Hartmut Wagner

Ein sehr verspäteter Brief an eine Kunstliebhaberin

Liebe Elisabeth,
erst jetzt, nach vielen Jahren, genau vier, schreibe ich Dir, weil ich Deinen sehr differenzierten Kommentar zur Herrn Urbans Skulptur "Stapelware" in meinen etwas durcheinanderen Unterlagen erst heute entdeckt habe. Ich entschuldige mich, wegen dieses unentschuldbaren Vergehens!
Aber von diesem Künstler gibt es noch ein Kunstwerk, das in der Fußgängerzone meiner Heimatstadt Schrurte steht. Mit dem habe ich per Auto Bekanntschaft gemacht. Ich hatte an einem Parteistand für die Wahl der Linken zum Bundestag Propagandaarbeit geleistet.
Danach wurde ich  scheinbar für diese Tätigkeit durch ein Kunstwerk Herrn Urbans, des Schrurter Kunstprofessors, bestraft. Mit  dessen Installation kollidierte ich beim Zurücksetzen, und sie fügte  mir für die Kunstmissachtung samt mangelnder Fahrkünste eine mittelgroße Beule im Heck meines Opel-Kadett-Kombis zu.
Ich wusste jedoch gar nicht, dass ich mit einem Kunstwerk zusammen geprallt war.
Es handelte sich um eine Metallkonstruktion, ähnlich einem kleinen Hochspannungsmasten, der an seinem oberen Ende vier verdrehte Verkehrsspiegel zeigt, solche, die normalerweise an unübersichtlichen Kreuzungen hängen, um Autofahrer über andere Verkehrsteilnehmer zu informieren.
Meine Mitpropagandisten informierten mich über den Kunstcharakter des seltsamen Spiegelverdrehers.
Ich Kunstbanause hatte schon mehrmals bei Besuchen in der Schrurter Fußgängerzone gedacht: "Was soll dieser Quatsch hier? Der müsste doch bestenfalls an einer gefährlichen Kreuzung stehen, aber nicht hier, wo in erster Linie Fußgänger zuhause sind!"
Nun ich war eines Besseren belehrt worden.
Das Kunstwerk heißt übrigens: "Weiße Segel", warum auch immer!
Was Du aber über landschaftliche Skulpturenparks schreibst, finde ich vollkommen richtig. Statuen werten schöne Parks wirklich sehr auf, zum Beispiel den sehenswerten Park am Rhein in Bonn, aufgehübscht mittels alter Skulpturen, oder auch andere Anlagen mit durchaus auch abstrakten Figuren.
Ich habe einst an meinem Gartenteich z.B. eine halbnackte Venus oder Aphrodite aufgestellt und ihr  gegenüber am anderen Ufer, die Kopie von Michelangelos nacktem David. Beides habe ich, "aus Gips", im ehemaligen Gartencenter an der Dortmunder Hohensyburg erworben. Deswegen war der David auch nur halbnackt und trug anders als das Original ein lächerliches Feigenblatt über seinem hübschen Heiligtum.
Die Originale aus Marmor waren selbstverständlich unverfügbar, weil unerschwinglich.
Die zwei Figuren sollten die Sehnsucht nach Nähe und die trotzdem manchmal beinahe unüberbrückbare Ferne zwischen Frau und Mann verkörpern.
Mittlerweile hat die Zeit ihre Aufgabe erfüllt und die Statuen mit fast marmorgrüner Patina umgeben. Außerdem arbeiteten unfreiwillige Künstler  an der Vollendung des zweigeteilten Kunstwerks.
Ich stieß irgendwann tölpelhaft die Venus um, worauf sie ihren linken Arm verlor und meine Nichte, die mir fleißig im  Garten hilft, beförderte beim Unkrautjäten ohne Absicht mit ihrem Hintern, über den ich mich an dieser Stelle nicht weiter äußern will, den David in das Gartengewässer.
Der zerbrach unterhalb der Knie. Die Füße samt einem Teil der Unterschenkel stellte ich wieder auf den Steinrand des Teiches, den Resttorso buddelten wir mit Blick auf den Teich an seinem Saum ein. Nun schaut der verkürzte David  vollkommen patiniert und eingepflanzt sehnsüchtig zu seiner Aphrodite und die ebenso liebesdurstig, aber einarmig, auf ihren David.
Sie werden sich leider nie erreichen, wenn ich sie nicht aus Mitleid auf einen gemeinsamen Platz am Ufergestade vereinen werde .Das werde ich sicher irgendwann einmal in die Wege leiten, falls ich Zeit habe.
Liebe Elisabeth, ich hoffe, Dich erreicht mein äußerst verspäteter Brief und Du freust Dich nach  so  langer Zeit noch darüber.
Du darfst Dich auch ruhig über mich alten Kunstbanausen, Körperverletzer der Aphrodite und schlechten Autofahrer lustig machen.
Gesundheit, Humor, Lebensfreude und ganz viel Liebe wünscht Dir Ödipus! Und sehr zahlreiche Besuche in verwunschenen Parks mit Marmorbildern oder Stahl- bzw. sonstigen Skulpturen!

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.09.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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