Markus Göhler

Himmel und Hölle

Ein großes, altes Gebäude befand sich vor mir. Es ähnelte einer Villa und hatte große Fenster, doch in ihnen konnte ich kein Zeichen von Leben vernehmen. Ich, wenn ich meinen Namen noch kennen würde, würde ich ihn an dieser Stelle preisgeben, schaute mich um und bemerkte, dass ich völlig allein mit dieser verkommenen Villa im Nichts stand. Lediglich eine graue Fläche von gigantischem Ausmaß und vereinzelte, verdorrte Bäume gestalteten die Landschaft, die trostloser nicht hätte aussehen können. Ein Kiesweg, auf dem ich mich unerklärlicherweise befand, führte zur Villa hin und das andere Ende des Weges erstreckte sich bis zum Horizont, viel weiter als ich sehen konnte. Auch in der Ferne erkannte ich nichts, außer die verkümmerten Bäume, die mit der Entfernung zu schrumpfen schienen. Es war vermutlich Tag, genau konnte ich das aber nicht sagen, weil ich keine Stelle in der düsteren Wolkendecke sah, hinter der sich eine Sonne bemühte, Helligkeit für diese Einöde zu spenden.

Ich erhoffte mir von einem Eintritt in die Villa Auskunft über meinen jetzigen Standort und beschloss, mich drinnen einmal umzusehen. Der billig vergoldete Türknauf war staubig, ließ sich aber erstaunlich gut drehen. Die Tür wiederum quietschte als ich sie öffnete und der Lichtkegel, mit dem ich gemeinsam in das Gebäude eintrat, erlaubte mir nur eine spärliche Sicht auf die große Eingangshalle, in der ich mich nun befand. Vorsichtig ging ich umher. Die Dielen knarzten unter meinen Füßen bei jedem Schritt und ich fand nichts, was mir weiterhelfen würde. Zu meiner Linken war eine Art Wohnzimmer mit einem merkwürdig schiefen Kamin darin und drei altmodischen Sofas, die vor dem Kamin im Halbkreis positioniert standen. Ich war auf der Suche nach Dokumenten oder etwas Vergleichbarem, was mir Antworten auf meine Fragen geben könnte, denn von ihnen hatte ich viele. Nicht nur, dass ich keine Ahnung hatte, wo ich war. Ich wusste nicht welchen Tag wir hatten geschweige denn welches Jahr. Über mein Leben, meine Existenz, war mir nichts bekannt, was mir allein schon große Sorgen bereitete. Langsam, aber sicher merkte ich, wie wenig ich Herr meiner Lage war und ich bekam es mit der Angst zu tun.

Vertieft in meinen Gedanken hatte ich nicht bemerkt, dass sich von hinten vorsichtig jemand näherte. Ich fuhr herum und machte einen Schritt zurück. Eine offensichtlich erschrockene Frau mittleren Alters stand vor mir und fragte mit einem Zittern in der Stimme: „Wissen Sie, wo wir hier sind?“. „Nein.“ antwortete ich und hielt kurz inne. Meine Stimme war mir fremd. Ich konnte mich nicht daran erinnern sie jemals gehört zu haben. „Wie lange sind Sie schon hier?“ fragte ich durstig nach Antworten. „Das weiß ich nicht!“ brachte die Frau aufgeregt hervor. „Es scheint hier keinen Tag und keine Nacht zu geben. Ich kann nicht sagen, ob ich seit Stunden oder Tagen hier bin.“. „Was hält Sie denn hier?“ wollte ich wissen. „Haben Sie nie probiert hier wegzugehen?“. Ihre Augen wurden nass und sie erwiderte: „Doch! Natürlich habe ich probiert zu verschwinden, aber das Haus ließ mich nicht gehen!“. Ich runzelte die Stirn und war irritiert. „Das Haus ließ Sie nicht gehen?“ fragte ich ungläubig. „Ich wollte vor einer Weile gehen und schauen, ob ich nicht etwas in der Nähe finden würde, was mir aus dieser Situation helfen könnte, aber es war, als ob mir das Haus hinterhergekommen ist. Es war mir nicht möglich, mich mehr als 100 Meter vom Haus zu distanzieren.“. Die Frau wurde ruhiger. Scheinbar verlor sie die Hoffnung als sie merkte, dass auch ich keinen Rat hatte. Ich wusste nicht was ich sagen sollte. Ein Haus, das einen verfolgt? Diese Geschichte glaubte ich ihr nicht.

