Hartmut Wagner

Wir kaufen uns ein Häuschen, ein Cassetta, in Cananda

Mit dem folgenden Schlager belegte der Wiener Willy Hagara 1958 in der Hitparade den 3. Platz. Das war und blieb sein größter musikalischer Erfolg, jedenfalls nach einem Artikel über Hagara in „wikipedia“ aus dem Jahr 2021:


Wir kaufen uns ein Häuschen, ein Cassetta in Cananda!


Wir kaufen uns ein Häuschen, ein Casseta, in Cananda.

Wir jagen dort nach Bären, denn es sind so viele da.

Und unsern Freunden sagen wir: „Hallo, Hipphipp, Hurra!

Besucht uns mal, besucht uns mal im Haus von Cananda!

Besucht uns mal, besucht uns mal im Haus von Cananda!

Und du, du bist die Schönste, in dem schönen Cananda!

Drum komm mein Liebchen, sag nicht nein, komm mit nach Cananda!

 

Ich kenn ein Fleckchen Erde und das ist wunderbar.

Dort gibt es wilde Pferde, Wälder und weite Seen.

Dorthin will ich dich führen und du wirst mich versteh'n.

Am Morgen, wenn die Sonne lacht, zieh'n wir durch Wald und Feld.

Ich singe Dir ein Liedchen, ein wunderbares Liedchen!

Doremifasolati, doremifasido!

Wir kaufen uns ein Häuschen mit Klosett in Cananda usw.usf.

 

Den Text habe ich so gut es ging, rekonstruiert. Ein Auftritt Hagaras in Lou van Burghs Fernsehsendung: „Mit Musik geht alles besser“ im Jahr 1982 ermöglichte das. Er ist bei „you tube“ dokumentiert.

you tube“ ist einfach wunderbar. Alle Musik der Welt ist dort verfügbar.

Und wenn ich in Stimmung bin, höre ich mir von Maria Callas Bizets Habanera an, eine Hamburger Aufnahme aus dem Jahre 1962. Aaaaaa, wie diese Frau singt! Sie trifft mich mitten ins Herz und rührt mich regelmäßig zu Tränen, jemanden, der Männer komisch findet, die in der Öffentlichkeit weinen. Aber, wenn ich diese Stimme, diese Musik und diese Frau bei „you tube“ höre und sehe, befinde ich mich nur in meiner eigenen Gesellschaft. Dies Hör- und Seherlebnis, einfach nicht zu überbieten! Wie diese Sängerin nur noch Stimme und Ausdruck iist. Diese Konzentration auf das Wesentliche!

Die Callas öffnete, wenn sie sang, ihr Herz und ihre Seele und die ihrer Zuhörerinnen und Zuhörer, ihrer Zuseherinnen und Zuseher auch. Sie gab ihnen und sich selbst so ein neues Leben.

Die Callas und Willy Hagara! Mein Gott Willy!

Nach dieser ganz und gar völlig umständlichen und überhaupt total unmöglichen Einleitung

brechen wir jetzt aber mit Lichtgeschwindigkeit nach „Cananda“, das wir in Hagaras Schlagertext eingebaut haben, und nicht etwa nach „Canada“ auf, obwohl wir eigentlich immer in meinem Heimatort Berlin-Zehlendorf bleiben.

Da gab es einst, vor langer, langer Zeit, bis zum Ende der fünfziger Jahre, eine Taschentuchfabrik namens Köni, an die heute nur noch eine gleichnamige Bushaltestelle neben der Straße Heimat erinnert. In allen Häusern der Umgebung hörten die Anwohner damals das Klappern der Webstühle, wenn die Produktion auf Hochtouren lief.

In dem Textilbetrieb arbeitete meine Kusine Lore, ein sehr hübscher, rundlich kurviger Teenager im Alter von 14 Jahren als Bürolehrling. Und „Cananda“ war womöglich ein geheimer Sehnsuchtsort meiner Kusine, vielleicht aber auch nicht. Aber wir werden ja sehen!Die sehenswerte Lore jedenfalls war etwas naiv wie viele Jugendliche in ihrem Alter. Das erhöhte aber ihren Jungmädchencharme sogar noch.

Die Firma hatte ihr Chef, ein richtiger Gentleman, aus dem Sudetenland nach Berlin importiert. Viele seiner ehemaligen Beschäftigten brachte er mit und stellte sie wieder als Arbeitskräfte ein.

