Heinz-Walter Hoetter

Sechs verschiedene Kurzgeschichten

1. Wer hat Angst vorm "Schwarzen Mann"?


 


 

Ist euch eigentlich die gruselige Geschichte bekannt vom sogenannten "Schwarzen Mann", der, wenn er kam, auch jedes mal ein Kind mitnahm?

Da waren einmal ein paar freche Burschen, die haben über ihn gelästert und gelacht. Sie haben sich über den "Schwarzen Mann" übel lustig gemacht. Für sie taugte er nicht als Kinderschreckfigur, welche für sie eine lächerliche Märchengestalt war, entsprungen aus der Idee eines Spieles nur.

Doch eines Tages, in nebliger Nacht, stand plötzlich ein Mann mit schwarzer Kleidung draußen am Schlafzimmerfenster eines der Jungen und hat ihn mit bleckenden Zähnen böse angelacht.

Zuerst dachte der Bursche, ein Dieb wolle ins Haus. Doch dann gingen wie von Geisterhand bewegt knarrend die geschlossenen Fenster seines Zimmers auf. Kurz darauf zog der "Schwarze Mann" den vor Angst erstarrten Jungen aus seinem Bett heraus.

Ja, in Todesangst sich der Bub noch verzweifelt wehrte mit aller Kraft. Aber der "Schwarze Mann" hielt ihn fest und verschwand mit dem schreienden Buben in düsterer Mondesnacht.

Am frühen Morgen sollte er wie immer zur Schule gehen. Doch das Zimmer war leer. Die Eltern haben ihren Jungen seit der Zeit nie wieder gesehen.

Die Polizei ging gleich davon aus, dass der Bub entführt worden ist aus seinem elterlichen Haus. Das waren für sie die logischen Ermittlungsfakten und legten den ungelösten Fall irgendwann zu den Akten.

Doch ich weiß genau, es war der "Schwarze Mann" gewesen. Er treibt auch heute noch in unserer Zeit sein gruseliges Unwesen.

Liebe Kinder, gebt also acht! Lästert bloß nicht über den "Schwarzen Mann", sonst kommt er vielleicht noch zu einem von euch in dunkler Nacht.

 

ENDE

(c)Heinz-Walter Hoetter


 


 


 

2. Was wurde aus John Taylor, dem Häftling Nr. 13?


 

John Taylor war ein brutaler Mörder, den ein Oberstes Gericht seinerzeit zum Tode durch den elektrischen Stuhl verurteilt hatte.

Er lag schon seit den frühen Morgenstunden wach auf seiner harten Zellenpritsche, dachte über sein vergangenes Leben nach und starrte dabei mit leerem Blick unentwegt nach oben an die weißgetünchte Decke.

Seit fast zwei Jahren wartete er nun schon in dieser engen Todeszelle auf seine Hinrichtung, die man eigentlich unmittelbar nach dem Inkrafttreten des Urteils an ihm vollstrecken wollte, doch der festgesetzte Hinrichtungstermin wurde kurzfristig abgesagt und auf unbestimmte Zeit verschoben. Die eigentlichen Gründe dafür hatte der Todeskandidat Taylor nie erfahren.

Das lange Warten auf die Hinrichtung zerrte bald mehr und mehr an seinen Nerven und es gab Tage, an denen er lieber tot als lebendig gewesen wäre. Doch es existierte da noch ein letzter Funken Hoffnung, der ihn nicht gänzlich verzweifeln ließ, sondern für Taylor vielmehr Anlass und Ansporn dazu war, an seinem Leben eisern festzuhalten.

Allerdings schien es diesmal mit seiner Exekution wirklich soweit zu sein.

Als die Gefängnisleitung den neuen Termin seiner bevorstehenden Hinrichtung allgemein bekannt gab, führte das bei ihm dazu, dass er völlig ungewollt von einer gewissen inneren Unruhe erfasst wurde, die mit jedem zusätzlichen Tag in der schrecklichen Todeszelle weiter zugenommen hatte.

Nein, er wollte nicht sterben, jedenfalls nicht hier auf dem elektrischen Stuhl dieses allseits berüchtigten Gefängnisses. Deshalb wollte er jetzt alles auf eine Karte setzen, um seine einzige Chance zu nutzen, die ihm die Möglichkeit dazu bot, sein Leben tatsächlich selbst retten zu können.

Immer wieder kreisten seine Gedanken daher um die gleiche Frage: Würde sein Vorhaben, das er sich ausgedacht hatte, gelingen oder scheitern? Gelänge es ihm nicht, dann wäre er schon bald ein toter Mann, der sein stilles Geheimnis, das ihn als einziges noch vor dem elektrischen Stuhl hätte bewahren können, ungenutzt mit ins Grab nehmen müsste.