Plötzlich ertönte aus dem oberen Stockwerk ein lauter Knall und wir erschraken. „Sind hier noch andere Leute im Haus?“ fragte ich die Dame aufgeregt. „Ja, aber von denen, die ich bisher gesehen habe, ist vermutlich nicht viel zu erwarten.“. Sie machte eine kleine Pause und schaute bedrückt auf den Boden. Als ich noch versuchte ihren Blick zu deuten fuhr sie fort: „Ich glaube, dass diese Leute schon sehr lange hier sind. Auf jeden Fall sind sie verrückt!“. „Verrückt oder nicht.“ sagte ich entschlossen und schaute die alte Holztreppe in der Eingangshalle hinauf. „Irgendetwas hier in diesem Haus wird uns Antworten geben und wenn ich es hier noch nicht gefunden habe, dann habe ich oben bestimmt Erfolg!“ sagte ich und wirkte dabei wohl viel tapferer, als ich eigentlich war. Die Frau teilte mir mit, dass sie sich weiter unten umsehen wollte, also ging ich allein hoch. Unter meinen Füßen gab das Holz der alten Treppe bei jedem Schritt nach und es grenzte an ein Wunder, dass ich ohne Zwischenfälle heil oben ankam. Das obere Stockwerk macht einen leeren Eindruck auf mich – keine Bilder an den Wänden, nichts stand im Flur und auch einen Teppich oder ähnliches gab es nicht. Links und rechts von mir befanden sich jeweils zwei Zimmer, vermutlich Schlafzimmer. Ich entschied mich dazu mir zunächst die beiden Räume auf der rechten Seite anzusehen. Alles in allem wirkte der Gang sehr bedrückend auf mich. Ich kam näher an das erste Zimmer heran und machte mich mental auf alles gefasst. Die Tür stand offen. Das ermöglichte mir vorsichtig in den Raum hineinzuspähen. Was ich zuerst erblickte, war ein verbranntes Gesicht und ein gequältes Augenpaar, in welches ich geradewegs hineinschaute. Keine drei Sekunden hat es gedauert, da schrie der Mann, der zugedeckt im Bett lag: „Doktor! Doktor! Helfen sie mir!“. Ich stand wie paralysiert im Türrahmen und wusste weder ihm noch mir zu helfen. Der Mann schrie noch zwei weitere Male „Hilfe!“, drehte sich auf den Bauch und begann in sein Kissen zu weinen, welches seine Rufe verschluckte. Völlig überfordert schloss ich langsam die Tür und schluckte schwer. Der Mann schien sich hinter verschlossener Tür beruhigt zu haben, denn seine Schreie hallten nicht mehr durch den leeren Flur. Ich begab mich vorsichtig zum zweiten Raum in der Hoffnung, dass dort niemand war und ich hatte Glück. Ein lieblos eingerichtetes Zimmer mit einem Bett, einem Schrank, einem Schreibtisch und einem Stuhl davor war alles was ich fand. Erwartungsvoll ging ich auf den Schreibtisch zu und wollte die Schubladen durchsuchen als in meinem Augenwinkel ein Spiegel auftauchte, der sich zwischen Schrank und Bett versteckt hatte. Ich sah einen alten, gebrechlichen Mann vor mir stehen, der einen unzufriedenen und verlebten Eindruck machte. Kaum zu glauben, dass ich dieser Mann sein sollte. Offensichtlich hatte ich meine besten Jahre hinter mir und mir kamen die Tränen als ich realisierte, dass ich nichts mehr von meinem wohl schon sehr langen Leben wusste. Ich konnte mich nicht an meine Eltern erinnern, nicht an meine erste Liebe, nicht an meine Freunde und auch nicht an meine Kinder, wenn ich denn je welche hatte. In mir brannte ein Feuer der Wut. Ich war wütend über meine Situation und darüber, dass ich nicht begriff, was hier vor sich ging.

Wie aus dem Nichts heraus braute sich draußen in Windeseile ein Sturm zusammen. Nach wie vor niedergeschlagen begab ich mich ans Fenster des Zimmers und schaute auf das lichtlose Ödland. Was ich dann sah, ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. Ein Reh und ein wurzelartiges Geflecht liefen geradewegs auf die Villa zu. Ich konnte nicht sehen, woher sie kamen, nur dass sie fast die Eingangstür erreicht hatten. Das Reh bereitete mir wenig Sorgen, aber das Geflecht war das merkwürdigste Geschöpf, welches ich je gesehen hatte. Es lief auf zwei „Beinen“ und bestand, soweit ich das beurteilen konnte, komplett aus Holz. Das Reh war nur halb so groß wie das Geflecht, welches einen menschenähnlichen Körper hatte. Es hatte auch eine Art Kopf, aber ich war zu weit weg, um ihn genauer sehen zu können. Völlig vertieft in diesen beispiellosen Anblick beschloss ich, die Tür des Zimmers zu schließen und erst einmal Weiteres abzuwarten. Mit dem Ohr an die alte Holztür gepresst versuchte ich zu hören, wohin die beiden Wesen sich bewegten. Ich vernahm ein dumpfes Knacken gepaart mit dem Geräusch der alten Dielen des Hauses. Das Knacken kam näher und es hörte sich an, als ob jemand Holz verbiegen würde. Ohne Zweifel ist es das Holzgeflecht gewesen, welches sich durch den Flur schleppte und auf meine Zimmertür zukam. Mein Herz raste. Was sollte ich tun, wenn ich dem Wesen gegenüberstand? Was war es überhaupt? Wo kam es her und was wollte es hier? Plötzlich hörte ich schreie aus dem Nebenzimmer. Es war die Stimme des Mannes mit dem verbrannten Gesicht. Ich überlegte kurz zu helfen, aber ein gedämpfter Knall riss mich aus dem Gedanken. Es klang, als wäre der Mann auf den Boden gefallen und Schreie hörte ich keine mehr. Auch wenn ich große Angst hatte, versuchte ich mich zusammenzureißen und keinen Mucks zu machen. Vorsichtig hielt ich mein Ohr wieder an die Tür und glaubte zu hören, wie das Geflecht die alte Holztreppe in der Eingangshalle wieder hinunterging. Ich bewegte mich schleichend zum Fenster und hoffte zumindest das Holzwesen die Villa verlassen zu sehen. Tatsächlich verließen das Reh und das Wurzelwesen gemeinsam das Gebäude. Beide hatten eine Person bei sich – das Holzgeflecht hatte den Mann mit dem verbrannten Gesicht über seine rechte Schulter gelegt und auf dem Rücken des Rehs saß eine Frau. Die Frau schien wohlauf zu sein, aber der Mann bewegte sich nicht mehr. Immer noch geschockt, schaute ich den beiden Wesen lange hinterher, bis sie zusammen mit dem Sturm in der Ferne verschwanden.

