Felix M. Hummel

2050: Die Bewerbung

Eliska ausweichen! Herrgott! Eliska! Eliska! Stopp! Bremsen!“

Ein harter Stoß gegen die Brust riss Ben aus seinem Schlaf. Er schrie auf, konnte für einen Augenblick weder atmen noch sich orientieren. Entsetzt sah er, wie Leo sich vom Beifahrersitz aus zum Lenkrad gebeugt hatte und es mit einer Hand hin und her riss. Der Wagen schleuderte herum und knallte hart mit den Reifen in die Schlaglöcher der fast leeren Autobahn.

Scheiße! Bist du irre?“, schrie Ben und griff seinerseits ins Steuer, mit dem Versuch gegenzulenken. Vage wurde er sich bewusst, dass das Auto knapp an einer Gruppe Menschen vorbeischoss, als er die Lenkung instinktiv scharf in die entgegengesetzte Richtung einschlug, in die Leo sie gerade zu zwingen versuchte. Gleichzeitig trat er die Bremse durch.

Der kleine Skoda machte einen Satz, als er ein Bäumchen, das die Fahrbahndecke durchstoßen hatte, erfasste. Dann zog er nach links herum, schleuderte, drohte zu kippen, fing sich wieder, drehte sich mit dem Geräusch von schleifendem Metall um die eigene Achse und blieb schließlich stehen.

Ein dumpfes Aroma von heißem Gummi stieg in der Fahrgastzelle auf, während ein rotes Ausrufezeichen auf dem Bildschirm des Armaturenbretts aufleuchtete. Bens Hände waren so fest in den Lenker verkrallt, dass die Knöchel weiß hervortraten. Ausdruckslos starrte er geradeaus. Beinahe wäre er gestorben! Leo hatte versucht ihn umzubringen. Kaum nahm er wahr, dass auch dieser immer noch das Steuer festhielt. Träge und teilnahmslos zog vor dem Fenster ein einsamer LKW vorbei.

Ein wohlklingender, aber sehr energischer Ton schallte aus den Lautsprechern des Wagens. „Notruf abgesetzt ...“, sagte eine Frauenstimme, freundlich, bestimmt, aber emotionslos. „Das Fahrzeug ist leider nicht mehr fahrbereit. Notruf wird abgesetzt ... Das Absetzten eines Notrufes ist leider zu diesem Zeitpunkt nicht möglich. Es wurden Verbindungsprobleme festgestellt ... Notruf wird abgesetzt ... Das Fahrzeug ist leider ...“

Ben drehte sich langsam zu Leo um. „Du blöder, dummer...“ Weiter kam er nicht, bevor der andere ihm eine solche Ohrfeige versetzte, dass er mit dem Kopf gegen die Rückenlehne schlug.

Du Vollarsch bist eingepennt!“, brüllte Leo und packe ihn am Kragen. „Wir wären fast in ein paar Leute reingedonnert!“

Verdattert riss sich Ben los, löste seinen Gurt und wich rückwärts vor die Tür aus, bevor sein Beifahrer einen weiteren Treffer laden konnte. „Aber die KI ...“, brachte er mit schmerzendem Kiefer hervor.

Leo setzte ihm aus der anderen Tür nach und für einige Sekunden verfolgten sie einander um den roten Kleinwagen.

Aber die KI! Aber die KI!“, äffte er Ben nach. „Deine Scheiß-KI ist - was? Zehn, zwanzig Jahre alt? Beim letzten Patch hast du noch mit Bauklötzen gespielt. Die hat voll drauf zugehalten.“ Schließlich beendete er die Verfolgung, blieb stehen und stemmte mit gebeugtem Rücken die Hände gegen die Oberschenkel. „Scheiße“, schnaubte er außer Atem.

Ben sagte nichts, sondern betrachtete nur den Hinterreifen, der mit verbogener Felge halb aus dem Radkasten herausragte. „Mein Dad macht mich kalt“, meinte er tonlos. „Wieso sind hier überhaupt Leute auf der Autobahn?“

Leo war neben ihn getreten, um den Schaden ebenfalls zu begutachten. Nun verharrte sein Blick aber in der Ferne, aus welcher sie gekommen waren.

Was'n jetzt?“, fragte der andere junge Mann.

Dreck! Die kommen her!“

Wer?“

Na die Typen!“, rief Leo und gestikulierte in Richtung der Gruppe von Männern, mit welcher sie beinahe kollidiert waren. Es waren etwa fünf stämmige Gestalten neben einem Lieferwagen. Einige schienen Brecheisen und andere Werkzeuge zu tragen. „Ich denk, die wollten Leitplanken klauen. Für'n Schrott.“

Meinst nicht, die könnten uns mitnehmen?“

Leo packte Ben erneut am Kragen seines rosa Polohemds und zog ihn vom Auto weg. „Verdammt ich hoff, dass sie das nicht tun.“

Du meinst ...?“, begann Ben, doch der andere war bereits ohne ihn einige Meter weiter zur Böschung gelaufen.

Komm! Renn!“, schrie Leo, bremste dann aber plötzlich. „Warte! Der Koffer! Vergiss den Koffer nicht!“

Ben hechtete zurück zum Wagen und zog einen Aktenkoffer aus grellgelbem Plastik vom Rücksitz, bevor er ebenfalls zum Fahrbahnrand sprintete. Als er einen Blick zurückwarf, konnte er sehen, dass die Männer zwar ihr Tempo nicht erhöht hatten, aber immer noch zielstrebig auf das Auto zuhielten.

Zusammen kletterten Ben und Leo über die rostige Leitplanke und schlugen sich ohne anzuhalten in das dicke Gestrüpp dahinter. Nachdem sie mit leichten Blessuren eine fast massive Wand aus Brombeeren und Schlingpflanzen durchbrochen hatten, wurde der Abstieg die Böschung hinab einfacher. Hochgewachsene Bäume raubten dem Boden zu viel Licht, um weiteres Unterholz gedeihen zu lassen.

Ben zögerte einen Moment, als wollte er hier ausharren, doch Leo drängt ihn, ihm zu folgen.

