Volker Walter Robert Buchloh

Afghanistan 2021

Afghanistan 2021

Eine strukturelle Analyse

Volker Buchloh

2021

Inhaltsverzeichnis

 

Einführung

Die Strukturen stabiler Gesellschaften

Die Strukturen labiler Gesellschaften

Afghanistan

Die vor amerikanischen Besatzer

Die amerikanische Besatzung und ihr Scheitern

 

 

 

 

Einführung

 

Der abrupte Machtwechsel in Afghanistan hat Politiker und Wissenschaftler aus aller Welt in Erstaunen gesetzt. In einer solchen Situation hat es, wen wundert es, Leute in die Öffentlichkeit getrieben, die alles schon vorher gewusst hatten. Solche Besserwisserei ist aber bei der Analyse solcher Verhältnisse wenig hilfreich. Sie haben alles im Vorfeld gewusst, aber erklären, warum es dazu kam, das können sie nicht. Es hat aber auch Fachleute gegeben, die sich mit dem Land beschäftigt haben. Sie haben lange Jahre in dem Land verbracht. Sie haben die Entwicklung kommen sehen, haben die Fehler bemerkt, die Verantwortliche hier gemacht haben. Aber eine grundsätzliche Analyse des Geschehenen, liefern sie nicht. Will man der Entwicklung in Afghanistan gerecht werden, dann bieten sich zwei grundsätzliche Ansätze an: Der politische Ansatz und der strukturelle.

Der politische Zugang erscheint mir deshalb ungeeignet, weil die politische Wahrnehmung immer interessengeleitet ist, auf der Ideologie des jeweiligen Betrachters basiert. Diese filtert politisches Handeln und schränkt es dadurch ein. Über diese Ideologie wird politisches Geschehen manifestiert. In der Realität zeigt sich dann die Wirksamkeit der politischen Annahmen. Der politische Ansatz bietet die Möglichkeit der Auseinandersetzung über diese Ziele, ihre Zweckmäßigkeit oder die Bedienung von Interessen. Man erkennt somit nur das, was man bedienen will. Aber auch das, was man ablehnt. Der Schlüssel der Erkenntnis liegt also schon in den Werkzeugen, die man benutzt. Für eine solche Analyse eines Herrschaftswechsels scheint mir dieser Ansatz deshalb wenig geeignet.

Der strukturelle Ansatz ist sicherlich auch nicht ideologiefrei, aber er liefert Fakten, die einem helfen, Abläufe zu verstehen, um diese zu erklären. Eines solchen Ansatzes will ich mich hier bedienen. Ich beziehe mich dabei auf die Gier bedingte Entwicklung gesellschaftlicher Strukturen, die ich in meinem Aufsatz >Demokratie<1 entwickelt habe. An dieser Stelle seinen nur einige dieser Thesen dieses Ansatzes angeführt, um das Folgende besser zu verstehen. Sie werden im Folgenden aber in ihrer Funktionsweise auch erklärt und damit verdeutlicht. Die Gier ist in der Genetik des Tierreichs verankert und betrifft alle Lebewesen, somit auch den Menschen. Diese Gier teilt die Menschen in drei Gruppen. Einem Oligarchen2, der ein Netzwerk von Abhängigkeiten und Belohnung schafft, kontrolliert und an sich ändernden Gegebenheiten anpasst. Dadurch entsteht eine zweite Gruppe, eine unbestimmte Anzahl an Unterstützern dieser Oligarchen. Sie profitieren von den erwirtschafteten Ressourcen der Oligarchie. Diese Zuteilung ist asymmetrisch. Man behält den Großteil der Ressourcen für sich und gibt nur so viele Ressourcen nach unten weiter, wie es die Funktionsfähigkeit der Oligarchiestruktur erfordert. Und dann gibt es noch eine dritte Gruppe, die von der Ressourcenverteilung ausgeschlossen wird.

Eine strukturelle Analyse zum Thema Afghanistan 2021 lässt sich am Besten durch zwei Positionen auf einem Kontinuum beschreiben: stabile Gesellschaften und labile Gesellschaften3.


 


 

Die Strukturen stabiler Gesellschaften


 

Da die Strukturen einer jeden Gesellschaft vom Aufbau her gleich sind, gelten sie somit auch für stabile Gesellschaften. Grundlage jeder Gesellschaft ist, wie oben angesprochen, die Aneignung von Ressourcen. Diese Aneignung erfolgt immer nach dem gleichen Muster. Es gibt einen Oligarchen, dessen Gier ihn in den Besitz von Ressourcen setzen will und setzt. Es ist ihm leider4 nicht möglich, sich allein dieser Ressourcen komplett zu bemächtigen. Er braucht dazu Unterstützung und der Herausbildung einer Struktur, um diese Aneignung zu optimieren. Diese Unterstützung muss er einkaufen, d.h. er muss diese Unterstützer an dieser Ressource beteiligen. Die Gier des Initiators verlangt nun, nur soviel an Ressourcen weiterzugeben, wie zur Erfüllung der Allokation unbedingt notwendig ist. Konkurrenz ist hier das Regulativ, die Kosten solchen Vorgehens so gering wie möglich zu halten. Diese Unterstützer ihrerseits benötigen wiederum Unterstützer, um ihre Aufgabe zu erfüllen. Diese nachgeordneten Ebenen müssen ebenfalls an den Ressourcen beteiligt werden. Sie beteiligen sich an dieser Verteilung nur aus Gier. Auch hier herrscht Konkurrenz. Diese stellt wiederum sicher, dass nur das Notwendigste weiter nach unten gegeben wird. So entsteht ein hierarchisches Beziehungs- und Abhängigkeitsgeflecht. Da die Unterstützer auf jeder Ebene sich an dieser Ressource auch nur aus Gier beteiligen, geben sie nur soviel von der ihnen zugeteiltem Anteil weiter. Das Merkmal dieser Strukturen ist, man will so viel behalten wie möglich und weitergeben so wenig wie nötig.

