Petra Klinkenberg

Am dreizehnten Tag

Der Stuhl schaukelte leise knarzend eine kleine Weile weiter, nachdem sie ins Haus gegangen war.
Gleich würde sie wieder herauskommen und den Wein und einen dicken Ordner mitbringen.
So, wie sie es schon seit zwölf Tagen tat. Immer in der Blauen Stunde an der Grenze zur Nacht.
In den Stunden zuvor hatte sie den Schaukelstuhl mit dem Lauf der Sonne über die Terrasse gezogen.
Nun würde er bis zum Morgen dort stehenbleiben. Dann, im ersten zarten Blau, das vielleicht getupft wäre mit rosa Wölkchen, würde sie ihn nach Osten zerren und auf die Sonne warten, die träge über den Berggrat kroch.
So, wie sie es seit zwölf Tagen tat.
Seit zwölf verdammten Tagen, die sie in eine dumpf-lethargische Tristesse gestürzt hatten. In einen Zustand, der nur noch von angeborenen Reflexen und rein mechanischem Funktionieren beherrscht wurde. In ihrem Kopf war nichts mehr. Sie hatte ihm nicht mal verboten, zu denken. Er hatte sich einfach mit wattigen Schwaden gefüllt.
Sie hatte mit niemandem gesprochen, nichts eingekauft, nicht geputzt. Der Fernseher war eingestaubt.
Sie duschte täglich, um danach wieder in Kleider des Vortages zu schlüpfen.
Sie ass irgendetwas aus den Vorräten, von dem sie hinterher nicht wusste, was es war. Sie tat es auch nur, weil das Knurren ihres Magens sie nervte. Denn wenn er das tat, vermittelte er eine Lebendigkeit, die sie nicht ertragen konnte.

Seit diesem Abend vor zwölf Tagen, als die Stille zwischen ihnen nur noch zerrissen wurde durch das Scharren der Räder seines Koffers auf dem Kies, das Schlagen der Autotür und dem Motorgeräusch, das bald vom Nebel geschluckt wurde.
Genauso wie der rote Schein der Rücklichter als verblassende Warnung vor der Endgültigkeit.

Sie hatten sich nicht umarmt, nicht gesprochen und mit hohlen Phrasen zu trösten versucht. Mit versteinerten Gesichtern hatten sie einander taxiert, unfähig, einem letzten Gefühl, einem inneren Aufschrei nachzugeben.
Allein der einsame Blick, der den ihren im Rückspiegel erwiderte, brannte sich in ihre Erinnerung ein. Dunkelbraune Augen, in diesem Rechteck eingefangen, wie in einem gerahmten Bild.
Sie stand in der Tür, fühlte sich bleiern, wie in einem Albtraum, aus dem sie nicht entrinnen konnte.
Als die Tränen kamen strömten sie über ihre Wangen, hinterliessen verschmierte Linien, bevor sie auf den Boden tropften. Sie schluchzte nicht, tobte nicht. In ihr war jeder Kampfeswille erloschen.

Das Schweigen hatte von ihnen Besitz ergriffen. Schon viele Monate lang. Schleichend war es zwischen sie getropft, wie Wasser durch ein undichtes Dach.
Alles weichte es auf, machte es kaputt, zerstörte das Fundament - ihre Liebe.
Eines Abends sagte er, er würde gehen. Warf diesen Stein mitten hinein in den See aus Schweigen. Er erzeugte keine Wellen. Sie antwortete nicht. Sie nickte nur. Hatte damit gerechnet und gehofft, sich zu irren.

Diesem Abend waren diese zwölf Tage gefolgt.
Ausgefüllt mit dem Zerren eines Stuhles über die Holzbohlen und dem Lesen der alten Briefe, die sie in dem dicken Ordner aufbewahrte. Ihre Briefe, die sie sich geschrieben hatten, als ihre Liebe noch frisch und voller Blütenträume war. Als sie bereit waren, alles füreinander zu tun und zu sein. Inbrünstige Schwüre und gefühlsduselige Bekenntnisse. All das nur noch schwarze oder blaue Buchstabenkombinationen auf weissem Papier. Verschwimmende Kringel ohne jeden Inhalt.
Sie fühlte nichts. Keine Wärme, keine Kälte, keinen Schmerz. Nur noch Leere.

Ab und zu stolperte ihr Herz. Wie bei einer Uhr, deren Zahnräder sich verhakten.
Manchmal, wenn sie beim Lesen seine Stimme zu hören glaubte, oder wenn in der Dunkelheit die Scheinwerfer eines Autos leuchtende Kegel in die Schwärze stanzten, standen die Zahnräder für einen Augenblick still.
Alles lauschte. Doch vergebens.
So brauchte sich auf, was als Hoffnungsrest der Uhr als Antrieb diente.

Als sie auf die Terrasse trat, war der Himmel in dramatische Farben getaucht. In sattem Türkis schwebten feurigrote Wolkenfahnen.
Die Zahnräder hakten ein bisschen bei diesem Anblick. Eine Weinflasche hatte sie unter dem Arm geklemmt, eine zweite hielt sie in der Hand. Die andere trug den Hefter mit den Briefen.
Einen Moment stand sie und betrachtete Sonnenuntergang. Wie schnell doch das prachtvolle Schauspiel vorüber ging. Wo noch eben der Horizont in Flammen stand, zogen nun verblasste, graue Wolkenfetzen wie welke Blütenblätter, zerfaserten und lösten sich auf.
Nur die Schleppen der Flugzeuge trugen noch einen Hauch von Pink.
Erste irrlichternde Punkte zeigten sich im dunkler werdenden Blau. Bald wurden es unzählig viele, zu denen sich - nun schleppenlose - Positionslichter gesellten.
Längst sass sie wieder in ihrem Schaukelstuhl; bohrte ihre Blicke abwechselnd in die Schwärze des Alls und die Zeilen der Briefe. Als würde sie dort oder dort etwas finden, was sie in den letzten Nächten nicht gefunden hatte.
Wieder zerschnitten Lichtkegel den Hang unter ihr. Wanderten die Kurven entlang, kamen in einer merkwürdigen Position zum Stillstand.
So wie die Zahnräder zum Stillstand kamen, als sie erkannte, dass auch diese Autolichter keine Vorboten des Blickes aus den dunkelbraunen Augen waren, in die sie sich einst so verliebt hatte.

Er fand sie am nächsten Morgen - dem dreizehnten Tag. Sie sass dort in dem Stuhl und es schien, als hätte sie die Strasse beobachtet. Auf ihrem Schoss lagen ihre Liebesbriefe.
Als er in der Nacht auf dem Weg herauf war, hatte er in einer Kurve nicht aufgepasst. Er musste den Wagen abschleppen lassen und im Tal übernachten.
Er wollte ihr sagen, dass es wirklich keine Zukunft mehr für sie gab.
Nun hatte ihre Lebensuhr ihm die Entscheidung vorweggenommen.


 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.09.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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