Neben der wachsenden Unruhe kroch zudem noch eine unbestimmte Angst in ihm hoch, die er dadurch zu unterdrücken versuchte, indem er sich nach Kräften einzig und allein nur auf die konsequente Durchführung seines wagemutigen Planes konzentrierte.

Plötzlich zuckte John Taylor zusammen. Jäh wurde er aus seinen tiefen Gedanken gerissen. Aus dem quadratischen Lautsprecher über der grauen Zellentür ertönte wieder einmal die unsympathische, seltsam blecherne Stimme des Gefängnisdirektors Mr. Adam Comberland.

"John Taylor! Jetzt heißt es aufstehen. Ziehen Sie sich die bereit gelegte Gefängniskleidung an! Wenn Sie damit fertig sind, bringt ihnen danach einer der Wärter wie vereinbart die gewünschte Mahlzeit. Unser Koch hat sich extra für Sie noch einmal so richtig ins Zeug gelegt. Ich hoffe daher, dass ihnen das letzte Essen hier bei uns wirklich gut schmecken wird. Nun, Sie haben ab jetzt noch genau eine Stunde und fünfzehn Minuten bis zur Hinrichtung. Nutzen Sie die Zeit, um sich darauf entsprechend vorzubereiten. Nach dem Essen kommt Pater Brown zu ihnen, den Sie persönlich für ein letztes Gespräch zu sich bestellt haben. Er wird Sie außerdem, so lange es geht, persönlich begleiten und während der Hinrichtung dann im Zuschauerraum Platz nehmen. Nachdem der Gefängnisarzt ihren Tod zweifelsfrei festgestellt hat, wird ihre Leiche auf dem hiesigen Gefängnisfriedhof beerdigt. Sollten Sie noch irgendwelche persönlichen Fragen haben, dürfen Sie die direkt an den Geistlichen stellen. Die ihnen zugeteilten Wärter haben allerdings striktes Redeverbot. Damit ist von Seiten der Gefängnisleitung erst mal alles gesagt worden..., Taylor. Die Durchsage ist hiermit beendet!"

Ein kurzer, knackender Ton deutete darauf hin, dass der Lautsprecher permanent abgeschaltet wurde.

John Taylor erhob sich schwerfällig von der harten Pritsche und ging hinüber zum Waschbecken, wo er sich gründlich wusch. Dann zog er sich die frische Gefängniskleidung an, stellte sich geduldig vor die kleine Durchreiche der stählernen Zellentür und wartete auf sein letztes Essen, das wenige Minuten später kam. Ein mürrisch aussehender Gefängniswärter öffnete die Luke und schob es unfreundlich hindurch. Dabei würdigte er dem Delinquenten keines einzigen Blickes. Taylor konnte die offene Verachtung des Wärters gegenüber seiner Person förmlich spüren.

***

Das üppige Essen auf dem extra breiten Keramikteller sah wirklich gut aus. Es war heiß und dampfte noch ein wenig. Das Besteck aus Kunststoff hatte man in einer großen, weißen Papierserviette fein säuberlich eingewickelt. Der Koch musste sich tatsächlich noch einmal für ihn so richtig große Mühe gegeben haben, dachte Taylor.

Die frisch zubereitete Henkersmahlzeit, die extra nach seinen eigenen, persönlichen Wünschen zusammengestellt worden war, bestand aus vier großen Pellkartoffeln, einer schmackhaften Zwiebelsoße, einer Portion Feldsalat und einem kräftigen Rindersteak, das braun gebraten in der heißen Soße lag. Dazu gab es eine Flasche Wasser, die er noch in seiner Zelle stehen hatte. Behutsam trug er sein Essen hinüber an den schmalen Tisch, stellte es vorsichtig darauf ab und setzte sich auf den davor stehenden Stuhl, der aus Sicherheitsgründen fest am Boden verschraubt war.

Auf einmal hatte Taylor keinen richtigen Appetit mehr, als ihm der Gedanke seines bevorstehenden Todes in den Kopf schoss. Sein Magen schien plötzlich die Nahrung zu verweigern, als ahnte er auf irgendeine Art und Weise etwas von seinem bevorstehenden, unabänderlichen Schicksal. Trotzdem griff Taylor zu Messer und Gabel und aß einfach drauflos. Jetzt bloß nicht an den elektrischen Stuhl denken, sinnierte er und riss sich so gut es ging zusammen.

Nach etwa zwanzig Minuten war er mit allem fertig. Dann stellte er das gesamte Geschirr auf die breite Ablage der Durchreiche zurück und legte das verschmutzte Besteck oben drauf.