Um das an einem Zahlenbeispiel zu simplifizieren: Ich erhalte 100 Prozent einer Ressource. 30 Prozent muss ich weitergeben. Der nächste in der Hierarchie verhält sich ähnlich, in dem er 30 Prozent von seinem Anteil an Unterstützer weitergeben muss. Je mehr Stufen der Weitergabe eine Struktur zur Funktionserfüllung braucht, um so geringer wird der weiter zu gebende Anteil. Ich bezeichne dieses Strukturmodell als asymmetrische Ressourcenverteilung.

Es ist aber nicht nur die Verteilung allein strukturbestimmend. Die Gier kettet sich an die erhaltenen Ressourcen. Je höher man in dieser Struktur steht, um so höher ist die Motivation an der Stabilität dieser Struktur interessiert zu sein. Anders ausgedrückt: Je weiter unter ich in dieser Struktur stehe, um so geringer ist mein Interesse an dieser Struktur der Ressourcenweitergabe. Aber das Ganze von Gier und Weitergabe stabilisiert die Gesellschaft.5

Wenn man eine solch hierarchische Struktur als Element bezeichnet, dann besteht eine Gesellschaft aus einer Vielzahl solcher Elemente. Dieser quantitative Aspekt ist bei stabilen Gesellschaften stark ausgebildet. Man muss nur ein Branchentelefonbuch aufschlagen, um zu ermessen, was für unterschiedliche Elemente in stabilen Gesellschaften zu finden sind. Es kann nicht darum gehen, "Gelbe Seiten" hier abzutippen. So werden nur exemplarisch stichwortartig Fakten aufgelistet, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit haben, sondern einzig und allein die Vielzahl solcher Elemente verdeutlichen sollen:

Ärzte in der Vielfältigkeit ihrer Spezialbegabungen (Orthopädie, Urologie, Neurologie, Dentisten); Ärztebedarf; Versicherungen; Pflegedienste; Antriebstechnik; Apotheken; Architekten; Automobilbranche mit Elektronik, Reparatur, Verwertung, Fahrzeugbau ; Baumaschinen; Bausanierung; Bestattungen; Betonerzeugnisse; Bootsbau; Brennstoffe; Bürobedarf; Computerdienste; Druckereien; Düngemittel; EDV; Energieversorgung; Café; Restaurants; Hotel; Handelsvertretung; Baumärkte…

Man kann sich diese Gesellschaftsstruktur bestehend aus einer Vielzahl von Elementen auch als Wurzelwerk unterschiedlichster Pflanzen vorstellen, welches den Boden verfestigt und ihm Struktur gibt. Selbstredend sind diese Elemente nicht gleichbedeutend oder gleichgewichtig, aber es ist ihre Vielzahl und ihre unterschiedliche Bedeutung für die Gesellschaft, welches die Stabilität der Gesellschaft bedingen. Diese Komplexität verkraftet es, wenn einzelne Elemente temporär oder gänzlich wegbrechen, und auf diese Weise an Bedeutung für das Ganze verlieren, oder veralten. Da jedes Element zwangsläufig Menschen mit einbindet, steigt zwangsläufig die Zahl der Unterstützer dieses Gesellschaftssystems. Jeder, der etwas zu verlieren hat, wird dafür kämpfen, Bestehendes zu erhalten.

Die Komplexität solcher ineinander verwobener Elemente wird ergänzt (und wirkt gleichzeitig stabilisierend) durch horizontale Verknüpfungen zwischen den unterschiedlichen Elementen. Sie entstehen durch Bestreben der Elemente, die mithelfen, die Akkumulation von Ressourcen zu erleichtern - ich denke da an Kooperationen zwischen Unternehmen, Interessenverbände, an Abschottung von Märkten durch neue Mitbewerber – ich denke da an Kartelle -, oder Handwerksordnungen.

Hier ist das Gegensatzpaar von Konkurrenz und Marktabschottung erkenntniserweiternd. Konkurrenz wird von den Marktzugängern eingefordert, die nur dadurch eine Chance sehen, sich auf einem Markt Platz zu verschaffen. Sie wollen die Gleichberechtigung von Chancen, will sagen die Möglichkeit haben, ein Kontingent von Ressourcen für sich zu vereinnahmen. Die Etablierten eines Marktes haben an zusätzlichen Konkurrenten gar kein Interesse. Sie wehren sich mit legalen und illegalen Mitteln dagegen. Der Gleichheitsgrundsatz einer Demokratie verbietet ein simples Verbot durch Zugangsbeschränkungen. Aber es gibt eine Menge struktureller Mittel, den Marktzugang zu erschweren: Beziehungen, Ausbildungsordnung, Mindestkapital, Normung, technischer Standard. So entsteht ein Netz von zusätzlichen Beziehungen. Obwohl man sich punktuell bekämpft, ist man doch an einer (Wirtschafts-) Ordnung interessiert. In der Gesellschaft vielseitig gegenseitiger Abhängigkeiten entsteht so ein stabiles Geflecht, dass diese Gesellschaften stabilisiert. Es gilt die Vermutung, dass die hier beschriebenen Strukturen einer der zentralen Gründe sind, was den Reichtum der Bevölkerung dieser Gesellschaften bedingt. Denn die Zahl derjenigen, die in diesen Strukturen eingebunden sind, sist besonders groß.


 


 

Die Strukturen instabiler Gesellschaften


 

