Heinz-Walter Hoetter

Der junge Mann und das Mädchen an der Straßenbahnhaltestelle

"Auferstehung ist unser Glaube, Wiedersehen unsere Hoffnung, Gedenken unsere Liebe."

Aurelius Augustinus

 

***

 

Der junge Mann stand ganz alleine da und sah die voll besetze Straßenbahn um die Ecke biegen.

 

Ihre Stahlräder rieben sich schleifend an den Schienen, was sehr unangenehm klang, bis das Geräusch langsam verstummte, weil jetzt der Straßenbahnführer vorsichtig zu bremsen anfing.

 

Als die Straßenbahn endlich stand, gingen auf einer Seite zischend alle Türen auf, um die Fahrgäste raus oder rein zulassen.

 

So spielte sich das immer ab an dieser belebten Station und nichts hatte sich verändert seit damals.

 

Dann setzte ein lautes Stimmengewirr ein, dumpf und heftig und immer gleich.

 

Der junge Mann stand immer noch da und beobachtete die Menschenmasse, die ununterbrochen aus der Straßenbahn quoll.

 

Dann hörte er diese zarte, sanfte Stimme, die von einem Mädchen kam, das sich offenbar unter den Fahrgästen befand, aber nicht direkt von seiner Position aus zu sehen war.

 

Eine andere Straßenbahn kam plötzlich auf einem zweiten Gegengleis mit viel zu hoher Geschwindigkeit um die Kurve und entgleiste unmittelbar vor den davon eilenden Fahrgästen, kippte schließlich schlagartig um und schlitterte mit einem hässlich kratzenden Geräusch über den flachen Bahnsteig.

 

Im nächsten Moment erfüllte ein furchtbares Getöse die Haltestation. Menschen fingen in Todesangst an zu schreien und versuchten sich in Sicherheit zu bringen.

Einige schafften es gerade noch so eben und kamen davon, aber die meisten wurden von der entgleisten Straßenbahn mitgerissen und zerquetscht.

 

Wieder hörte der junge Mann die Stimme des Mädchens, die plötzlich wie ein Geist aus dem Nichts vor ihm stand.

 

Nichts hat sich seit damals verändert.

 

Alles war wie immer.

 

Das Mädchen lächelte den jungen Mann an und streckte ihm gleichzeitig die rechte Hand entgegen. Dann umarmten sich beide und gaben sich einen langen Kuss.

 

Wie damals.

 

Wie heute.

 

Dann sahen sie, wie sich die Umgebung ganz von selbst reparierte.

 

Erst langsam, dann immer schneller, bis alles so war, wie vor dem schrecklichen Zusammenstoß.

 

Auch die beiden havarierten Straßenbahnen verschwanden von der Bildfläche und waren plötzlich nicht mehr da.

 

Zurück blieben nur der junge Mann und das Mädchen, die alleine an der Haltestelle standen und sich in inniger Umarmung noch immer gegenseitig festhielten, bis auch sie sich langsam auflösten.

 

Die Umgebung veränderte sich immer weiter.

 

Die Straßenbahnstation verschwand ebenfalls nach und nach und wurde wie in Zeitlupe durch einen schönen Park mit einer grünen Wiese ersetzt.

 

In der Mitte des Parks, vor zwei hohen Kastanienbäumen, befand sich ein großes hölzernes Kreuz mit einer metallenen Gedenkplatte darunter, auf der viele Vor- und Nachnamen eingraviert waren.

 

Darauf standen auch die Namen von zwei jungen Menschen, die damals bei dem Unglück ums Leben gekommen waren.

 

Das war aber schon lange her.

 

Heute, genau an diesem Tag, währte sich das schwere Straßenbahnunglück zum zwölften Mal.

 

 

ENDE

 

(c)Heinz-Walter Hoetter

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.10.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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