Karl Wiener

Der Nikolaus und ein Sack voller Flöhe

     Mein ältester Sohn hatte vor nunmehr sechzig Jahren, im September 1961, Schuleinführung. Anfang November dann bat mich die Lehrerin, für die kleinen Schulanfänger den Nikolaus zu spielen. Ich sollte zum Ende des Unterrichts vernehmlich an die Tür klopfen, diese einen Spalt öffnen,  unter lauten Hehehe-Rufen einen Sack mit kleinen Leckereien in das Klassenzimmer werfen und  die Tür mit kräftigem Knall schließen. Die Lehrerin wollte den Kindern dann sagen, daß der Nikolaus in Eile sei, da er ja auch anderen Kindern Geschenke bringen müsse. Gesagt, getan. Da die Aktion nach der letzten Unterrichtsstunde stattfand, wartete ich vor der Schule, um gemeinsam mit meinem Sohn den Heimweg anzutreten. Der nahm jedoch von mir keinerlei Notiz, denn er mußte mit seinen neuen Freunden das aufregende Ereignis auswerten. Ich ging einige Schritte hinter den Kindern und hörte ihr Gespräch. Einer behauptete, es gäbe gar keinen Nikolaus. Doch mein Sohn führte den Gegenbeweis: „Was, es gibt keinen Nikolaus? Da gibt es wohl auch keinen Osterhasen? Ich habe schon einen Hasen gesehen“.

     Neulich besuchte mich ein befreundetes Ehepaar. Wir kamen ins Gespräch. Wie heute leider oft, konzentrierte sich dieses bald auf Covid19 und die damit verbundenen Einschränkungen des öffentlichen Lebens. Nach Erwähnung der üblichen Verdächtigen, wie beispielsweise Bill Gates und andere, wurde mir erklärt, daß Virologen und einschlägige Institutionen, wie das Robert-Koch-Institut oder die Charité, abhängige Einrichtungen und in ihren Aussagen nicht frei seien.  Mit der Impfung gegen den Coronavirus  würden politische Ziele verfolgt, die sich gegen die Freiheit der Menschen richten. Die Darlegungen  gipfelten  schließlich in der Behauptung, in einem konkret benannten Staat in einer bestimmten  Stadt gäbe es ein Laboratorium, in dem Insekten mit Viren infiziert würden, um die Menschheit zu vernichten. Um mich nicht der Verbreitung von Verschwörungstheorien schuldig zu machen, werde ich hier Staat und Stadt nicht nennen. Aber es handelte sich um einen in der Weltpolitik eher unbedeutenden Ort. Nun bin ich nicht so naiv, zu glauben, daß nach Giftgas und  Atombomben nicht auch biologische Waffen in machtpolitische Erwägungen einbezogen würden. Verblüffend aber war die zur Entkräftung meiner Zweifel vorgebrachte Beweisführung für den Wahrheitsgehalt dieser Behauptung: „Unsere Tochter hat letztes Jahr in jener Stadt ihren Urlaub verbracht und selbst vor dem Gebäude gestanden, in dem das betreffende Laboratorium arbeitet “.

     Die Art der Beweisführungen ähnelt sich in beiden Fällen wie ein Ei dem anderen, und doch besteht da ein großer Unterschied. Die Existenz des Nikolaus wurde von einem kleinen Jungen begründet, der seine Erfahrungen mit seinen Wunschvorstellungen in Einklang bringen wollte. Wenn ich ihm heute davon  erzähle, muß er selbst schmunzeln. Die Existenz des Laboratoriums, in dem Möglichkeiten zur Vernichtung der Menschheit vorbereitet würden, begründeten  lebenserfahrene Menschen damit, daß ihre Tochter irgendwo vor einem Gebäude gestanden habe, hinter dessen Mauern entsprechende Versuche durchgeführt würden. Es ist schwer, diesen Leuten nahezubringen, daß ihre Überzeugung nicht alternativlos ist.

 

 

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