Yannie Angerer

433 Tage nach unserem Tod (Halloween-Story) – Zweites Kapitel

Zweites Kapitel

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418 Tage danach


Im Keller von Ronalds Haus angekommen wartete schon eine Horde an Zombies auf den wöchentlichen Vortrag. Bereits der Anblick im Zusammenspiel mit der Erinnerung an die letzten Reden löste den großen Wunsch in mir aus, auf der Stelle nach Hause zu verschwinden. Blöd nur, dass Ronald jeden Zombie, der seine Veranstaltung nicht mehr besuchte oder nicht seine Meinung teilte, bei den Menschen auffliegen ließ. Meinen Blick über die Masse schweifen lassend, in der Hoffnung, Harvey aufzuspüren, war mir unverständlicher denn je, wie Harvey das hier immer noch für eine gute Sache halten konnte.
Ich hätte nicht einmal so viel essen können, wie ich hätte kotzen wollen.
Unmotiviert ließ ich mich auf einem Plastiksessel neben Harvey nieder, der immer noch angeschlagen aussah, während ich in der Reihe vor uns jemanden ausmachte: Hale, ein Schulkollege von uns, der auf Platz zwei der Liste »Leute-denen-ich-am-liebsten-zwischen-die-Beine-treten-möchte« stand. Ohne diesen Idioten hätten weder Harvey noch ich je von diesen Versammlungen erfahren. In diesem Fall fand ich es eher nicht so praktisch, dass Zombies andere Zombies ziemlich leicht erkannten.
Bei all diesen Gedanken hatte ich meine Augenbrauen wohl ziemlich tief ins Gesicht gezogen, weshalb Harvey mich plötzlich anstieß. Mittlerweile hatte offenbar auch er gecheckt, dass ich neben ihm saß.
»Jetzt guck nicht so«, zischte Harvey leise. »Es geht los!«
Leise seufzend dachte ich: Und genau das ist der Grund für meinen Blick.
Plötzlich begann der ganze Keller zu beben. Wie verrückt klatschten und johlten die Zombies, als Ronald, wie immer dickbäuchig und mit grauem Haaransatz, die Kellertreppe hinunterkam. In seiner rechten Hand hielt er ein Mikrofon, die andere hatte er wie üblich in seine Hosentasche gezwängt, damit es nicht so auffiel, dass sein kleiner Finger ständig abzufallen drohte.

»Ich danke euch, ich danke euch«, strahlte er. Bei mir fand ich, dass er eher mir danken sollte dafür, dass ich so gute Nerven hatte und ihn noch nie öffentlich zum Daumenwrestling aufgefordert hatte. Ich hätte der Versuchung nicht widerstehen können, ihm den Daumen in die Nase zu stecken. Oder sonst wohin.
Nachdem das Johlen langsam abgenommen hatte, begann Ronald mit seinem ewig gleichen Palaver.

»Also, wir haben uns hier wie immer versammelt, um uns zu unterstützen. Um uns vor den Gefahren, die von den Menschen für uns ausgehen, zu rüsten«, predigte er großkotzig.
Ich konnte mir eine leise gemurmelte Antwort nicht verkneifen.
»Um uns zu unterstützen? Tolle Unterstützung, jeden dazu zu zwingen, dir zuzustimmen oder sonst von der Polizei geköpft zu werden.«
Anfangs hatte Ronald diese Versammlungen einberufen, damit wir uns untereinander Tipps geben konnten, wie wir mit den Menschen besser zurechtkommen konnten und wie wir möglichst wenig auffielen. Doch je mehr Zombies sich den Versammlungen angeschlossen hatten, desto mehr kam es mir so vor, als wäre Ronald größenwahnsinnig geworden. Harvey wusste, wie ich über Ronald und seine Anbeter dachte, aber er argumentierte stets, dass er der Einzige weit und breit wäre, der versuchen würde, uns zu helfen.

