Chiara Fabiano

Dein Abschied vom Uns

2681 Bilder. 2681 Erinnerungen an ein Leben von uns beiden. Und mein Handy braucht länger diese 2681 Erinnerungen zu löschen, als du sie zu vergessen. 2681 Bilder und keines davon zeigt die Traurigkeit, die Unzufriedenheit, das Hindernis in unserem Leben, wegen dem du mich verlassen hast. Und ich frage mich, ob diese 2681 Bilder von den letzten Jahren unseres Lebens genauso lügen können, wie du in den letzten vierzehn Tagen. Denn in meiner Erinnerungen waren diese 2681 Bilder ein Ausschnitt unseres Lebens, deines und meines.

Die ersten Blicke die wir tauschten,

Die kalten Nächte auf der Parkbank,

Das erste Händehalten in der U-Bahn,

Die erste Berührung im Theater,

Dein Blick auf mir, als ich die Treppe herunter kam,

Der erste Kuss am Bahnhof,

Dein wartendes Gesicht am Gleis, wenn mein Zug einfuhr, und dein suchender Blick, als die Menschenmassen herausströmten, du aber nur Augen für mich hattest.

Die ersten Nächte auf deinem Zimmer.

Das erste „Ich liebe dich“ und dein zartes, lächelndes „Ich liebe dich auch“.

Unsere Umarmungen, unsere Versprechungen, von Anfang an wissen, dass es niemals ein Leben ohne ein dich und mich geben kann.

Aber für dich gab es ein Leben ohne ein dich und mich.

Aber diese 2681 Bilder zeigen mir, dass dieses Glück, diese Momente keine Lügen waren und nicht gewesen sein konnten. Diese Bilder, unsere Nachrichten, unsere Worte in meiner Erinnerungen, all das sind Beweise, Beweise unserer besonderen Liebe.

Es tut weh darüber nachzudenken, es tut weh darüber zu schreiben, es tut sogar weh zu versuchen es zu verstehen. All die Abende in unserem Bett, ein Film vor unseren Augen, kleine Törtchen auf dem weißen Tablett aus Holz, welches ich uns beiden gekauft hatte.

Weißt du noch unsere Sessel? Deiner neben meinem, ein Tisch dazwischen, platz für unsere Kaffeetassen. Weißt doch die Nachricht, als wir erfuhren, dass wir in unsere Wohnung einziehen konnten, nachdem wir so viele kalte Winterabende gefahren sind, um unser zu Hause zu finden. Wie konnten wir all diese Zereißproben meistern und doch weiterhin fest an unsere Liebe glauben, und wie konntest du all diese Momente so schnell vergessen?

Weißt du noch die Morgen in unserer Wohnung, wenn ich dir Kaffee ans Bett brachte, wenn du aufwachtest und mich anlächeltest, mir erzähltest, dass manchmal, wenn ich bereits schlief, du mich ansahst und dachtest welches Glück du doch hättest und wie sehr du mich liebtest.

Kannst du dich an die Tage erinnern, an denen du von der Arbeit kamst aus der Küche laut Musik erklang und ich bereits für dich gekocht hatte? Noch letzte Woche war es, dass du mich lächelnd küsstest und mit mir getanzt hast, während die Nudeln noch im Topf kochten.

Weißt du noch wie oft wir beide einkaufen gegangen sind, stolz, von unserem Gehalt und das Eingekaufte in unseren Kühlschrank lagerten.

Ich höre noch das Geräusch des Schlüssels, der sich im Schlüsselloch herumdrehte, ich rieche noch immer den Duft unserer Wohnung, wenn ich sie betrat.

Weißt du noch, die ersten Tage auf unserem wunderschönen Sofa, das so klein war, dass wir uns eng aneinanderschmiegen mussten, damit wir beide darauf passten?

Bitte schließ deine Augen und stell dir den Sonnenuntergang am Meer vor, während wir in den Strandstühlen auf dem Balkon sitzen. Bitte spür noch einmal den Sand unter unseren Füßen, als wir durch die Dünen rannten, auf das tosende Meer hinaus und die Luft der Freiheit rochen, die uns um die Haare wehte.

Hast du wirklich vergessen, dass das einzige, was diese Momente zu den 2681 Erinnerungen formte, unsere Liebe war? Die Liebe, die wir niemals in Frage stellten, die Liebe, die unser Leben lebenswert, besonders, glücklich machte?

Wann hast du angefangen diese Liebe zu bezweifeln? Wann hast du angefangen die schlechten und anstrengenden Seiten unserer Beziehung höher zu stellen, als all das was sie so besonders machte? Wann hast du aufgehört mich zu lieben?

