Vorhandensein zu finden.

 

Das tägliche Leben, also die faktische Realität, überhäuft uns mit einer Fülle von Beispielen oder besser gesagt, Gegebenheiten, die berechtigte Zweifel an der kognitiven Fähigkeit des bewussten Erkennens zulassen. So wissen wir instinktiv, dass gleicher Lohn für gleiche Arbeit eine nicht zu bezweifelnde Berechtigung ist. Und wir wissen auch, dass Ausflüchte und Gegenreden etwa in der Diskussion um die Gleichbehandlung von Frauen zwar dem Denken, also dem Gehirn entspringen, jedoch nur mittels kognitiver Dissonanz zu erklären sind.

 

Diese Reihe könnte ich fortführen, denn sie begegnet uns, wohin wir blicken. Und sie macht nicht Halt bei den Frauen, sie setzt sich fort bei der Bewertung von Arbeit in West und Ost, der Ungleichbehandlung von Ausländern, und so fort. Wir finden sie wieder bei der Bemessung von Renten, der Ungleichheit von Beamten versus aller anderen in dieser Frage, der Geringschätzung sogenannter Hartz 4 – Bezieher, der Ungleichheit bei der Bildung von Kindern, deren Chancen wesentlich von der Herkunft der Eltern sowie deren Einkommen und Vermögen bestimmt sind.

 

Diese Beispiele spiegeln wider, wo es krankt und mangelt. Wir alle wissen es und doch wird mit Akribie dagegen argumentiert und alles andere als Abhilfe geschaffen. Jeder Mangel an dieser Stelle führt zwangsweise in die zuvor dargestellten Reihen hoffnungsloser Fälle von Ungleichheit.

 

Scheingefechte bieten vermeintliche Lösungen an, die keine sind. Die einen verkünden, Steuerhöhungen, andere versprechen die Einführung von Vermögenssteuern, wieder andere lehnen Steuerhöhungen ab und manche versprechen Steuersenkungen. Wir brauchen keine Steuern auf Vermögen, sondern Steuern auf Einkommen aus Vermögen, und diese gibt es ja bereits. Es fehlt der Wille, das fragliche Einkommen tatsächlich festzustellen, zu erfassen und den Regeln der Einkommensteuer zu unterwerfen. Ein EU-weiter automatischer Bankdatenaustausch könnte die notwendige Transparenz für die Finanzbehörden schaffen. Bis dahin ist der Weg noch weit, das Ziel vielleicht niemals erreichbar, geschweige denn auf dem ganzen Globus. Staatsegoismen pflastern diesen Weg! Steuern auf Vermögen führen gegebenenfalls zu einer Vermögenskappung Einzelner, wenn es nicht vorher in andere Regionen dieser Welt abwandert. Sie bescheren dem Staat Einnahmen, den Vermögenden jedoch deren Verfall, wenn sie Teile daraus der Steuerschulden wegen veräußern müssten. Erwerben werden das so frei gewordene Vermögen diejenigen, die bereits hinreichend Vermögen besitzen, was deshalb lediglich zu einer Verschiebung von Vermögenswerten unter den ohnehin schon Vermögenden führt und im weiteren Verlauf zu einer Zuspitzung der Vermögensungleichheit. Besitz von Vermögen ist nicht gleich dem Besitz liquider Mittel, die zur Entrichtung der Steuerschuld unumgänglich sind. Übrigens, Grundsteuern sind Vermögenssteuern, wie auch Erbschaftssteuern. Die Verkündung, es den Reichen bloß nehmen zu müssen, um es an die Armen zu verteilen, ist Verdummung der ohnehin schon Gebeutelten. Großvermögen bleibt unter sich und wird niemals heruntergebrochen auf die Mittellosen, denen es jeglicher Voraussetzung zum Erwerb mangelt.

 

Sie hören mir zu und ich bemerke, dass manche schon ganz unruhig auf ihren Sitzen hin und her rutschen. Machen Sie sich nichts daraus! Es ist wie im Leben. Da sagt einer etwas, da wird eine neue Verordnung in kraftgesetzt, das Fernsehen überschüttet uns mit Schwachsinn, mit Serien, deren dreitausende Folge so dümmlich ist wie es die erste war, mit Wiederholungen, und Sie können nichts dagegen tun. Ja, da verstehe ich sehr gut, dass manche unruhig werden. Warum soll es Ihnen also hier bei mir anders ergehen?