Nach einer Weile öffnete sich wieder die Durchreiche an der Zellentür und der gleiche mürrische Wärter von vorhin zog das schmutzige Geschirr demonstrativ eilig zu sich heran, stellte es auf eine rollende Ablage und machte sich schleunigst davon.

Keine zehn Minuten später vernahm man plötzlich draußen auf dem blankpolierten Fußboden des meist ruhig und still da liegenden Gefängnisganges das laute Geklapper vieler harter Schuhsohlen. Offenbar war eine Gruppe von Menschen im Anmarsch auf Taylors Todeszelle.

Mehrere uniformierte Männer erschienen bald vor der Zellentür. Einer von ihnen drückte auf einen versteckten Knopf an der gegenüber liegenden Wand, der sich in einer kastenähnlichen Vertiefung befand. Unverzüglich glitt Sekundenbruchteile später die stählerne Gittertür lautlos zur Seite.

Als sie offen stand, bezogen zwei ernst dreinblickende Wachmänner in schwarzen Uniformen, und mit schussbereiten Waffen ausgerüstet, wortlos neben der Zellentür links und rechts ihre Posten. Ein anderer Wachmann war draußen am Schließmechanismus der Gittertür stehen geblieben und beobachtete von dort aus mit Argusaugen das gesamte Geschehen.

Schließlich betrat noch ein kleiner, korpulenter Mann in einem schwarzen Talar als letzter die spartanisch eingerichtete Todeszelle. Er begrüßte den wartenden Häftling Taylor überaus freundlich und hielt ihm dabei die rechte Hand ausgestreckt zum Gruß entgegen. Schließlich stellte er sich höflich vor.

"Ich begrüße Sie, Mr. Taylor. Ich bin Pater Brown. Mir wurde von der Gefängnisleitung mitgeteilt, dass ich Sie als katholischer Geistlicher auf ihrem letzten Weg mit tröstenden Gebeten begleiten soll. Sie bitten außerdem um den Segen und den Beistand der Heiligen Kirche. Die unendliche Gnade des Allmächtigen Gottes wird jedem reuigen Sünder zuteil werden. der inständig darum bittet. Das wird Sie sicherlich trösten. Nun sprechen Sie frei und ungezwungen über alles, was ihr geschundenes Herz jetzt noch belastet. Ich habe absolute Schweigepflicht. Die Wachmänner werden diese Zelle hier sofort verlassen, wenn Sie es wünschen. Wenn wir beide alleine sind, können Sie in aller Ruhe ungestört ihre Beichte ablegen. – Ergreifen Sie nunmehr die angebotene Gelegenheit und befreien Sie ihre geschundene Seele von allem, worunter sie gewiss gelitten hat und bestimmt immer noch leidet. Der Moment ist gekommen um Buße zu tun, Bruder John Taylor!"

"Gewiss Hochwürden. Ich werde Buße tun, aber vorher möge man mir noch einen allerletzten Wunsch erfüllen. Es ist sehr wichtig für mich. - Sie müssen mir jetzt gut zuhören, Pater Brown! - Als ich vor knapp zwei Jahren hier ankam, wurden mir von der hiesigen Gefängnisleitung alle meine persönlichen Dinge abgenommen. Unter den konfiszierten Gegenständen befand sich auch ein goldener Ring mit einem großen roten Stein in der Mitte, den ich noch gerne einmal getragen hätte, bevor ich diese Welt für immer verlassen muss. Er stellt für mich ein höchst wertvolles Andenken dar. Ich habe diesen besonderen Ring, an dem ich so sehr hänge, von einem guten Freund aus längst vergangenen Tagen als Treuegeschenk erhalten. Sie müssen dazu wissen, dass ich mit diesem großartigen Menschen viele Jahre gemeinsam im Circus aufgetreten bin. Ja, er war ein wirklich großartiger Künstler, der die begeisterten Zuschauer durch seine unglaublich erscheinenden Zauberkünste immer wieder in echtes Erstaunen versetzen konnte. Viele Menschen glaubten daher, dass er ein richtiger Zauberer war. Doch plötzlich verschwand mein Freund und Partner ohne nähere Angaben von irgendwelchen Gründen. Wir haben ihn überall gesucht, aber weder die Polizei noch ich konnten ihn damals finden. Er blieb verschollen. Seltsamerweise hat er mir vorher den erwähnten Ring vermacht, den ich später zusammen mit einem kurz gehaltenen Abschiedsbrief von ihm auf dem Tisch meines Circuswohnwagens gefunden habe. Ich persönlich glaube, er hat seinem Leben wohl selbst ein Ende gesetzt. Auch die Polizei ging nach ergebnisloser Suche davon aus. - Bitte Pater Brown, gehen Sie doch zum Gefängnisdirektor und bitten Sie ihn darum, dass ich diesen Ring aus genannten Gründen noch ein letztes Mal in meine Hände nehmen darf. Außerdem erkläre ich hiermit, dass der besagte Ring zu mir in den Sarg gelegt werden soll, sozusagen als immerwährende Erinnerung an einen großartigen Freund, den ich so viele Jahre meines Lebens beruflich und privat begleitet habe. Ich wäre wirklich überglücklich darüber, wenn Sie das für mich noch vor meiner Hinrichtung bewerkstelligen könnten, Pater Brown."