Die quantitativen und qualitativen Strukturen, ihre Vernetzung miteinander, sind als Stabilitätskriterien herausgearbeitet worden. Es ist fast selbsterklärend, dass bei instabilen Gesellschaften ein Mangel solcher Elemente und ein Fehlen von Querabhängigkeiten auszumachen ist. Auch eine geringere Zahl von Ebenen muss hier verortet werden. Obwohl die asymmetrischen Verteilungen der Ressourcen im Kern eine Ausbeutung beschreibt, bindet sie Menschen in einem Abhängigkeitsverhältnis. Die asymmetrische Ressourcenverteilung ist jedoch weniger ausgeprägt. Die Notwendigkeit der Ressourcenweitergabe ist wegen der minderen Ebenen geringer ausgeprägt. Ebenso sind eine verminderte Zahl von Querabhängigkeiten feststellbar. Solange, wie die vorhandenen Strukturen eine Existenzsicherung zur Folge haben, solange besteht auch in diesen Gesellschaften eine Motivation, diese Strukturen zu stabilisieren. Die Größe der Gruppe Drei ist hier im Vergleich zu stabileren Gesellschaften besonders groß. Es muss vermutet werden, dass je größer diese Gruppe ist, je geringer die zu verteilenden Ressourcen qua mangelnder Wertschöpfung sind und je größer die rivalisierenden Oligarchien sind, um so mehr nähert sich die Instabilität einem >failed state<. Zeigt sich ein Wegfall der zugeteilten Ressourcen an oder gibt es andere Alternativen, dann ist es mit dem Zusammenhalt nicht weit her. Die Gesellschaft kriselt. Der Anteil der Mitglieder, die ich als Gruppe Drei klassifiziert habe, ist größer als bei stabilen Gesellschaften. Die Menschen versuchen, koste es was es wolle, über die Runden zu kommen. Sie nehmen sich, was sich ihnen bietet. Die Ordnung, welche in jeder Oligarchie gilt, hebt sich in dieser Gruppe weitgehend auf. Ansätze von Regellosigkeit sind erkennbar, bis zu Aufständen, die nur als Anarchie begreifbar sind.

Es gibt einige Elemente, die auch bei instabilen Gesellschaften anzutreffen sind. Das sind der Stamm, die Familie und die Religion. Man mag verwundert sein, weil hier eine staatliche Ordnung, Verwaltung, Polizeikräfte und Militär nicht aufgeführt sind. Sie sind vom Element Stamm abgeleitete Größen. Im Ursprung sind sie in einer Stammesgesellschaft nicht funktionell notwendig, weil ein Stamm sie qua Größe und Zusammenhalt nicht braucht. Sie werden erst notwendig, wenn sich Stammesherrschaft über fremde Stämme erstreckt. Diese Okkupation muss dann eine staatliche Struktur annehmen, um die Herrschaft abzusichern.

In der Neuzeit ist es der Kolonialismus gewesen, der solche Erweiterungen der Strukturen entwickelte. Interessiert an der Ausbeutung aller möglichen Ressourcen einer Kolonie, war diese staatliche Struktur flächenorientiert. Sie degradiert Stammesgrenzen zu Teilflächen ihres Herrschaftsbereiches und ignoriert diese weitgehend. Die eigentlichen Grenzen einer Kolonie orientierten sich an dem Einflussgebiet anderer Kolonialmächte. Innerhalb des eigenen Territoriums werden Verwaltung, Militär und Polizei notwendig, um die Kontrolle sicherstellen zu können. Das Denken in solche Territorien zwang eine Vielzahl von Stämmen zusammen, die häufig in deren Geschichte im Krieg zueinander standen, oder trennte sie sogar mutwillig.6 Bestenfalls gab es keine Bereitschaft der Kooperation zwischen diesen Stämmen. Es war die militärische Übermacht der Kolonialmächte, welche hier für >Ruhe< sorgte.

Mit dem Zerfall der Kolonialreiche ließ man ein Bündel von Stämmen zurück, die nur durch eine Kolonialverwaltung miteinander verflochten waren, ansonsten aber keinerlei Beziehung zueinander hatten. Diese koloniale Verwaltung wäre mit der Zeit in sich selbst zusammengefallen – hätte sich selbst aufgelöst, wenn die Kolonialmächte nicht ein >Gift< zurückgelassen hätten: das Gift der Demokratie. Es ist das Mehrheitsprinzip, welches die Herrschaft über diejenigen Stämme international legitimierte. Die Stämme, die bevölkerungsmäßig kleiner waren, als der zahlenmäßig größte, mussten sich dieser Mehrheit unterwerfen. Für den größten Stamm bot sich eine effektivere Möglichkeit, die Ressourcen des neugebildeten Staates unter ihre alleinige Kontrolle zu bringen. Man brauchte keine Eroberung mehr, auch brauchte man keine Versklavung. Jeder zahlte Steuern. In den Genuss dieser Ressource kam kam jedoch nur die Majorite.

Ihr Bestreben, statt einer Kolonialverwaltung nun eine Selbstverwaltung nach demokratischem Muster aufzubauen, war einerseits ein Argument, welches die demokratischen Kolonialmächte nicht ignorieren konnten. Andererseits, dem Demokratieprinzip folgend, gingen die erwirtschafteten Ressourcen an ein anonymes Staatsgebilde, das vom Mehrheitsstamm auch heute noch kontrolliert wird. Diese Ressourcen werden nie gleichmäßig unter den einzelnen Stämmen des neuen Staates verteilt. Auch hier wirkte die asymmetrische Ressourcenverteilung auch außerhalb der Stammesstruktur. Der größte Stamm verwendete die Ressourcen größtenteils für sich, und für dessen Oligarchen. Man baute ein Militär auf, rekrutierte Polizeikräfte, installierte eine Gesetzgebung, die diese asymmetrische Verteilung stabilisiert und rechtfertigt. So verstärkt sich der ökonomische Vorsprung des Mehrheitsstammes gegenüber den >beherrschten< Stämmen und bewirkt einen permanenten Machtzuwachs. Diesen Prozess kann man sich am Beispiel von Afghanistan genauer anschauen.


 


 

Afghanistan


 

Afghanistan ist kein Staat sondern ein künstliches Konstrukt. Im Laufe der letzten Jahrhunderte haben unterschiedliche Mächte versucht, dieses Gebiet zu beherrschen, um an deren Ressourcen zu gelangen, oder eine problemlosere Passage für den Transport ihrer Ressourcen aus Indien und China über den Landweg nach Europa zu haben. Die Afghanen waren stets Mittel zum Zweck. Vielleicht hat sich neben der geografischen Abgeschiedenheit eine Ablehnung des Ausländischen entwickelt.7


 


 

Die vor amerikanischen Besatzer


 

