Anneliese Leding

Unsere kleine Bar

Unsere kleine Bar (Eine wahre Geschichte)

Es war kurz vor Mitternacht, als wir die kleine Bar betraten. Der Barkeeper, der uns inzwischen kannte, führte uns zu der Sitzgruppe am Fenster. Wir nahmen die Plätze ein und ließen den Tag Revue passieren. Es war der letzte Tag unserer Studienreise hier in Barcelona. Der Ober brachte uns die Cocktails und fragte in einem guten Deutsch: „Wie lange bleiben die Damen noch?“ Ich sagte: „Heute ist unser letzter Tag und morgen geht es nach Hause.“ Er lachte: „Schade, ich hatte mich gerade an Sie gewöhnt.“ Wir mussten herzhaft lachen. 

Die Bar lag gleich um die Ecke von unserem Hotel. Das gab uns ein wenig Sicherheit in einer Stadt, die bekannt war für Diebstähle bei Touristen. Auch unsere Gruppe blieb davon nicht verschont. Aber das ist eine andere Geschichte.

Wie zu erwarten war, blieb es heute Abend nicht bei einem Cocktail. Wir waren so richtig guter Laune und genossen die angenehme Atmosphäre des Lokals. Um uns herum nur fröhliche Gesichter. Anne stand auf, um die Toilette aufzusuchen. Sie musste über eine freie Treppe gehen, die sich mitten im Lokal befand. Diese führte in die obere Etage. Paula, Lisa und ich prosteten uns zu. Urplötzlich ging das Licht aus. Es war so dunkel, dass man die Hand nicht mehr vor Augen sehen konnte. Zuerst dachten wir, dass es nur ein Kurzschluss sei. Das Personal rannte aufgeregt hin und her und zündete Kerzen an. Es lag etwas Bedrohliches in der Luft. Hier stimmte was nicht. Langsam wurde es uns unheimlich. Die Gespräche an den Tischen verstummten. Ich weiß nicht, wie lange wir bei Kerzenschein saßen. Es kam uns wie eine gefühlte Ewigkeit vor. Endlich! Das Licht ging wieder an. Mit hochrotem Gesicht kam Anne die Treppe herunter. Alle Augen waren auf sie gerichtet. Paula witzelte: „Na, wie war es auf dem dunklen Örtchen?“ Anne ließ sich in den Sessel fallen, nahm ihr Glas und trank es in einem Zug leer. Erschrocken fragte ich: „Ist dir nicht gut?“ Sie winkte ab. „Ihr glaubt ja nicht, was mir passiert ist.“ Jetzt wurde Lisa munter. „Jetzt red schon.“ Anne holte tief Luft und erzählte: „Stellt euch mal vor, ich war eingesperrt!“ Wir mussten schmunzeln und ich sagte: „Doch nicht auf dem Klo.“ Sie fuhr fort: „Ich wollte doch nur die Wasserspülung betätigen. An der Wand war ein Knopf, der so aussah wie ein Türspion. Ich dachte: andere Länder andere Sitten. Ich drückte drauf und in dem Moment höre ich ein ohrenbetäubendes Geräusch. An der Toilettentür rasselte ein Gitter herunter. Die Tür ließ sich nicht mehr öffnen.“ Sie nahm wieder einen Schluck aus ihrem Glas. Ungläubig starrten wir sie an. Erregt sprach sie weiter: „Es war so dunkel, dass ich in Panik um Hilfe gerufen habe. Nichts rührte sich. Ich weiß nicht wie lange es dauerte, bis ich Schritte und Männerstimmen hörte. Sie kamen näher. Jetzt bekam ich noch mehr Angst. Die Tür wurde aufgeschlossen und vor mir standen drei bewaffnete Männer. Sie hielten ihre Revolver auf mich gerichtet. Ich war einer Ohnmacht nahe. Aber dann erkannte ich unseren Hotelmanager. Dieser erklärte mir, dass ich auf den Alarmknopf gedrückt habe. Automatisch schließen sich alle Fenster und Türen, um den vermeindlichen Einbrecher festzuhalten. Sogar den gesamten Hotelkomplex, zu dem auch die Bar gehört, hatte ich lahm gelegt.“ Sie lehnte sich zurück und sah in unsere ungläubigen Gesichter. Irgendwie kam uns das ganze Spanisch vor. Der Ober brachte uns noch ein Getränk auf Kosten des Hauses. „Ach ja, das hätte ich fast vergessen“, sagte Anne. „Die Wasserspülung funktioniert automatisch beim Verlassen der Toilette.“
Beschwipst verließen wir in den Morgenstunden unsere kleine Bar.


@ Anneliese Leding

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