"Ich habe vollstes Verständnis dafür, das Sie nach diesem schönen Andenken ihres ehemaligen Freundes ein so unendlich tiefes Verlangen haben. Unter diesen besonderen Umständen wird unser Gefängnisdirektor sicherlich nichts dagegen haben. Er handelt zwar immer streng nach Vorschrift, aber diesmal wird er eine Ausnahme machen, wenn ich ihm diesen besonderen Fall schildere. Er ist nämlich kein herzloser Mensch, wie ich weiß. Ich werde daher dafür sorgen, dass der Ring unverzüglich herangeschafft wird. Das dürfte wirklich kein Problem für mich sein, Mr. Taylor. Als Geistlicher habe ich großen Einfluss auf Mr. Comberland. Er ist außerdem mein persönlicher Freund. Ich werde ihn jetzt gleich nach unserem Gespräch in seinem Büro aufsuchen, damit auf seine Veranlassung hin der Ring den Weg zu ihnen findet. In weniger als fünfzehn Minuten bin ich wieder da. Dann setzen wir unser gemeinsames Bußgebet fort."

"Pater Brown, ich bin Ihnen zu allertiefstem Dank verpflichtet. Sie wissen ja gar nicht, wie unendlich glücklich Sie mich damit machen. Ich werde hier in meiner Zelle geduldig auf Sie warten und mich innerlich auf meinen letzten, schweren Gang vorbereiten."

"Ja, tun Sie das, Bruder Taylor! Nehmen Sie die Liebe Gottes im Angesicht des bevorstehenden Todes an! Er wird ihnen gnädig all ihre Sünden vergeben und ihrer gepeinigten Seele den ewigen Frieden schenken. Doch ich muss mich beeilen, sonst wird die Zeit knapp. Ich gehe jetzt zu Mr. Comberland persönlich und werde nicht ohne den besagten Ring zurückkehren. Das verspreche ich ihnen", erwiderte der Pater zuversichtlich und mit außerordentlich ernstem Gesichtsausdruck. Dann verschwand er kurz darauf aus der Todeszelle zusammen mit einem der wartenden Wärter, der ihn mit zum Gefängnisdirektor Mr. Comberland begleiten sollte. Das Gitter der Todeszelle wurde wieder geschlossen und die beiden Wachmänner stellten sich demonstrativ davor.

***

Nach einer Weile öffnete sich die Zellentür wieder.

Tatsächlich kehrte Pater Brown wieder wie versprochen zurück und hatte auch den goldenen Ring mit dem auffällig roten Stein in der Mitte freudenstrahlend dabei. Offenbar hatte es überhaupt keine Probleme mit Mr. Comberland gegeben, der das seltene Stück sogleich von einem Bediensteten seines Büros aus der Verwahrkammer heranschaffen ließ.

Vor den Augen der anwesenden Wachmänner übergab der Geistliche den seltsam rot leuchtenden Ring an den geduldig wartenden Delinquenten, der ihn mit Tränen im Gesicht entgegennahm und ihn eine Zeit lang wie hypnotisiert von allen Seiten betrachtete. Der rötlich schimmernde Stein auf dem Ring schien dabei irgendwie an Leuchtkraft zu gewinnen.

"Ein wunderschöner Ring mit einmalig außergewöhnlichen Kräften", sagte John Taylor plötzlich mit leiser, ruhiger Stimme und von einer tiefen Ehrfurcht ergriffen.

"Ich habe ihn so sehr vermisst. Nun ist er wieder in meinem Besitz. Ich werde ihn nie wieder hergeben."

Im gleichen Moment berührte er mit dem ausgestreckten Zeigefinger der linken Hand den äußeren Rand des mittlerweile blutrot gewordenen Steines und fuhr mehrmals kreisförmig darüber hinweg.

Dann geschah das Unfassbare, ja das Ungeheuerliche, woran niemand der hier anwesenden Personen in der Todeszelle auch nur im Traum gedacht hätte.

Der Häftling Nr. 13, John Taylor, verschwand plötzlich im Nichts, direkt vor den Augen eines völlig ungläubig dreinblickenden Pater Browns und den wie vor Entsetzen gelähmten Wachmännern, die einfach nicht glauben konnten, was sie soeben gesehen hatten. Die Männer blickten sich gegenseitig kopfschüttelnd und fassungslos an. Einer der total verwirrten Wachmänner schoss sogar vor lauter Schreck in die gegenüberliegend Wand der Todeszelle, sodass absplitternde Putzteile aus der Wand fielen und in einer Staubwolke zu Boden rieselten.