Weiter!“, befahl er. „Wenn wir 'n bisschen Abstand haben, folgen die uns doch nicht.“

Nachdem sie den unteren Rand des Abhanges erreicht hatten, wanderten sie noch fast eine halbe Stunde im Schutz der Bäume parallel zur Straße, bis ihnen eine Wand den Weg versperrte. Leo lehnte sich ächzend gegen den bröckelnden, moosbewachsenen Zement und pickte ein paar Zecken von seinen nackten Unterschenkeln. Dann zog er die Bänder nach, die seine Hose knapp unter dem Knie eng anliegen ließen.

Meine besten Sachen!“, brummte er missmutig.

Mein armes kleines Auto!“, hielt Ben dagegen. „Was soll ich bloß jetzt machen?“

Du, wir können froh sein, dass wir keinen von den Pennern erwischt haben“, meinte Leo, während er am Rücken seines Hemdes zog um den nassen, grünlichen Fleck zu sehen, den das Moos dort hinterlassen hatte. „Dann hätten die uns nicht laufen lassen, glaub mir mal! Du hast da übrigens auch 'nen Zeck am Bein.“

Seufzend schnippte Ben den Blutsauger weg. „Alles Scheiße. Zum Heulen!“ Er unterbrach sich, als er merkte, dass ihm wirklich gleich die Tränen kommen würden. Sein kleines Auto! Sie würden es abschlachten und Stück für Stück verkaufen. Und er saß hier mitten auf der Strecke fest. Er schluckte einen drückenden Kloß herunter. Dann zog er sein Handy aus der Tasche und entrollte den flexiblen Bildschirm in seiner Handfläche. „Kein Netz“, schluchzte er, nachdem er ein wenig darauf herumgewischt hatte. „Wir können also nicht mal auf 'ne Karte schauen. Scheiße, Scheiße! Was mach ich nur?!“

Vielleicht auf der Brücke?“, meinte Leo. „Jetzt lass den Kopf nicht hängen. Is' zwar alles absolut deine Schuld, aber wir leben noch. Das schaffen wir schon irgendwie.“

Ben atmete durch und unterdrückte ein weiteres Schluchzen. „Ehrlich ... danke, dass du mitgekommen bist.“

Der andere zuckte mit den Schultern. „Was hätte ich denn machen sollen. Achtzig Kilometer ganz allein? Das ist doch Irrsinn. Vor allem bei dir, du bist ja völlig lebensunfähig. Pennst da einfach ein ...“

Ben stieß scharf Luft aus und wandte seinem Begleiter den Rücken zu, um in Richtung der Straße zu gehen, die hier die Autobahn als Brücke kreuzte. „Mein Onkel hat die KI gecheckt. Die hätte völlig in Ordnung sein sollen.“

Ohne Netz und auf so 'ner beschissenen Straße? Klar“, spottete Leo, der ihm folgte. „Außerdem ist dein Onkel Zahnarzt.“

Die wenigen Meter zur Brückenauffahrt waren beschwerlich. Die Bäume wurden lichter, aber das Unterholz stärker, Brennnesseln und Beerengestrüpp griff nach ihren Beinen. Auch Ben bereute es, seine besten kurzen Hosen und das Polohemd angezogen zu haben, aber was hätte er tun sollen? Wenn er die Sachen eingepackt und sie erst in Regensburg angezogen hätte, hätten sich jetzt die Schrottsammler darüber freuen können.

Sie erreichten die kleine Feldstraße, die in einem noch wesentlich erbärmlicheren Zustand war als die Autobahn. Hier war schon seit Jahren kein Durchkommen mehr. Rotweiße Warnbaken aus brüchigem Plastik und ein vor Rost nicht mehr erkennbares rundes Schild versperrten den Weg die Brücke hinauf.

Oh, die muss schon dicht gewesen sein, als sich die Straßenmeisterei noch um was geschert hat“, meinte Leo erstaunt. Er rüttelte an einer der Baken und brach sofort ein großes Stück gelbstichigen Kunststoff heraus. „Wahrscheinlich ist die Brücke nur noch Schrott.“

Uns wird sie ja wohl noch tragen“, entgegnete Ben und schaute hinauf. Irgendwann einmal musste hier der Straßenbelag abgefräst worden sein. Der Beton darunter war von tiefen Rissen durchzogen, in welchen Moose und Ranken eine Heimat gefunden hatten.

Oben angekommen bot sich den beiden kein sehr weiter Blick über die Autobahn. Die Bäume an beiden Seiten waren zu hochgeschlossen, um über die flache Landschaft blicken zu lassen, und die Strecke der Straße verlor sich in einer sanften Kurve. Links glitzerte der Fluss zwischen dem fernen Laubwerk hervor.

Leo nahm Ben den Aktenkoffer ab, legte ihn auf den Boden und zog ein schwarzes, klobig wirkendes Objekt heraus, das er seinem Begleiter reichte. „Hier!“

Es wirkte wie ein antikes Funkgerät, auch dank der breiten, kurzen Antenne, die mit robustem Gummi ummantelt war. An einem Ring an der Oberseite war ein Karabinerhaken mit Trageriemen befestigt. Der junge Mann seufzte erneut, angelte sein Handy aus der Hosentasche und schob die papierdünne Folie in einen Schlitz an der Unterseite des Verstärkers.

Wie in der Steinzeit hier draußen“, brummte er, als er sich den Riemen um den Hals hängte. Der Bildschirm des Handys leuchtete auf, als er in der rahmenartigen Aussparung an der Front des Geräts einrastete.

Lass es besser gleich drin. Wer weiß wie lange wir hier unterwegs sind“, meinte Leo.

Ah ja. Jetzt geht was. Nicht schnell, aber ich komm rein“, rief Ben triumphierend. „Tja ... schaut nicht so aus, als gäb's hier Fahrer“, fügte er nach ein paar Momenten weit weniger enthusiastisch hinzu.

