Das Universum war sein Liebeswahn! Als Kind wollte Franz alles lieben, die Sterne, die Monde, das All, die Marsmenschen, die Sonnengötter und last but not least, die Tiere und Menschen auf dem Planeten Erde. Dies überstieg jedoch seine Fähigkeiten. So versuchte er zuerst bescheiden und nur selektiv zu lieben, seine Eltern, die Katze des Nachbars, den Papagei seiner ersten Freundin. Es war ihm immer klar, dass eine solche Liebe seiner ungezähmten Liebeslust nicht genugtun konnte.
Als weisser heterosexueller Mann wagte er sich an ebenso geartete heterosexuelle Frauen heran, um sie vorerst platonisch zu lieben, da er wohl schon als sechszehnjähriger erahnte, dass sexuelle Bedürfnisse und Leidenschaft mit Liebe in einem ambivalenten Verhältnis stehen.
Grundsätzlich verstand Franz Liebe und Leben als Eros im Tanze um den unausweichlichen Thanatos. Jeder Tag begann mit einem neuen Erwachen, begleitet von der Frage, ob dies schon das letzte Erwachen sein könnte. Über die Jahre und den herausfordernden beruflichen und familiären Verpflichtungen gewöhnte Franz sich jedoch ans Immer-Wieder-Erwachen und Thanatos liebäugelte nur noch aus weiter Ferne, in dichten Nebel gehüllt.
Eros wurde sein treuer Begleiter, er gab ihm den Mut und die Kraft zur intellektuellen Schöpfung und wohl auch einen Zugang zu Frauen, denen er sich anzunähern versuchte. Franz hatte schon als Jugendlicher eingesehen, dass seine körperliche Erscheinung keine überwältigende Ausstrahlung aufs andere Geschlecht hatte und musste sich mit dieser Feststellung abfinden. Um dieses Hindernis zu umgehen, pflegte er als junger Erwachsener mit seinen noch nicht Freundinnen einen intellektuellen Briefaustausch, wenn immer möglich aus einer gewissen Distanz und damals noch per Post. Anfangs noch mehrere Seiten lang, wurden die Briefe nach einigen Wochen immer kürzer, und die meisten dieser Annährungsversuche verklangen im Nichts. Immerhin sammelte Franz damit einige Erfahrungen zu den sich schnell ändernden seelischen Befindlichkeiten des weiblichen Geschlechtes, ohne dass er je deren Geheimnisse zu enthüllen fähig war.
Ohne Talent für Zaubertricks und erotische Feuerwerke, übte sich Franz im Umgang mit dem andern Geschlecht in Sachlichkeit, Ehrlichkeit, Beständigkeit und vor allem Ausdauer. Fixiert auf sein möchte gerne Liebesobjekt, verharrte er in immer erneuten Zeichen der Zuneigung und bewies sein Liebestalent als Treue. Somit wurde er zu einem ruhigen Hafen für Frauen, welche soeben einen heftigen Sturm im Ozean der sinnlichen Liebe überlebt hatten. Im beruflichen Alltag oft erschreckend und abschreckend, hatte sein ironischer Humor in diesen Situationen eine starke erotische Ausstrahlung. - All dies wurde jedoch bald Vergangenheit, als er die 27-jährige Brigitte, seine erste Ehefrau kennenlernte.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.10.2021.
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