So lag Afghanistan zu Zeiten der Kolonialmacht Großbritannien auf der direkten Landverbindung zwischen ihrer indischen Kolonie und Mitteleuropa. Den Abbau von örtlichen Rohstoffen nahm man auf ost-westlichen Landverbindung einfach mit. Eine Einbindung der afghanischen Stämme kam wegen der kulturellen Arroganz der Kolonialmacht England nicht in Betracht. Eine Missionierung westlicher Kultur war nie geplant. So blieben die afghanischen Stämme unter sich und gingen ihren Geschäften nach. Die Stammesstruktur blieb erhalten. Sie bestimmte nach wie vor das wirkliche Geschehen in diesem >Staatsgebiet<. Schaut man sich die nach Stammesgebieten aufgegliederte Landkarte jedoch genauer an, so ist ein wirrer "Flickenteppich aus Herrschaftsbereichen ethnischer Gruppen"8 erkennbar. Paschtunen, Tadschiken, Usbeken, Hazara, Aimaken, Belutschen, Turkmenen, Nuristani, Kirgisen haben auf ihrem Stammesgebiet ihre regionale Selbstständigkeit immer zu verteidigen gewusst. Was sie nicht hinderte, durch Koalitionen und Absprachen ihren Einfußbereich zu vergrößern.9 Auch die Kooperation mit den wechselnden Besatzungsmächten galt diesem Bestreben. So kann unter dem Strich von einem wirklichen Staat Afghanistan überhaupt nicht die Rede sein.

Die nachfolgende Eroberung Afghanistans durch sowjetische Truppen war reiner Kolonialismus. Unter der Maxime der kommunistischen Weltherrschaft, wurde Afghanistan nur ein weiterer Baustein dieser Inbesitznahme. Natürlich war dies nichts anderes, als eine Eroberung mit anschließender Ausbeutung zu Gunsten Moskaus. Das merkten die Afghanen schnell und organisierten sich im Widerstand. Es war die Stunde der Mudschahedin, stammesorientierte Räuberbanden, die vorgaben allein gegen die Besatzung Widerstand zu leisten. Ansonsten nahmen sie mit, was sie gebrauchen konnten, auch von der Bevölkerung anderer afghanischer Stämme. Die Investitionen der Sowjets in die Infrastruktur waren nicht an einer Entwicklung der afghanischen Gesellschaft orientiert. Es ging allein um die Sicherstellung und Abtransport der afghanischen Ressourcen, oder der schnellen Verlegung von Truppen. Unterstützt durch die Amerikaner, wurden die Mudschahedin zu Stellvertretern im Kalten Krieg. Als die Sowjets in einer Kosten-Nutzen-Analyse feststellten, in ein Fass ohne Boden zu investieren, wurde die Weltrevolution marginal. Sie verließen das Land und überließen das Land den Mudschahedin.

Es mag die Gottlosigkeit der Sowjets und dem Raubverhalten der Mudschahedin angelastet werden. Jedenfalls erstarkten die religiösen Kräfte dieses Landes. Mit Religion ist ein weiteres Strukturmerkmal dieser Gesellschaft hinzugekommen. Der Islam übernimmt hier – wie im Übrigen in anderen Gesellschaften auch – eine herrschaftssichernde Funktion ein. Sie ist kein eigenständiges Element in diesen Gesellschaften, kann somit nie in Konkurrenz zu den Patriarchen auftreten. Das ist schon dadurch unmöglich, weil Patriarch und Imam in Personalunion miteinander verbunden sind. Auch eine Gesetzgebung oder Judikative, im Sinne einer Gewaltenteilung, als eigenständige Macht, ist undenkbar. Denn der Islam lässt, seinem Absolutheitsanspruch gemäß, eigenständige Strukturen nicht zu. Allah ist allmächtig und allwissend . Dadurch bedarf er keinerlei Kontrollen. Verbrämt unter dem Gesetz eines allwissenden Gottes, duldet diese Religion keinen Widerspruch zu der Textexegese des Korans der größten Stammesgruppe. Dies sind die Paschtunen. Gemeint ist damit ein Widerspruch gegen den als göttlichen Willen postulierten Herrschaftsanspruch der Paschtunen. Das ist Wasser in die Mühlen absolutistischer Herrschaft und stabilisiert die asymmetrische Ressourcenverteilung. Der Islam ist, gesamtgesellschaftlich gesehen, ein Instrument der Herrschaftssicherung qua Religion. Jeder Machthaber legt den Koran so aus, wie er ihm in seinem Herrschaftsbereich opportun erscheint. Aus diesem Grunde gibt es ja die Vielzahl von Glaubensrichtungen des Islam. Diese sind durch unterschiedliche Herrschaftsansprüche entstanden. Was der Islam als Religion kennzeichnet sind soziale Regeln, an der sich alle, auch die Herrscher, halten müssen.

Das Muster von Herrschaft stellt sich sich in Afghanistan wie folgt dar. Die Religion hat in Afghanistan eine Jahrhunderte alte Tradition. Politisch gesehen hat diese aber nie Bedeutung erlangt. Es gab sie immer schon. Die Taliban waren Koranschüler, welche den Imamen bei ihrer Glaubensarbeit halfen. Jeder hatte vor den Taliban Respekt, mehr nicht.10 Mit der Schwächung der militärischen Kraft der Mudschahedin durch die Sowjets, schlug nun de Stunde der Taliban. Sie füllten das Machtvakuum aus und die Paschtunen ergriffen die Möglichkeit der Vorherrschaft. Die religiös motivierte Hegemonie ist flächenorientiert. Flächenorientiert sind auch Nationalstaaten. So wundert es nicht, dass auch die Oligarchen der Paschtunen an einen Staat Afghanistan interessiert sind, allerdings unter ihrer und damit paschtunischer Vorherrschaft. Die Paschtunen sind somit eine national11 ausgerichtete Größe der örtlichen Politik. Dieses nationalistische Bestreben wäre eine isolierte, lokale Erscheinung geblieben, wenn nicht islamische Geldgeber ein anders Ziel verfolgt hätten, den Islam weltweit verbreiten zu müssen. Im Laufe der Geschichte fand diese >Bekehrung< durch kriegerische Aktionen statt. Man eroberte und stellte die Besiegten vor die Wahl: Annahme des islamischen Glaubens oder Kuffar, Ungläubiger, und das bedeutete Tod. Diese kriegerischen Aktionen haben sich in der Moderne zu Terrorattentaten verlagert. Der bekannteste Kopf dieser Mission hieß Osama Bin Laden. In den abgeschotteten Tälern Nordafghanistan fand dieser das für seine Zwecke richtige Umfeld: Ausbildung, Planung Durchführung. Hatten die ersten durch weitere Geldgeber12 - , so wurde nach den Ereignissen des 11. Septembers 2001 das unbedeutende Afghanistan an die Spitze der westlichen Bedrohung geschleudert.