Wie auch? Kommt doch keiner so weit raus außer Brummis und Rowdys.“

Hm ... also in knapp zwei Kilometern kommt 'ne Raststation. Wenn wir bis dahin laufen, finden wir vielleicht eine Mitfahrgelegenheit.“

Leo verzog skeptisch das Gesicht. „Wie sind die Bewertungen?“

Öh, fünf Sterne ... 'Bester Markt für alles, was breit macht!' - Oh je - 'Hier krigste was geboten wennde Geld hast, oder auf's Maul. Nehmen kein Sanifair.' – Schieße – 'Kann man voll einen draufmachen mit Weibern, nich so teuer' Das sieht jetzt aber nicht so gut aus. Moment, hier ist eine mit nur einem Stern: 'Für Familien mit Kindern absolut nicht geeignet.' Naja, das sind wir wohl auch nicht.“

Da können wir auf keinen Fall hin, die frühstücken uns doch“, beschwerte sich Leo und warf die Arme hoch.

Hm“, begann Ben und ließ den Blick über die Bäume schweifen. „Aber wo sollen wir sonst hin? Zurück? Dann schaffen wir's ganz bestimmt nicht.“ Er blickte wieder auf das Handy. „Wir haben etwa die Hälfte geschafft, ein bisschen mehr sogar.“

Und die Landstraße?“

Ben zog die Stirn in Falten und wischte mit dem Zeigefinger über den Bildschirm. „Ja ...“, machte er erneut. „Ja ... hier gibt es ja noch die Landstraße, die verläuft über fast dieselbe Route.“

Warum haben wir nicht die genommen?“

Die geht durch so viele Dörfer, da weiß man ja nie.“

Leo stieß unschlüssig Luft aus und stützte sich auf die Betonbrüstung der Brücke. Einige Brocken lösten sich und prasselten in die Tiefe. „Hinterher ist man immer schlauer. Aber jetzt werden wir wohl dahin müssen.“

Wohin?“, fragte Ben.

Leo antwortete nicht sofort. Der Wind hatte ein wenig aufgefrischt und schob die spätsommerlichen Wolken rascher über den blauen Morgenhimmel. Die Bäume begannen zu rauschen, während der Geruch von vertottenden Pflanzen und feuchtem Morast aus den Auen jenseits der Straße zu ihnen hinaufstieg. In der Ferne war das Summen eines herannahenden Lastwagens zu hören. Es hätte idyllisch sein können, wenn sie es nicht eilig gehabt hätten.

In eins der Dörfer, natürlich“, sagte Leo schließlich. „Zu einer Tanke oder so.“

Zu ner Tanke? Bist ja übergeschnappt“, lachte der andere auf. „Naja, am besten geh'n wir weiter, irgendwie werden wir uns schon an dem Rastplatz vorbeischleichen können.“

Nein, Ben. Ich mein das ganz ernst. Eine andere Chance haben wir nicht. Es sind fast 40 Kilometer Strecke und wir haben nicht mal Wasser. Auf der Autobahn finden wir auch keins. Wir müssen irgendwo Leute finden, die uns weiterhelfen können, auf die eine oder andere Art. Sonst können wir nur noch zu Hause anrufen, dass die uns irgendwie abholen. Dann kannst du dein Gespräch aber vergessen. Ich meine, echt, wie schlimm kann's denn schon sein da draußen?“

Ziemlich schlimm“, brummte Ben, wagte es aber nicht direkt zu widersprechen, denn ihm waren die guten Argumente ausgegangen. Jetzt Hilfe zu holen würde bedeuten, dass sein Auto umsonst gestorben war. Außerdem brauchte er diesen Job. Eine solche Chance bekam er nie mehr.

Könnte auf jeden Fall schlimmer sein. Wir sind ja keine Ärzte, oder? Ich meine, was sie da mit denen machen ...“

Ben zuckte nur mit den Schultern. „Scheiße, dass man die Karte nicht offline benutzen kann. Versprechen sie ja eigentlich schon seit Jahren. Wenn wieder kein Netz ist, dann ... Also ... Wenn wir die alte Straße hier runter nehmen, dann kommen da Richtung Norden ein paar einzelne Häuser. Die können wir vielleicht im Gebüsch umgehen ... und dann kommt ein Ort mit Tankstelle, aber das ist wahrscheinlich zu gefährlich. Hm, in zehn Kilometern ist eine andere Tanke in 'nem Gewerbegebiet. Das ist doch was, oder?“

Na denn! Was haben wir schon zu verlieren?“

Ha!“

Sie gingen den Weg zurück, den sie herauf genommen hatten, doch statt sich erneut durch die Hecke zu schlagen, folgten sie der ehemaligen Teerstraße. Durch den Kampf, den die Bäume und Sträucher um das Licht in der schmalen Schneise fochten, war hier das Durchkommen viel mühsamer als im Unterholz. Ständig mussten sie sich zwischen dornigen Schlehenbüschen und niedrig wachsenden Erlenkronen hindurchschieben. Immerhin gar es mitten auf dem Weg keine Brennnesseln, nur Schachtelhalme und niedriges Kraut wuchs auf der dünnen, ungleichmäßigen Humusdecke.

Irgendwann endete die Straße abrupt. Nichts war mehr zu sehen als eine Wand aus hohen, langblättrigen Gewächsen.

Mais“, sagte Ben.

Leo zog scharf Luft ein. „Mensch, bist du sicher?“

Wenn ich's doch sage!“, fauchte der andere, plötzlich halb flüsternd. „Wir sollten umkehren.“

Wie zum Trotz machte Leo einen Schritt nach vorne, sodass er zwischen den Stängeln stand. Seine Kiefermuskulatur war angespannt, sein Blick wirkte entschlossen. „Komm schon, das sind nur ein paar hundert Meter. Wir müssen hier durch.“

Du bist irre, Mann!“, protestierte Ben. Als er jedoch sah, dass sein Freund keine Anstalten machte stehenzubleiben, folgte er ihm. Hier alleine sterben wollte er auch nicht.

Quer zu den Ackerfurchen mussten sie mit jedem zweiten Schritt die elastischen Pflanzen auseinanderbiegen. Die scharfen Blätter mit der klettenartigen Oberfläche bissen in ihre Hände und doch arbeiteten sie sich langsam weiter.