Ich wollte nicht warten und herausfinden was passiert, wenn das Geflecht wiederkommt und es dann vielleicht auf mich abgesehen hat. Entschieden bewegte ich mich Richtung Eingangshalle und wollte die Villa ein für alle Mal verlassen, doch ich unterbrach mein Vorhaben, als ich die Frau, mit der ich mich unterhalten hatte, vor Angst zusammengekauert im Wohnzimmer sitzen sah. Sie bemerkte mich nicht und erschrak als ich fassungslos fragte: „Was ist hier gerade passiert?“. Ohne zu antworten, blickte die Frau mich sichtlich traumatisiert an und wendete anschließend ihren Blick zurück auf den schiefen Kamin. Da sie keinerlei Reaktionen zeigte, wie gefesselt auf dem Sofa saß und ich nicht wusste wie viel Zeit mir blieb, bis das Holzwesen wiederkommt, begab ich mich nach draußen und ließ die Frau schweren Herzens in der Villa zurück. Ich lief dem Horizont mit dem brennenden Wunsch entgegen, hier draußen noch etwas Anderes als diese verkommene Villa zu sehen. Jegliches Zeitgefühl war mir abhandengekommen, aber ich bewegte mich auf jeden Fall eine ganze Weile von dem alten Gebäude fort, ohne etwas Anderes gesehen zu haben als die verdorrten Bäume, die einsam am Wegesrand standen. Nach einiger Zeit erinnerte ich mich an die Worte der Frau und wie sie sagte, dass sie sich nicht von der Villa entfernen konnte. Auf alles gefasst drehte ich mich langsam um, um ihrer Behauptung auf den Grund zu gehen und tatsächlich – die Villa stand meinen Bemühungen trotzend keine 100 Meter entfernt vor mir. Von allen Hoffnungen befreit sank ich zu Boden als es plötzlich wieder zu stürmen begann.

Ich wirbelte umher und hielt Ausschau nach dem Wurzelwesen. Mir war nicht klar was ich tun sollte, falls es diesmal mich holen wollte. Einige Augenblicke später sah ich das Reh aus der Villa kommen, während von dem Geflecht noch nichts zu sehen war. Auf dem Rücken des Rehs saß wieder jemand und dieses Mal war es die Frau, mit der ich mich unterhalten hatte. Das Reh kam auf mich zu und ich konnte das Gesicht der Frau sehen. Sie schien zu weinen, aber nicht aus Trauer, sondern aus Freude. „Ich glaube jetzt wird alles gut.“ sagte sie zu mir mit sanfter Stimme als ich ein tiefes Knacken hinter mir vernahm. Ich fuhr herum und schaute geradewegs in zwei schwarze Höhlen, die sich an der Stelle befanden, an der man für gewöhnlich Augen erwartete. Das Geflecht packte mich und erschuf mit einer mächtigen Armbewegung ein Loch im Boden. Es warf mich hinein und auch wenn ich nichts mehr über mich wusste, so wusste ich doch wie sehr ich das Gefühl hasste zu fallen. Ob ich schrie oder nicht machte keinen Unterschied und das Loch schien ohne Boden zu sein. Ich wünschte mir vergebens irgendwo aufzukommen und meinem Leiden ein Ende zu bereiten. Langsam dämmerte es mir was die Villa für ein Ort gewesen sein musste. Zu Lebzeiten war ich wohl kein guter Mensch und deswegen suchte mich nicht das Reh, sondern das Holzwesen. Das ist meine Hölle.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.09.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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