 

Sie möchten auf so manches erbost reagieren. Aber Sie können es nicht und das missfällt Ihnen. Machen sie es wie im Alltag, bewahren Sie Ruhe und bleiben Sie gelassen!

 

Gerne heize ich Ihr Gemüht weiter an. Werfen Sie einen Blick auf eine beliebige Dame hier im Saal. Ja, tun Sie es, nur für einen Moment! Wer ist diese Frau? Sitzt sie schon im Vorstand oder Aufsichtsrat? Hat sie es etwa nicht weiter geschafft, als nur Kinder zu erziehen oder gehört sie gar zu jenen, die niedrige Arbeiten im Supermarkt ausführen? Natürlich stellen Sie sich diese Fragen nicht. Instinktiv, so glauben Sie, würden Sie die richtige gesellschaftliche Zuordnung treffen. Ich muss Sie enttäuschen, Kleider machen Leute, wie Sie wissen!

 

Wir, d. h. Teile unserer politischen Vorbeter, haben die Quotenfrau erfunden und, elementar, auch durchgesetzt! Nicht die Qualifikation, sondern das Geschlecht entscheidet. Delegiertenlisten mancher Parteien machen es deutlich: Mann, Frau, Mann und so weiter oder umgekehrt, was im Ergebnis nahezu gleich ist. Es könnte sein, dass diese Vorgehensweise zwar nicht das Verhältnis der Mitglieder insgesamt repräsentiert, aber egal, im Vordergrund steht die Gleichheit. Fragt sich die missverstandene Kindererziehende und vielleicht sogar gerne und freiwillig einige Jahre auf die Karriere Verzichtende, wo sie wohl in diesem Ranking bliebe. Allerdings soll sie sich da keine Hoffnung machen, soweit soll und wird die Quote nicht gehen. Schon wegen des internen Wettkampfes nicht. Von der Frau im Supermarkt, ohne die unser aller Einkaufsalltag ziemlich trostlos aussehen würde, rede ich erst gar nicht. Wo auch sollte an dieser Stelle die Quote ansetzen? Das Denkmuster, wenn wir es oben richten, wird es auch unten passen, ist falsch. Umgekehrt würde (vielleicht) ein Schuh daraus werden.

Ja, so ist das mit den Quoten, ob es Ihnen gefällt oder nicht. Es geht nicht um gleiche Chancen für die Frauen per se, sondern um wenige Auserwählte, die es vielleicht auch ohne Quote dorthin geschafft hätten, wo sie nunmehr gelandet sind oder noch landen werden.

 

Glauben Sie mir, ich kenne alle Ihre Einwände, aber ich werde sie nicht aufgreifen, weil sie einem kollektivistischen Denken entspringen, dessen Ziele andere sind als die der tatsächlich Betroffenen, wie das Beispiel der kindererziehenden Frau zeigt.

 

In meiner Vortragszeit begrenzt kann ich nicht alles, was mir so im Kopf herumschwirrt, aufgreifen. Es sind nur Beispiele, deren Bogen zeigt, wie zahlreich Dinge unseres Lebens dem geneigten Menschen instinktiv einleuchten, während sich sein Gehirn gleichzeitig weigert, diese anzuerkennen und stattdessen Vorwände erfindet und schafft, warum gerade das als richtig Erkannte dringend falsch sein müsse.

 

So mag sich mancher schon die Frage gestellt haben, weshalb all jenes, was Spaß macht und Freude bereitet vom Ruch der Sünde überzogen ist. Und wenn er darüber sinniert, weiß er am Ende nicht, was Sünde überhaupt ist. Sollte er gedanklich etwa dorthin eingedrungen sein, wo aus tiefen finsteren und verderbten Gefilden die Sünde geboren und den Menschen übergestülpt wurde, dann mag ihm ein Licht der Erkenntnis aufgehen und er beginnt zu erahnen, auf welch brüchigem Sockel dies Gebilde aufgebaut ist. Und er versteht die Unrast jener Würdenträger, die merken, wie ihr Gebäude dabei ist einzustürzen. Ja, Freunde aller Religionen, Kirchen und sonstiger Institutionen, die vorgeben, stets nur das Wohl der Menschen im Blick zu haben, seid ihr nun bestürzt? Habt ihr den Widerspruch zwischen Predigt, Gebot und eigenem Handeln erkannt? Habt ihr verstanden, dass gerade die größten Sünder Wasser predigen und Wein trinken? Seht ihr, welche Macht sie besitzen und ausüben, wie sie aus der Sünde Kapital schlagen? Vielleicht ihr am Ende gar selbst?