Die Fabrik war in ehemaligen Baracken des Naziarbeitsdienstes untergebracht, wo leider mein Vater als Oberfeldmeister die braune Jauche bis zu seinem Tode vor meiner Geburt im Jahr 1944 unter junge Deutsche ausgeteilt hatte. Darüber komme ich 77 Jähriger bis heute nicht weg. Zumal die ekelhaften Neonazis gegenwärtig zunehmen, obwohl die Altnazis leider noch nicht alle tot sind. Sogar in meiner Nachbarschaft gibt es eine neonazistische Dumpfbacke, die mich noch zum Wahnsinn treibt..

Der Chef, Herr Köni, groß, schlank, mit Oberlippenbärtchen a la Fürst Rainier von Monaco,

vollem Haarschopf, guter Laune, noch besseren Manieren und Herzensgüte gesegnet, obendrein ein schöner Mann, behandelte meine Kusine wie jede erwachsene Frau in seinem Umfeld, öffnete ihr die Tür und nahm ihr schwere Sachen ab, die er dann selbst trug.

Meine Verwandte, wie fast alle seine Beschäftigten, verehrte ihn.

Herr Köni brauchte keinen Jaguar oder Ferrari um etwas darzustellen. Er fuhr einen grünen Lloyd, einen richtigen kleinen Plastikbomber. Der aber trug in seinem Heckfenster einen gelben Aufkleber mit der Aufschrift: „Dieser Wagen läuft auf Rädern und nicht auf Wechseln.“

Ich, damals ein vaterloser Siebenjähriger, hätte gern einen Vater wie Köni gehabt. Da er aber bereits an seinen Sohn Christoph vergeben war, wollte ich jedoch mindestens später ein Gentleman wie der ältere Köni werden. Denn ein Gentleman, das war das Mindeste, was mir für die Zukunft vorschwebte.

Aber fast meine ganze Umwelt war damals überzeugt davon, das ich eher einem Elefanten im Porzellanladen ähnelte als einem Herrn im schicken Zwirn mit exzellentem Benehmen.

Vielleicht eher dem Vizechef und Teilhaber des Unternehmens Herrn Feistig, der anders als sein Vorgesetzter nicht den Verkauf und die Lieferanten managte, sondern im Wesentlichen

Kosten und Gewinne sowie die kaufmännische Korrespondenz im Auge behielt.

Beim Anblick des untersetzten rotgesichtigen Feistig, den oft Wutausbrüche heimsuchten, bei denen sein Kopf noch röter als normal leuchtete, dachte niemand an einen Gentleman, sondern die meisten eher an einen Kneipenwirt im „Haifisch“ auf der Hamburger Reeperbahn.

Die Angestellten liebten ihn keineswegs wie den Chef, sondern respektierten Feistig eher, klatschten aber gern über ihn Die Lehrlinge fürchteten ihn sogar ein bisschen. Auch Lore schüchterte er ein. Bei ihm strengte sie sich besonders an, um nur ja keine Fehler zu machen.

In der Nachkriegszeit war eine Lehrstelle schwer zu bekommen.Die Mutter, meine Lieblingstante Mimmi, hatte sie per Fürsprache besorgt. Sie verrichtete schon längere Zeit Heimarbeit für die Firma Köni, säumte die feinen Taschentücher und verpackte sie .Lore brachte sie danach in die Fabrik, Der Chef hatte sie einmal freundlich angelächelt und in ein kleines Gespräch verwickelt.

Dann kam Lore aus der Volksschule, suchte eine Lehrstelle und Tante Mimmi fand eine: „Lore, du hast mir doch neulich erzählt, dass der Herr Köni dich ganz gut leiden mag. Du könntest bei dem doch vielleicht als Bürokauffrau anfangen. Ich gehe da mal hin und frage.“

Prima, da könnte ich immer mit dem netten Chef zusammen arbeiten. Ich glaube da verdientman auch ganz gut. Und Bürokauffrau, da kann man vielleicht später mal Abteilungsleiterin, Buchhalterin oder sogar Prokuristin werden.“

Vorläufig war sie erst einmal Lehrling und da verlangte der Herr Feistig alias „Rotbäckchen“ schon einiges.

