Ralph Bruse

Bis zur Dämmerung (Teamwork)

Bis zur Dämmerung
(Eine Teamwork-Kurzerzählung)



Heute fühlt sich der Tag so leicht an, dass man ihn am liebsten ein-
fangen möchte mit all seiner Helle, seinem Duft und den warmen 
Farben des Spätsommers.
Mona zieht mit all ihren Erinnerungen durch die Gassen der Stadt, 
in der sie fünfzig Jahre zuhause war.
Das kleine Cafe´an der Ecke zum Stadtpark gibt es immer noch. 
So manches Mal saß sie da mit klopfendem Herzen; verliebt in wen? 
In einen Mann – in die Jugend – ins Leben?
Sie betritt das Lokal und nimmt hinten an dem Tisch Platz, an dem 
sie so gern gesessen hat und von dem aus man alles überblicken kann. 
Die Menschen hier, das Treiben an der Theke und die Leute, die vorü-
bergehen.
Der Kellner bringt den heißen Cappuccino mit einem Herzchen aus 
Milchschaum obendrauf und daneben in einem kleinen Glas eine Ku-
gel Karamelleis. Prämiert!, betont er freudig.
Unwillkürlich denkt sie an Jens, den Sohn eines befreundeten Ehe-
paares, der sie hierher zum Eis einlud, als er seinen Führerschein be-
standen hatte. Das war ein Geheimnis zwischen ihnen, weil seine Mut-
ter immer ein bisschen eifersüchtig auf die Freundin war. 
Jens ging mit seinen Sorgen oder wenn er Rat wollte, immer zu Mona 
und ihrem damaligen Mann; dort fühlte er sich verstanden. Auch sei-
ne erste Freundin stellte er ihnen vor, bevor seine Eltern sie kennen-
lernten. Einmal rief er Mona an und bat sie um Hilfe, weil die U-Bahn 
einen Gleisunfall hatte und nicht weiterfuhr. Sie holte ihn ab und über-
ließ ihm das Steuer ihres kleinen Flitzers. Glücklich über diese unerwar-
tete Spritztour gestand er ihr seine Gefühle. Er war 19 und sie 33…
…. behutsam und ein wenig geschmeichelt lächelte sie ihn an und er-
zählte ihm von den vielen jungen Mädchen, die nur darauf warteten, 
solch einen gutaussehenden und netten jungen Mann kennenzulernen. 
In der darauf folgenden Zeit zog sie sich immer öfter zurück, um seine 
Gefühle nicht noch zu verstärken. Sie fühlte sich in dieser Zeit be-
schwingt und ihr Umfeld profitierte von dieser Fröhlichkeit.

Was wohl aus Jens geworden ist? Durch ihren Umzug in eine andere 
Stadt und durch ein erfülltes und turbulentes Leben hat sie den Kontakt 
zu ihm verloren.
Am Tisch nebenan entwickelt sich eine lautstarke Diskussion um die be-
vorstehenden Wahlen. Sie blättert in der kleinen Speisekarte, als ihr Han-
dy klingelt. Sie stellt es ab, weil es ihr unangenehm ist, im Lokal zu telefo-
nieren. Sie hasst es auch, anderen ungewollt zuhören zu müssen.
„ Ist der Platz bei Ihnen noch frei?“ Ein Mann um die Fünfzig oder Sech-
zig steht vor ihr und lächelt sie freundlich an. Silberfäden ziehen sich 
durch sein dunkles Haar und sie erspürt seine Aura. Irgendwie hat sie das 
Gefühl, ihm schon mal begegnet zu sein...Hier?
Sie überlegt.
Er setzt sich, bestellt Kaffee schwarz. Schaut sie an, immer noch freund-
lich lächelnd. 
Dann fällt bei ihr der Groschen...Der freundliche Mann, ihr gegenüber, 
lief ihr heute schon mal über den Weg. Vor einer Stunde, etwa, als sie 
durch die Ortsgassen schlenderte, in Gedanken versunken, rempelte er
sie versehentlich leicht an, weil er offenbar auch Erinnerungen mit die-
sem Ort verband und darin zu sehr versunken war.
Er bat knapp um Verzeihung und lief dann auch schon weiter. Nur kurz
haben sie eindringlichere Blicke wechseln können.
Und nun saß er hier – sie beide – tranken Kaffee und Cappuccino. Spra-
chen kaum, sahen sich an. Lächelten sich zu. Er beugte sich etwas vor,
wollte ihre Hand ergreifen. Sie erschrak etwas, zog die Hand zurück. 
Eher unabsichtlich, wie sie sich selbst im Innersten eingestehen mußte.
> Würden Sie mich nachher noch ein Stück des Weges begleiten?, <
entfuhr es ihr. Sie hätte sich ohrfeigen können...! Was war nur mit ihr,
daß sie sich einem Wildfremden so bedingungslos anvertraute?
> Gern, < antwortete er. > Wenn Sie dem Fremden Ihr Vertrauen schen-
ken möchten...<
Sollte er etwa auch ihre Gedanken lesen können?
Sie vertraut ihm – das wusste sie von dem Augenblick an, als er hier
herein kam.

Sie tranken aus, bezahlten und sie hakte sich bei ihm ein. Wieder
schossen ihr Worte, wie: Warum, Weshalb...Verrückt, Fremder, Seelen-
verwandter...hinter der Stirn umher. Dennoch gingen sie nun nebenein-
ander, als sei es das Normalste der Welt, den Fremden als Freund zu se-
hen – wie einen Freund, bei dem der Blitz einschlug – bei ihm und bei
ihr.
Noch immer sprachen sie nicht viel. Spazierten seelenruhig durch schma-
le, schön wieder hergerichtete Gassen mit alten, geduckt aussehenden
Fachwerkhäusern. 

Es dunkelte allmählich und die Straßenlampen warfen gelbliche
Lichtkegel auf glitzernde Kopfsteine unter ihren Füßen. Da, wo die Lich-
ter nicht hinreichten - an einem sanft gurgelnden Brunnen in Marktnähe –
dort zog es sie zueinander hin. Sie küssten sich – nicht mal ihre Namen
wissend. Sie spürten sich, umschlangen einander fester, strichen sich alle
Zweifel und ein einige Haarsträhnen aus Stirn und von den Mündern.

Im Park kappten die Vögel leise ihre Schnäbel, und schwiegen dann.
Die Bank, auf die sie sich niederließen, knarrte bedrohlich. Sie lachten
und die anfängliche Scheu streichelten sie sich weg; streiften nach und 
nach ihre Kleider ab, küssten sich abermals. Finger und Hände strichen
unendlich geduldig auf und nieder, bis es ganz dunkelte und sie dem Be-
gehren nachgaben - unten, auf dem noch warmen Wiesenboden, neben
der schiefen Bank.

Als der Halbmond in kühler Frühe verblasste und die Glocken des Kirch-
turms anschlugen, kleideten sie sich an und gingen dahin zurück, wo all
das Früher nicht mehr von sehr großer Bedeutung war.

Später, im Cafe´, am Stadtpark tranken sie Kaffee schwarz und Cappuc-
cino. Sie spürten das Leben und den herrlich warmen Spätsommertag.
Ein über lange Zeit schlummerndes Sehnen hatte sich erfüllt. Ohne lei-
sestes Missverstehen und mit befreiendem Lächeln trennten sich ihre
Wege.

Vielleicht bis zum Morgen des anderen Tages, an einem anderen Ort....
Irgendwo.


(c) Ingrid Bezold & Ralph Bruse

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.09.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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