Ben stand der Angstschweiß auf der Stirn, während er seinen Blick konzentriert auf den Rücken seines Freundes heftete. Er war mehr als eine Furche vor ihm, ständig trennte sie mindestens ein Vorhang aus Maisgewächsen. Er durfte ihn jetzt auf keinen Fall verlieren. Wie hatte er nur so wahnsinnig sein und in ein Maisfeld hineingehen können? Jeder wusste doch, was man sich erzählte!

Still!“, stieß Leo aus und blieb wie angewurzelt stehen.

Ben gehorchte mitten im Schritt und hielt den Atem an, während sich Leo zu ihm umdrehte. Er wollte schon fragen, was los war, als auch er es wahrnahm: Ein leises Summen oder Dröhnen, das mit jedem Augenblick lauter zu werden schien. Es war schwer zu sagen, woher es kam. Aber dort, dort hinten! Wie von einem Windhauch geschoben, bogen sich die Pflanzen auseinander, irgendetwas bahnte sich seinen Weg zu den beiden Freunden.

Scheiße, das ist ...“, setzte Ben an. Mit einem Donnerschlag zerriss es einen Maiskolben zu seiner Rechten. Pflanzenfasern stieben durch die Luft, ein unreifes Korn streifte mit stechendem Schmerz sein Ohr. Ein zweites Krachen folgte, aber da war er bereits losgerannt, die Ackertrasse entlang, nur weg von dem Ding. Scharfe Blätter peitschten sein Gesicht, er lief fast blind, im weichen Boden ständig einsinkend. Leo war neben ihm, eine Gasse weiter, er konnte ihn keuchen hören. Erneut donnerte es, Schlamm spritze dicht bei seinen Beinen auf. Sie würden es nicht schaffen.

Doch vor ihnen war Licht, das Feld endete! Gleich! Es würde ihnen nicht folgen. Ohne zu denken warf Ben einen Blick über seine Schulter. Er sah nichts, aber die kleine Ablenkung genügte, dass sich sein Fuß irgendwo verfing und er vornüber stürzte. Mit Händen und Knien klatschte er in den weichen Ackerboden, Leo neben ihm stieß einen erschrockenen Schrei aus.

Es war fast über ihm. Binnen eines Augenblicks nahm er jedes kleinste Detail wahr. Er roch das Maschinenöl und den scharfen, chemischen Geruch eines undichten Akkus. Er spürte den Luftzug der vier Rotoren. Er sah wie die Scheibe über ihm die Sonne verdunkelte und erkannte jeden Rostfleck und jede aufgeworfene Blase der abgestoßenen, grünen Lackierung. Und er sah den breiten schwarzen Gewehrlauf der Drohne, der direkt auf sein Gesicht zielte.

Im selben Moment blitze etwas silbrig am blauen Himmel auf. Die Drohne machte einen Ruck und sackte ab, während die Motoren aufheulten. Mit einem beleidigten Quietschen stieg sie einige Meter auf, nun mit gewaltiger Schräglage und etwas Flatterndes an einem der Rotorblätter hinter sich herziehend. Sie flog noch ein kleines Stück, schmierte dann erneut ab und stürzte irgendwo ins Feld.

Wa ...“, machte Ben.

Scheiße!“, sagte Leo.

Ihr seid ja völlig blöd, oder?“, rief eine Fraunestimme, zornig und entgeistert zugleich. „In ein Maisfeld, also echt jetzt?“

In Bens Blickfeld erschien das scharfgeschnittene Gesicht einer jungen Frau mit streng zusammengebundenen Haaren.

Ben versuchte etwas zu sagen, aber der Schrecken saß ihm noch so sehr in den Gliedern, dass seine Zunge nicht gehorchen wollte. Er war sich außerdem sicher, dass er sich eingenässt hatte, aber das konnte er im Moment unmöglich überprüfen.

Mensch, dank dir echt!“, hörte er Leo sagen. „Das Ding hätte uns fast erwischt. Das ist übrigens Ben da im Schlamm, ich bin Leo.“

Emma“, entgegnete die Frau. „Ihr zwei schuldet mir ein Solarladegerät. Und 'ne Erklärung, wer euch denn ins Hirn geschissen hat, dass ihr vor 'ner Wildschweindrohne herlauft.“

Ichhabn...“, brabbelte Ben und versuchte sich aufzusetzen. Zu seiner Erleichterung war er durch den Sturz so schmutzig geworden, dass weder er noch irgendjemand sonst mit Sicherheit hätte sagen können, ob er sich tatsächlich in die Hosen gemacht hatte. „Bewerbungsgespräch“, brachte er endlich hervor.

Ja, das hat er“, half Leo weiter. „Und er hat hinten auf der Autobahn seinen Skoda geschrottet. Ich bin nur unschuldiges Opfer.“

Ah ...“, sagte Emma und legte einen Finger ans Kinn. Ben fiel auf, dass die Frau, die ungefähr in ihrem Alter sein musste, mit der sauberen schwarzen Jeans und dem weißen T-Shirt auch sehr förmlich gekleidet war. Die obligatorische dunkle Daunenjacke hatte sie ausgezogen und trug sie wegen der hohen Temperaturen über dem Arm. „In Regensburg?“

Jaaa“, antwortete Leo langezogen und schien ins Grübeln zu kommen. Genau wie Ben.Einige Minuten herrschte betretenes Schweigen. Emma saugte an ihren Zähnen und schien nachzudenken, während Ben die Zeit nutzte, um sich aufzurappeln und zu sammeln. Das Maisfeld endete an einer kleinen verkrauteten Böschung, die zu einer Straße hinauf anstieg. Diese mochte wohl vor Jahrzehnten einmal asphaltiert gewesen sein, doch mittlerweile hatten sich die Schlaglöcher zu einer einzigen, kiesigen Schicht vereint. Der wenige Bewuchs darauf zeigte jedoch, dass sie noch viel genutzt wurde. Dahinter war nur eine weitere grüne Wand zu sehen, der bewaldete Hang eines der typischen Hügel der Flussebene.

Ich nehme mal an“, brach Emma die Stille, „dass ihr hier gestrandet seid.“

Hm“, brummte Ben, der nun nähergetreten war.

Ich könnte euch mitnehmen.“

Was echt?“, rief Leo aufgeregt.

