Felix Herrmann

Friedrich Wünscheltang

In beinahe vollkommener Dunkelheit glitt eine Limousine durch den Wald. Heute nacht zeigte der Mond nicht sein Gesicht. Auch gab es hier draußen keine Straßenlaternen. Nur die Autoscheinwerfer erleuchteten den Weg. Wie Thomas Bassl so aus dem Fenster sah, erblickte er hin und wieder Mal huschende Rehe im Gebüsch.
„Der Kerl wohnt aber ganz schön abgelegen.“, sagte der Fahrer und drehte sich kurz zu Thomas um.
„Ja, da haben sie Recht.“, antwortete dieser.
„Also ich könnte mir das nicht vorstellen, so weit von allem entfernt zu sein. Das kann doch kein normaler Mensch aushalten.“ Thomas nickte nur.
Die Limousine fuhr immer tiefer in den Wald hinein, so tief, dass bald der Weg kaum noch vom Dickicht zu unterscheiden war. Der Boden wurde matschiger und das Vorrankommen schwerer. Mehrere Male mussten sowohl Thomas als auch der Fahrer aussteigen, um den Wagen aus dem Schlamm zu schieben. 23:23 Uhr zeigte die Uhr im Auto an. Thomas sollte eigenlich schon längst im Bett liegen. Hätte der unebene Untergrund das Auto nicht so ins Schwanken gebracht, dann wären ihm sicherlich die Augen zugefallen.
„Ach du grüne Neune!“, schrie der Fahrer und riss Thomas damit aus den Gedanken, die ihn gerade schon in die Welt der Träume entführen wollten.
„Wo denn? Was ist denn los?“
„Na sieh doch mal.“ Der Fahrer zeigte direkt nach vorne Da sah Thomas es auch. Die Brücke, die sie eigentlich hätten überqueren müssen, war eingestürzt. Ohne ein einziges Wort zu sagen stiegen die beiden aus. Vorischtig liefen sie kurz vor die Bruchkante und sahen hinab. Tösendes Wasser strömte in Windeseile entlang. Die schweren Betonteile, die dort hineingefallen waren, musste der Fluss wohl schon fortgetragen haben.
„Na hier endet unsere Reise wohl.“, sagte der Fahrer. „Ich nehme mal an, dass ich sie jetzt einfach zurück in die Stadt bringen soll.“
„Nein danke. Sie können ruhig zurück fahren. Ich laufe von hier aus weiter.“ Entgegnete Thomas. Er nahm seinen Mantel aus dem Auto und legte ihn sich über.
„Sind sie sich da sicher Herr Bassl? “
„Ja das bin ich. Machen sie sich da keine Sorgen.“
„Nagut. Wenn sie meinen. Dann viel Glück noch.“ Der Fahrer stieg zurück in die Limousine. Er legte den Rückwärtsgang ein und Thomas sah zu, wie das einzige Licht, das es hier draußen gegeben hatte, langsam verschwand. Nun war es so dunkel, dass Thomas es wahrscheinlich nicht gemerkt hätte, wenn er plötzlich erblindet wäre. Nur das rauschende Wasser des Flusses diente zur Orientierung. Thomas war gezwungen diesem zu folgen, denn er wusste, dass zwei Kilometer weiter die alte Holzbrücke lag. So lief er eine ganze Weile lang am Ufer.
Da rutschte er auf einem nassen Stein aus und stürtzte die Böschung herab. Er landete im Wasser, wurde gegen einen Felsen gespült und verlor das Bewusstsein.
Als er erwachte, steckte sein linker Arm in einem Biberdamm fest. Wütende Biber kamen aus diesem herausgeschwommen und begannen an ihm zu Nagen. Thomas stand schnell auf und zog seinen Arm heraus. Bevor die Biber ihm noch mehr Schaden anrichten konnten, eilte er davon. Er schaffte es aus dem Fluss zu klettern und rannte dann durchnässt weiter durch den Wald. Da erblickte er ein Lichtlein, das zwischen den Ästen hervorstrahlte.
„Ein Glück.“, sagte er. Dann kämpfte er sich durch das Gebüsch auf  das Licht zu. Ranken zerrissen ihm die Kleidung, Zweige peitschten sein Gesicht und Wurzeln wurden zu Stolperfallen, doch Thomas gab nicht auf. Je näher er dem Licht kam, desto wilder sträubte er sich dem Wald und der Kälte und der Dunkelheit. Erschöpft erreichte er endlich eine Art Lichtung, auf der das Haus stand, aus dem das Licht drang.