Nur es war ein Teufelskreis: Die Menschen wollten uns nicht vertrauen und die Medien rieten davon ab, nachdem ein paar Zombies angefangen hatten, Menschen zu attackieren. Und seitdem litten wir alle unter dem Ruf, dass man sich zur eigenen Sicherheit von uns fernhalten musste.
Aber Ronald goss doch nur Benzin in das Feuer, wenn er wiederum behauptete, die Menschen wären die böse Spezies. Wie sollten wir je wieder in Frieden miteinander zusammenleben und einander tolerieren und akzeptieren, wenn sowohl die Menschen als auch die Zombies sich gegeneinander aufstachelten?

Irgendwer musste doch mal den ersten Schritt machen und diese verfahrene Situation wieder einrenken ...
Aber in Ronalds Vortrag ging es wie immer nur um das ein und dasselbe Thema, wie eh und je. Und nur, um euch zu zeigen, dass er tatsächlich Unruhe stiftete:

»Denn die Menschen ...«, laberte Ronald weiter.
»Hassen unsere Spezies. Sie verachten sie zutiefst, genauso wie sie alles hassen, was sie nicht kennen.«
»Blödsinn«, entkam mir wieder. Fast verstört starrte Harvey mich von der Seite an.
»Die Menschen hassen uns nicht aus diesem Grund. Sie wollen uns töten, weil ein paar von uns angefangen haben, SIE zu töten!«, zischte ich mit verschränkten Armen.
»Aber nicht alle Menschen halten uns für wildgewordene Bestien«, meinte ich in Gedanken an meinen Bruder.
Und was Harvey betraf, sollte der sich nicht über meine Kommentare wundern. Ich sagte das ja nicht zum ersten Mal. Und ich konnte wirklich und ernsthaft nicht länger schweigen.
Unter tosendem Applaus verkündete Ronald den nächsten Satz aus seinem Buch »Wie man Leuten trotz fehlender Logik einreden kann, dass man die Wahrheit spricht«.
»Sie hassen es, dass wir stärker sind, weniger zerbrechlich!«
Spottend konterte ich: »Erzähl das mal deinem Daumen.«
Im Seitenwinkel konnte ich erkennen, wie Harvey entsetzt versuchte, wegzuhören.

»Und sie wissen – es gibt nur eine einzige Möglichkeit, uns auszuschalten: indem man uns den Kopf abhackt. Tausende mussten es schon erleben. Sie hatten Freunde, Familie, sie gingen zur Arbeit, zur Schule … sie waren einer von uns. Viele von ihnen kannten wir auch, sie waren hier, unterstützten uns bei dieser Versammlung.«
Neben mir begann eine alte Zombie-Oma laut zu schniefen. Ich rollte meine Augen, bis es schon fast wehtat.
»Und sie kamen nicht mehr zurück … ja, wir alle wissen, was dann passiert. Wir lösen uns auf. Wir zerfallen zu Asche. Zu Staub.«
Die alte Zombie-Oma neben mir schnäuzte sich ohrenbetäubend laut in ein uraltes Taschentuch. Hätte man dieses Taschentuch untersucht, hätte man darin sicher noch DNA von Höhlenmenschen gefunden.

»Und das nur wegen der Menschen, in deren Augen wir nichts wert sind!«, brüllte Ronald nun fast.
»Und es ist wichtig! Es ist wichtig, dass ihr das versteht – ihr könnt den Menschen nicht vertrauen. Vertraut den Menschen nicht. Unser Herz ist tot – wir können nichts fühlen – und es ist auch normal, dass unsere Erinnerung an das Mensch-Sein langsam verblasst; aber wir sind trotz allem die bessere Version der Menschen!«
Mit einem Mal wurde es mir echt zu viel. In Gedanken an Owen, meiner Mom, meinem Dad, der früheren Freundschaft zu Harvey, als wir noch Menschen gewesen waren – stieg in mir ein Zorn von ungeahnten Ausmaßen auf. Nichts von dem, was Ronald sagte, ergab Sinn. Nicht alle Menschen hassten uns und die paar, die es taten, hatten schlicht und ergreifend Angst vor uns!
Genauso wenig konnte es normal sein, seine Erinnerung an früher zu verlieren. Denn ich hatte bis jetzt keine Einzige verloren.