Kurz darauf gerieten Pater Brown und die Wachmänner in helle Panik. Sie stürmten in heillosem Durcheinander aus der Todeszelle nach draußen auf den Gang, wo sie schreiend den Generalalarm auslösten.

Als der Gefängnisdirektor Mr. Adam Comberland von dem unglaublichen Verschwinden des Häftlings Nr. 13 erfuhr, hielt er das anfangs für einen bösen Scherz, ließ aber dennoch gleich darauf in aller Eile den gesamten Todestrakt absperren und ordnete eine sofortige Verlegung aller anderen Häftlinge bis zur Aufklärung des mysteriösen Falles an, der allerdings schon kurze Zeit später von der obersten Justizbehörde der Regierung als absolute Geheimsache behandelt wurde, als man aufgrund von eingehenden Untersuchungen dahinter kam, was wirklich geschehen war. Das unglaubliche Vorkommnis widersprach nämlich allen bekannten Naturgesetzen.

Damit war allen klar geworden, dass Mr. John Taylor nie wieder auftauchen würde. Seine Hinrichtung wurde heimlich und in aller Stille wieder abgesagt. Die verbliebenen anderen Todeskandidaten verlegte man ohne großes Aufsehen nach und nach in andere Gefängnisse.

Ein paar Jahre danach ließ man das Gebäude mit den besagten Todeszellen auf geheime Anordnung des Justizministeriums einfach abreißen. Alles wurde dem Erdboden gleichgemacht. Dann überzog man das gesamte Areal mit Humus und legte dort einen weitläufigen Rasen an.

Den Männern des beteiligten Wachpersonals hatte man lebenslang, unter Androhung hoher Strafen bei Verstoß dagegen, zur absoluten Geheimhaltung über das mysteriöse Geschehen verpflichtet und frühzeitig mit hohen finanziellen Abfindungsbeträgen in den vorzeitigen Ruhestand versetzt. So auch den Gefängnisdirektor
Mr. Adam Comberland. Alles lief im Geheimen ab. Nichts davon durfte jemals an die Öffentlichkeit dringen, was auch im Nachhinein betrachtet besonders gut gelang.

So geriet der Fall John Taylor bald in Vergessenheit.

Doch was wurde aus John Taylor, dem Häftling Nr. 13? Was geschah mit ihm nach seinem mysteriösen Verschwinden aus der Todeszelle an jenem Tag, der eigentlich sein letzter werden sollte?

Hier folgt das Ende seiner Geschichte.

***

Die Hitze war schier unerträglich. Die gesamte Landschaft glich einer verbrannten Wüste. Außerdem war alles so seltsam still. Es gab auch kein Leben an diesem Ort. Am fernen Horizont schien ein riesiges Feuer zu brennen, das weit in den wolkenlosen Himmel hinein ragte, wenn es denn überhaupt ein Himmel war.

John Taylor hielt den goldenen Ring mit dem roten Stein immer noch in der Hand. Dann sah er sich nach allen Seiten um und fragte sich, wo er eigentlich war.

Das muss ein böser Traum sein, dachte sich Taylor und versuchte ruhig zu blieben. Vielleicht doch nicht? Dieser Zweifel nagte an seinem Verstand. Deshalb berührte er wieder den Ring an der gleichen Stelle wie zuvor in der Todeszelle. Doch diesmal funktionierte die magische Kraft nicht. Das muss an diesem Ort liegen, dachte Taylor und geriet in Unruhe. Nochmals schaute er sich nach allen Seiten um.

Die Umgebung um mich herum sieht absolut echt aus. Ich kann alles berühren, den sandigen Boden, die schroffen Felsen und die ausgetrockneten, verdörrten Gräser zu meinen Füßen. Oder ist alles nur eine Illusion, die ich real erlebe?

John Taylor fühlte sich elendig, hilflos und schwach. Sein Magen rebellierte und ihm wurde plötzlich schwindlig. Die Kehle schmerzte vor Trockenheit, als hätte er Sand gegessen. Dann erbrach er sich mehrmals hintereinander. Das führte dazu, dass er Durst bekam.

Ich muss etwas zum Trinken finden, dachte er so für sich. Ich brauche unbedingt Wasser, sonst verdurste ich hier in dieser schrecklichen Wüste. Er marschierte halb besinnungslos geradewegs dem flammenden Horizont entgegen.

Plötzlich stand er ganz unvermittelt vor einer großen Palme. Eine Kokosnuss fiel im gleichen Moment herunter und klatschte geräuschvoll genau vor seine Füßen in den heißen Sand.