Sie musste gerade fünfzig Geschäftsbriefe an Kunden und Lieferanten in einem sehr seltsamen Land mit Adressen beschriften. Herr Feistig hatte ihr den Namen des Landes in Großbuchstaben auf einen Zettel geschrieben, auf drei andere Papiere Namen, Wohnorte und Straßen der Geschäftsleute: „Damit Sie das auch alles richtig schreiben, Fräulein Briedeling. Sonst müssen wir fünfzig Briefe noch einmal adressieren. Passen Sie also gut auf! Konzentrieren sie sich und machen bitte alles richtig! Es handelt sich hier durchaus um eine verantwortungsvolle Aufgabe, auch wenn es auf den ersten Blick vielleicht nicht so aussieht! Und arbeiten Sie bitte sorgfältig, nicht so hektisch und aufgeregt, natürlich schnell, aber immer schön sukzessive und gelassen. Ich komme dann in zwei Stunden wieder und sehe nach dem Rechten.

Jetzt lasse ich Sie erstmal allein Fräulein Briedeling! Bis gleich!“

Sukzessive“, „peu a peu“ sowie „obsolet“ waren die Lieblingsworte Herrn Feistigs. Lore wusste nicht so genau, was sie bedeuteten, staunte aber ehrfürchtig, wenn sie aus dem Mund des Fabrikanten fielen. Sie sollte heute aber noch ganz andere kennen lernen. Das erste war der Landesname: „CANANDA, CANANDA, CANANDA“, das gibt es gar nicht! Das muss doch „CANADA“ heißen!? Aber Feistig, der weiß doch immer alles und wenn ich jetzt zu dem hingehe und frage, ob „CANANDA“ richtig ist, dann schnauzt der mich sicher an! 'Können Sie nicht lesen? Oder haben Sie im Erdkundeunterricht nicht aufgepasst! Wenn ich „Cananda“ schreibe, dann ist das richtig! Himmel, Donnerwetter! „Cananda!“ „Cananda“ und nochmals „Cananda!“ Wie soll das denn sonst heißen?“ .Ach, ich schreibe das jetzt so auf. Wird wohl richtig sein. Ist ja schließlich der Chef und hat immer Recht. Obwohl: „CANANDA!“,„CANANDA!“, „CANANDA!“, so ganz gefällt mir das nicht. Ach, ich weiß nicht! Schreibe ich das einfach so auf, wie er es mir vorgeschrieben hat“, murmelte Lore vor sich hin.

Inzwischen waren alle fünfzig Briefe adressiert. Die Tür flog auf und Chef Feistig herein.

Na, alles so gemacht, wie ich es Ihnen vorgeschrieben habe. Sieht ja auf den ersten Blick ganz gut aus mit Ihrer schönen Handschrift! Aber auf den Zweiten!

Himmel! Herrrgott! Sakrament! Das gibt es doch gar nicht! Das ist doch völlig unmöglich! Grotesk! Zum Überschnappen! Sind Sie denn völlig von Gott und allen guten Geistern verlassen?“ Feistigs Gesicht färbte sich violett! Dicke Schweißtropfen standen auf seiner Stirn und rollten die Wangen hinab!

Lore duckte sich und dachte: „Ich sage mal besser nichts. Bis der sich beruhigt, das kann dauern. Hoffentlich bekommt er keine Herzattacke oder einen Schlaganfall!“

50 Briefe für die Katz“, brüllte eine Donnerstimme! "Canada! Canada,! CAAAANAAAADAAA!“, knallte es in Lores Gehörgänge.

Da hätten Sie doch gleich „CÜNÖDÄ!“ oder „UMORICO“, „ITOLIEN“, „FRUNKWEICH“ odergar „DOTSCHLUND!“ schreiben können. Alles nochmal schreiben, sofort, sukzessive, und bitte, kein bisschen obsolet!“

Feistig jagte wie von Höllenhunden gejagt umher! „Nicht zu fasssen! Nicht zu fassen! Wenn man hier nicht alles selber tut!“

Lore zog sich zu einem Häufchen Elend zusammen und Feistig schrie erbost: „Und jetzt! Und jetzt! Das ist doch wohl absolut die Höhe! Jetzt sitzen hier herum mit Unschuldsmiene! Und können nicht mal 'Muh' sagen!“

Er drehte sich auf den Absätzen herum, knallte die Tür zu und verschwand. Wahrscheinlich nach „Cananda“!

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.09.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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