»So eine Scheiße höre ich mir nicht an«, fluchte ich laut, ehe ich stürmisch den Henkel meines Schulrucksacks packte, um zu verschwinden. Kaum hatte ich mich erhoben, spürte ich einen festen Druck um mein Handgelenk. Alarmiert wandte ich mich der Person zu, die zu der Hand gehörte.
»Du kannst nicht gehen, Abby.« Warnend funkelte Harvey mich an. Und trotz allem lag hinter dem bedrohlichen Schein eine leise Gebrochenheit. Irritiert sah ich zu Harvey zurück.

»Sicher kann ich«, machte ich ihm klar.
»Du musst endlich aus deiner Märchenwelt aufwachen«, erwiderte Harvey. Mir drehte sich der Magen um. Ich hatte diesen Satz einfach schon zu oft gehört. So oft …
»Das alles hier ist reine Hetze!«, brüllte ich Harvey plötzlich laut entgegen. »Siehst du das denn nicht?«
»Wenigstens versucht er mir zu helfen, während du das nicht tust!«, kam prompt aus Harvey herausgeschossen.
Das saß.

So schnell wie möglich packte ich mein Zeug zusammen und stürzte aus dem Keller heraus.
Über die Treppe hinauf und durch das kleine Vorzimmer nach draußen flüchtend, stellte ich fest, dass ich schon lange nicht mehr so sehr das Gefühl gehabt hatte, dass mir mein Herz bis zum Hals schlug.

Auf der Straße vor Ronalds Haus musste ich stehen bleiben. Harveys Worte hatten mich schwer getroffen.
Es schien mir, als hätte ich den langen Kampf gegen Ronald verloren. Und es war kein gutes Gefühl. Fast so, als hätte ich Harvey damit auch verloren.
Der Schnee trieb außerhalb immer noch sein Unwesen. Bestimmt war es eiskalt … so eiskalt, wie Harvey mir seit kurzer Zeit vorkam.


421 Tage danach


Wie nach jeder langen Nacht wartete ich am Morgen auf die Geräusche vor meinem Fenster, die mir sagten, dass Harvey bei mir angekommen war.
Doch so sehr ich mich auch bemühte, Harvey in dem wilden Schneegestöber außerhalb auszumachen; ich konnte ihn weder hören noch sehen.
Vermutlich wollte er nach dem Vorfall bei der Versammlung nichts mehr mit mir zu tun haben.

Trotzdem mir das logisch erschien, machte ich mir große Sorgen. Auch wenn er keine Freundschaft mit mir wollte, hätte er mir das wenigstens sagen können. Über das Wochenende konnte ich ihn ja nicht einmal in der Schule aufsuchen.
Und mittlerweile hatte ich mir schon die furchtbarsten Horrorszenarien ausgedacht. Am wahrscheinlichsten war jedoch, dass Harvey wegen der Sache bei der Versammlung sauer auf mich war.
Vorerst wollte ich mich jedenfalls mit meinen Spekulationen zurückhalten. Und zum Glück hatte Owen mir angeboten, mich zu schminken, bis ich Genaueres wusste.


427 Tage danach


Eine ganze Woche verging ohne ein Lebenszeichen von Harvey. Eigentlich hätte ich mich direkt nach der Schule in Ronalds Keller einfinden sollen, nicht nur Harvey zu Liebe, sondern auch um mich vor einer großen Katastrophe zu bewahren – doch meine Gedanken führten mich nach dem Unterricht an einen anderen Ort, so als ob mein Unterbewusstsein es für wichtiger empfunden hätte.

