Brigitte Waldner

De Blede


Ich ging mit Elena, meiner Hündin, den Berg hinauf zum Friedhof.

Als ich den Parkplatz vor dem Friedhofseingang erreichte, stand dort nur ein PKW. Zwei Damen, vom Friedhof kommend, gingen auf ihn zu. Als sie mich erblickten, schauten sie in die andere Richtung. Es war ja sonst niemand dort. Ich sah sie nur von hinten. Also konnte ich auf 5 Meter Entfernung rufen: „Ist das die Stefanie?“ Zu diesem Zeitpunkt hatten sie gerade das Auto erreicht. Erst wollte sie mich nicht hören und drehte sich auch nicht um. Die Jüngere der beiden stieg auf der Fahrerseite ins Auto ein. Nach dem dritten Rufen drehte sich Stefanie um, sagte aber nichts. Dann war ich ihr schon so nahe, dass ich sie erkennen konnte. Sie sagte, sie habe mich nicht erkannt. Ich sie schon, obwohl ich sie lange nicht mehr gesehen hatte und sie jetzt mit einem Stock geht. Sie muss ja schon über achtzig sein. Ihr Mann war der Cousin meiner Mutter und ist auch schon ein paar Jahre tot. Die jüngere Frau ist ihre Schwiegertochter. Stefanie wohnt jetzt nur mehr ganz alleine in ihrem Haus. Der Sohn und die Schwiegertochter sind ausgezogen. Im Ort wohnt aber noch eine Tochter von ihr, die sie jeden Tag besuchen kommt, erzählte sie mir. Ich kenne die Nachkommen meines Großcousins gar nicht.

Sie fragte mich, wie es mir geht und freute sich, dass ich einen Hund habe und nicht mehr so alleine bin und dann wünschten wir uns alles Gute und gingen auseinander. Sie stieg ins Auto ein. Ich hörte, wie ihre Schwiegertochter fragte: „Wer ist de?“ Und ich hörte die Antwort: „De Blede.“ So oft wir aufeinander trafen, und das war meistens am Friedhof, war sie immer freundlich zu mir. Ich weiß schon, woher das kommt. Die Tante Laura hat mich ja überall von Kind an und lebenslänglich schlecht gemacht und so dummes Zeug über mich geredet. Jetzt ist die Tante Laura schon seit 3 Jahren tot, aber sie wirkt nachhaltig. DE BLEDE heißt hier nicht etwa, die Dumme, nein, das heißt hier "die Depperte" und das heißt eigentlich „DIE GEISTESGESTÖRTE“ oder GEISTIGE DEFIZITE.  Wenn man sich gegen Leute wehrt, die einem Böses tun, wird man als geistesgestört hingestellt, als ob man nur verrückte Geschichten erzählen würde. Dem Opfer wird die Wahrheit nie geglaubt, dem Täter, der die verbalen Verletzungen ausführt, jede Lüge. Stefanie war keine Psychiaterin, sie war nur eine Hausfrau. Sie hat nicht einmal einen Führerschein gemacht. Sie hat nie ein Auto gefahren. Meine Großeltern und meine Mutter haben nie schlecht über Stefanie geredet. Meine Oma und die Mutter von Stefanies Mann waren ja Geschwister.

Ich kann mich erinnern, dass meine Mutter manchmal weinte. Wenn ich sie fragte, warum sie weint, sagte sie nur: „Es hat jemand was Dummes gesagt.“ Mehr sagte sie nicht, weil sie mir nicht wehtun wollte. Aber einmal sagte sie mir, dass ein Enkelkind der Tante Laura, und diese war immerhin Mutters jüngere Schwester, fragte: „Wo ist denn heute die KOMISCHE?“ Meine Mutter fragte, wen er meint und er sagte: „Na, die Komische halt, de BLEDE, die sonst immer da ist.“ Meine Mutter sagte nichts, weil sie so schockiert war und keine Auseinandersetzung wollte, und weil seine Mutter daneben war, die ihn aber nicht zurechtwies. Das Kind ging damals noch gar nicht zur Schule, war es schon gegen mich aufgehetzt, ein Bub mit 5 bis 6 Jahren.

