Birgit Schabasser

Mit 66 Jahren

Mit 66 Jahren …...

 

Es ist ihr 66. Geburtstag. Annelies wacht früh morgens auf und streckt sich. Endlich ist es so weit. Sie freut sich schon sehr auf den heutigen Tag, auch wegen den Geschenken, die sie hofft zu bekommen. Gestern hat sie noch auf einem Blatt Papier alle Leute aufgeschrieben, von denen sie glaubt ein Geschenk zu bekommen. Grinsend schmiert sie sich ein Honigbrötchen und nebenbei bereitet sie sich einen starken Kaffee zu, damit sie heute auch wirklich den ganzen Tag wach bleibt. Tänzelnd bewegt sie sich in Richtung Küchentisch. Sie wundert sich selbst, dass ihr Knöchel und ihr Knie heute nicht weh tun und sie heute gar nicht humpelt. Das muss die Freude sein – ja es ist ja auch ein Freudentag. Ganz gelassen blättert sie neben dem Frühstücken in der Zeitung. Dann gähnt sie laut und streckt sich wieder. Heute kann sie faulenzen. Gekocht wird heute nicht, ihre Töchter haben Pizza bestellt für die ganze Familie. Heute muss einfach nichts gemacht werden, nur faulenzen steht auf dem Programm. Nach einer Stunde steht Annelies auf und räumt das Frühstücksgeschirr ab und macht den Tisch sauber. So erledigt, sagt sie laut zu sich: „Die Uhr zeigt 8:00 Uhr und es ist noch so viel Zeit bis zum Mittagessen.“ Annelies grübelt und denkt nach was sie in der Zeit machen soll. Sonst fängt sie dann schon immer zu kochen an, aber heute ist alles anders. Sie denkt nach und nach, aber ihr fällt nichts ein. Auf einmal fixieren sich ihre Gedanken nur mehr auf das Alter und ihr fällt ein, dass ihre Mutter 78 Jahre geworden ist und ihr Gehirn beginnt zu rechnen. 78 minus 66 sind 12. Das bedeutet sie kann noch 12 Jahre leben. So lange ist das dann gar nicht mehr. Auf einmal wird sie traurig und sie ist gar nicht mehr zum Feiern aufgelegt. Sie grübelt und grübelt und die Uhr steht schon auf 11.00 Uhr als es auf einmal an der Tür klingelt. Annelies zuckt zusammen und steht auf. Wer kann das denn schon sein? Sie ö! ;ffnet d ie Tür und sie blickt in ganz viele lachende Gesichter, die Happy Birthday trällern. Ihre Brüder und Schwestern sind dabei, ihre Freundin Helga, ihre Neffen und ihre Töchter. Auf einmal funkeln ihre Augen wieder. Alle haben Geschenke in der Hand und so viele Blumen und Pflanzen für den Garten. Annelies ist ganz begeistert. Sie stellt alle Geschenke auf einem Gartentisch ab und geht gedanklich die Liste durch von wem eventuell jetzt noch ein Geschenk kommen könnte. Grinsend reißt sie eine Pralinenschachtel auf und stiehlt ganz hastig eine Praline aus der Packung. Nervennahrung. Die Gäste machen es sich einstweilen auf den vorbereiteten Plätzen im Garten gemütlich. Ihre Töchter haben Getränke, Mehlspeisen und Brötchen für die Gäste bereitgestellt. Es wird geplaudert und gelacht und schon ist es Mittagszeit und auf einmal steht ein netter Herr an der Gartentür und ruft „Pizza ist da“. Ihre Töchter regeln die Bezahlung und bringen die Pizzas in die Küche.

Jede Pizza wird auf einem schönen, großen Pizzateller angerichtet und mit Servietten und Besteck eilen die beiden in den Garten. Einige der Gäste sind schon wieder aufgebrochen, Tante Christa und ihre Neffen sind noch geblieben. Es ist genug Essen für alle da. Jeder mampft und genießt das gute Essen, nur Annelies kann nicht ganz aufhören über das Alter nachzudenken.

Auf einmal hebt ihre Tochter Brigitta das Glas: „Mama, alles Gute zu deinem 66. Geburtstag, viel Glück und Gesundheit und all deine Wünsche sollen in Erfüllung gehen und Mama, du weißt ja, mit 66 Jahren fängt das Leben an.“

Annelies blüht auf einmal richtig auf und Tränen stehen in ihren Augen. Es sind Freudentränen. Sie freut sich so über die Rede von Birgitta – das ist das schönste Geschenk überhaupt. Annelies ist nicht mehr traurig. Sie ist sich nun sicher, dass erst jetzt das Leben anfängt und ganz lange weitergeht. Sie wundert sich, dass sie nicht selbst darauf gekommen ist, wo sie doch ein so großer Fan von den Liedern von Udo Jürgens ist. Annelies, du Dummerchen, mit 66 Jahren fängt das Leben an! Und es ist noch lange nicht zu Ende. „Wie konnte ich das vergessen“, denkt sich Annelies. Na ja, Alter schützt vor Torheit nicht.

 

ENDE

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