War der Zusammenbruch der Zwillingstürme des Word Trade Centers eine Ungeheuerlichkeit, an die keiner in seinen kühnsten Träumen zu denken gewagt hatte, so wurden nun Attentate denkbar, die noch um ein Vielfaches brutaler und grausamer sein konnten. So wurde dieses Attentat nicht nur der Person Bin Ladens angelastet sondern dem afghanischen Staat als Ganzes, der solchen Kreaturen Unterschlupf bot. Die NATO erklärte den Kriegsfall und diejenigen, die sich dieser Sichtweise nicht anschlossen, waren gegen eine solche militärische Stärke nicht gerüstet, oder tolerierten einfach das Vorgehen der NATO. Die Motivation der Amerikaner, denen sich die NATO-Partner anschlossen, durchlief drei Stufen. Zunächst war es das Gefühl der Rache und der Gesichtswahrung einer Weltmacht. Die kriegerischen Aktionen, die darauf folgten, waren so erfolgreich, dass der Krieg in wenigen Monaten beendet war. Das euphorisierte die Angreifer. Was so leicht durchgeführt werden konnte, würde auch weitergehende Ziele ermöglichen. In der zweiten Phase verhielten sich die Amerikaner, wie sich üblicherweise Sieger verhalten. Die Kriegskosten zahlt immer der Verlierer. Der Ausbeutung der zahlreichen lokalen Ressourcen stand nichts mehr im Wege. Zugleich zeichnete sich kurz darauf eine massive Änderung der internationalen Machtstrukturen an: Der Zusammenbruch der Sowjetunion und das Entstehen vieler selbstständig werdender Staaten im Zentrum Asiens. Diese Staaten suchten nun für ihre Märkte den Zugang zum Weltmarkt. Hier sahen die Amerikaner ihre Chance. Im Westen, Norden und Osten wurden diese Staaten von Russland und China begrenzt. Im Süden boten die Amerikaner nun die Chance, mit ihrer Hilfe den Zugang zum Weltmarkt sicherzustellen. Was als kurzfristige Aktion begann, wandelte sich in eine langfristige Option. Die Amerikaner bezeichneten dieses Ziel als "Nation Building".


 


 

Die amerikanische Besatzung und ihr Scheitern


 

Besatzung und Scheitern sind funktional nicht voreinander zu trennen. Arroganz und Fehleinschätzungen zogen sich durch die 20-jährige Besatzung der USA. Man begann Brunnen, Straßen und Häuser zu bauen, aber man erkannte nicht, dass sich eine Stammesstruktur nicht einfach in eine Demokratie umformen ließ. Allein eine solche Zielsetzung verwundert, lag doch das erfolgreiche >Nation Building< der Amerikaner schon mehr als siebzig Jahre zurück. Japan , Deutschland und Südkorea hatten, wenn auch rudimentär, demokratische Strukturen. Auf denen ließ sich aufbauen. Zudem waren die kulturellen Unterschiede kein Hemmnis. Alle anderen Versuche, die danach folgten, waren Misserfolge. Im Irak und Libyen kannte man keine Machtbalance, Entscheidungsfindung und echte Wahlen. Man kannte nur Herrschen, Beherrscht werden und Korruption. In das Nation Building in Afghanistan stolperte man ohne Konzept.

"Damals, im Winter des Furors, fragten weder die Öffentlichkeit noch die Regierungsapparate nach Plänen und der Zukunft des Einsatzes." Christoph Reuter13

Anfangs dachten die Amerikaner, allein mittels Militär das Land befrieden zu können.14 Als dieses kurzfristige Konzept scheiterte, holte man die anderen NATO-Mitglieder mit ins Boot. Auf dem Petersberg in Bonn sammelte man Geld und die Amerikaner gaben vor, doch länger in Afghanistan bleiben zu müssen. Dieses Nation Building in Afghanistan sollte nun so ablaufen, wie es auch in Deutschland geklappt hatte. Demokratie hatte sich nach dem Zusammenbruch des Kommunismus als die durchsetzungsstarke Herrschaftsform durchgesetzt. So sollte auch die afghanische Bevölkerung nach demokratischen Regeln leben können. Außerdem bot diese >westliche Variante von Demokratie < für die Amerikaner die ideale Möglichkeit der Kontrolle, wie sie sie über ihre Alliierten bislang ausgeübte hatten. Man wollte offiziell nicht als Besatzungsmacht in Erscheinung treten, aber doch Bestimmen, wie alles ablief. Es bedurfte somit einer afghanischen Kraft, welche die Bevölkerung repräsentierte, aber machte, was den USA genehm war. In dieser ethnischen Diversität Afghanistans gab es nur zwei Kräfte, die nach dem Rückzug der Sowjets übrig geblieben waren: die Taliban und die Mudschahedin. Die Taliban kamen nicht infrage, wegen diesen war man ja schließlich in diesem Land. Also baute man die Mudschahedin auf, denn diese hatten man ja mit amerikanischer Unterstützung gegen die Sowjets kämpfen lassen. Als man merkte, dass man mit dieser Entscheidung den Bock zum Gärtner gemacht hatte, war es zu spät. Die Mudschahedin hatten die US-Regierung unter George Bush gegen die Taliban unterstützt. Nun kamen sie an die Schalthebel der Macht. Was kurzfristig geplant war, entwickelte sich zu einer Dauereinrichtung.

