Tina Kaiser

Erik - Ein Koch zum Verlieben

Jaqueline ist aufgeregt. Eilig nimmt sie ihre Tasche von der Kommode, holt noch einmal tief Luft und öffnet die Haustür um zu ihrem Praktikumsplatz zu gehen. Heute ist ihr erster Tag und sie möchte keinen schlechten Eindruck machen, indem sie zu spät erscheint… leider ist sie jetzt eine Stunde zu früh da. Um nicht blöd dar zu stehen, will sie vor der Eingangstür des Restaurants gerade wieder umdrehen, damit sie die Zeit irgendwo totschlagen kann, als jemand hinter sie tritt. Verdammt. Jetzt kann sie nicht mehr umdrehen.
„Entschuldigung, diese Tür lässt sich auch öffnen.“
Schon kommt der Arm des Fremden hinter ihr vor und greift an die Türklinke und mit einem Stoß ist die Tür offen.
„Verrückt, oder? Jetzt setzt man einen Fuß über die Schwelle und geht rein, jedenfalls machen das normale Leute so.“
Hallo, was denkt der sich eigentlich… dass sie blöd ist? Pf. Trotzig dreht sich Jaqueline zu dem Fremden um, sieht ihn schnippisch an und geht hinein. Sofort zieht der Fremde sie an ihrer Jacke zurück und an sich heran. Er ist warm und riecht gut. Jaqueline sieht ihn fragend an, doch er verweist nur mit einem Nicken in eine Richtung. Oh, da lief ein Kellner lang, mit dem Jaqueline, hätte der Fremde sie nicht an sich gezogen, zusammengestoßen wäre… wie peinlich.
Sie kann sich bei dem Fremden gar nicht bedanken, weil der sofort an ihr vorbei huscht und dann einfach verschwunden ist. Mh… er sah echt gut aus…
Naja, wie auch immer, sie ist schließlich hier zum Arbeiten und nich, um irgendwen gut zu finden. Also marschiert sie zur Anmeldung und stellt sich vor, dass sie heute hier ihr Praktikum beginnt und leider viel zu früh dran ist. Die Frau von der Anmeldung beruhigt sie und versichert ihr, dass das nicht schlimm ist und sowieso besser, als zu spät zu kommen. Sie begleitet Jaqueline in die Umkleide, erklärt ihr, wo der Weg zur Küche lang führt und weist sie daraufhin, dass es eine Gemeinschaftsumkleide ist, was sie jedoch nicht stört. Dann verschwindet sie wieder zur Anmeldung und lässt Jaqueline sich in Ruhe umziehen und sagte ihr, dass sie dann einfach in die Küche gehen soll und sich da nochmal als Praktikantin vorstellen soll, dann würde der Küchenchef Erik, sie schon an die Hand nehmen.
Jaqueline sucht sich einen Spinnt, biegt in den nächsten Gang ab, schaut schnell noch auf ihr Uhr, wieviel Zeit sie noch hat und ZACK… Sie ist mit jemanden zusammengestoßen.. jetzt klebt sie an einem halb nackten Männerkörper und erkennt den Geruch wieder. Der Fremde von vorhin. Sie sieht hoch und er grinst sie an.
„Normale Leute gucken übrigens auch nach vorn, wenn sie laufen.“
Mh toll.
„Ja, NORMALE Leute.“
Dem hat sie es gegeben. Schnell geht sie einen Gang weiter, um sich umzuziehen. Obwohl…
Nein, das muss sie nicht. Sie bleibt abrupt vor dem letzten Spinnt in der Reihe stehen. Den nimmt sie, soll er doch weggehen, wenn es ihm nich passt, dass sie sich hier umzieht. Sie muss nicht extra irgendwo anders hingehen, nur, weil er sich hier umzieht. Immerhin ist er nur ca. 10 Jahre älter als sie, mit seinen dunklen Haaren und seinem 7-Tage-Bart… und den schönen Schultern… und dem tollen Körper…ja, egal. Älter, mehr nich, nur älter.