Einen ganzen Monat lang war der weiße Niederschlag immer wieder gefallen und hatte weite Teile des Platzes unter sich begraben. Trotzdem konnte ich schon von Weitem erkennen, wie lange dieser vor mir verlassen war.
Vor gut sieben Jahren – da waren Harvey und ich noch Menschen gewesen – hatten wir in diesem Garten viel Zeit miteinander verbracht.
Nun ragte die Spitze eines zurückgelassenen Rasenmähers aus dem meterhohen Schnee, auf den zwei Holzbänken direkt neben dem Terrasseneingang hatten sich die Eiszapfen gebildet und der Verputz des Hauses selbst schien sich schon seit einiger Zeit nicht mehr am Holzgerüst halten zu können.
Davor stehend hörte ich, wie jeder noch so kleine Schneesturm ein helles Pfeifen durch die eingeschlagenen Fensterscheiben zog.
Die vielen Male, die ich hier bei Harvey verbracht hatte, erwachten vor meinen Augen erneut zum Leben; doch sie wurden unterbrochen von den unzähligen Malen, an denen Harvey wie aus dem Nichts vor meinem Fenster aufgetaucht war.
Schlagartig verdrängte das Bild seines verwesten Heims diese Erinnerungen; ein Zuhause, in dem Harvey seit einiger Zeit ganz alleine zu leben schien.
Auf einmal ergab alles so unheimlich viel Sinn.

Gerne hätte ich das Innere des Hauses betreten, möglicherweise wäre ich auch auf interessante Dinge gestoßen, ein paar Dinge, die gewisse Fragen erklärt hätten, aber so baufällig, wie das Haus war, schien es mir zu gefährlich, es zu betreten.


430 Tage danach


Nach mehr als einer Woche wurde mir klar, dass ich mit all meinen Befürchtungen richtigliegen musste.
Keiner der Lehrer konnte mir beantworten, wieso Harvey im Unterricht fehlte. Es war wenig überraschend, dass sie Harveys Eltern nicht erreichen konnten.

Mehr als hundert Gedanken schossen mir an diesem Tag durch den Kopf und doch waren sie alle schon einmal da gewesen.
Im schlimmsten Fall war mein und Harveys Streit bei der Versammlung nicht unbemerkt geblieben und Ronald hatte Harvey dafür auffliegen lassen, dass er mit jemandem befreundet war, der ihn öffentlich kritisierte. Aber wenn es so passiert war, stellte sich die Frage, warum mich noch niemand ausfindig gemacht hatte? In Wirklichkeit war ich der echte Querulant von uns beiden.

Eine andere Möglichkeit war ein Unfall. Wenn er vor ein Auto gelaufen war und es hatte ihn zu sehr getroffen …
Es gab so viele Möglichkeiten. Unter all diesen war jedoch eine, die – gleich wie verwirrend die Umstände waren – am besten ins Bild passte.
Ja, ich wusste, wie jähzornig Ronald werden konnte. Und mich hatten sie scheinbar einfach nicht ausfindig machen können.

Mitten in meinem Gedankensumpf öffnete sich die Zimmertüre. Owen trat herein, zuerst noch grinsend, doch als er erkannte, dass Harvey auch heute nicht vorbeigekommen war, fiel ihm das Lächeln aus dem Gesicht. Seufzend schloss er die Türe hinter sich und ließ sich auf meinem Sessel nieder.
»Soll ich dich heute wieder schminken?«, fragte er bemüht vorsichtig.
Mich in seine Richtung drehend, konnte ich nicht anders, als mich trotz allem etwas erleichtert zu fühlen. Es war schön, dass zumindest mein Bruder für mich da war.
Ohne ein Wort entfernte ich mich vom Fenster und begab mich zu Owen. Mitfühlend lächelnd holte er das Schminkzeug aus dem Kasten und begann.


432 Tage danach


Die Nacht hatte etwas an sich, das mich verunsicherte und zugleich bestätigte.
An vielen Abenden hatte Harvey mir Gesellschaft geleistet und damit meiner Einsamkeit einen kleinen Schubs in die richtige Richtung verpasst.
Und seit dem Besuch seines Zuhauses wusste ich, wieso. Wieso er meine Lage so gut hatte verstehen können.
Als sich seine Eltern getrennt hatten, hatte er mir erzählt, wie einsam er sich fühlte. Und es wurde noch schlimmer, als er vor über einem Jahr eines Tages aufwachte und feststellte, dass sein Herz nicht mehr schlug. Wie ich hatte er sich ohne scheinbaren Grund über Nacht in einen Zombie verwandelt.
Und Harvey hatte bestimmt versucht, seinen Eltern zu verständlich zu machen, wie es ihm erging. Wie es ihm erging … als Zombie.
Darum lebte er alleine in dem verwahrlosten Haus seiner Eltern. Darum glaubte Harvey Ronalds Worte, dass die Menschen uns alle hassten. Weil seine eigenen Eltern ihn verlassen hatten. Alles ergab nun Sinn.