John Taylor bückte sich und hob sie verwundert auf. Dann warf er sie gegen einen harten Felsen, der direkt vor ihm aus dem Boden ragte. Aber die harte Schale hielt. Er warf noch einmal und noch ein drittes Mal. Doch die Kokosnuss platzte einfach partout nicht auf.

"Ich bin zu schwach. Meine Kräfte lassen nach", murmelte er halblaut vor sich hin und starrte auf das braune runde Ding in seiner Hand. Er konnte förmlich die süße Milch in der Kokosnuss schmecken. Das feste Fruchtfleisch dachte er sich, befände sich schon in seinem Mund. Taylor kaute plötzlich instinktiv auf den Zähnen herum, bis er merkte, dass alles nur reine Einbildung war. Es gab keine Palme und auch keine Kokosnuss. Alles nur eine schreckliche Täuschung, hervor gerufen durch die gnadenlose Hitze und einem grauenvollen Durst.

Dann nahm er plötzlich eine Gestalt wahr, die ihm irgendwie bekannt vor kam. Er blickte schließlich in das Gesicht der geheimnisvollen Person und erschrak bis ins Knochenmark. Es war sein ehemaliger Freund, der legendäre Zauberkünstler Marlin.
Er saß in einer schwarzen Richterrobe auf einem schroffen Felsen und hielt den goldenen Ring demonstrativ zeigend in der Hand.

Taylor betrachtete sofort seine Hände. Der Ring war nicht mehr da. Im gleichen Moment fragte er sich, wie lange sich Marlin wohl schon hier an diesem unheimlichen Ort aufhielt. Er hat mir zuerst den Ring abgenommen und mich dann bestimmt schon die ganze Zeit beobachtet. Ich verliere langsam den Verstand, dachte Taylor. In den dunklen Augen Marlins spiegelte sich eine glutrote Sonne, die es am Himmel gar nicht gab.

"Marlin, bist du es? Das kann nicht sein. Du bist doch tot. Ich weiß genau, dass ich dich damals umgebracht habe", kreischte Taylor ängstlich.

Die Antwort folgte auf dem Fuß.

"Tut man das seinem besten Freund an, Taylor, einfach so wie einen Hund erschlagen und dann in einen tiefen Brunnen werfen? - Ja, ich war verschwunden", antwortete Marlin mit tonloser Stimme, die anscheinend nicht seine eigene war, "aber ich bin wieder da, wie du siehst."

"Aber wohin bis du verschwunden? Warst du hier an diesen verdammten Ort? Was ist aus deinem Körper geworden? Er müsste doch schon längst verwest sein. – Und wo bin ich hier", fragte Taylor Marlin außer sich vor Entsetzen. Seine Stimme überschlug sich dabei vor lauter Angst.

"Du stehst vor den Toren der Hölle", erwiderte dieser ihm ungerührt. "Deine verfluchte Seele wird bald im ewigen Feuer schmoren. Mir wird das nicht passieren, denn ich werde gleich deinen Körper übernehmen und mit Hilfe des Rings wieder zur Erde zurückkehren. Ich wusste genau, dass du eines Tages kommen würdest. Der Ring hat dich zu mir geführt. Er hat alles eingefädelt."

"Nein!", schrie Taylor hysterisch. "Das ist ein Alptraum. In will nicht in die Hölle. Das kann und darf nicht sein! Du bist nicht real, Marlin. Ich habe dich erschlagen und in den kalten Brunnen geworfen. Kein Mensch kann das überleben!"

"Was du nicht sagst, Taylor. Du hast ja gar keine Ahnung, was mein Ring alles kann, auf den du so scharf warst. Dafür hast du mich getötet, du Mörder! Du und ich, wir waren mal die besten Freunde gewesen, aber du hast durch deine grenzenlos Gier nach der Macht des Ringes unsere Freundschaft für alle Zeiten zerstört. Du hast mich umgebracht, einzig und allein des Ringes wegen. Du bist in die Irre gegangen, du Narr. Was hättest du alles mit mir zusammen erreichen können! Leider hast du nichts, aber rein gar nichts verstanden, Taylor. Der Ring kommt immer wieder zu mir zurück. Er ist mein Eigentum bis in alle Ewigkeit. Aber für das, was du mir angetan hast, wirst du jetzt büßen müssen und bald in der Hölle schmoren, wohin ich dich schicken werde."

Marlin lachte plötzlich satanisch. Dann schwebte er wie ein Geist auf John Taylor zu, kam näher und näher und verschmolz schließlich mit seinem Körper, der nichts dagegen unternehmen konnte.

