Hartmut Wagner

Ein Nazi wohnt in meiner Nachbarschaft! Was tun?

Einer meiner Nachbarn, eine Dumpfbacke sondergleichen, braucht noch nicht einmal eine Religion, um saudämlich und obendrein brandgefährlich zu sein.

Er ist ein Nazi, obwohl er beträchtlich jünger ist als ich und somit weder Nazi- noch Kriegs- noch die weiterhin stark von ehemaligen Naziverbrechern in hohen Positionen geprägte Nachkriegszeit der fünziger und sechziger Jahre bewusst miterlebt hat. Er ist so um die sechziger Jahre geboren.

Er hat mir seine Nazieigenschaft zunächst durch eine hornochsige, höchst bedenkliche Tat dokumentiert. Vorher kam ich gut mit ihm aus. Er hat mich freundlich gegrüßt. Ich ihn auch. Wie Nachbarn haben wir uns gelegentlich über dies und das, Wetter, Nachbarinnen und anderes unterhalten. Ich hielt ihn für friedlich und freundlich.
Allerdings hatte er neben sei
nen Autos auch ein Motorrad, das er gelegentlich mit einem stahlhelmähnlichen Eisentopf auf dem Kopf bestieg.

Da ich, von Kindsbeinen an, leidenschaftlicher Fahrradfan, Rennrad- und All-Terrain-Bike-Fahrer, eine natürliche Abneigung gegen Motorradfahrer und ihr Brumm-Brumm-Machogetue schon ohne Stahlhelmtöpfe auf Tröpfeköpfen hege, dachte ich mir aber nur: „Jedem Tierchen, sein Pläsierchen! Du bist ja auch nicht perfekt und pinkelst beispielsweise lieber in der freien Natur als auf deinem Klo, und dann auch noch im Stehen!“ Ja, wirklich.

Bin ich allerdings zu Gast bei Menschen, die in ihrem Klo auf Sitzpinkeln bestehen, mache ich das auch. Eine gute Lösung für dies männliche Alltagsproblem des Noch, ist der Einbau eines Pinkelbeckens neben dem üblichen Klotopf auf jeder Toilette. Das führt uns ein bisschen weiter in die Vollkommenheit des zukünftigen Noch-Nicht.

Nach dieser Abschweifung in die alltägliche Unbequemlichkeit kehren wir zurück zum Nazinachbarn, dem ich übrigens ein Gedicht gewidmet habe, das ich den Leser(inne)n nicht vorenthalten möchte:

 

Der nette Nazi von nebenan


Der nette Nazi von nebenan grüßt mich

falls er mich morgens, mittags oder abends sieht,

immer höchst freundlich und sagt mir die Tageszeit an:

Hallo, Herr Nachbar! Moin! Moin! Tachchen! N'Abend!“

Manchmal mäht er mit einem Knattermäher den Rasen.

Ab und zu wirft er den Hochdruckreiniger an,

um sein Pflaster zu säubern.

Wenn der Kirschbaum zu üppig wuchert,

kürzt der nette Nazi seine Äste radikal mit der Kettensäge.

Um und in seinem Haus herrscht Ordnung.


Darauf legt der nette Nazi großen Wert!

Das Schild: „Arbeit macht frei“ fehlt jedoch noch über der Eingangspforte!

Gern murkst der fleißige Arbeiter an seinen

vier Autos, rot, grün, blau, und natürlich braun, seinem Motorrad

und einem Fahrrad mit Hilfsmotor herum.

Sein Lieblingsauto ist ein riesiger alter Militärlaster,

umgebaut zum Wohnmobil, mit dem er in Urlaub fährt.

Später ist auf dieses Mobil noch zurückzukommen.

Das Motorrad besteigt er regelmäßig, einen Stahlhelm auf dem Kopf.

Der einzige Freund, auch stählern behelmt, folgt mit eigener Maschine.


An dem netten Nazi von nebenan stört sich bisher nur einer

und das bin ich, soviel ich weiß.