Ding. Dong.
Er klingelte an. Einige Minuten lang war es still, doch endlich hörte Thomas Schritte. Die Tür öffnete sich. Dahinter stand ein großer Mann im Bademantel. Vor jedem Auge trug er Monokel, die von den Enden seines Schnurbarts fixiert waren. Aus seinem Mund hing eine zwiegespaltene Pfeife.
„Guten Abend.“, sagte der Mann.
„Guten Abend.“ Antwortete Thomas. „Sind sie Friedrich Wünscheltang?
„Genau der bin ich. Und wer sind sie, wenn ich fragen darf?“
„Mein Name ist Thomas Bassl.“, sagte Thomas.
„Ach, der Name kommt mir doch bekannt vor. Sind sie der Thomas Bassl, der mir in letzter Zeit so viele Briefe geschickt hat?“
„Meine Briefe sind also doch bei ihnen angekommen.“, wunderte Thomas sich. Dann hätte er ja gar nicht hierher kommen müssen. Was für eine Zeitverschwendung.
„Ja ja. Die Briefe hab ich erhalten. Gelesen hab ich sie natürlich nicht.“
„Was? Wieso denn nicht?“
„Ich glaube nicht an Post. Wenn jemand was mit mir besprechen will, dann kann diese Person gerne persönlich vorbeikommen, so wie sie es getan haben.“, sagte Friedrich Wünscheltang und zog selbstgefällig an seiner Doppelpfeife. „Kommen sie doch außerdem mal herein. Ich möchte nicht, dass sie noch krank werden.“ Thomas folgte dem Mann ins Wohnzimmer, wo die beiden sich an den Esstisch setzten. Ein Schimpanse kam auf Rollschuhen herein und schenkte den beiden Tee ein. Dann verneigte er sich und verschwand wieder in der Küche. Thomas nahm einen Schluck und spürte wie sein Körper sich sofort von Kopf bis Fuß aufwärmte. Hastig trank er das süße Getränk auf.
„Nun sagen sie mir doch, warum sie überhaupt hier sind.“, sagte Friedrich Wünscheltang. Thomas kramte kurz in seiner Manteltasche und holte dann ein Buch heraus. Es war sehr vom Fluss durchnässt worden. Die Seiten waren zerknittert und verknickt. Das Bild auf der Vorderseite war ganz verwaschen.
„An diesem Buch habe ich zwei jahrelang geschrieben. Es hat mich viel Zeit und Mühe gekostet und die Geschichte musste noch oft überarbeitet werden, doch nun bin ich endlich zufrieden mit dem, was ich geschaffen habe. Bald wollte ich dieses Buch auf den Markt bringen. Ich hatte mich schon sehr darauf gefreut. Doch dann ging ich eines Tages in die Buchhandlung, um mir mal anzusehen, was sich so schönes finden ließ. Ich guckte die Regale durch, da sah ich plötzlich ein Buch mit dem Titel ‚König Rhodo und die Jünger des Dendron‘. Ich war schockiert, da dies auch der Titel meines eigenen Buches sein sollte. Also griff ich das Buch und begann darin zu blättern. Und siehe da: Da wurde mir die Geschichte geschildert, an deren Erzählung ich zwei jahrelang gearbeitet hatte.  Zutiefst erschüttert und absolut verdutzt guckte ich nach, von wem das Werk denn geschrieben worden sei. Und da las ich zum ersten Mal ihren Namen. Ich erkundete mich bei verschiedensten Autoren mit denen ich befreundet bin. Zu meinem Erstaunen kannten viele Ihren Namen. Auch sie hatten Ideen gehabt, die sie dann in Ihren Büchern fanden, bevor sie sie noch selbst veröffentlichen konnten.
Daher habe ich Sie hier aufgesucht. Wie ist es Ihnen gelungen mir mein Buch zu klauen?“ Fragte Thomas seinen Gegenüber. Friedrich Wünscheltang lehnte sich zurück und lachte herzlich. Er lachte und lachte und lachte. Tränen flossen ihm durch das Gesicht während seine Zähne seltsam vor sich hin klapperten. Wieder kam ein Affe auf Rollschuhen angefahren. Diesmal trug er Beruhigungstabletten bei sich. Er steckte seinem Meister drei davon in den Mund und zog sich dann zurück.