Die neuen Machthaber wichen nicht wieder. Als Erstes gingen sie daran, sich ausgiebig an ihren einstigen Feinden zu rechen und die neue Regierung als Beutegut zu plündern. Reuter15

Gleichzeitig begann der riesige Selbstbetrug. Nach offizieller Lesart wurden Billionen Dollar in das Projekt Nation Building gepumpt. Alle NATO-Verbündeten legten Programme auf, um die veraltete und marode Infrastruktur der Moderne anzupassen. Es wurden Straßen, Kraftwerke, Schulen oder Krankenhäuser gebaut, Geld in Telekommunikation und Verwaltung gesteckt. Aber im gleichen Maße bediente man sich schamlos der Korruption. Es wurde der Bevölkerung klar, bei Demokratie ging nicht um eine moralistische, neue und damit bessere Gesellschaft. Diese Erkenntnis vertiefte den Spalt zwischen den Inländern, welche weiter machten, was man immer schon gemacht hatte, und Ausländern, die nur mit Verbrechern kooperierten und von denen wenig Gutes zu erwarten war. Wenn die Ausländer sich der Korruption bedienten, dann konnte Bestechung nichts Schlechtes sein. Im Gegenteil: Korruption lebt von der Einschätzung derjenigen, von denen man Dienstleistungen erwartet. Der Preis für einen solchen Service bestimmt sich durch die Finanzkraft der Nachfrager. So beflügelte der Reichtum der NATO-Staaten die Korruption, statt diese zu bekämpfen. Korruption wurde so zu einem Pfeiler der Demokratie, die allgegenwärtig wurde. Gleichzeitig benachteiligte dieser Zuwachs die Kosten für Gefälligkeiten der Armen. Denn große Bevölkerungsteile leben von der Landwirtschaft. Wie auf diese Weise Nation Building entstehen sollte, wird wohl ein ewiges Geheimnis der Amerikaner sein. Verstärkt wurde die Ablehnung der Ausländer durch die Tolerierung der Verbrechen der Mudschahedin, die nach wie vor die Landbevölkerung kujonierten, Lösegelder eintrieben, Mandelbäume abhakten, Dörfer plünderten, Wahlen fälschten, Verbrechen der Herrschaftsoligarchen tolerierten.

Sowohl die Amerikaner als auch die anderen Nato-Partner ließen Karzai, seine korrupte Familie und seinen Geheimdienst stets davonkommen. Die Briten mochten sich der Bekämpfung des Drogenrohstoffanbaus widmen. Als dann britische SAS-Elitesoldaten zufällig auf ein riesiges Opiumlager in einem Gehöft bei Kandahar stießen, das dem Halbbruder des Präsidenten gehörte, wurde allen britischen Diplomaten ein Maulkorb verpasst. Als 2011 zwei deutsche Wanderer am Salang-Pass nördlich von Kabul ermordet worden waren und die Spuren zu einem Auftragskiller des Geheimdienstes NDS führten, wurde auch dies still begraben.16

Wer glaubt, dass die einzigen Blinden nur die Amerikaner waren, täuscht sich. Auch die Deutschen waren da nicht besser.

Die Provincial Reconstruction Teams, PRTs, wie die Hauptquartiere der jeweiligen Nato-Truppe genannt wurden, wollten sich den Frieden in ihrer Provinz kaufen. Bauprojekte wurden vergeben, lokale Medien und Sicherheitsfirmen gesponsert. Nach und nach wuchsen die PRTs fast überall zum größten Arbeitgeber. In Faizabad im Nordosten bekam ein Warlord von der Bundeswehr einen fünfstelligen Betrag im Monat für die Bewachung des Armeelagers, damit er es nicht beschießen ließ.17

Wer in einem solchen Umfeld von Investitionen spricht, ist bestenfalls naiv, wenn nicht gar ein Dummkopf. Wer aber zusieht, wie Milliarden von Dollars von Steuergeldern in die Privatschatullen örtlicher Potentaten verschwinden, ohne etwas dagegen zu unternehmen, handelt grob fahrlässig. Dass jemand bei dem Füllen eines solchen Fasses ohne Boden schließlich die Reißleine zieht, war nur eine Frage der Zeit.

War man unter der Zielsetzung angetreten, Maßnahmen gegen den internationalen Terrorismus zu ergreifen, so befeuerte eine solche kurzsichtige Politik genau das Gegenteil. Die begonnenen Strukturen einer Nationenbildung unter demokratischem Vorzeichen scheiterten grandios. Man richtete zwar eine große Stammesversammlung - Loja Dschirga - ein, stattete sie aber nicht mit demokratischen Rechten aus. Die Vasallen, wie Raschi Dostum, Mohamed Attar Noor, Gubudin Hekmatijar gingen ihren Geschäften des Auspressen von Menschen und Gebieten weiterhin nach.18 Demokratie war im Blick der Afghanen somit keinen Deut besser, als ihre Stammeskultur. Das ist der Denkfehler der Amerikaner, aber auch Christoph Reuters. In seinem Artikel über das Scheitern in Afghanistans schreibt er:

"Aber die Bilder des chaotischen Abzugs aus Kabul … schaden dem Ansehen der USA mindestens wie dem Westen insgesamt, der doch in Afghanistan beweisen wollte, dass er fähig ist, seine Werte zu verteidigen."19

Hier wird nicht differenziert zwischen Werten und Struktur. Während Werte weiche Ziele sind, die über die Politik bestimmt und interpretiert werden können, sind Strukturen harte Ziele. Einmal gesetzt, bestimmen sie künftiges Handeln20. Wenn also die Amerikaner es bei einer Verteidigung von Zielen bewenden lassen wollen, - und dies auf eine so fragwürdige Weise, wie oben beschrieben – dann sind diese beliebig interpretationsfähig. Jeder versteht unter der Vorgabe eines Zieles etwas anderes als der andere. Ziele sind interessengeleitet.

Den Versuch, demokratische Strukturen zu schaffen, geben die Amerikaner schnell auf. Zwar bringen sie eine Loja Dschirga zustande, weisen ihr aber keinerlei Rechte zu. Ihre Befugnisse, ihre Stellung zur Regierung, Machtkontrolle, Gesetzgebung, Justiz all das was ein Grundgesetz, eine Verfassung ausmacht, werden nie in Angriff genommen. Man glaubt, über die Akzeptanz von Schmierung eine Kontrolle über die Regierung, Polizei, Militär und Geheimdienste zu bekommen. Kaum mehr Strukturen werden geschaffen.