Zwar hatten Harveys Mom und Dad ihn nicht bei der Polizei gemeldet, wie es das Gesetz verlangte – vermutlich brachten sie es nicht über das Herz, ihren eigenen Sohn zu melden. Doch trotzdem hatten sie Harvey zurückgelassen, um sich selbst vor Konsequenzen zu schützen. Und da hatte Harvey alles Vertrauen in die Menschheit verloren.
Doch was mit Harvey passiert war … wieso er nicht mehr in der Schule auftauchte, war mir nicht ganz klar.
War es Ronalds Werk gewesen oder hatte Harvey sich nach alldem dazu entschieden, einen Schlussstrich zu ziehen und ganz woanders einen Neuanfang zu versuchen?
Von meinem Fenster aus beobachtete ich die kalte Nacht.
Seit Tagen ließ Harvey meine Gedanken nicht unbeherrscht und es schmerzte auf eine Art, die ich selten zuvor verspürt hatte.
Noch nie hatte ich mir etwas so sehr zurückgewünscht wie Harvey und ich konnte es nicht länger ertragen.

In der ruhigen Atmosphäre eines schläfrigen Hauses verließ ich mein Zimmer auf der Suche nach einem bestimmten Utensil.
Zurück vor meinem Fenster wartete ich noch eine klitzekleine Sekunde ab.
Es hieß, wenn einem Zombie der Kopf abgetrennt wird, stirbt er endgültig. Aber mit Harvey, entweder tot oder geflüchtet, sah ich nur noch einer Zukunft der Verwesung oder verfolgt von Ronalds Gefolgsleuten entgegen. Und ohne Harvey wollte und konnte ich das alles nicht mehr.
Ruhig setzte ich mich auf mein Bett und betrachtete das reflektierende Licht der Straßenlaterne auf der Schneide des Messers.
Ich seufzte einmal tief und spürte den Schmerz in meiner Brust.
Immer noch glaubte ich an keine von Ronalds Worten. Mein Herz war nicht tot.
Mir war es ganz egal, was jemand anderes sagen würde, denn für mich war dies die richtige Entscheidung.


433 Tage danach


Über Nacht war ein Schneesturm angebrochen. Sogar im Schlaf konnte ich ein pfeifendes Rauschen hören; Astspitzen schlugen gegen mein Fenster und durchbrachen im Sekundentakt die Stille innerhalb des Hauses.
Wirklich geweckt wurde ich jedoch von einem leichten Zittern des Untergrunds, auf welches ein dumpfes Rumpeln folgte.
Im Halbschlaf erkannte ich, dass sich durch das wilde Treiben des Windes mein loses Schiebefenster einen Spalt geöffnet hatte.

Mühselig erhob ich mich aus dem Bett, wankte die paar Meter zu meinem Fenster. Schon nach dem ersten Versuch, das Fenster hinunterzudrücken, wurde mir klar, dass es etwas klemmte. Flüchtig steckte ich ein Bündel an Ästen zurück nach draußen, ehe ich ein weiteres Mal mit aller Kraft versuchte, das Fenster zu schließen.
Ich legte mich richtig ins Zeug und schlussendlich – es gab nach.
»Verdammte Ka …!«, ertönte wie aus dem Nichts.
Entsetzt machte ich einen Schritt zurück.
»Würdest du mir bitte helfen?!«, setzte dieselbe Stimme prompt nach.
Panisch warf ich einen Blick auf das Fenster und bemerkte fünf Finger, die ich ganz offensichtlich eingeklemmt hatte.
Mit einem Ruck öffnete ich das Fenster ganz – aber ich konnte niemanden davor erkennen.
Blitzschnell tauchte ein Schatten knapp vor mir auf, dessen Silhouette ich erst nach und nach erkennen konnte.
Er war etwas blass um die Nase rum, aber es war ganz eindeutig Harvey, der in der darauf folgenden Sekunde sein Bein in die Hausinnenseite schwang.
Stumm ertrug ich ein Gefühl, das wohl mit dem zu vergleichen war, wenn man plötzlich auf einen Geist trifft.

