Doris Fischer

Erinnerung an einen besonderen Tag

An meinen ersten Schultag , der viele Jahrzehnte zurückliegt, habe ich unterschiedliche Erinnerungen. Ich wurde Anfang der 60er Jahre, nach den Osterferien eingeschult. Die Grundschule befand sich nur ein paar Schritte von meinem Elternhaus entfernt. Von unserem Wohnzimmer aus konnte ich damals die Schüler und Schülerinnen beobachten, wenn sie zum Unterricht durch die große, gläserne Eingangstür marschierten. Dass mein erster Schultag ein besonders schöner Tag für mich werden sollte, konnte ich zunächst nicht ahnen. Der Tag begann nämlich wie jeder andere auch. Ebenso die Kleider, die ich an diesem Tag trug, waren nur alltäglich und ganz und gar nicht dem Anlass entsprechend: graue Wollstrumpfhosen, karierter Faltenrock , giftgrüner Rollkragenpullover, nicht zu vergessen, braune, ausgetretene Schnürschuhe, von denen seltsame Gerüche ausgingen. Trotz einer inneren Abneigung gegen diese abgetragenen Schuhe musste ich sie auf Drängen meiner Mutter anziehen. Mein Outfit wirkte sehr bieder, beinahe ein wenig altmodisch - und meine Frisur war auch nicht gerade das, was ich mir erträumte - halblange Haare mit Seitenscheitel. Das einzige „moderne“ Teil, das ich besaß, war mein Schulranzen – ein Traum aus braunem Leder – an dem seitlich ein viereckiger, braungelber Schwamm an einer Schnur herunter baumelte. Mit solch einem Schwamm wurden damals die schwarzen, kleinen Schiefertafeln, die jedes Kind besaß, sauber gewischt. Die Schulanfänger lernten zunächst mit einem Griffel auf kleinenTafeln zu schreiben. Schulhefte und Bleistifte gab es erst in der zweiten Klasse. Bis heute habe ich noch den Geruch von Kreide und feuchten Schulschwämmen in der Nase. Um die Schwämme zu trocknen, wurden sie, an einer Schnur befestigt, außen an den Schulranzen gehängt.

Am ersten Schultag marschierte ich also mit jenem braunen Lederschulranzen auf dem Rücken, dem baumelnden Schwamm an der Seite und die übergroße Schultüte im Arm zusammen mit meinen Eltern in Richtung Schule. Innere Anspannung und eine Portion Nervosität verursachten ein unangenehmes Grummeln in meiner Magengrube. Schon von Weitem hörte ich fröhliches Lachen und sah viele hübsch gekleidete Jungen und Mädchen mit ihren Eltern auf dem Schulhof stehen. Da schämte ich mich beinahe, dass ich nicht so hübsch und adrett gekleidet war wie die anderen Kinder. Ich sah eher wie eine graue Maus aus, die von niemandem beachtet wurde. Nicht einmal mein lederner Schulranzen wurde zum Hingucker. Ich wirkte bedrückt und meine Augen füllten sich mit Tränen.

Plötzlich stand meine neue Lehrerin vor mir und schien sehr besorgt um mich zu sein. ‚Ob es mir denn nicht gut gehe, hörte ich sie fragen. Ich nickte eifrig mit dem Kopf und zwang mir ein kurzes Lächeln ab. Die Lehrerin erhob kurz darauf ihre Stimme und klatschte laut in die Hände. Alle Kinder sollten sich nun in Zweierreihen auf dem Schulhof aufstellen. Laut lärmend rannten sie durcheinander, bis jeder einen Partner oder eine Partnerin gefunden hatte. Nur ich blieb allein am Ende der Schlange stehen und kein Kind war mehr übrig, um sich mit mir aufzustellen. Die Enttäuschung darüber stand mir ins Gesicht geschrieben. Und wieder hatte ich das Gefühl, eine graue Maus zu sein, für die sich niemand interessierte. Meine Mutter versuchte mich zu trösten, aber auch das half mir nicht. Mein Vater stand abseits und sah dem ganzen Treiben irritiert zu. Kurz bevor sich die Schülerpaare in Bewegung setzten, ging die große Eingangstür auf und ein kleines, blasses Mädchen mit einem langen Pferdeschwanz und einer auffallend bunten Schultüte trat auf den Schulhof und sah sich schüchtern um. Ich drehte mich um – da sah ich sie und sie sah mich – und Sekunden später stand sie neben mir und lachte mich freundlich an. Ich lachte zurück und meine Gesichtszüge entspannten sich und das Gefühl der „grauen Maus“ war wie weggeblasen. Von diesem Augenblick an wurden das Mädchen mit dem Pferdeschwanz und ich unzertrennliche Freundinnen. So wurde mein erster Schultag doch noch ein ganz besonderer Tag, an den ich mich gerne erinnere.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.09.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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