Petra Klinkenberg

Die (freundliche) Übernahme

Es war einmal…

…eine saubere, gepflegte und hübsch dekorierte Wohnung. So könnte ich die folgende Geschichte beginnen. Da dieser Satz aber eine gewisse Wehleidigkeit beinhaltet, muss ich ihn noch um folgenden Zusatz bereichern:
… aber es war unsere Entscheidung und dass sich einiges drastisch ändern würde, wussten wir vorher.
Gut, das liest sich jetzt auch nicht begeistert und vermittelt so ein kleines bisschen Resignation.
Aber wie gesagt – wir haben es nicht anders gewollt.
Seit anderthalb Jahren leben wir tierlos und nein - es geht nicht um veganes Essen.
Nach insgesamt fast dreissig Jahren mit Katzen sahen wir uns ausserstande die kürzlich verstorbenen vierpfötigen Familienmitglieder einfach zu ersetzen. Wir verkauften und spendeten sämtliches Equipment, denn die Traurigkeit wurde bei dessen Anblick immer wieder neu angefacht.

Aber dann kam Corona und wo man die entstandenen Freiräume zunächst mittels irgendwelcher mehr oder weniger sinnfreier Beschäftigungen ausgefüllt hatte, wurden mit der Zeit aus den Freiräumen luftleere Räume.
Homeoffice machte es möglich und die diversen «Du-bleibst-zuhause-und-es-wird-nicht-gebastelt-geschraubt-gegärtnert» - Massnahmen trugen ebenfalls dazu bei, dass so ein Gefühl von Major Tom um sich griff. Vielleicht erinnern Sie sich – «völlig losgelöst von der Erde…»