»Und hopp!«, hörte ich Harvey fröhlich murmeln, gerade in dem Augenblick, in dem er auch sein zweites Bein in mein Zimmer holte.
Da ich zu erstaunt war, verfolgte ich wortlos Harveys Tun.
Einen Augenblick später wurde es wieder ein ganzes Stück leiser um uns. Harvey hatte das Fenster hinter sich endlich geschlossen.
»Das war echt haarscharf. Noch ein Quäntchen mehr und meine Finger würden wie lose Teile von meiner Hand hängen«, motzte er, trotzdem mit weit nach oben gezogenen Mundwinkeln.
»Wo warst du?«, fragte ich, ohne es selbst zu verstehen.
Zuerst noch lächelnd, dann mit von Schuldgefühlen überflutetem Blick, gab Harvey knapp zurück:
»Nicht hier.«
Konfus schüttelte ich meinen Kopf.
Während Harvey sich jedoch in die Mitte meines Zimmers begab, fiel mir etwas ins Auge, das sich nach längerem Hinsehen als das Messer von gestern Abend herausstellte. Ein wenig Blut klebte an der Längsseite, ich hatte es am Teppichboden liegen gelassen.

Fassungslos schlug ich mir die Hand vor den Mund. Bis zu diesem Punkt hatte ich ehrlich geglaubt, ich hätte das alles nur geträumt …
In Wirklichkeit aber – und das realisierte ich nun Stück für Stück – hatte ich mir gestern tatsächlich den Kopf abgeschnitten …!

»I-ich habe meine Eltern gesucht«, eröffnete mir Harvey unerwartet und leicht stammelnd.
Obwohl er mich damit aus meinem Realisierungsprozess herausriss, kam eine Antwort wie aus der Pistole aus mir herausgeschossen.
»Und … und hast du sie gefunden?«
»Ja«, erwiderte Harvey auch sogleich.
»Nur will ich ihnen als Zombie nicht mehr unter die Augen treten … sie haben Angst vor mir.«
Zaghaft nickte ich auf Harveys Geständnis, war dabei aber eigentlich immer noch damit beschäftigt zu verstehen, was mit mir passiert war.
Trotzdem sagte ich:
»Harvey, ich glaube nicht, dass sie dich zurückgelassen haben, weil sie dich nicht mehr lieben.«
Harvey sah mir aus klaren Augen entgegen. Er schwieg ein wenig und ich sagte:
»Wenn sie dich nicht liebten, hätten sie die Polizei verständigt.«
Nachdenklich sah er zu Boden. Dann nickte er zaghaft.
»Ja. Und … du hattest recht.« Traurig sah er zu mir auf.
»Sie hassen uns nicht. Genau wie alle anderen Worte von Ronald eine Lüge waren. Du hattest recht. Sie fürchten sich einfach nur vor uns.«
Ehe ich noch dazu kam, etwas zu erwidern, entdeckte Harvey das blutige Messer am Ende des Bettgestells.
Ängstlich sah ich Harvey an. Mit vor Schock geöffnetem Mund starrte er mir entgegen. Langsam hatte er eins und eins zusammengezählt. Hier stand ich nun vor ihm, ohne einer Wunde am Hals. Vermutlich auch ohne Verwesungsflecken im Gesicht.
Eine Sekunde lang überfiel mich dermaßen große Furcht vor seiner Reaktion, dass meine Zunge ganz taub wurde. Ich wollte nicht, dass er sich deswegen nun vor mir fürchtete.
Doch zu meiner Überraschung reagierte Harvey auf meine Unsicherheit, indem er behutsam mein Handgelenk fasste.
»Schon okay. Also, das passiert wohl mit manchen von uns, wenn man ihnen den Kopf abschneidet?« Harvey lachte etwas ironisch.
Unsicher besah ich Harveys kalte Hand und meine, auf der sich langsam eine Gänsehaut ausbreitete.
»Ich hatte keine Ahnung, was passieren würde«, gab ich Kopf schüttelnd zu. »Aber du warst fort und ich dachte, Ronald –« Ich unterbrach mich.