Ausgerechnet heute hat sie irgendwelche Lumpen als Unterwäsche an, was ja aber auch egal ist, weil sie hier zum Arbeiten ist und nicht, um gut auszusehen. Der Fremde geht jetzt zum Glück auch, besser so. Er geht an ihr vorbei und sieht sie nicht an, als stünde sie dort gar nicht. Ist auch besser so.
So, jetzt links und dann durch die erste rechts, hatte die Frau von der Anmeldung gesagt. Erste Tür rechts. Jetzt muss ich nur noch Erik suchen…
„Hi, kannst du mir vielleicht sagen, wer hier Erik ist, ich bin nämlich die Praktikantin ab heute und…“
Verdammt, das ist der Fremde, von hinten habe ich ihn in der Arbeitskleidung gar nicht erkannt.
„Ich bin Erik.“
Mh, toll.
„Du sollst mich nehmen, hab ich gehört? Also an die Hand nehmen, wegen Praktikantin und so..“
Er grinst. Mh, toll. Ich Idiot, das hätt ich auch anders sagen können.
„Na dann komm mal mit.“
Er geht vor und ich kann nicht anders, ich muss ihn genau begutachten. Für sehr gut befunden. Stift und Warentest Koch-mich-heiß für sehr gut befunden. Automatisch stelle ich mir vor, wie er mit weniger Klamotten an vor mir läuft. Oder mit einem Anzug und ich in einem Hochzeitskleid. Der könnte mich bestimmt sehr gut über die Schwelle tragen… Oh man, wir Frauen kommen schon manchmal auf die seltsamsten Gedanken. Aber dieser schöne..
„Wie heißt du eigentlich?“
Oh Gott, aus den Gedanken gerissen!
„Jaqueline.“
Wow, ein vollständiger Satz hätte es auch getan, jetzt denkt er bestimmt, dass ich blöd bin, kann nichteinmal in einem ganzen Satz antworten.
„So, am besten schneidest du erstmal das Gemüse hier, die Karotten in ganz feine Scheiben und die Zwiebeln bitte in kleine Würfel, ok? Wenn du was brauchst, ich bin gleich hier und brate das Fleisch.“
Ok, das bekomme ich hin. Solange ich mir nicht in den Finger schneide, weil ich ihn aus dem Augenwinkel beobachte…wie er sich seinen Arbeitsplatz jetzt herrichtet, mit seinen schönen Händen, die mich vorhin noch an ihn gezogen haben. Zuhause koche ich auch immer gern frisch. So richtig frisch. Richtig Frisches, saftiges Fleisch…nein, nicht zu ihm gucken. Verdammt, ich muss mich aufs Gemüse-Schneiden konzentrieren.
Ok, die Möhren habe ich fertig, jetzt kommen die Zwiebeln. Ich hasse es, Zwiebeln zu schneiden, mir tränen dann immer so sehr die Augen, dass ich sie nicht mehr öffnen kann. Aber egal, Arbeit ist eben Arbeit.
Oh Gott, mir fangen die Augen an zu tränen. Wegblinzeln, einfach schnell wegblinzeln und zusammenreißen…
„Oh Gott, verdammt, ich kann gar nich mehr gucken! Ich hasse Zwiebeln!“
Blind und blöd tappse ich durch die Küche, auf der Suche nach keine Ahnung was, das Licht am Ende des Scham-Tunnels. So sinnesberaubt höre ich, dass die ganze Zeit Musik läuft, das fiel mir vorher gar nicht auf.
„Warte. Hier.“
Oh, er steht vor mir, ganz nah, Körper an Körper und hält mich fest. Ich muss gerade vollkommen bescheuert aussehen, mit zugekniffenen Augen, verheultem Gesicht und komplett unbeholfen.