Sie hob beschwichtigend den Zeigefinger. „Allerdings unter einer Bedingung: Ihr begleitet mich zur nächsten Tankstelle.“

Ben gluckste. „Da wollten wir doch sowieso hin. Kein Problem.“

Echt jetzt?“, fragte Emma, die Augen erstaunt aufgerissen. „Einfach so? Ich dachte ich müsste … Ja, klar, aber ihr seid ja auch durch ein Maisfeld marschiert. Na dann kommt mit, mein Auto steht da hinten.“

Sie kletterten zur Straße hinauf und folgten ihr bis zu einer kleinen Hecke. Dahinter fanden sie einen antiken Tesla, der, nun völlig verbeult, zweifellos bessere Tage gesehen hatte. Die ursprüngliche Farbe war vermutlich weiß gewesen, die meisten Blechteile waren aber mit rotbrauner Rostschutzfarbe nachgestrichen worden. Ben hatte wenig Ahnung von Autos, konnte aber dennoch erkennen, dass das Fahrgestell für mehr Bodenfreiheit aufgebockt und Reifen mit kräftigem Profil aufgezogen worden waren.

Leo priff durch die Zähne. „Ein richtiger Mad Max-Schlitten ist das.“

Emma grinste, während sie die Tür öffnete, hineinkletterte und die Abdeckung des Batteriefaches in der Mittelkonsole aufzog. „Mein Papa hat ihn ein bisschen für Überlandfahrten ausgestattet. Der Mist ist nur das hier …“ Sie holte einen der beiden fingerlangen Akkus heraus und zeigte ihn den beiden Männern. „Seht ihr? Hier ist das Problem.“

Ben sah überhaupt nichts, nahm aber dennoch Emma den kleinen Metallzylinder aus der Hand und begutachtete ihn von allen Seiten. „Hm ... ja. Das ist Mist. Meinst du nicht auch, Leo?“

Ich seh gar nichts“, entgegnete dieser trocken.

Ich auch nicht“, stimmte Emma zu und nahm Ben die Batterie wieder ab. „Hält aber trotzdem keine Ladung mehr und mit dem anderen komm ich nicht mehr weit. Bei der nächsten Tanke gibt’s hoffentlich noch was, aber alleine trau ich mich da echt nicht hin. Ich brauch‘ zumindest einen, der im Auto bleibt und gleich losbrausen kann, wenn‘s eng wird. Verstanden?“

Die beiden anderen nickten stumm.

Ich wollte grade mein Handy laden, damit Papa mir Hilfe schickt. Das würde aber viel zu lange dauern und jetzt seid ihr da. Also seid ihr euch sicher, dass wir das machen wollen?“

Absolut“, meinte Leo, bevor Ben den Mund aufmachen konnte.

Denn los, bevor noch jemand wegen der Schweinedrohne kommt!“, schloss Emma und alle drei stiegen ein, Ben nahm den Beifahrersitz, während es sich Leo mit dem Koffer auf der Rückbank bequem machte.

Als Emma den Wagen anwarf, blinkte sofort ein rotes Symbol mit einer durchgestrichenen Batterie auf dem Armaturenbrett auf und eine freundliche Frauenstimme warnte: „Akkuladestand niedrig. Die Reichweite beträgt geschätzte 10 Kilometer. Der Stromsparmodus ist aktiviert. Bitte laden Sie ihren Tesla bei der nächsten Gelegenheit auf.“

Dennoch setzte sich das Gefährt fast lautlos in Gang. Nach einigen Kurven konnte sie in der Ferne einen Kirchturm mit der typischen hölzernen Spitze zwischen den ausgedehnten Feldern erkennen. Ben konnte sich erinnern, dass er in seiner frühen Kindheit noch Dächer aus geschwärztem Kupferblech gesehen hatte. Dies erschien heute fast unvorstellbar. Man müsste sie ja vierundzwanzig Stunden am Tag bewachen, damit sie nicht gestohlen würden.

Langsam schälte sich die Siedlung aus dem hügeligen Gelände heraus, als sie die Straße hinunterrollten. Sie schien nur minimal befestigt zu sein. Ein flacher Graben, der vermutlich mit Geröll oder losen Flusssteinen ausgelegt war, und ein niedriger Flechtwerkzaun, aber keine Mauer waren um die Gebäude gezogen. Die Häuser stammten wahrscheinlich größtenteils aus den ersten Jahrzehnten des Jahrhunderts, waren aber in gutem Zustand. An vielen Stellen hatte man die wohl ursprünglich hauptsächlich weißen Fassaden mit Lehm verputzt und die Ziegeldächer mit einfacher zu beschaffenden Holzschindeln ausgebessert.

Ein nettes Örtchen“, meinte Ben und lächelte. Er war wirklich schon lange nicht mehr auf dem Land gewesen. „Sehr sauber.“

Emma presste die Lippen zusammen. „Hm. Mir gefällt es nicht. Aber hier gibt’s nur eine Straße und für einen anderen Weg reicht der Saft nicht mehr. Geschweige denn bis zur nächsten Tankstelle danach.“

Leo deutete vom Rücksitz auf die kleine Holzbrücke, die über den Graben in den Ort führte. „Gesehen haben sie uns jedenfalls. Da kommt schon einer.“

Sie fuhren langsam an den Steg heran, während ein hagerer Mann in mistbeschmierten Watthosen und mit einer Schrotflinte in den Armen eilig die Straße herauflief. Mit erhobener Hand bedeutete er ihnen stehen zu bleiben.

Mist!“, fluchte Emma, während sie abbremste. „Ich dachte wir kämen einfach so durch.“

Der Bewaffnete beäugte sie misstrauisch aus stahlblauen Augen, die kaum zwischen seinem geölten Vollbart und den buschigen blonden Augenbrauen sichtbar waren. In gebückter Haltung, um in die Wagenfenster sehen zu können, und das Gewehr im Voranschlag, schloss er, nun viel langsamer, zu ihnen auf.

Als er an der Fahrerseite ankam, ließ Emma das Fenster hinunter. Der Fremde beugte sich hinab und warf ihr einen scharfen Blick zu.