Eine diffuse Monotonie machte sich breit und eines Tages erwischte ich mich dabei, wie ich den Bäumen auf einer meiner Walking-Strecken Namen zu geben begann. Man kannte sich ja inzwischen lange genug.
Als ich an diesem Nachmittag heimkam, sah mein Mann mich nachdenklich und prüfend an. Nach einer Weile meinte er, er würde nicht mehr immer nur um sich selbst kreiseln wollen. Und er möchte sich auf was freuen, wenn er über die Türschwelle tritt. Ich war spontan eingeschnappt, denn immerhin bin ich ja auch was, auf das man sich freuen könnte. Glaubte ich bis zu diesem Zeitpunkt jedenfalls, was ich dann auch entsprechend säuerlich kundtat.
Naja, kurz und gut – mein Mann grinste nur und statt einer Entschuldigung erklärte er die Katzen-Askese für beendet. So ginge das nicht weiter. Wir hätten solide Entzugserscheinungen entwickelt und denen muss man nun entgegenwirken.
Bereits zwei Stunden später hatte ich Facebook, Instagram und sämtliche einschlägige Web-Portale geradezu umgepflügt. Diese Prozedur musste das arme Internet nun etwa zwei Wochen lang täglich über sich ergehen lassen.
Dann aber blieb mein Blick an einer Anzeige hängen. So kleine Zwerge. Einer niedlicher als der andere. Es trieb uns einfach widerstandslos ins Emmental.
Als uns die Tür zum Katzenzimmer geöffnet wurde, erlitten wir einen plötzlichen und sehr heftigen Muttersprachenverlust. So stotterten wir halt sehr andächtiges, aber zusammenhangloses Zeug wie «Ach Götterchen…», «Du Heilig’s…» und «Nein – sooo süss». Was man eben so sagt, wenn man sechs Katzenkinder sieht, die gerade mal sechs Wochen alt sind.
Mach da jetzt bloss nichts kaputt, wenn Du sie auf den Arm nimmst, ermahnte ich mich. Sie wogen etwa so viel, wie eine Handvoll Daunen und waren so unglaublich zart. Wir behandelten die Kätzchen vorsichtiger als rohe Eier. Unsere Verzückung kannte nur eine ganz kleine Grenze: Den Moment, als sich die unverschämt spitzen Milchzähnchen in die Hand gruben, dicht gefolgt von den in winzigen Pfötchen verborgenen messerscharfen Krallen. Aber selbstredend handelte es sich dabei nur um zu vernachlässigende Nebengeräusche. Die paar Kratzer und das juckende «cat-scratch-fever» gehören doch dazu. Zwei der klitzekleinen Raubtiere würden bald bei uns einziehen, soviel stand fest.
Die folgenden Wochen verbrachten wir mit der Neuanschaffung der nötigen Ausrüstung. Allein der Kratzbaum entpuppte sich schon als hochkomplexe Aufgabe. Wild entschlossen, alles richtig zu machen unterzogen wir die Kandidaten einer genauen Prüfung und mussten feststellen: Erstaunlich viel Schrott auf dem Markt! Bei so manch einem fragten wir uns beklommen, ob der Entwerfer wirklich schon mal eine Katze in echt gesehen und sie im Idealfall sogar beobachtet hat. Beim Spielzeug erging es uns nicht anders und so einige Male sah ich vor meinem geistigen Auge ein Kätzchen an einem Plastikteil ersticken. Ebenfalls eine Menge Schrott am Start.
Dennoch wurden wir in relativ kurzer Zeit stolze Zwischenbesitzer zweier Kratzbäume, eines Spielteppichs, eines Kratztunnels, des obligaten Katzenklos und noch diversem Kleinkram, wie Bällchen und Bürsten. Und selbstverständlich auch eines Tramsportkorbes, der eines mittelgrossen Hundes würdig wäre.
Völlig überraschend hatten wir auch die Bude bereits zu einer katzengerechten Wirkungsstätte umgeräumt. So glaubten wir jedenfalls. Im Realbetrieb sieht das freilich anders aus, wie wir bald feststellen durften. Fast hätte ich mich auch noch dabei erwischt, die nicht genutzten Steckdosen mit Kindersicherungen zuzustöpseln.
Vor ein paar Tagen begutachtete ich nochmals unsere unverzichtbare Ausrüstung und spontan kam mir der Vergleich mit einer Erstausstattung für ein Baby in den Sinn. Ja, wir würden nochmal Eltern werden. Nur eben ohne Entbindung, Wehen, Windeln und sonstigen Ereignissen, die in der Folge auf einen zukämen.
Allerdings wäre das Kind nach einer gewissen Zeit mit einer Art Grundgehorsam ausgestattet, was bei Katzen nur in sehr seltenen Ausnahmen funktioniert.
Am letzten Freitag war es also soweit. Wir schnappten unseren momentan noch überdimensionierten Korb samt Kissen, Decke und Leckerlis und machten uns auf den Weg zur Abholung. Wir waren so aufgeregt, dass unterwegs kaum gesprochen wurde. Nur das Geräusch vom Knibbeln an meinen Fingernägeln durchbrach die gespannte Stille.
Als wir die noch immer federleichten und entzückenden Katzenkinder in den Händen hielten, war es allerdings vorbei mit der Stille. Die Rumwunderei ging wieder los und dies wiederum mit ziemlich eingeschränktem Vokabular.
Die Kleinen liessen die Autofahrt recht klaglos über sich ergehen und mit höchster Erwartungsspannung öffneten wir zuhause endlich die Box.
Wir hatten ja viel erwartet, aber nicht das, was dann passierte. In Nullkommanix war das Zimmer mit dem wichtigsten Utensil – dem Katzenklo – erkundet und das Örtchen eingeweiht.