„Ich habe dir diese Idee nicht geklaut.“ Sagte Friedrich Wünscheltang indem er sich die Tränen aus dem Gesicht wischte. Er putzte seine Monokel und sprach: „Folge mir, wenn du sehen willst, wie ich so vielen Autoren Konkurrenz mache.“ Er stand auf und verließ das Zimmer, ohne auf Thomas zu warten. Dieser überlegte kurz, stand dann auf und folgte ihm. Seltsamerweise gab es in dem Haus einen Aufzug. Die beiden stiegen hinein. Friedrich Wünscheltang drückte mit einem seiner langen Finger auf die unterste Taste. Der Metallkäfig begann abwärts zu wandern.
Die Fahrt kam Thomas so vor als dauere sie eine ganze Ewigkeit, doch endlich kam der Aufzug zum stehen. Die Türen öffneten sich und Thomas fiel vor Erstaunen beinahe um. In allen Richtungen sah er sie. Eine unendliche Anzahl an Schimpansen umgab die beiden. Ein jeder saß an einem Schreibtisch und hämmerte auf eine Schreibmaschine ein. Das Klackern der Tasten war betäubend. Thomas musste sich die Ohren zuhalten, um nicht zum zweiten Mal am selben Tag ohnmächtig zu werden. Überall sah er nur weiß. Weiße Stühle, weiße Tische, weißer Boden, weiße Decke und die Wände...
Ob die weiß waren konnte man nicht sagen, denn die Wände waren nicht in Sicht. Nur das dunkle Fell der Schimpansen unterbrach die endlose Weiße.
Abertausende Fragen schoßen Thomas durch den Kopf, doch er konnte den Mund nicht öffnen, um sie zu stellen. Zum Glück erklärte Friedrich Wünscheltang die Situation von sich aus:
„In diesem Raum befinden sich unendlich viele Affen, die an unendlich vielen Schreibmaschinen sitzen. Das sind meine Schreiberlinge. Sie alle arbeiten Tag und Nacht und am Ende jeden Jahres sehe ich mir das an, was sie geschrieben haben. Sie beherrschen selbstverständlich nicht unsere Sprache, daher ist vieles von dem, was sie produzieren mehr oder weniger wertlos, doch manchmal gelingt es ihnen durch bloßes willkürliches rumhacken auf den Tasten, eine vollkommene Geschichte zu verfassen. Und da es unendlich viele sind, werden sie früher oder später jede Geschichte geschrieben haben, die jemals geschrieben werden kann. Selbst das, was gerade geschieht haben sie bereits geschrieben. Gestern Abend brachte meine Assistentin mir ein Manuskript, das besagte, dass ein Mann namens Thomas Bassl bei mir eintreffen solle. Wenn man unendlich viele Affen hat, dann hat man auch unendlich viele Geschichten. Bald schon wird es außer diesen Schimpansen keine Autoren geben. Sie können das Schreiben gänzlich übernehmen.“
Thomas war entsetzt.
„Aber ein Affe, ein Schimpanse, kann doch niemals ein solch emotional tiefgründiges Werk verfassen, wie ein Mensch es könnte. Dafür fehlt ihm ganz einfach die Menschlichkeit“, sagte er. Friedrich Wünscheltang lachte.
„Du denkst man braucht Menschlichkeit für sowas? Ach quatsch.“ Er ging herüber zu einem Regal, das neben dem Aufzug stand und holte ein Blatt Papier heraus.
„Hier steht, dass du dich mir widersetzen wirst und dass ich dich an meinen Gorilla verfüttern muss, um zu versichern, dass niemand von meinem Geheimnis erfährt. Glaubst du, diese Geschichte wird wahr?“
„N- nein.“ Sagte Thomas. „Nein natürlich nicht ich- ich werde niemandem davon erzählen.“
„Hatte ichs mir doch gedacht. Meine Assistentin wird gleich eine Spritze mit Erinnerungstrank herunterbringen. Möchtest du noch den Schimpansen sehen, der dein Buch geschrieben hat, bevor du alles vergisst?“ Thomas nickte nur. Friedrich Wünscheltang schnippste und grüne funken sprühten aus seinen Fingern. Eine Sekunde später standen die beiden mitten unter den Affen. Thomas sah zu dem Schimpansen, der neben ihnen saß. Ein Schild stand vorne auf seinem Tisch. Nummer 55590 stand darauf. Thomas betrachtete den Affen, während er so mit der Tastatur spielte. Er schien nichts von dem zu verstehen, was er da niederschrieb. Da spürte  Thomas eine Spritze an seinem Nacken und vergaß all das, was er gesehen hatte.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.10.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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