Zum Gruße!“, schnarrte der Mann in hartem Ton. „Das hier ist Altsiedlerland. Was wollt ihr hier?“

Alle im Wagen waren für einen Moment stumm. Ben spürte, wie sein Herz schneller schlug. Ausgerechnet Altsiedler! Er hatte nicht geahnt, dass die schon so weit nach Süden vorgedrungen waren, aber ehrlich gesagt, was wusste er schon? Andererseits, was man im Netz so erzählte und wie sie sich online aufführten, sprach Bände.

Wir ...“, begann Emma vorsichtig. „Wir sind auf der Durchreise nach Regensburg. Wegen der Arbeit ... ja. Und wir brauchen eine neue Batterie. Hier gab‘s früher immer eine Tanke und da dachte ich, wir könnten hier ...“

Der Bärtige presste die Lippen zusammen und verengte auch die Augen zu schlitzen. „Ja, ‘ne Tanke haben wir.“ Er kam noch näher heran, bis sein fettiger Dutt den Türrahmen streifte. Langsam musterte er die Insassen einen nach dem anderen. Ein Schwall Schweiß- und Dunggeruch vermischt mit Honig und Kokosnuss drängte sich mit seinem Kopf in die Fahrgastzelle. Bens Augen begannen zu wässern.

Wortlos trat der Wächter wieder etwas zurück und schien einen Moment nachzudenken. „Also gut“, sagte er dann. „Es wird nirgends anders ausgestiegen und mit niemandem gesprochen. Ha‘n wir uns?“

Ja, sicher!“ Emma drehte ihren Kopf zu den anderen. „Klar, Jungs?“ Die beiden nickten.

Gut“, meinte der Mann und kratzte seinen Bart. „Wir ha‘n euch im Auge. Geradeaus, dann am Lebensbaum rechts. Ist nicht zu verfehlen, also fahrt auch nirgends anders hin! Wir seh‘n euch genau! Danach weiter geradeaus, da geht’s wieder auf die Landstraße auf der anderen Seite vom Dorf raus. Abmarsch!“

Ja, danke! Vielen Dank“, antwortete Emma mit nervösem Überschwang und zog mit dem Wagen an dem Bärtigen vorbei. „Scheiße verdammt!“, fluchte sie, als sie die Scheibe wieder oben hatte. „Die hat‘s das letzte Mal hier noch nicht gegeben.“

Ich hab da mal was gehört“, gab Leo zu verstehen. „Da war irgendwas vor ein paar Jahren. Irgendeine Gruppe ist aus Dänemark oder Polen weiter runtergezogen und hat die aus ein paar Orten vertrieben. Jetzt machen sie sich hier breit, steht ja so viel leer. Und wenn nicht, dann machen sie‘s leer.“

Ich glaube das verwechselst du“, entgegnete Ben. „Soweit ich weiß, sind die irgendwo ordentlich von der Armee aufgemischt worden, wo genau, weiß ich nicht. Ich hab aber nicht gewusst, dass die zu uns runter sind. Naja, bei uns schert sich ja keiner um sowas.“

Bis sie irgendwen abfackeln“, meinte Emma finster. „Aber wahrscheinlich nicht mal dann, so wie‘s hier läuft.“

Das Auto rollte die buckelige Straße zwischen Häusern und Höfen hindurch. Hohes Gras rahmte die Fahrbahn ein, während die ehemaligen Vorgärten wegen der Schweine und Hühner fast vollständig frei von niedriger Vegetation waren. Vereinzelt spielten Kinder im Schmutz. Männer, die mit verschiedenem Handwerk beschäftigt waren hielten inne, als sie das Auto bemerkten, und warfen ihm böse Blicke zu, einige bewegten die Lippen in offensichtlichen Verwünschungen. Frauen waren kaum zu sehen. Die wenigen, die noch auf der Straße zugegen waren, verschwanden ob der Neuankömmlinge schnell in Hausfluren.

Am Dorfplatz neben der Kirche hatte man das aufgestellt, was der Wächter als Lebensbaum bezeichnet hatte. Es war ein sicher mehr als ein Dutzend Meter hoher, von Rinde befreiter Baumstamm, an welchen zwei schräg nach oben weisende Seitenbalken angebracht worden waren. Er wirkte wie eine riesige Gabel und war über und über mit kleinen Bündeln, Figürchen und Spruchbändern behängt, die in unterschiedlichem Maße von der Witterung beschädigt waren.

Zumindest hängt heut keiner dran“, brachte Leo leise hervor, als sie das merkwürdige Symbol links liegenließen. Ben schauderte bei dem Gedanken, hier eine Leiche im Wind schaukeln zu sehen.

Die Tankstelle war ein niedriger, schmutziger Betonbau mit Glasfront und einer zur Garage umgebauten Waschstraße. Vom Dach, welches sich einmal über die Kraftstoffzapfsäulen gespannt haben mochte, war nur noch eine halbe, aus dem Boden ragende Metallstrebe zu sehen. Um diese scharte sich eine wild zusammengewürfelte Gruppe aus bunten Elektroladestationen mindestens acht verschiedener Anbieter, allesamt in unterschiedlichen Phasen fortgeschrittenen Verfalls und zweifellos defekt.

So“, sagte Emma bestimmt, als sie vor der blinden Fensterfront hielt. „Einer von euch geht da rein und kauft das Ding. Ihr wisst ja, wie die mit Frauen sind.“ Sie drückte Ben, ehe er begriff was los war, die kaputte Batterie in die Hand.

Wieso i...“, begann er zu protestieren.

Einer muss“, entgegnete Leo. „Nerv nicht!“

Ben seufzte und stieg zögernd aus, die Faust fest um den kleinen Akku geschlossen. Natürlich, es war ja alles seine Schuld. Dass er so aussah, als habe er sich im Schlamm gesuhlt, und so eigentlich nicht unter Leute gehen konnte, zählte natürlich nicht.


 

Durch das Glas war im Inneren des Gebäudes nur der trübe, orange Schatten einer flackernden Lichtquelle zu erkennen, aber sonst nicht einmal Schatten. Schließlich, nach einigen tiefen Atemzügen, brachte er genug Mut auf, um an der Glastür zu klopfen.