„Nicht bewegen und nicht erschrecken, Handtuch.“
Ah, sehr gut, kurze knappe Sätze, damit die temporär erblindete Praktikantin in ihrer Panik und Hilflosigkeit auch alles schnell versteht. Er wischt mir mit dem Handtuch über die Augen, damit die Heulerei aufhört und ich halte mich währenddessen an seinen Hüften fest. Mh, er fühlt sich so gut an. Jetzt kann ich auch endlich wieder die Augen öffnen und etwas sehen. Wie so ein Maulwurf, der ans Tageslicht krabbelt, blinzle ich und seh ihm direkt in sein Gesicht. Er grinst dieses Mal nicht, sondern sieht mich besorgt an. So fürsorglich… Die eine Hand hat er mit dem Handtuch immer noch an meinem Gesicht. Mh… ich finde ihn so toll.
„Geht es wieder kleiner Waschbär?“
Waschbär… er nennt mich Waschbär. Waschbär! Oh mein Gott! Meine Wimperntusche! Verdammt, ich muss total bescheuert aussehen und ich steh hier auch noch und himmle ihn an! Ich löse mich also von seinem wunderschönen Körper los und gehe mich erstmal waschen. Wieder ein Mal peinlich. Naja, dann ist das halt so, ich bin ja auch hier zum Arbeiten.
Als ich aus dem Badezimmer wiederkomme, traue ich meinen Augen kaum. Er steht mit dem Rücken zu mir und tanzt. Es sieht aus wie Kizomba oder irgendetwas lateinamerikanisches. Mit viel Hüftbewegung.. Mh, sieht das gut aus, ich hätte nich gedacht, dass er seine Hüften so sexy bewegen kann. Ich könnte ihm den ganzen Tag dabei zu sehen und ihm dann die ganze Nacht zeigen, wie sexy ich das und ihn finde. Ich gehe näher ran, eigentlich will ich ihn anfassen, kann mich aber disziplinieren, immerhin bin ich hier für mein Praktikum und nich, um irgendwelche Leute beim Tanzen zu beobachten. Also stelle ich mich wieder an meinen Arbeitsplatz und warte auf neue Anweisungen. Ich seh ihm weiter zu und er scheint es zu bemerken, weil er jetzt zwar nich zu mir schaut, aber grinst. Mh, so so sexy. Er macht tanzend die Ofenklappe aufstellt irgendetwas hinein, geht dabei in die Knie und kommt wieder hoch. Die Ofentür ist nicht richtig zugegangen und steht noch ca 45° offen.
!!!!!! WAS! Oh mein Gott!
Er hat sie gerade mit den Hüften zugestoßen und zwar nicht seitlich mit den Hüften, sondern so richtig zugestoßen!!! Ich sterbe. Ich kann mir nur noch alles andere hier vorstellen, aber die Realität ist unendlich weit weg. Er sieht zu mir rüber. Und grinst. Dann kommt er tanzend zu mir.
„Kannst du tanzen?“
Oh Gott! Ich hatte zwar in der Schule Tanzunterricht, aber das ist Jahre her. Und ich bezweifle, dass ich mit ihm mithalten kann. Ich würde mich nur zum Klops machen.
„Ne, ich bin ein Klops.“
Super. Toll. Ganz große Klasse, Jaqueline.
Er tanzt an mir vorbei und bedeutet mir, mit einem Nicken, dass ich mitkommen soll.
Oh Gott!! Jetzt gehen wir in die Besenkammer und er zeigt mir, wie gut er tanzen kann!!
Nein, wir gehen in den Abwaschraum, ernüchternd.
„Ich muss nur kurz noch den Schalter für die Elektronik anmachen, der ist neben dem Lichtschalter.“
Ok. Er kommt näher. Jetzt. Jetzt kommt er direkt zu mir und sieht mich an. Er kommt immer näher und jetzt steht er wieder so dicht an mir, wie vorhin, als ich ein Waschbär war. Ich weiß gar nicht, was ich machen soll. Soll ich weggehen, soll ich auf ihn zu gehen oder soll ich einfach weiter wie angewachsen hier stehen? Er streckt die Hand aus und stützt sich hinter mich an der Wand ab, die andere Hand hat er lässig in seine Hosentasche gesteckt. Er sieht aus, wie ein Matrose, in dieser weißen Hose und das steht ihm so gut.
Er 
sieht mir verführerisch in die Augen und bin komplett überfordert.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.09.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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