Heinz-Walter Hoetter

Das Versprechen der Meraner

 

 

 

 

Der alte Schriftsteller Mr.Walther Rumford saß allein auf seiner von bunten Blumen umsäumten Sonnenterrasse und döste im Halbschlaf vor sich hin. Seine Frau war erst letztes Jahr gestorben, was ihn innerlich sehr mitgenommen hatte. Doch auch für ihn musste das Leben weitergehen.

 

Trotzdem war er guter Hoffnung, denn bald würde er wichtigen Besuch bekommen aus einer Welt, die irgendwo da draußen im unendlichen Universum lag, und wo er schon einmal war.

 

Sein leicht abschüssiger Garten sah wie immer aus. Er wurde rundherum durch eine niedrige Thujenhecke begrenzt, sodass man weit in die dahinter liegende Landschaft sehen konnte. Am fernen Horizont türmten sich gerade einige grauweiße Wolken auf, die langsam immer höher in den blauen Himmel wuchsen.

 

Mr. Rumford wachte plötzlich wieder auf, als ein lautes Donnergrollen zu hören war. Noch etwas verschlafen betrachtete er eine Zeit lang interessiert das beeindruckende Wetterschauspiel am fernen Horizont, wobei er sich nicht ganz sicher war, ob sich da wirklich ein Gewitter zusammenbraute oder nicht. Es konnte auch etwas anderes sein, wie er vermutete, denn manchmal flogen ziemlich große Raumschiffe am Horizont vorbei, die sich dann steil nach oben in die Atmosphäre erhoben und gewaltige Kondensstreifen hin sich herzogen. Deshalb blieb er einfach auf seiner Terrasse sitzen. Er würde ja noch immer ins Haus gehen können, käme wirklich ein Gewitter auf ihn zu, dachte er so für sich.

 

Weiter hinten im Garten standen ein paar sehr alte Fichten gleich neben einer kleinen, mit dichtem Efeu bewachsenen Holzhütte. Diese stille Ecke in seinem Garten gefiel ihm besonders gut, weil es ein idyllisches und überaus verträumtes Örtchen war.

 

Etwas abseits davon glänzten ein paar nasse Steine, denn vor vielen Jahren hatte er mal einen künstlichen Bach in seinem Garten angelegt, der von dem klaren Wasser einer kleinen, quirligen Quelle gespeist wurde, die weiter oben aus dem felsigen Boden sprudelte. Jetzt plätscherte das kühle Nass gurgelnd durch ein schmales, stufenförmig angelegtes Betonbett, das überall mit kleinen und großen Kieselsteinen ausgefüllt war, die eigentlich nur dazu dienten, das schnell herunterfließende Wasser etwas abzubremsen. Außer dem gleichmäßigen Plätschern des Wassers herrschte überall eine wohltuende Ruhe, die der alte Rumford immer wieder aufs Neue genoss, wenn er hier draußen auf seiner Sonnenterrasse saß.

 

Mr. Rumford lehnte sich jetzt genussvoll in seinen Sonnenstuhl zurück, schaute auf seine Uhr und erinnerte sich an längst vergangene Zeiten.

 

Damals war er noch ein unternehmungslustiger junger Mann gewesen, der nach seiner Ausbildung zum Kosmoarchäologen die unendlich erscheinenden Weiten des Universums durchstreifte, immer auf der Suche nach irgendwelchen ungewöhnlichen Abenteuern und außerirdischen Kulturen, die es überall zu entdecken gab. Es war damals eine wirklich aufregende Zeit gewesen, denn man stieß im Universum auf viel mehr außerirdisches Leben, als man anfangs vermutet hatte.

 

Allerdings stieß man auch auf eine Vielzahl von Planeten, auf denen oft nur noch die letzten Überreste von einst großen Zivilisationen traurige Zeugnisse von ihrer Existenz gaben, die aus irgendwelchen rätselhaften Gründen untergegangen waren oder durch Einwirkung planetarischer Gewalt ausgelöscht wurden. Sein Auftrag war es, die entdeckten Ruinenstädte als Kosmoarchäologe genauestens zu erforschen. Das konnte manchmal viele Jahre dauern, bis seine Resultate ausgewertet vorlagen. In dieser Zeit hatte er viel über die zahlreich vorhandenen, außerirdischen Lebensformen der unterschiedlichsten Ausprägung im nahen und ferneren Kosmos kennen gelernt. Unglaubliche Kreaturen sind ihm begegnet, von denen die Menschheit bis dahin noch nicht einmal die geringste Ahnung hatte, bevor sie die interplanetarische Raumfahrt für sich entdeckten und hinaus mit gewaltigen Raumschiffen zu den Sternen ins unendliche All flogen. Es war wirklich eine atemberaubende Epoche der Raum fahrenden Menschheit, die er als junger Forscher seinerzeit miterleben durfte.

 

Aber das ist schon eine Ewigkeit her.