Ja!“, dröhnte eine raue, dumpfe Stimme heraus.

Ben schob die schwere, quietschende Tür mit Mühe auf und trat in fast vollständige Schwärze ein. Beinahe jede Oberfläche des Raumes schien einer schwarzen Schicht überzogen zu sein. Erst als er eines der Regale berührte, die mit Auto- und Reisebedarf vergangener Zeiten angefüllt waren, wurde er sich bewusst, dass es Ruß war. Ein Geruch nach brennendem Fett, heißem Metall und Qualm lastete schwer in der warmen Luft. Irgendwo knackte ein Feuer.

Hallo?“, rief Ben in die Tiefe des Ladens hinein.

Ein Stuhl quietschte über den Boden und der Lichtschein, der von draußen sichtbar gewesen war, erschien in der Hand eines beleibten, alten Mannes hinter einen Theke am fernen Ende des Raumes. Der Greis, der die qualmende Fettlampe trug, war wie alles um ihn herum mit Schmutz bedeckt. Nur seine blauen Augen stachen als helle Flecken aus seinem Gesicht heraus.

Was willst du hier?“, schnaubte er und angelte nach etwas unter dem Tisch.

Ben hob reflexartig die Hände, trat aber dennoch näher heran. „Bitte nicht! Wir sind auf der Durchreise und brauchen eine neue Batterie.“

Ah“, machte der Alte, scheinbar beruhigt und richtete sich wieder auf. „Für ein Auto?“

Ja, für ‘nen Tesla.“

Der Alte zuckte mit den Mundwinkeln. „Baujahr? Modell? Lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen.“

Ben blies Luft aus den Wangen. „Ja, keine Ahnung, ich bin nur Beifahrer. Hier ist aber die kaputte.“ Er legte den Metallzylinder in die verschlissene Kleingeldschale auf der Theke.

Der Alte riss sie sofort an sich und hielt sie nahe an seine Lampe, um besser sehen zu können. „Hmm! 34-er. Pff, davon hab ich ‘nen Sack voll. Warte hier und klau nichts! Sonst knall ich dich ab! Echt!“ Damit verschwand er in einem Nebenraum.

Eine halbe Ewigkeit später erschien er wieder und knallte triumphierend einen völlig verschmierten Akku auf den Tisch. „So gut wie neu, frisch geladen und funktioniert. Macht 1500 AltCoin.“

Ben runzelte die Stirn und angelte nach seinem Handy, das er wieder um den Hals trug. „AltCoin ... AltCoin ...“, murmelte er, während er durch seine Bezahlapps blätterte. „Ich glaube, die hab ich jetzt so nicht. Ich hätte AliCoin, BitCoin und noch ein paar andere ... Wie rechnet sich denn das um?“

Der Alte stemmte die Hände auf die Theke und sah Ben mit vorgeschobenem Unterkiefer scharf an. „Na hör mal Bubi, die rechnen sich gar nicht um! Die sind völlig unabhängig und deinen Kommerzdreck nehmen wir hier nicht.“

Hören Sie, ich muss wirklich dringend nach Regensburg. Ich hab heute Abend ein Bewerbungsgespräch. Ich hab auch keine Lust zu handeln, also zahl ich ihnen das in BitCoin“, meinte Ben. „1500, ja? Ich meine, das ist doch ganz ordentlich, oder? Trotz der Inflation. Ich denke dafür würde man locker zehn kriegen.“

Der alte Mann schüttelte den Kopf. „Was daran verstehst du nicht: Wir nehmen hier deinen Scheiß nicht. Weil‘s du bist, würde ich aber was tauschen. Wie sieht‘s mit dem Handy aus? Lass mal sehen.“

Ben überlegte einen Moment, bevor er mit den Schultern zuckte und die Trageschlinge über den Kopf zog. Der Tankwart streckte die Hand danach aus. Just in diesem Moment griff Ben mit einer schnellen Bewegung nach dem Akku, riss das Handy zurück und hechtete zur Tür.

Du Scheißkerl!“, brüllte der Alte, während Ben mit dem Öffnen der klemmenden Tür wertvolle Sekunden verlor.

Er sah, wie der Greis ein Gewehr hinter dem Tresen hervorzog und auf ihn zielte, aber einen Moment zögerte. Dies war genug für Ben, um nach draußen zu schlüpfen und zum Auto zu gelangen. Dort riss er die Tür auf, sprang hinein und rammte den neuen Akku in die noch offene Mittelkonsole.

Fahr! Fahr! Fahr! Fahr!“, schrie er.

Er war fast erschrocken, als Emma sofort reagierte und Vollgas Richtung Ortsausgang gab. Die Reifen quietschen, ein Schuss brach und ein Schlag traf das Auto, eine Seitenscheibe war plötzlich von einem Netz aus Rissen überzogen. Ein zweites Krachen, eine Erschütterung, aber Emma ließ sich nicht beirren. Sie hielt auf die Holzbrücke zu, die zur Landstraße führte. Ein bulliger Mann stellte sich ihnen mit angeschlagenem Gewehr in den Weg – für kaum einen Sekundenbruchteil, dann rettete er sich mit einem Hechtsprung zur Seite.

Danach war es still, abgesehen vom Knirschen des Schotters unter den Reifen und dem monotonen, künstlichen Summen des Motors – bis Ben einen markerschütternden Schrei ausstieß und in Tränen ausbrach. Schon wieder! Schon wieder wäre er fast gestorben! Zwei Mal, nein insgesamt vier Mal hatte man auf ihn geschossen! Leo fasste ihn von hinten an den Schultern, klopfte ihm auf die Wangen und redete beruhigend auf ihn ein. Es half nichts, erst nachdem er nach einigen Minuten müde vom Heulen und atemlos vom Hyperventilieren war, wurde er stiller.

War zu erwarten“, meinte Emma irgendwann. „Hätte wesentlich schlechter laufen können. Immerhin leben wir alle noch. Irgendwas ist zwar getroffen, aber noch leuchtet nichts rot auf und nichts raucht oder stinkt. Das ist ‘ne gute Bilanz. Das schusssichere Glas ist auch nicht grad schlecht.“

Ben wollte ihr etwas entgegenschleudern, ihm war jedoch zu schwindelig um die richtigen Worte finden zu können. Leo fiel in seinen Sitz zurück und schwieg.

