Petra Klinkenberg

Rettungsring

Rettungsring

Ach Rettungsring!
Weisst Du noch, wie vor vielen Wintern Du begannest, meine Taille zu umwinden?
Zart warst Du, fast filigran.
Verborgen blieb dem Auge Dein Entstehen, kein Spannen entdeckte es im Dich umhüllenden Gewand.

Rettungsring!
Bald rauntest Du mir zu, Du bliebest bei mir und willst mich nimmermehr verlassen.
Dass Du mir drohtest – Rettungsring – wurde ich viel später erst gewahr.

 

Rettungsring!
Du nistetest Dich ein, begannest zu verwischen meines jugendlichen Körpers wohlgestalte Kontur.

Mit Niedertracht und Heimlichkeit ergriffest Du Besitz von meiner Leibesmitte.
Allein der Gurt - mein Beinkleid haltend an vorgesehener Stelle - verweigerte den Verschluss im angestammten Loch.

Oh Rettungsring!
Hätte ich erahnt, welch Ausbund an Heimtücke Du doch bist, hätte ich den Unterschlupf Dir nie gewährt - Dich nie genährt.
Wie unersättlich Du doch bist – Rettungsring!
Du bedientest Dich an reich gedeckten Tischen und nahmst Du für Dich Anspruch, was auch immer ich ass. Du wuchsest und wuchertest,
nahmst mich in den Würgegriff, wie der Efeu umzingelt eines Hauses Mauern.

Rettungsring, Verlogener!
Grosse Worte sprachest Du gelassen aus.
Von Wärme, die Du spenden würdest in den eisigen Iden des Winters. Von Energie, von Dir für mich im Überfluss gespeichert.
Von Rettung gar aus höchster Seenot hörte ich Dich reden.
Wie, so frag ich Dich – Rettungsring – wolltest Du deinem Namen Ehre machen?
Nichts als ungestalte Masse bist Du, dünkt es mich. Geschaffen, um zur Last zu werden.
Nein – Rettungsring – Du hättest nie errettet meine arme Seele aus sturmtosender See.
Elendiglich ersoffen wär ich in des Wassers tobenden Fluten – gesunken auf des Meeres dunklen Grund.
Rettungsring – Sei gewiss, Du wärest nicht verschont geblieben! All das fischige Getier hätte sich an Dir gelabt, in Dir verbissen und am Ende Dich zerfetzt.

Rettungsring, Elendiger!
Vieles hast Du mich gekostet. Die Kreditkarte – gülden glänzte sie dereinst.
Du wetztest sie ab mit Deiner steten Gier nach neuen Gewändern, weil die alten Dich nur noch spärlich zu befrieden  vermochten.
Meine Nervenstränge – ehemals stählern und unerschütterlich – Du hast sie gedehnt, zerrissen, aufgefasert und ausgefranst.
Ständig suchte ich Dich zu verbergen, um zu vertuschen, welch unersättliches Monster ich beherbergte.

Ach, wie konnt ich mich elfengleich im Tanze drehen.
Damals, bevor Du kamst. Heut ist mein Tanz so ungelenk wie der Räder Holpern über unebenes Land.
Selbst den Atem versuchst Du mir zu nehmen, wenn mein Wegesziel in weiter Ferne oder gar auf Bergeshöhen liegt.
Der Schuhe Bänder mir zu schnüren – ein Unding ist es fast. Bollwerkgleich drängst Du dich stets dazwischen.

Wie trefflich war mein Oben mit dem Unten einst verbunden. So anmutig, so fein.
Erinnerung nur blieb an sanfter Hände begehrliches Umschmeicheln. Zu jener Zeit, als dort noch Taille war.
Taille – Rettungsring – Taille!!!

Sieh – Rettungsring – sieh!
Bloss und hüllenlos steh ich vor des Spiegels erbarmungslosem Glas.
Nicht schöne Augen, kein Haupthaar, welches glänzend wallt, auch nicht der zierlichen Hände Form hält den Blick gefangen.
Du bist es – verdammter Rettungsring!
Angewidert starrend auf das Grauen Deines Anblicks, Deines Waberns und Schwabbelns kann er sich nicht erwehren.

Halt ein – Rettungsring – Du nimmersatte Wulst!!!
Mit dem parasitengleichen Leben ist nun Schluss.
Du hängst an mir – ich weiss. Doch viel zu lange schon trug ich Dich mit mir herum. Schleppte Dich, verfluchte Dich.
Wahrlich, ich sage Dir, ich werde Dich vernichten – Rettungsring!
Aushungern will ich Dich, hinwegschmelzen, Dich atomisieren!
Deinen Panzer will ich sprengen und wie Dornröschen aus tiefem Schlaf erwachen!
Herausschälen werd ich mich aus Deiner Umklammerung, wohlgeformt und leichten Schrittes!

Dies ist Dein letzter Tag Rettungsring!
Lebe wohl – auf Nimmerwiedersehen!!!

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