Bereit also für den nächsten Schritt. Wir erwarteten tiefergelegte kleine Tiger, die höchst wachsam ihre neue Umgebung in Augenschein nahmen. Jede Bewegung in höchster Konzentration und immer bereit zur Verteidigung. So glaubten wir, und setzten uns vorsichtig auf die Sofakante. Nicht mal eine halbe Minute später stolzierten zwei Kätzchen mit hocherhobenen Schwänzchen durch die Wohnung, hinter die Couch, über die Tische und unter die Schränke. Gardinen kannten sie bisher noch nicht und daher erweckten diese baumelnden, bodenlangen Dinger allergrösstes Interesse. Man konnte dahinter und davor so herrlich verstecken spielen, sich unbemerkt anschleichen und dann zuschlagen. Wenn da mal ein bisschen Stoff an den Krallen hängenblieb – naja ein wenig Schwund ist eben immer. Unser amüsiertes Schmunzeln fror jedoch etwas ein. Schon am selben Abend leisteten uns die beiden Zwerge auf der Couch Gesellschaft. Das Katerchen flanschte sich an meinen Oberschenkel, drehte sich auf den Rücken und liess sich, laut vernehmlich brummend, das flauschige Bäuchlein kraulen. Unser Katzenmädchen baute sich vor meinem Mann auf und forderte mit herzerweichendem Miauen, auf den Arm genommen zu werden. Soweit die zuckersüsse Seite.
Schon wenige Augenblicke später hoppelte Katerchen zum Spielteppich, um die darin versteckten Korkzapfen zu jagen. Seine Schwester hoppelte hinterher und landete im gestreckten Galopp und allen Vieren auf ihrem Bruder. Es begann ein wilde Rangelei um «the one and only Korken» in deren Verlauf der Knabe vor der zarteren Schwester flüchtete. Diese enterte mit geradezu blitzartiger Geschwindigkeit den Kratzbaum, um ihm von oben auf den Kopf zu hauen. Brüderchen allerdings schoss mit Schwung an ihr vorbei und auf der anderen Seite des Möbels wieder herunter. Aber nicht ganz. Denn der Baum eignet sich hervorragend als Airbase für einen Abflug auf den Esstisch. Glücklicherweise hatte ich in weiser Voraussicht die übliche Deko in Deckung gebracht. Das plüschige Tierchen rauschte nämlich – auf dem Tischläufer surfend – die 1.80m durch bis zum anderen Ende. Dort plumpste er mangels Alternativen allerdings auf den Boden. Unterdessen machte sich die Schwester wieder auf den Rückweg zum Teppich. Freilich hätte sie zu diesem Zweck einfach nur von ihrem Hochsitz herunterspringen müssen. Aber der Logik einer Katze ist bisweilen schlecht – oder sagen wir mal – gar nicht zu folgen. So nahm sie also zunächst den Abstieg im Rückwärtsgang auf sich. Etwas, das man höchst selten zu Gesicht bekommt. Danach begab sie sich hinter die Couch, um an der Rückseite wieder, tapfer in den Stoff gekrallt, emporzuklettern. Da hatte sie wohl aber irgendwas falsch gemacht. Denn just in dem Moment, als ihre Öhrchen über der Kopfstütze hervorlugten verschwanden sie auch schon wieder, begleitet von einem ratschenden Geräusch.
Wie auf Kommando hingen wir beide über die Rückenlehne und schauten, was passiert war. Auf dem Boden sass eine verdatterte Katze und mauzte uns vorwurfsvoll an. Ich schielte vorsichtig auf den Stoff und machte mir im Kopf eine Notiz, demnächst mal die Häkelnadel zu zücken, um die Fäden wieder einzuziehen. Während ich noch in diese Betrachtungen versunken war, hatte der Kater sich von seinem Schrecken erholt und war ebenfalls hinter der Couch aufgetaucht, was seine Schwester zu einem zweiten Versuch ermutigte, auf ihre kreative Weise das Sitzmöbel zu entern.
Unser kollektives «Nein!!!» war laut, aber wirkungslos. Und schon baumelte das Kätzchen wieder auf halber Höhe hin und her. Mit einem beherzten Griff wuchtete mein Mann sie über die Lehne. Das Brüderchen hatte sich des gleichen Weges bedient, war aber erfolgreicher und stand nun bereits erwartungsfroh auf dem gläsernen Couchtisch. Die Schwester flutschte flugs in die darunter liegende Ablage und schaffte sich damit eine gute Verteidigungsposition. Man kann ruhig vernachlässigen, dass sie dabei ein Körbchen mit Untersetzern und eine Zeitschrift von der Fläche kickte.
Dem kleinen Kater wurde es sehr bald langweilig und er widmete sich einem Blumentopf, der seiner Aufmerksamkeit bislang entgangen war. Wenn er sich auf seine Hinterpfötchen stellte, konnte er gerade über den Rand gucken. Ein beherzter Satz Sekundenbruchteile später liess ihn im Topf landen. Es erschliesst sich uns bis heute nicht, warum man ausgerechnet dort auf der feuchten Erde einen Liegeplatz wählt. Aber das Ding mit der Katzenlogik hatten wir ja bereits. Abgesehen mal von der Tatsache, dass man selbstverständlich ein bisschen in der Erde buddeln und sie im Umkreis von einem Meter um den Topf verteilen muss. Es ist daher vermutlich nicht völlig unverständlich, dass wir wenig Interesse an einer Auszeichnung zum «Handfegerbenutzer des Jahres» hatten. Folgerichtig führte uns der nächste Weg dann auch in den Baumarkt, wo wir diese Kokosmatten erwarben, die eigentlich als Kälteschutz gedacht sind. Aber nicht nur Not, sondern auch Katzenkinder machen erfinderisch. Die Lösung hat sich tatsächlich bewährt.
Nun liest sich das Ganze natürlich so, als hätten wir hier Bonny und Clyde oder die «Geschwister fürchterlich» adoptiert. Der Schein trügt allerdings völlig. Die beiden sind so herzallerliebst, dass wir den Verlust einer Gardine, die Platzeinbusse im Bett, die Gehaltsabtretung an die unterschiedlichsten Tierfutterdealer einfach billigend in Kauf nehmen. Spätestens dann, wenn einer der beiden Winzlinge brummend auf den Schoss krabbelt ist sämtlicher Unfug vergessen.
Mittlerweile hat der Herbst Einzug gehalten und wir leben immer noch mit den Resten der unerreichbar deponierten Sommerdeko. Wie ich das mit der herbstlichen Umgestaltung anstellen soll, ist mir auch nach mehrtägigem Nachdenken schleierhaft. Vielleicht bleibt es bis Weihnachten einfach mal Sommer bei uns. Oder auch bis nächsten Sommer….
Man wird so bescheiden.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.09.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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