Und was ich mir darum sogar von Teilen der eigenen Familie

alles anhören muss: „Nestbeschmutzer, Unruhestifter, Blödmann!

Der ist doch wirklich nett und hat noch keinem was getan!“

Ach ja, auch dem Sohn einer Nachbarin ist etwas aufgefallen,

aber etwas, das der nette Nazi schon getan hat!

Es hängt mit seinem Militärlaster, dem Wohnmobil, zusammen!

Da hat er doch einst unter schweren Mühen gegoogelt

und nach mühseligen Tagen endlich etwas gefunden:


Ein Wort! Das schrieb er auf die rechte und linke Tür des Wohnmobils:

Schön, in altmodischer Nazifrakturschrift: „Führerhaus“!

Trotzdem, fast alle lieben den netten Nazi von nebenan!

Er hat ja nur was geschrieben, getan überhaupt nichts! Noch nicht!!!

 

Jetzt kennen wir alle die Hornochsentat meines Nachbarn, den ich einst für einen netten Menschen hielt: „Die Führerhausaufschriften, auf beiden Türen der Fahrerkabine seines Militärwohnmobils.“

Ich hätte das gern kommentiert und in roter Farbe und modernen Druckbuchstaben darunter geschrieben, auf die eine Tür: „Gummizelle“, und auf die andere: „Affenkäfig“. Aber man darf ja kein fremdes Grundstück betreten, selbst wenn da nicht nur ein Nazi lebt, sondern  ganze Scharen dieser politisch Irren und Gefährder wohnen.

Vor ungefähr einem Jahr, heute ist der 2.9.2021, waren mir zum ersten Mal diese saudummen, provokativen Schriftzüge aufgefallen, und ich wusste, dass neben mir kein netter Nachbar, sondern eine gefährliche braune Dumpfbacke lebt. Die hatte den „Wortwitz“ natürlich nicht selbst erfunden, dazu fehlen ihr die nötigen Gehirnzellen, sondern irgendwo in dem riesigen geistigen Müllgebirge des Internets aufgeklaubt, wo man selbstverständlich auch wesentlich Besseres findet. Aber jedem das Seine.

Ein nicht ganz so minderbemittelter Baggerfahrer hatte die dämlichen Aufschriften erstmals öffentlich auf seiner Baggerkabine veröffentlicht. Sein Chef sprach mit ihm ein ernstes Wort und veranlasste ihn dazu, sie schleunigst zu übermalen, was der Baggernazi auch notgedrungen tat.

Nun war aber die intellektuell unterbelichtete nachbarliche Dumpfbacke immerhin  mein Nachbar und Nachbarn macht sich niemand gern zu Feinden, auch ich nicht, ein Mensch der offene Worte durchaus nicht scheut.

So lebte ich dann tatenlos, aber sehr verärgert vor mich hin, bis zu einem Augusttag des Jahres 2021.

Ich hatte bei verschiedenen Verwandten und Freunden auf das Nachbarauto mit dem Nazigeschmiere hingewiesen. Aber sie meinten: „Lass uns mit diesem Quatsch zufrieden. Wenn dir das nicht passt, musst du mit dem sprechen. Der weiß vielleicht gar nicht, was er da für einen Mist geschrieben hat.“ „Und ob! Der weiß genau, was er da spazieren fährt: Provokante Nazipropaganda!“

In dieser Zeit bekam ich jedes Mal einen innerlichen Wutanfall, sah ich diese dämliche Mistkarre nur von weitem. Ich überlegte hin und her: “Du kannst diesen Naziterror nicht dulden. Der Saukerl macht das ganz bewusst. Ja, aber der nachbarliche Friede! Den stört dieser Arsch doch jeden Tag mit Wollust." Im August 2021 suchte ich dann ganz bewusst den Nazi auf.

Er lag auf dem Rücken unter der Militärkarre und schraubte an irgendwas herum.

