Indra Seidler

Der Schuh

Blitzblank, noch frisch aus dem Karton, stülpe ich mir meine neuen Heels über die frisch geduschten Füße. Wie lang musste ich für diesen Kauf anstehen... Stunden! Einzig und allein für diesen Anlass gekauft, sollen sie mir Mut machen und mein Selbstbewusstsein stärken. Ich richte mich auf, blicke in den großen holz-umrahmten Spiegel und schiebe mir die Strähnen aus meinem blass rosigen Gesicht. Die Unterlagen in meinem linken Arm liegend und den Schlüssel fest in der rechten Hand haltend, verlasse ich meine kleine Wohnung und begebe mich zu meinem Auto. Ich wage einen großen Schritt hinein.

Ein ebenso großer Schritt stellt der heutige Tag für mich da. Ein Sprungbrett soll er sein; ein Sprungbrett auf die Karriereleiter, die ich auf schnellstem Wege nach oben klettern werde. Riskant, aber ich werde es schaffen. Mein Blick streift meine Schuhe. Sie glänzen wie die Sterne bei dunkelster Nacht; sie strahlen, wie die Reflexionen der Sonne im Eis am Nordpol. Ein Lächeln und schon bin ich auf dem Parkplatz angekommen. Ein tiefer Luftzug, ich greife nach der Tür in mein Glück und gehe zielstrebig zu meinem neuen Schreibtisch. Erste Anrufe, erste Meetings, ich überzeuge auf ganzer Linie.

Plötzlich! Der Gebäudealarm erklingt. Die Sirene schallt durch die Flure, trifft meine Ohren und zieht weiter als entmutigender Schauer über meinen Nacken bis in die Fußspitzen. Alle Mitarbeiter im Büro springen von ihren Stühlen auf, Stühle fallen um, Unterlagen fallen achtlos von den metallischen Tischen und ich sitze hier. Meine Unterlagen noch nicht vollständig bearbeitet, meine Tasche noch nicht gepackt, brüllen die Menschen wie Tiere im Zustand tiefster Panik auf mich ein. Wir sollten das Gebäude verlassen. Ich blicke auf, der Boden wackelt, die Wände drehen sich und tiefschwarzer Rauch strömt durch die Ritzen in der Tür hinein.

Gemeinsam rennen wir zum Ausgang, doch die Tür lässt sich nicht öffnen. Ein lauter Knall! Ein Teil der Decke stürzt auf uns hinab und trifft einen Mitarbeiter auf den Kopf, er sackt in sich zusammen und fällt zu Boden. Anstatt ihm zu helfen, kämpft sich jeder für sich allein zu den Fenstern, um hinaus zu klettern. Die Luft im Büro wird immer schlechter, das Atmen fällt mir schwer und dennoch schaffe ich es irgendwie mich aus dem Gebäude zu retten. Auf dem Rasen vor dem Gebäude angelangt, sehe ich die obere Hälfte des Gebäudes in lodernden Flammen stehen. Die ersten Teile des Gemäuers stürzen ein, überall liegt bereits Asche und die Feuerwehr versucht vergeblich die Menschen zu evakuieren. Journalisten stehen im Weg, sprechen von Explosionen und Anschlägen und versuchen uns für ein Gespräch aufzuhalten.

Humpelnd rette ich mich vor ihnen in mein Auto und fahre rasend hinfort. Ich übersehe Ampeln, überfahre vor Stress beinahe einen Fußgänger und komme schließlich doch heil zu Hause an. Ich blicke in den Spiegel und bemerke erst jetzt, wie verrußt mein Gesicht und wie zerschrammt sowohl meine Arme und frisch manikürten Hände, als auch meine Knie sind. Mein Kleid ist löchrig und schmutzig und meine Schuh... Mein linker Schuh! Auf der Flucht vor Explosion und Feuer, habe ich meinen linken Schuh verloren. Dieser rote Schuh, der mir die Welt bedeutet, der mich durch den Tag begleiten sollte, ich habe nicht auf ihn geachtet, ich habe ihn verloren und es nicht bemerkt. Wie konnte ich so achtlos sein? Wie konnte ich mich aus dem Fenster retten, ohne zu sehen, ob ich all meine Dinge bei mir habe. Nun liegt er in diesem Gebäude, vermutlich zerstört, zerkratzt,... verschmutzt und unbrauchbar! Was soll ich nur ohne ihn tun?

Verzweifelt und enttäuscht lasse ich mich zu Boden fallen, blicke auf mein Schuhregal und beginne zu weinen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.09.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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