Wolfgang Hoor

Eine fröhnliche Höhle

Eine fröhliche Höhle

„Wohin willst du mich denn führen?“, fragte eine Mutter ihren fünfjährigen Sohn. Sie hatte sic h auf ein Spiel eingelassen, das sie inzwischen ein wenig bereute. Die Augen hatte sie sich verbinden lassen, und ihr Junge führte sie die Treppen hinunter, durch die Haustür. Es ging jetzt an unzähligen Geräuschen vorbei, die sie, weil sie so unerwartet waren, auflachen oder erschrecken ließen. Sie musste sich jetzt von ihrem Sohn sagen lassen, wo sie eine Stufe erklimmen oder die Richtung wechseln musste.

Und dann, ganz plötzlich blieben sie stehen. Der Straßenlärm hatte sich entfernt.“ Man hörte den beschleunigten Atem der Frau und die kichernde Stimme des Jungen. „Hans, um Himmels Willen, wohin hast du mich entführt?“ – „Wenn du genau hinhörst, wirst du es selbst herauskriegen.“ Sie lauschte. Sie hörte immer noch nichts anderes als den entfernten Straßenlärm. Aber dann doch etwas Neues. Etwas Wunderbares? Etwas Unerklärliches? Ein laues Lüftchen, ein Vogelstimmchen, sehr leise , sehr zart. „Aber Hans, wieso höre ich jetzt den Wald? Der Wald ist doch noch ganz weit weg, Wie kann ich hier den Wald hören? Du kleiner Schuft, du hast mich verzaubert.“

Hans lachte und lachte und lachte. „Wir sind in meiner fröhlichen Höhle!“, sagte Hans. „Unsinn,“, rief die Frau. „Höhlen sind nicht fröhlich. Es gibt keine fröhlichen Höhlen.“ – „Wetten!“, warf Hans ein. „Dann zeig mir endlich deine fröhliche Höhle.“ - „Knie dich. Ich mach dir das Tuch vor den Augen weg.“ Die Frau gehorchte. Als sie wieder sehen konnte, staunte sie. Natürlich kannte sie den Ort. Sie befanden sich an der Bushaltestelle „Zur Quelle.“ Und jetzt sah sie es zum ersten Mal. Hinter der Haltestelle waren drei Bäume zusammengewachsen und hatten eine Art Unterschlupf gebildet.

„Siehst du“, sagte Hans. „Das ist meine fröhliche Höhle. Fröhliche Höhlen können nur Kinder entdecken.“ – „Und warum ist das eine fröhliche Höhle?“ – „Weil ich mich hier immer verstecken kann und lachen muss, wenn mich die anderen suchen und nicht finden.“

„Ja“, sagte die Mutter und strich dem Jungen durchs blonde Haar- „Ich danke dir, dass du mir deine fröhliche Höhle gezeigt hast. Manchmal bräuchte ich auch so eine Höhle, wo ich lachen und lachen und lachen kann.“

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.09.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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