Schönen guten Morgen, Herr Nachbar. Gibt doch immer was zu tun mit den Autos!“ „Tjaa, pünktlich zum Urlaub klemmt hier eine gottverdammte Dichtung!“ „Das tut mir aber sehr leid. Doch shit happens eben immer im richtigen Moment. Übrigens, hast du ein bisschen Zeit? Ich muss unbedingt mit dir reden.“ „Nur zu! Ich fahre erst morgen in Urlaub!“

Ich hätte wirklich sehr gerne gewusst, was du mit den zwei „Führerhaus-Aufschriften“ ausdrücken willst, da an den Türen deines Wohnmobils. Ich halte sie für saublöde Nazipropaganda und möchte am liebsten in grellem Rot darunter sprühen: „Affenkäfig!“ und „Gummizelle!“

Das lässt du mal schön bleiben! Ich würde sowieso alle Linken einsperren und dich zuerst!“ „Das würde ich mit euch Neonazis genauso machen, wenn ich könnte. Aber was soll das Nazigeschmiere! Willst du etwa trotz sechs Millionen vergaster Juden und fünfzig Millionen im Krieg niedergemetzelter Zivilisten und Soldaten für den „Führer“ Propaganda machen?“

Ja, den Führer finde ich sehr gut!“ „Das ist doch wirklich das Allerdämlichste, was ich je im Leben gehört habe. Und ich bin immerhin kürzlich bereits 77 Jahre alt geworden. Ich werde jedenfalls nicht eher ruhen, als bis dieser Mist von Deiner hässlichen Knatterkiste verschwunden ist und die entsprechenden Maßnahmen ergreifen.“ „Ja ich weiß, ich weiß! Du bist hier bei allen Nachbarn als der größte Denunziant bekannt“. „Die „allen“ sind gerade mal zwei. Du und dein seltsamer Eiskratzer- und Stahlhelmfreund. Den habe ich nach vorheriger Abmahnung angezeigt, weil er an jedem Wintermorgen stundenlang seinen stinkenden Diesel vor meinem Schlafzimmer im Leerlauf vom Scheibeneis befreite. Damit selbst du begreifst, was ein Denunziant ist, das ist einer, der anzeigt ohne seinen Namen zu nennen und vorher kein Gespräch mit seinem Gegner sucht.

Du musst nur das Geschmiere von deinem Auto entfernen und ich brauche nichts weiter unternehmen. Sonst werde ich zur Polizei und zu den „Ruhrnachrichten“ gehen, um bekannt zu machen, was für einen Scheiß du durch die Gegend fährst. Und jetzt kannst du mich mal, du Neonazi!“

Nun, ich informierte wie versprochen die Polizei und die heimischen Ruhrnachrichten. Die Chefreporterin der Ruhrnachrichten, Angela Klarksen, war gerade sehr beschäftigt, meinte aber: „Das ist ja sehr interessant mit dieser Nazipropaganda in Frakturschrift auf den Türen. Wenn ich Zeit habe, komme ich sofort vorbei und schieße ein paar Fotos. Dazu befrage ich den Nazinachbarn anschließend. Ich bin unverzüglich da, wenn ich kann.“

Sie kam auch, aber leider zu spät, am andern Tag. Da war der Nachbarnazi bereits mit seinem beschmierten Auto in Urlaub gefahren. Wer weiß wohin! Vielleicht auf einen Bauernhof in Braundeutschland, der Ex-DDR, auf ein Adolf-Hitler-Verehrer- Seminar.

Nun ja, durch das Zuspätkommen hatte Frau Klarksen sich zumindest vorläufig um interessante Fotos und eine spannende Politstory gebracht.

Auch die Polizei kam mit einem Auto zum Haus des Nazis, aber nicht zu mir, obwohl ich genau schräg gegenüber wohne.