Dann trat Taylors Seele einen Augenblick später aus dem willenlos gewordenen Körper heraus und fiel als milchig weißer Widerschein seines alten Ichs in den heißen Wüstensand, wo sie jammernd und bitterlich flehend kraftlos liegen blieb.

"Lass' mich hier nicht alleine zurück“. Ich will nicht in die Hölle! Ich mache alles wieder gut. Hilf mir doch! Bitte habe Mitleid mit mir! Ich war doch mal dein bester Freund! So lass' Gnade walten, Marlin“" schrie die gepeinigte Seele Taylors schrill in entsetzlicher Panik. Dann wurde sie nach und nach wie von unsichtbarer Hand langsam in Richtung des brennenden Horizonts gezogen.

"Ach Taylor! Warum sollte ich einem Mörder helfen, der mich umgebracht hat? Weißt du eigentlich, dass selbst meine Seele nie die Macht über den Ring verloren hat und verlieren wird? Du hast mich erst getötet und mir danach auch noch den Ring gestohlen. Du Narr! Während du schliefst, löste er sich jedes mal unbemerkt von deinem Finger und suchte in den mondhellen Nächten nach meiner Leiche. Er fand sie schließlich in dem Brunnen und brachte sie hierhin in diese Zwischenwelt, wo sie nicht verwesen konnte. Auf diese Art und Weise blieb mir vorerst der Weg in die Hölle erspart, weil Tod und Teufel in dieser Sphäre keine Macht haben. Meine Seele hat sozusagen die ganze Zeit hier in meinem scheintoten Körper überlebt. Der Ring jedoch kehrte schließlich zu dir zurück. Dann brachte er dich geschickt mit dem Mord an einer stadtbekannten Hure in Verbindung. Du hattest plötzlich eines Nachts ihr Blut an den Händen, Taylor. Auch das tat der Zauberring für mich! Alle Welt glaubte daher, du seist der brutale Hurenmörder und wurdest kurz darauf von einem Gericht zum Tode verurteilt. Meine Rache an dir stand kurz vor dem Höhepunkt. Mit der Inbesitznahme deines Körpers durch meine Seele wird sie schließlich hier an diesem Ort vollendet. Die Dämonen des Teufels werden dich am Eingang zur Hölle gierig in Empfang nehmen. Sie streifen überall herum wie wilde Tiere auf der Suche nach quälbarer Beute. Deshalb verschwinde ich lieber von hier so schnell es geht. Man weiß ja nie, wozu diese fürchterlichen Viecher sonst noch fähig sind. Was bleibt mir also noch zu sagen Taylor? Ach ja, dein Körper gefällt mir. Ich fühle mich ziemlich wohl darin. Er wird für lange Zeit mein irdisches Zuhause sein, jedenfalls solange, wie ich den Ring trage. Er lässt mich sehr lange leben, vielleicht sogar eine Ewigkeit lang. Außerdem wird er deinen Körper nach und nach wieder in meinen zurück verwandeln und alle Erinnerungen an dich löschen. Nicht umsonst heißt er nämlich MARLINS RING."

Die hin und her zuckende Seele John Taylors rutschte derweil immer weiter weg von Marlin, dem Zauberkünstler aus dem Circus, dessen Seele jetzt mit Hilfe von Taylors Körper endlich wieder zur Erde zurückkonnte.

Ein letztes Mal blickte Marlin rüber zu seinem ehemaligen Freund, dessen verdammte Seele der Flammenwand immer näher kam.

Plötzlich tauchten einige Dämonen auf, die auf der andauernden Suche nach verlorenen Seelen in dieser glutheißen Gegend waren. Bald hatten sie die von Taylor entdeckt und machten sich sofort über sie her wie blutrünstige Wölfe über ihre hilflose Beute.

Marlin berührte schnell den roten Stein auf seinem goldenen Ring und verschwand im gleichen Moment noch aus der Zwischenwelt, als wäre er hier nie gewesen. Seinen eigenen Körper ließ er im untoten Zustand zurück – sozusagen für alle Fälle. Man kann ja nie wissen, was einem auf der Erde noch alles so passieren kann.

***

Irgendwo in einer großen Stadt gastierte ein glanzvoll heraus geputzter Circus. Als die erste Vorstellung begann, waren mittlerweile schon alle Plätze ausverkauft. Das Licht ging aus und das helle, konzentrierte Licht eines einzelnen Scheinwerfer erfasste einen bärtigen Mann, der mitten in der Manege stand.

Ja, es trat nämlich ein Zauberkünstler auf, der sich Marlin nannte und die unglaublichsten Zaubertricks auf Lager hatte, die alle Zuschauer auf der Tribüne in helle Begeisterung versetzte. Nach jeder Vorstellung wollten die Leute eine Zugabe nach der anderen von ihm, bis der Herr Circusdirektor ein Machtwort sprechen musste und den Zauberkünstler Marlin aus der Manege schickte. Die anderen Darsteller wären sonst nicht dran gekommen.