Die Tante Laura sagte einmal, weil ich so bled bin, kriege ich keinen Mann. Es scheiterte, wenn nicht an ihren Grausamkeiten, dann aber an meiner hohen Intelligenz. Ich durchschaute jeden schon vorher, da muss ich nicht erst eine Ehe eingehen. Ein schiefes Wort und ich bin weg von jetzt auf gleich. Da gehe ich keine Kompromisse ein. Ich mache nicht erst ein Eheversprechen auf immer und ewig, wo ich genau weiß, dass ich es nicht halten werde können unter den Bedingungen, die auf mich zukommen könnten. Es waren eh schon so viele Leute grausig zu mir, da muss ich mir nicht noch freiwillig einen Mann aufhalsen, der mich auch noch nervt. Immerhin ist eine Tochter der Tante Laura schon zweimal geschieden. Von jedem hat sie ein Kind, und mehrere weitere Männer überklaubte sie davor, dazwischen und danach wieder. Von dem, den sie in 2019 noch hatte, fühlte sie sich schlecht behandelt, erzählte mir der Mann mit der Fußfessel, der ihr Haus gekauft hatte. Er wäre nur an ihrem Geld interessiert, das sie beim Verkauf ihres Elternhauses erhielt. Ach die arme, man glaubt ihr jedes Wort und bedauert sie. Jeden Unsinn, den sie über mich erzählt, glaubt man ihr auch. Mir hat man nie was geglaubt, und mich hat keiner jemals bedauert. Ich wurde immer nur beneidet und als Lügnerin und Märchenerzählerin hingestellt, damit andere Narrenfreiheit hatten, die mir Böses antaten und weiterhin antun konnten.

Als Tante Laura verstarb, habe ich ihr einen Kranz mit Rosen und einer Schleife mit meinem Namen und der Aufschrift „In lieber Erinnerung“ zum aufgebahrten Sarg stellen lassen, obwohl sie mich nie mochte und mir genug Böses antat, dass es für 300 Jahre reicht, gerade extra, weil sie mich überall so schlecht gemacht hatte. Aber die Leute haben es entweder ignoriert oder nicht einmal gemerkt, weil sie nicht intelligent genug sind, zu durchschauen, dass ich allen damit vor den Kopf gestoßen habe. Wie passt denn das zusammen, wenn ich so ein schlechter Mensch bin und so eine Blede, dass ich dann einen Kranz mit lauter Rosen finanziere für meine Erzfeindin? Warum war sie denn meine Erzfeindin? Weil ich als Erbin für das Haus meiner Großeltern vorgesehen war und es schließlich auch geerbt habe, aber mit der Auflage, sie zu pflegen. Dieser Pflege bin ich nachgekommen. Und ich habe es ja nicht einmal geerbt, sondern meine Mutter und nach ihr, ich. Und da sie mit 75 Jahren verstarb, war ich halt erst 52. So war es tatsächlich. Ich habe nichts geschenkt bekommen, nicht einmal den Hass der Verwandten, sogar der hat viel Geld an Anwaltsgebühren und meine Nerven und die meiner Mutter gekostet, mich gegen alles zu wehren, was sie mir permanent unterstellten. Wer hat die Rechtsanwälte bezahlt? Meine Mutter, wenn ich kein Einkommen hatte, wenn ich die Pflege der Angehörigen machte und dafür von meiner Mutter erhalten wurde.

Für alle bin ich de Blede, aber alle sind mit mir verwandt, und daher haben sie die gleichen Gene. So etsch! Sie sind alle nicht weniger bled als ich. Wenn ich geistige Defizite haben sollte, dann haben sie diese aber auch. Nur sie haben es nicht einmal durchschaut. Ich habe es wenigstens schon durchschaut, also kann ich so bled aber auch wieder nicht sein. Außerdem bin ich die einzige meiner Generation mit Gymnasium und AHS-Matura, und das im 2. Bildungsweg. Meine fünf Kusinen und vier Cousins sind alle nicht so weit gekommen und die Generation vor mir auch nicht. Meine Mutter hatte nicht einmal einen Beruf im Gegensatz zu ihren Geschwistern. Aber sie war die einzige, die ihr ganzes Leben lang in die Fabrik zur Arbeit ging, Fulltimejob! Ihre Geschwister waren nur Hausfrauen, obwohl sie eine Berufsausbildung hatten.