Einen Tag später rief mich ein Polizist an und wollte die Nummer des Propagandafahrzeugs. Die kannte ich jedoch nicht, wollte mich aber darum kümmern, sobald der Nachbarnazi wieder aus dem Urlaub zurück war. Die Polizei teilte mir ansonsten mit, die Aufschriften seien womöglich nicht kriminell im Sinne des Strafrechts, aber trotzdem höchst bedenklich. Sie wolle der Sache auf alle Fälle aber nachgehen. Ich solle am Ball bleiben und sobald der Neonazi wieder zuhause sei, das Autokennzeichen an sie durchgeben.

Auch der Reporterin hatte ich versichert, umgehend anzurufen, sobald Naziauto samt Eigentümer aus dem Urlaub zurück wären.

Als ich im Kreise meiner Familie von meiner Aktion erzählte, lobte man mich keineswegs, sondern beschimpfte mich als Nachbarverräter und nörgelhaften Streithammel. Man wünschte nichts mehr von dem Fall zu hören und behandelte teilweise den Neonazi in der Folge mit Zuneigung und Freude, scherzte und lachte mit ihm, was mich mit einer Granatenwut erfüllte.

Der Nazi war keineswegs ein Störenfried der Nachbarschaftsidylle, sondern ich. So kann man als Mensch enden, folgt man seinem Gewissen, in Deutschland mit seiner verbrecherischen kriegerischen und judenmörderischen Vergangenheit und Gegenwart. Man denke nur an den kürzlichen Anschlag auf die Synagoge in Halle, die Brandstiftungen in Asylbewerberwohnheimen, die Morde an Schwarzen in den von Neonazis befreiten Gebieten im braunen Osten Deutschlands und die Hetze der neonazistischen AFD-Rassisten und Antisemiten, die naive Politschafe für Mitglieder einer demokratischen Partei halten.

Nach vierzehn Tagen kehrte der Adolffreund heim! Und, oh Wunder, die Aufschriften, auf den zwei Türen der Fahrerkabine waren verschwunden, mit Farbe überstrichen. Deswegen war deutlich zu erkennen, wo sie einmal die Welt mit Nazidreck beschmutzt hatten.

Ich schrieb  die Autonummer auf und ging zur Polizei. Dort empfing mich ein freundlicher Herr Müller, der sich bedankte und meinte, man würde den Fall weiter verfolgen und mich auf dem Laufenden halten. Die Aufschriften erfüllten zwar vielleicht keinen Straftatbestand seien, aber dennoch politisch höchst bedenklich.

Ich teilte Herrn Müller mit, die Aufschriften seien inzwischen von den Autotüren verschwunden. Wir hätten also einen Erfolg zu verzeichnen. Er freute sich das zu hören.

Auch die Reporterin informierte ich über den Stand der Dinge. Meiner Ansicht nach, brauche man der Sache nicht weiter nachzugehen.

Dem Nazi sei der Arsch auf Grundeis gegangen und er habe aus diesem Grunde den blöden Propagandadreck übermalt. Ich schickte ihr aber per Handy ein paar Fotos von dem gereinigten Wagen, die ich von der Straße über die Hecke schoss und auf denen deutlich zu erkennen war, wo der Mist einmal gestanden hatte.

Inzwischen, heute am 23.9.2021, hat der Neonazi das Auto vollständig in einem dunkleren Schwarzgrün lackieren lassen.

Nun, äußerlich haben Reporterin, Polizei und ich einen großen Erfolg errungen. Dennoch ist davon auszugehen, dass der Neonazi immer noch einer ist und nur aus Angst vor äußererm Druck agiert hat. Ich jedoch werde weiterhin unnachsichtig gegen jeden Naziübergriff in meiner Nachbarschaft oder wo immer man mich damit konfrontiert, vorgehen und freue mich über den Teilerfolg.

Ja, und vielleicht, aber nur ganz vielleicht, werden irgendwann, gemalt von unbekannten, nächtlichen Nebelhänden in knalligem roten Lack mit großen, künstlerischen Buchstaben auf der rechten Autotür das Wort: "Affenkäfig“ und auf der linken die Bezeichnung  "Gummizelle" erscheinen.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.09.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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