Volker Walter Robert Buchloh

Einzug der Norwegenkämpfer in Berlin

Einzug der Norwegen-Kämpfer in Berlin

Rolf Hermann Buchloh

(1920 - 2001)

 

Lange, sehr lange Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Im geeinten Europa herrscht tiefer Frieden, alle Kasernen sind in Judenherbergen umgewandelt, kein Marschtritt ist zu hören, denn aus Sibirien und Alaska sind die Truppen schon längst zu Hause. Unser Führer und Hermann Göring genießen nach rastloser, jahrelange Tätigkeit ihren Lebensabend. Nun haben sie Zeit, vom Fenster aus auf das friedliche Leben herabzublicken.

Plötzlich biegt um die Ecke ein Zug. Voran Militärmusik aus alter Zeit, dahinter kahle Männer mit langen Bärten. Sie schieben Kinderwagen, oder ziehen karren hinter sich her, vollgepackt mit Fischkonserven und Silberfüchsen. Andere wieder führen Lebertran oder Felsblöcke als Erinnerungsstücke mit sich. Ängstlich, halb verblödet, scheuen sie wie junge Pferde vor jedem Auto. Der Führer kann sich den Aufzug, der mit Rucksäcken, Koffern und Aktentaschen beladenen Männern nicht recht erklären. Er wendet sich deshalb an Hermann Göring:

"Sie tragen zwar Teile der Uniformen unserer alten Wehrmacht, doch kann ich mir die Skistiefel, bunten Fausthandschuhe, Pullover und farbigen Hemden nicht erklären."

Hermann wendet sich blitzartig an den ersten Besten und ruft: "Hallo, Sie, wo kommen Sie her?"

Der Angeredete fährt erschrocken zusammen und klappt die zahnlosen Kiefern auseinander, grienst verlegen wie ein kleines Schulmädchen, das einen unanständigen Witz hört. Der Nächste lallt:

"Verstor ikke (Versteh´ nicht).

Er schaut Hermann Göring doof an, nimmt aus der Lebertranflasche einen Schluck. Ein anderer nimmt norwegische Grundstellung ein, d.h. er vergräbt seine Hände bis an die Ellbogen in die Hosentaschen. Der Vierte endlich kaut eine Weile an einem Stück Klippfisch, dann meint er:

"Im vorigen Winter starb bei uns ein alter Hauptgefreiter, ein uralter Mann. Der war einmal auf Urlaub … Davon hat er noch nach Jahren geschwärmt. Wir selbst aber wissen nicht, was Urlaub ist …"

Da wird Hermann Göring blass, beugt sich entsetzt zu Adolf Hitler zurück mit den Worten: "Mein Gott, im ersten Jahre des letzten Krieges hatten wir doch ein blitzartiges Norwegenunternehmen durchgeführt … Ich glaube, die Männer haben wir vergessen abzulösen. Es ist ja vielleicht möglich, weil in dieser Richtung keine Urlaubstransporte liefen ..."

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