So lange Zeit waren wir ein Paar, so lange Zeit gab es dieses du und ich. Aber du brauchtest nur sechs Stunden, um das alles zu vergessen. Ich habe mit dir meine intimsten Gedanken geteilt, meine Ängste, meine Sorgen. Aber nicht, damit sie dich belasten, sondern damit wir beide sie bekämpfen können. Ich habe dich mit jeder Faser meines Herzens geliebt, ich wollte niemals jemand anderen außer dich. Du warst es den ich sah und du bist es noch jetzt, nach allem was geschehen ist, nach allem was du getan hast, um mich, um diese Beziehung loszuwerden.

Ich spüre noch immer das Gefühl, wenn ich dich umarmte, ich rieche noch immer deinen Geruch, wenn ich mein Gesicht in deinem Haar vergrub. Aber dieser Geruch und dieses Gefühl wird und muss verblassen. Denn im Endeffekt sind diese 2681 Bilder und diese unendliche viele Nachrichten nichts als eben dieses: Erinnerungen. Und sie können nicht ändern, dass du ausgesprochen hast, was du vielleicht schon seit Wochen gespürt hast: „Ich möchte nicht mehr“. Ich kann dir nicht sagen, weshalb, ich verstehe nicht warum und schon gar nicht verstehe ich wie du all das tun konntest, auf diese Weise.

Du gingst an einem Sonntag. Trafst mich mit anderen Leuten in unserer Wohnung, die Hände in den Hosentaschen vergraben, dein Blick von mir abgewandt, wolltest es mir nicht sagen und hast es dennoch getan. Du gingst, wenn auch da nur für eine Nacht. Und als du fort warst, als die Tür hinter dir ins Schloss viel, da sank ich vor deiner Bettseite auf die Knie, meine Hände krallten sich in deine Bettdecke, als ich sie zu mir heraufzog, um meine Nase deinen Geruch riechen zu lassen. Aber ich sagte mir du würdest wieder kommen. Und als ich in meinem Schock, meiner Sehnsucht nach dir, meiner Trauer weinte und schrie, hast du dein Leben genossen, hast dir eine Auszeit genommen, getan, was du tun wolltest. Und als du Montag wieder kamst, schlief ich in unserem Bett, zermürbt, kaputt vor Sorge um dieses Du und Ich. Doch du wolltest nicht reden. Du wolltest nicht über uns reden, du wolltest mir Dinge über dich mitteilen. Und während ich mit allen Mitteln versuchte unsere Beziehung, unser Du und Ich zu retten, ging es dir um deine Freiheit. Denn du benutztes stets nur „Ich“ und niemals „Wir“. Aber du wolltest von mir weg und ich versuchte mich panisch an etwas zu klammern, das in deiner Vorstellung schon längst nicht mehr existent gewesen war. Und vor lauter Angst dich noch einmal zu verlieren, zeigte ich dir meine Verletzlichkeit, zeigte ich dir, was dein „mich verlassen“ in mir angerichtet hatte. Aber dir war deine Freiheit, dein Wohl wichtiger, als dieses Du und Ich zu retten.

An einem Mittwoch gingst du, gabst mir einen Kuss, machtest Pläne mit mir für den Abend, gingst noch mit mir einkaufen und wolltest dir nur ein Buch holen. Ich winkte dir aus unserem Fenster heraus, lächelnd winktest du mir zurück. Und kamst nie wieder. Ließt jemand anderen mir dies mitteilen. Und als du abends deine Sachen holen kamst, traf mich der Satz „Ich fühle mich hier nicht mehr wohl, ich möchte jetzt gehen“, wie ein Dolch in mein lädiertes Herz.

Und einen Tag später, nachdem du deine Freiheit ausgelebt hast, nachdem du dir genommen hast, was du wolltest, löschtest du diese 2681 Momente innerhalb einer Minute mit einem „Ich möchte nicht mehr“, am Telefon. Und während ich in das große schwarze Loch fiel, das mit seinen langen Armen nach mir griff, erfreutest du dich an deiner neu gewonnen Freiheit und gabst die Wohnung mit all unseren Berührungen, Worten, Zärtlichkeiten, Momenten der Liebe und die Möbel, auf denen wir zueinander fanden, für die wir hart arbeiten gegangen waren, zum Verkauf frei, als wären es kalte Gegenstände, die ihren Platz genauso schnell aus unserem Leben verlieren konnten, wie sie in unser Leben hereingekommen waren.

Du hast dich von diesen 2681 Bildern verabschiedet.

Du hast deine Entscheidung getroffen,

Du hast dich von mir verabschiedet.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.10.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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