Lars Orgon

Aufrichten

Reglos liegt er am Boden. Gesicht und Bauch zur Erde, seine Gliedmaßen schmerzhaft verdreht. Sein Atem kaum wahrnehmbar.

Langsam blinzelt er, richtet seine Arme und Beine in natürliche Positionen, gerade vom Rumpf weggestreckt. Er zieht seine Arme zum Körper, presst die Hände in den Boden, kämpft gegen die Schwerkraft an und hebt den Oberkörper leicht. Er zittert. Dann bringt er unter großer Kraftanstrengung seine Knie unter den Rumpf. Langsam kämpft er sich in eine kniende Haltung. Kurzes Innehalten. Ein Anblick wie ein betender Mönch vor seinem Schrein. Dann weiter nach oben. Unter Ächtzen bringt er seinen linken Fuß nach vorn. Jetzt aufrichten. Mit Hilfe seiner Arme, die er auf seinem linken Oberschenkel abstützt, schafft er es den Oberkörper aufrecht zu halten. Das rechte Knie hebt sich vom Boden. In Zeitlupentempo richtet er sich immer weiter auf. Sein ganzer Körper bebt vor Anstrengung.

Noch... wenige... Zentimeter.

Endlich hat er sich zu voller Größe aufgerichtet. Mit müden Augen schaut er an sich herab, nickt kaum merklich, atmet tief ein und genießt die Anspannung in seinen zum Bersten gefüllten Lungen.

Dann lässt er die Luft schlagartig entweichen und fällt im selben Moment – wie eine Marionette, deren Fäden zertrennt wurden – in sich zusammen. Da liegt er wieder, seine Gliedmaßen in unnatürlicher Haltung verdreht. Die Schmerzen, die er verspührt, werden nur von seiner Erschöpfung übertroffen.

Gleich wird er sich wieder hochkämpfen.

Es ist eine leidvolle und schmerzhafte Aufgabe, aber er weiß wie wichtig sie ist. Niemand anders traute sich damals diese Stellung anzunehmen, so trat er furchtlos und gewissenhaft vor. Seit wann er das macht? Die Zeit verschwimmt in seiner Erinnerung. Es scheint als hätter er immer nur das hier getan.

Gab es jemals ein „davor“?

Flach auf dem Boden liegend, Schweißperlen auf der Stirn, die Augen halb geöffnet dreht er den Kopf zur Seite und blickt den kleinen Jungen an. Zuerst erkennt er nur Umrisse, dann wird das Bild schärfer. In sicherer Entfernung, ganz still sitzt der blonde Jüngling da und betrachtet das Schauspiel, das ihm geboten wird: Aufrichten, stürzen, aufrichten, stürzen. Er beobachtet alles ganz genau. Das Leid, das jedes Aufrichten mit sich bringt. Der Schmerz, den jeder Sturz verursacht. Je intensiver, desto besser.

Liebe füllt das Herz des Mannes. Seine Brust füllt sich mit Wärme: „Alles für dich, mein Liebling. Damit du nie den Fehler machst dich aufzurichten. Du siehst ja wie viel Leid das mit sich bringt.“ Seine Augen füllen sich mit Feuchtigkeit, eine Träne sammelt sich. Die Augen schließen sich, die Hände pressen in den Boden.

Immer weiter.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.10.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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