In diesem Zusammenhang ist ein Interview von Christoph Heusgen interessant. Dazu muss man wissen, dass Heusgen zwölf Jahre lang ein Berater von Angela Merkel in Sachen Außenpolitik war. Der Spiegel überschreibt den Artikel mit seiner Aussage:"Wir hätten länger in Afghanistan bleiben sollen". Es ist enttäuschend, dass ein mehrjähriger Berater der deutschen Regierung meint, in Afghanistan dann eine demokratische Gesellschaft aufbauen zu können, wenn man nur länger dort an Strippen zieht. Heusgen sagt:

"Hinterher ist man immer schlauer.Es war grundsätzlich richtig, dass wir uns militärisch und entwicklungspolitisch in Afghanistan engagiert haben. Aber wir haben den Fehler gemacht, dass wir die agghanischen Verantwortlichen nicht zu guter Regierungsführung gezwungen haben. Wir hätten unsere Hilfe viel stärker an Bedingungen knüpfen müssen. Wenn man gesehen hat, wie afghanische Politiker an sich und seine Clans gedacht haben, überrascht es im Nachhinein nicht, dass diese Regierung kein Ansehen in der Bevölkerung und bei den Sicherheitskräften hatte. Als es ernst wurde, haben alle das Weite gesucht. Das hätte man mit ein bisschen gesundem Menschenverstand vorhersehen können."21

Wenn ich den Regierungsberater richtig verstehe, dann waren einmal 20 Jahre zu kurz. Dann hätte man eine geschicktere Form der Korruption (eine, welche die Bevölkerung nicht bemerkt hätte) durchaus toleriert. An Maßnahmen gegen Korruption wurde nicht gedacht. Was hätte eine Verlängerung einer solchen Politik dann überhaupt gebracht. Einer der maßgeblichen Kräfte bei der Gestaltung der Außenpolitik kommt nicht auf den Gedanken, mit Hilfe der Bevölkerung Strukturen zu schaffen, die eine neue Gesellschaft demokratisch formt. Auch die Amerikaner müssen so naiv sein, mittels Geld und Militär eine demokratische Gesellschaft aufzubauen. Wenn ich dabei an das "Nation Building" der Bundesrepublik Deutschland zurückdenke, dann hat man damals solche Fehler gemacht. Um dies mit einem Beispiel zu überzeichnen: Man stelle sich vor, die Amerikaner hätten damals geglaubt, mittels Besatzung und Care-Paketen eine Demokratie bei uns aufzubauen. Damals hat man noch gewusst, dass man den Deutschen Vorgaben machten musst22, dies kontrollierte und bewilligte. Über das zugrunde liegende Menschenbild kann man nur den Kopf schütteln. Waren die Afghanen zu dumm für so was? Waren das kleine Kinder, denen man sagte: >Papa macht das schon<? Glaubte man wirklich durch Unterstützung eine korrupten Oligarchie eine Demokratie aufbauen zu können? Und welche Form von Demokratie meinten die Amerikaner? Eine amerikanische Demokratie in einem islamischen Staat mit ihrer Kultur und Stammesstrukturen?

Statt dessen unterschätzt man die asymmetrische Ressourcenverteilung bei der Korruption. Die in den afghanischen Haushalt gepumpten Gelder verbleiben zum größten Teil in den Taschen der Oligarchen, welche die Regierung bilden. Nur das Nötigste wurde nach unten durchgereicht. Und das ist nicht viel, was da unten ankam. Denn die Ausländer garantieren durch ihre Anwesenheit das bestehende Machtgefüge. Ein bürgerlicher Protest war sinnlos. Um das am Beispiel des Militärs zu verdeutlichen. Die Bezahlung des Soldes erfolgte hierarchisch. Die Oberbefehlshaber bekamen das Geld, um es Stufe für Stufe nach unten weiterzugeben. Bei dem einfachen Soldaten wird, wenn überhaupt, nur das Nötigste an Sold gezahlt. Kein Wunder, dass hier Waffen an die Taliban verschoben wurden, um wenigstens einigermaßen über die Runden zu kommen. Die Taliban haben nicht erst beim Zusammenbruch des demokratischen Afghanistans amerikanische Waffen erbeutet. Die Amerikaner haben aufgrund dieser Korruption schon Jahre vorher die Taliban indirekt aufgerüstet. Als dann mit der Ankündigung der Amerikaner, sich in drei Wochen zurückzuziehen, sich das Ende dieser Verteilung dem Ende näherte, haben die Oligarchen den Geldstrom nach unten sogar eingestellt. Es galt in den letzten Stunden des problemlosen, Kassierens so viel zu unterschlagen, wie es möglich war, bevor man selbst das Land verließ.

Das bei einem solchen Besoldungs-System kein Kampfeswille zur Verteidigung demokratischer Strukturen mehr besteht, dürfte nicht verwundern. Wofür soll ich noch kämpfen und sterben, werden sich die Soldaten gefragt haben, damit die Offiziere und Generäle noch mehr Zeit bekommen, um sich zu bereichern? Wie naiv muss ein Planungsstab sein, zu glauben, dass ein solches System noch monatelang durchhalten würde?