»Aber anscheinend hattest du mit allem recht, was du über Ronald gesagt hast. Er wurde unheimlich wütend und wollte von mir wissen, wo du bist. I-ich dachte nicht, dass er wirklich so grausam wäre. Aber ich habe ihn angelogen. Und genauso hattest du anscheinend recht damit, dass unsere Herzen nicht tot sind. Sonst hätte ich meine Eltern niemals –«
Harvey zuckte mit den Schultern, anstatt den Satz zu beenden. Er schien jedoch nicht beschämt, sondern viel mehr erleichtert.
»Vielleicht hat es auch nur funktioniert, weil –«, begann ich, stoppte allerdings frühzeitig ab. So richtig konnte ich mir auch nicht erklären, wieso es mich wieder zum Menschen gemacht hatte.
»Ich weiß nicht, aber vielleicht … weil es für dich noch nicht zu spät war. Weil … du unterbewusst nicht daran geglaubt hast, zu Asche zu zerfallen, wenn du das tust«, vollendete Harvey darum für mich.
Wir hatten keinerlei Beweise dafür und trotzdem dachte ich: Natürlich. Harvey musste recht haben.

Verunsichert fragte ich:
»Und was jetzt? Was, wenn es bei dir nicht funktioniert? Willst du überhaupt –?«
Harvey schluckte trocken.
Wir wussten beide, was es zu bedeuten hatte. Blieb uns am Ende nichts anderes übrig, als es auszuprobieren?

Perplex öffnete Harvey den Mund, synchron blickten wir zueinander auf.
Mein Herz schlug wie verrückt. Ich war es schon so lange nicht mehr gewohnt, dass ich einen Moment zusammenzuckte.
Harvey spürte es. Vor Sorge hatte er begonnen, mein Handgelenk immer fester zu umklammern.
Dabei stand ihm die Angst vor dem, was ihn vielleicht erwartete, immer noch ins Gesicht geschrieben.
Aber dann heftete er seinen Blick wieder an meinen. Unvermittelt rief er aus:
»Deine Hand ist warm!«
Ungläubig zog ich ihn zu mir. Mich aus seinem Griff befreiend, legte ich sein Gesicht in meine Hände.
»Wie –? Du kannst Wärme fühlen?!«, stellte ich verwirrt fest.
Konfus bemerkte ich: Das war eindeutig nicht meine Wärme, die zu mir zurückkam. Harvey hatte eine erhöhte Körpertemperatur!
Und ich konnte trotz der Dunkelheit sehen, dass die Verwesungsflecken auf seiner Wange langsam verschwanden.
»Du bist nicht tot«, hörte ich mich wie von fern sagen, nur um es mir selbst zu bestätigen.
Kaum merklich breitete sich wieder ein schmales Schmunzeln in Harveys Gesicht aus.
Vor mir stehend entfernte er eine meiner Hände von seiner Wange und legte sie an seine Brust.
»Kannst du das spüren?«, wollte er daraufhin von mir wissen.
»Ja!«, antwortete ich schnellstmöglich und bestimmt lächelte ich nun auch.

Gleichzeitig traten Harvey und ich etwas näher aneinander heran und legten unsere Stirn aufeinander.
Ich lächelte ihn an und er, genauso überglücklich wie ich, zurück.
Während ich ihm sanft über den Hals strich, bestätigte er:
»Unsere Herzen sind nicht tot …«
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.10.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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