Die werden uns nicht einholen, keine Angst. Aber schaut bitte, ob uns Motorräder folgen oder so was. In einer Stunde sind wir da. Zurück ... ja, ich hoffe ihr wollt nicht auf diesem Weg zurück. Da seid ihr tot“, fuhr Emma fort.

Und du?“, fragte Leo.

Ich hab vor dazubleiben. Wenn alles glattläuft.“

Wir eigentlich auch. Oder Ben zumindest. Ja, wenn alles glattläuft.“

Die Sonne stand bereits hoch am Himmel, als die Mauern der Stadt am Horizont sichtbar wurden. Die betonverschalten Erdwälle umfriedeten die Stadt selbst und einige der eingemeindeten Vororte mit wichtigen Industrieanlagen. Für die Zollkontrollen waren sie gezwungen, wieder zurück auf die Autobahn zu fahren, bevor sie die Donau überqueren konnten. Die Straße war hier aber in einem gut befahrbaren Zustand gehalten, sogar die Brücke erweckte noch Vertrauen. Eingezwängt zwischen Gemüse- und Viehtransportern, die sich aus allen Himmelsrichtungen sammelten, verbrachten sie einige weitere Stunden stehend auf der Straße. Schließlich wurden sie von einem mürrischen Zöllner, den nur eine schmierige Uniformmütze als solchen auswies, nach einer kurzen Biometriekontrolle durchgewunken.

Sie verließen die Autobahn bei der ersten möglichen Abfahrt und bogen in eine breite Industriestraße aus festgestampftem Schotter ein, welche man quer durch die Ruinen eines Wohngebiets getrieben hatte. Der Verkehr war um die Uhrzeit nicht dicht, aber viele abgestellte Autos, Wohnmobile sowie gut ausgestattete, aber behelfsmäßige Hütten und Zelte zwischen den Trümmern zeigten deutlich, dass hier gearbeitet wurde. Bisher hatten sie noch ein wenig gezwungenen Smalltalk betrieben, doch nachdem sie die Stadtmauern durchfahren hatten, sprach niemand mehr ein Wort. Ben war sich wohl klar, dass weder er noch Leo Emma eine genaue Wegbeschreibung gegeben hatte. Dass sie nicht danach fragte und sich die beiden auch nicht beschwerten, klärte alles zwischen ihnen.

Als es nicht mehr weit zum Serverzentrum sein konnte, stieg deutlich Unruhe in allen dreien auf. Ben schnallte sich lautlos ab und hielt den Gurt an seinem Verschluss fest, in der Hoffnung, dass Emma nichts davon bemerkte. Auch Leo hinter ihm schien eine ähnliche Strategie zu verfolgen. Nicht sehr erfolgreich, meinte Ben, wenn er es schon wahrnahm. Emma selbst sah immer wieder nervös nach links und rechts.

Plötzlich zog sie zur Seite und bremste scharf. Leo und Ben wurden nach vorne geschleudert, waren aber darauf gefasst gewesen. Sie versuchten sofort ihre Türen zu öffnen, schlugen diese aber gegen eine Hauswand, an welcher das Auto stehen geblieben war. Während sie über die Sitze kletterten, war Emma bereits im vollen Lauf zu einer unscheinbaren Tür in einem Betonklotz keine zwanzig Meter die Straße hinunter.

Leo schaffte es zuerst aus dem Auto und setzte ihr nach. Ben wollte folgen, doch sein Fuß verhedderte sich im Gurt des Fahrersitzes. Er schlug hart mit den Schienbeinen gegen den Türrahmen, konnte sich aber noch mit einer Hand am Boden abfangen. Split bohrte sich in das Fleisch seines Daumenballens. Als er aufblickte, sah er, wie Leo, den gelben Aktenkoffer in der Hand, Emma zur Seite stieß. Ben atmete auf und wollte sich gerade vom Gurt losmachen, als ihm klarwurde, dass sein Begleiter selbst die Tür aufriss und in das Gebäude stürmte, anstatt nur die Frau aufzuhalten. Sie blieb ihm dich auf den Fersen.

Fassungslos rappelte sich Ben auf und rannte auf die andere Straßenseite. Was wollte Leo denn mit seinen Bewerbungsunterlagen? Da traf es ihn wie ein Schlag. Dieser Verräter! Er öffnete die Tür, um ihn einzuholen, doch der Blick eines riesigen Wachmannes, der sofort mit verschränkten Armen vor ihm erschien, ließ ihn zurückweichen. Zögerlich blickte er an sich herunter. Seine Kleidung war mit getrocknetem Schlamm verkrustet, sein Gesicht sah vermutlich nicht besser aus. Sein linkes Schienbein blutete ebenso wie seine rechte Hand, die andere hatte einen schmierigen, schwarzen Abdruck am Türgriff hinterlassen. Er würde sich so selbst nicht hereinlassen. Und sein Einladungsschreiben, ja, das war im Koffer.

Er verließ das Gebäude, setzte sich auf die Straße und vergrub den Kopf zwischen den Armen.

Er mochte eine halbe Ewigkeit dort gesessen haben, als er Schritte hinter sich hörte und ihm der Geruch von saurem Automatenkaffee in die Nase stieg.

Hey“, sagte Emma leise, als sie sich neben ihn setzte. Ihre Haare waren zerzaust und tropften, ihre Augen gerötet, als hätte sie geweint, oder wäre zumindest kurz davor gewesen. Am Auffallendsten war jedoch der riesige nasse, braune Fleck, der sich vom Kragen bis zum Saum ihres T-Shirts erstreckte. „Einen tollen Freund hast du da.“

Die Geschichte war für einen Wettbewerb gedacht, allerdings habe ich mich mit der
Maximallänge
vertan. Der Text war dann 10.000 Zeichen über dem Limit, was beim besten Willen nicht mehr
herausgekürzt werden kann.
Felix M. Hummel, Anmerkung zur Geschichte

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