 

Fast wäre der alte Mr. Rumford wieder eingeschlafen, wenn da nicht dieses komische Geräusch gewesen wäre. Neugierig sah er sich nach allen Seiten um.

 

Plötzlich entdeckte er in der Mitte seines Gartens einen heftig pulsierenden Lichtpunkt. Zuerst dachte er an eine zerbrochene Glasscherbe, die nur das einfallende Licht der jetzt langsam untergehenden Sonne reflektierte. Doch der zitternde Lichtpunkt wurde auf einmal schnell größer und wuchs von einer Sekunde auf die andere zu einer kreisrunden Lichtscheibe heran, die sich zu einem Gebilde von weit über zwei Meter ausdehnte. An den glühenden Rändern züngeln winzige Blitze hervor, die sich knisternd entluden. Gebannt starre der alte Mr. Rumford auf den gleißend hellen Lichtbogen und warte ab, was als nächstes passieren würde. Er ahnte es irgendwie, sprach aber kein Wort darüber.

 

Im nächsten Augenblick traten vier Personen in geschmeidigen Raumanzügen aus der flimmernden Lichterscheinung, die zielstrebig auf den alten Mann auf der Terrasse zugingen, bis sie alle vor ihm standen. Einer der Raumfahrer trat aus der Gruppe hervor und fing an zu sprechen.

 

„Hallo Mr. Rumford! Erinnern Sie sich noch an uns? Sie haben mal als junger Kosmoarchäologe unseren Planeten Saphir II im Raumquadranten der Tauri Föderation besucht. Das liegt schon sehr lange zurück. Wir haben Sie aber nicht vergessen und möchten Ihnen gegenüber jetzt unser Versprechen wahr machen. Reisen Sie mit uns durch die Zeit zurück in unserer Zivilisation. Wir können Ihr Leben verjüngen. Sie werden wieder so jung sein wie damals, als Sie uns auf Saphir II besucht haben. Was sagen Sie dazu, Mr. Rumford?“

 

„Ich habe gewusst, dass ihr Meraner Wort halten würdet. - Oh ja, auch ich kann mich noch sehr gut an euch erinnern. Ihr habt schon damals eine der fortschrittlichsten Zivilisationen besessen, die es gab. Wir haben zusammen eine tolle Zeit miteinander verbracht, an die ich bis heute immer wieder gerne zurück denke. Ihr habt schon damals nach der Unsterblichkeit geforscht und mir versprochen, mich zu holen, wenn ich alt und grau geworden bin. Letztes Jahr ist meine Frau gestorben. Seitdem wohne ich allein in meinem Haus und habe geduldig auf euch gewartet. Ich habe vorsorglich Zellen von meiner geliebten Frau tief gekühlt im Keller aufbewahrt, die ich natürlich mitnehmen möchte, wenn ich mit euch gehe, falls ihr nichts dagegen habt, meine Freunde.“

 

„Natürlich dürfen Sie das, Mr. Rumford. Wir werden Ihre Frau aus den vorhandenen Zellen klonen, was für uns mittlerweile ein Kinderspiel ist. Holen Sie den Kühlbehälter mit den eingefrorenen Zellen und lassen Sie hier alles zurück. Wir haben in unserer Welt, was auch ihr Haus, den Garten und den übrigen Besitz betrifft, original reproduziert. Nun, das Portal wird sich in etwa acht Minuten schließen. Sie haben also noch Zeit genug, um den Behälter zu holen, bevor es auf die Reise zurück auf unseren Planeten geht. Erschrecken Sie nicht, Mr. Rumford! Es wartet übrigens ein Empfangskomitee der Planetenregierung aus Sie.“

 

„Ich werden mich beeilen und bin gleich wieder da“, antwortete Mr. Rumford zufrieden und ging in den Keller seines Hauses. Nach etwas drei bis vier Minuten war er wieder zurück und hielt einen schweren Behälter mit den tief gekühlten Zellen seiner Frau in den Armen, den er vor seiner Brust trug.

 

„So, jetzt müssen wir aber gehen. Das Portal wird sich in fünf Minuten von selbst automatisch schließen“, sagte der Anführer der Gruppe mit ruhiger Stimme und gab den Befehl zum Abzug.

 

Kurz danach verschwand einer nach dem anderen seiner Männer in dem pulsierenden Lichtkranz. Nur Mr. Rumford drehte sich noch einmal kurz herum, blickte wehmütig zurück in seinen Garten und dann hinüber zu den altehrwürdigen Fichten neben seiner mit Efeu bewachsenen Holzhütte, bis auch er zügig durch das Portal trat, das sich kurz danach von selbst zu schließen begann und mit einem leisen Zischen verschwand, als wäre es nie da gewesen.

 

Die Nacht war mittlerweile herein gebrochen und im Garten von Mr. Rumford zog eine seltsame Stille ein.

 

ENDE

 

(c)Heinz-Walter Hoetter

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