 

Instinktiv mögen Sie meinen Gedanken folgen, tun Sie es auch mit ihrer Vernunft!

 

Der Kreis schließt sich. Seit jeher sind Frauen im klerikalen Gefüge alles andere als mit den Rechten ihrer männlichen Pendants ausgestattet. Bis heute hat sich daran nichts geändert. Frauen werden für das Sakrale nicht gebraucht, sie stören die Domäne der Männer, würden am Ende deren ausschweifenden Lastern ein Dorn sein. Jedwede anders lautende Beteuerung gibt falsches Zeugnis wieder, eine schwere Sünde, ihr honorig Auserwählten, nicht wahr? Tausendjährige Erziehung führt zur Quote. Schon deshalb kann sie nicht erreichen, was geboten ist. Die Quote entstammt dem Irrweg der Erziehung aus Machtanspruch, das mögen Sie, verehrte Anwesende, drehen und wenden, wie Sie wollen.

 

Ein Wort noch an die dem Kollektiv vorauseilenden Feministinnen: Die Quote ist eure Erfindung, worauf sie fußt, ist gesagt, was sie bewirkt, ist das Fundament eures Bestehens. Ohne Quote müsstet ihr um euer Dasein fürchten, denn, was ihr tatsächlich für die Mehrheit der Frauen bewegt, ist gering, zu wenig, um davon zu zehren, seht euch um!

 

Vieles ließe sich noch anfügen aus anderen Lebensbereichen, die uns wichtig scheinen, wie wiederkehrend betont wird, insbesondere vor Wahlen oder wie jüngst, nachdem das Virus die Welt herausgefordert hat: Ich spreche von der Bildung und Erziehung der Kinder, unserer politischen und gesellschaftlichen Elite von morgen. Entgegen aller Beteuerung geschieht nichts oder nur unzureichend wenig, um allerorts wenigstens die Voraussetzungen zu schaffen, damit Kinder und Jugendliche sich gerne und mit Frohsinn Tag für Tag auf den Weg machen. Es ist der jämmerliche Zustand mancher Örtlichkeit, die dieses nachdrücklich verhindern. Die Ausstattung solcher Einrichtungen ist deren Zustand angepasst. Wie soll Digitalisierung vermittelt werden, wenn die Gegebenheiten es vereiteln? Homeschooling, ein Schlagwort! Mit mangelhaften Netzen, ungenügender Software und vor allem unzureichender, unentgeltlicher Ausstattung aller Betroffener, funktioniert es eben nicht – von den häuslichen Verhältnissen ganz abgesehen.

 

Selbiges lässt sich ohne viel Fantasie auch auf das sogenannte Homeoffice übertragen.

Ja, so ist es eben. Instinktiv weiß jeder, welcher Unsinn dahergeredet wird und wie wenig sich die Wirklichkeit darin abbildet.


Bald fahren wir, dem Willen der Politik folgend, nur noch elektrisch. Alternative Energie soll den Treibstoff liefern, doch vernehme ich, dass jene, die die Wende fordern, an anderer Stelle gerade für das Gegenteil streiten und auf die Straße gehen. Denken Sie ruhig darüber nach, bevor Sie mich bald schon vom Podium zerren wollen. Windkraft soll Strom erzeugen, aber den Bau von Windrädern in der unmittelbaren Nachbarschaft, das wollen wir nicht, so wenig wie Solarparks und so wenig wie Stromtrassen. Wir wollen das eine, aber die Konsequenzen daraus nicht tragen. So ist es, wenn die Vernunft nicht mehr aufgeboten wird, um Dinge zu Ende zu denken.
 

Dabei will ich es belassen. Obwohl zahlreich vorhanden, sind weitere Beispiele nicht vonnöten. Ihr Verstand leidet bereits Qualen und ist gefordert. Begegnen Sie dem Gehörten mit Vernunft, das ist mein Anliegen.

 

Der Redner verlässt das Podium. Applaus hat er nicht erwartet, obgleich einige Hände zögerlichen Beifall bekunden.

Jemand sollte auf diese Rede erwidern, aber da ist niemand. Spontanität wäre verlangt, jedoch im Programm nicht vorgesehen. Sie schauen betreten oder übergehen die Situation.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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