Ich dachte mir, ja, liebe Stefanie, wenn wir uns das nächste Mal wieder begegnen, sind wir keine Freunde mehr. Dann werde ich dich auch nicht mehr erkennen. Und wenn es einmal so weit ist bei dir, dann komme ich auch nicht, weil ich meine versammelte Verwandtschaft gar nicht sehen will, weil ich für alle nur DE BLEDE bin. Ich werde so schlau sein und daheim bleiben.

Text und aktuelles Foto: © Brigitte Waldner

Nachtrag:

Ich erinnere mich an eine Episode vor genau 20 Jahren. Als meine Großmutter, die mich aufgezogen hatte, an einem Sonntagnachmittag verstarb, habe ich alle Verwandten angerufen und sie informiert, dass für Donnerstag die Beerdigung geplant ist, falls wir den Termin auch bekommen. Sie würden eine Parte und genau und rechtzeitig Bescheid bekommen von mir.  Meine Oma hatte viele Neffen. Eine Frau von einem Neffen, der ihr Patenkind war, sprach ich am Telefon. Sie nahm meine Information sehr unfreundlich entgegen und zu meinem Großcousin, also ihrem Mann, sagte sie, ich "würde wieder einmal spinnen, ich hätte erfunden, dass meine Oma verstorben wäre". (Ich habe noch nie gesponnen. Ich kann gar nicht spinnen. Aber meine Oma hatte mehrere Spinnräder und hat tatsächlich Wolle versponnen und uns davon was gestrickt.)

Die Stefanie, die ich ebenfalls informiert hatte, ging auf den Friedhof und schaute in die Leichenhalle, ob das überhaupt wahr ist, dass meine Oma verstorben ist. Wahrscheinlich hatte sie sich mit der anderen Dame wohl abgesprochen. Das hat sie hinterher gesagt zu meiner Mutter, dass sie das mir gar nicht glauben konnte. Sie haben mich nicht ernst genommen, die eine wie die andere nicht.  Meine Oma verstarb mit 91,5 Jahren in 2001 und war schon ein halbes Jahr bettlägerig und erblindet. Das wussten alle. Es ist unglaublich, wie festgefahren und eingeschworen und aufgehetzt die Menschen sein können und noch dazu die Angehörigen von Verwandten, nur weil die Laura mich überall mit geistigem Defizit hingestellt hatte.

Einmal wurde ich unterwegs von einer älteren Dame angehalten, die mein Auto stoppte, um mitzufahren. Ich kannte sie vom Sehen. Sie war aus unserem Ort, aber weiter entfernt schon. Ich blieb stehen, nahm sie mit und dann stellte sich heraus, sie hatte mich mit einer Tochter der Tante Laura verwechselt, da wir uns etwas ähnlich sehen, meinte sie. Ich bin aber die Hübschere und sehe jünger aus als sie, die jünger ist als ich.  Auf der Fahrt erzählte sie mir, dass sie total überrascht sei, wie lieb und anständig ich bin. Sie habe so Schlechtes über mich gehört, eben von der Tante Laura und deren beiden Töchtern. Sie hatte sich so gefreut, dass ich sie mitgenommen hatte und hat dann ihre Meinung über mich offensichtlich geändert, als sie mich persönlich kennenlernte. Tante Laura hat allen ein völlig falsches Bild von mir gemacht, nur aus reinstem Erbschaftshass.

In meiner Kindheit hatte meine Oma Zimmer in unserem Haus an Sommergäste vermietet. Die Tante Laura, die eine Tochter von meiner Oma war, nahm zu den Sommergästen Kontakt auf und warnte sie vor mir. Sie sagte, sie sollten ihre Kinder von mir fernhalten, da ich gefährlich sei und geistige Defizite hätte. Die Sommergäste haben es dann wieder meiner Mutter erzählt und konnten sich ja von mir überzeugen, dass ich ein normales und sogar sehr braves Kind war. Und da ich ja liebenswürdig und hübsch mit strohblondem Lockenkopf war, haben sie mich überall hin mitgenommen, auf die Berge zum Wandern, zum See zum Baden und das Schwimmen haben sie mir auch beigebracht. Die Tochter einer Advokatenfamilie aus Niederlande hat es mir gelernt. Ich hatte sehr schöne Sommer mit den Sommergästen aus Deutschland, Niederlande und Belgien. Die waren alle nett zu mir und haben mir immer alles finanziert.                             

 

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