So gewann eine neue Bewegung in Konkurrenz zu den Taliban an Bedeutung. Die in den westlichen Kulturen üblicherweise als Islamischer Staat bezeichnete Bewegung war in Afghanistan mit ihren politischen Zielen erfolgreicher als die Demokratie der Ausländer. Unter dem Deckmantel der Religion ist eine neue Ideologie in den Mittelpunkt solchen Besitzstrebens gerückt. Das neugeschaffene Emirat Afghanistan ist der Versuch anderer paschtunischen Oligarchen, ihre Vormachtstellung als Gottes Gesetz auszugeben, um es auf Ewigkeit zu ihren Gunsten zu stabilisieren. Die Taliban leiten ihren Rechtsanspruch aus der Exegese des Korans ab. Das wurde oben genauer erklärt. Der Islamische Staat leitet sein Recht auf Bildung eines Kalifats ab. Auch dieser Anspruch kann gemäß des Korans begründet werden. Der IS-K – wie er genannt wird – verfolgt allerdings ein globales Ziel. Es kann nur einen Kalifen, als Nachfolger des Propheten, auf der Erde geben. Alle islamischen Staaten23 sind gleichberechtigt und dem Kalifen untergeordnet. Eigenständige Staaten, gleich welcher Ausrichtung, sind sowieso nur eine punktuelle geschichtliche Erscheinung in ihren politisch-religiösen Zielen. Mit dem endgültigen Erfolg des IS-K lösen sich alle Nationalstaaten sowieso auf. Eine Vormachtstellung anderer Gruppen/Stämme darf es nicht geben. Das bringt ihm einen strategischen Vorteil gegenüber den paschtunisch, nationalistisch gesteuerten Taliban, "die sich als die Herren über das ganze Land Afghanistan aufführen"24. Alle afghanischen Stämme sunnitischen Glaubens sind gleichberechtigt, was sie auf die gleiche Stufe hebt, wie die Paschtunen. So ist ein neues Konfliktfeld entstanden. Hier stehen sich Nationalisten der Taliban einem Netzwerk gegenüber, welches unter der Idee des Kalifats mittels weltweiten Terrors die Andersgläubigen und Gottlosen (Kuffar) dieser Welt vernichten wollen. Das die Taliban in den Augen des IS-K Andersgläubige sind, ist selbstredend. Zentrum dieses Kalifats soll Afghanistan werden. Dieser IS-K ist eine weitaus größere Bedrohung für die Nationalstaaten als die nationalen Interessen der Taliban. Diejenigen, weshalb man das Afghanistan-Abenteuer überhaupt begonnen hatte, sind gefahrloser als die Terror-Organisation des IS-K. Das sieht auch der Berliner Politologe Jan Koehler.

>>Ein Bürgerkrieg ist genau das worauf der IS-K wartet. "Gestern hatten wir alle Angst vor einer Machtübernahme der Taliban. Heute müssen wir Angst vor ihrem Machtverlust haben." Es gehe nicht darum, sie zu verharmlosen. Aber sie seien die Letzten, die den Staat noch zusammenhalten können.<<25

Die Auseinandersetzung zwischen Taliban und IS-K – so meine Einschätzung – wird die Amerikaner in der Zukunft zwingen, ihre ehemaligen Feinde gegenüber dem terroristischen Netzwerk des IS-K unterstützen zu müssen.

1Demokratie, Volker Buchloh, http://www.E-Stories.de

2Hier wird bewusst auf den Begriff >Elite< verzichtet, weil er zu den ideologischen Kampfbegriffen (wie: Freiheitskämpfer/Terrorist, Ideologie/Paternalismus) gehört. Der Gegenpart wäre Korruption. Solche Antagonismen erklären sich erst, wenn man Position bezieht. Von Innen aus betrachtet beschreibt Elite sich selbst als die Intelligentesten, die Besten, diejenigen, die wissen was für eine Gesellschaft am Besten ist, erheben unbedingten Führungsanspruch. Von Außen aus betrachtet verbindet man damit Habgier, die bedingungslose Akkumulation von Reichtum, Erzeugung von Abhängigkeiten, brutaler Ausschluss von Menschen, die für die Oligarchie uninteressant sind, Entwicklung einer Ideologie, welche die Aneignungsmodalitäten einer asymmetrische Ressourcenverteilung verschleiern, aber als Notwendigkeit rechtfertigen.

3Man könnte auch nach diesem Ansatz sogenannte "failed states" analysieren, aber das ist nicht Thema dieses Aufsatzes.

4Sichtweise des Oligarchen

5"Wes brot I eß, des lied I sing."

6Auch diese Stammesstruktur versucht in Befriedigung ihrer Gier Ressourcen durch Raub oder Gebietseroberungen zu befriedigen. Es gibt keinen Grund, warum dies unter einer Kolonialherrschaft anders sein könnte. In wie weit koloniale Herrschaft sich auf eine quantitative und qualitative Zunahme solcher Stammesrivalitäten auswirkt, bedarf der genaueren Untersuchung.

7"Wir warteten tagelang auf Massud (Ahmed Schah Massud stieg im Kampf gegen die Sowjets zum Volkshelden auf, VB), bis er uns empfing. >Worum wird eigentlich noch gekämpft in Afghanistan?<, fragten wir ihn, es war der Sommer des Kahres 2000. Massud sprach nicht von seinen Gegnern, den Taliban, sondern sagte nur >Gegen das Eingreifen des Auslands in unsere Angelegenheiten." (Der Spiegel Nr. 34/21.8. 2021, S. 21

8Christian Neef, in Der Spiegel Nr. 34/21.8. 2021, S. 21

9Dabei ist zu beachten, dass eine Vergrößerung immer nur auf Kosten einer Verkleinerung möglich ist.

10Vgl. dazu Christian Neef, in Der Spiegel Nr. 34/21.8. 2021, S. 22

11Vgl. dazu Christoph Reuter, in Der Spiegel Nr. 34/21.8. 2021, S. 15

12Während das saudische Königshaus durch den Verkauf ihres Öls ihre Gier befriedigen konnte, versprach sich diese Gruppe – meist Saudis - einen noch größeren Gewinn an Ressourcen bei der weltweiten Verbreitung des Islams.

13Der Spiegel,Nr. 34/21.8. 2021, S. 12

14Vgl. dazu Christoph Reuter, Der Spiegel Nr. 34/21.8. 2021, S. 10

15Christoph Reuter, Der Spiegel Nr. 34, S. 13

16Christoph Reuter, Der Spiegel Nr. 34, S. 14

17Ebenda, S. 14/15

18Vgl. dazu Der Spiegel Nr. 36/4.9. 2021, S. 96

19Der Spiegel Nr. 36, S. 97

20Bis sie geändert werden.

21In Der Spiegel, Nr. 38/18.9. 2021, S. 30

22Beispielsweise: Föderalismus, Verwaltungsaufbau, Grundgesetz, Bundesverfassungsgericht ...

23Gemeint sind dabei nur Sunniten, die gemäß ihres Absolutheitsanspruch andere islamische Glaubensrichtungen als Abweichler vom wahren Glauben diskreditieren.

24Zit. Nach der Spiegel Nr. 36, S. 96

25Zitiert nach Der Spiegel Nr 36/4.9. 2021, S. 96

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