Bei einer abendlichen Sonntagsvorstellung trat Marlin wieder einmal auf. Ein alter Mann saß gebeugt in der ersten Reihe direkt unten am Manegenrund und wartete auf die Ankunft des beliebten Zauberkünstlers. Alle Scheinwerfer waren auf den sich langsam öffnenden Vorhang gerichtet. Die Musik spielte bereits in vollen Tönen als der Zauberkünstler Marlin die Manage betrat und mit schwungvoll winkenden Armen an den frenetisch applaudierenden Zuschauern langsam vorbeischritt.

Als er auf Höhe des alten Mannes war, schaute ihn dieser immer wieder von oben bis unten musternd aus ungläubigen Augen an, gerade so als stünde vor ihm ein Geist in der Manege. Das Gesicht des Zauberers kam ihm irgendwie bekannt vor, das ihn an das Gesicht eines zum Tode verurteilten Häftlings namens John Taylor erinnerte. Aber das war schon sehr, sehr lange her. Trotzdem schauderte der Alte bei dem Gedanken, dass hier jemand möglicherweise vor ihm stand, der ein dunkles Geheimnis mit sich herum trug, von dem er, Pater Brown, in der Tat etwas wusste. Wer glaubte schon an jene unheimlichen Kräfte, die denen der Natur und der Kirche entgegenstanden?

Marlins Seele, die jetzt im Körper von John Taylors wohnte, kannte diesen alten Mann nicht, der sich Pater Brown nannte. Sie ignorierte den Alten einfach, als wäre er nicht da.

Deshalb schenkte Marlin ihm auch kein besonderes Interesse und begann mit seiner Vorstellung.

Pater Brown war sowieso keine Gefahr für ihn, denn er würde bald sterben.


ENDE

(c)Heinz-Walter Hoetter


 

 

 

3. Walter Forresters Sehnsucht nach Freiheit


 


 

Walter Forrester stand auf dem breiten Geländer einer abseits gelegenen Steinbrücke, die irgendwo tief in den Bergen über eine kleine Schlucht führte. Seine klobigen Wanderschuhe ragten schon ein kleines Stück über den schwindelerregenden Abgrund, der weit unten in einem rauschenden Gebirgsbach endete.

 

Das Wetter war einfach herrlich, und seit den frühen Morgenstunden war Forrester zu Fuß unterwegs gewesen. Eigentlich hätte er völlig außer Atem und am Ende seiner Kräfte sein müssen, aber offenbar war seine körperliche Belastbarkeit wohl besser, als er gedacht hatte. Das überraschte ihn selbst ein wenig, wo er doch nicht mehr der Jüngste war und bald sechzig Jahre alt wurde.

 

Doch jetzt befand er sich weit droben in den Bergen, hier an diesem weit abgelegenen einsamen Ort, den er schon als junger Mann auf seinen vielen Bergwanderungen so oft aufgesucht hatte. Walter Forrester liebte die Abgeschiedenheit und Ruhe dieses wunderbaren Fleckchens Erde, das ihm jedes Mal aufs Neue wie ein Stück aus dem Paradies vorkam.

 

Sein verträumter Blick in die weite Gebirgslandschaft zu seinen Füßen beanspruchte jetzt all seine Sinne. Am fast wolkenlosen Himmel begann sich soeben die Sonne am fernen Horizont zu verabschieden, die mit ihren majestätisch leuchtenden Farben, einer Mischung aus rot und dunkelgelb, den Eindruck machte, als würde sie auf geheimnisvolle Art und Weise im Erdboden verschwinden und nicht wieder daraus auftauchen.

 

Noch nie hatte Walter Forrester so einen wunderschönen Sonnenuntergang erlebt. Weit unter seinen Füßen, etwas weiter rechts von ihm, befand sich ein ausgedehnter türkisfarbener Bergsee, auf dessen Wasseroberfläche jetzt die reflektierenden Farben der Abendsonne sanft wie das bunte Licht eines funkelnden Diamanten schimmerte. Nur Mutter Natur vermag diesen Zauber vollendeter Schönheit hervorzubringen, dachte er.

 

Sein Blick richtete sich die ganze Zeit nur auf dieses fesselnde Schauspiel. Er hielt eine Weile inne, schloss seine Augen und atmete das packende Gefühl der Wahrheit und des Einsseins mit der Natur tief in sich ein. Wie lange hatte er auf dieses Ereignis warten müssen, und jetzt, da es sich endlich ereignete, war es noch schöner und gewaltiger als er es sich je in seinen Träumen hätte vorstellen können.

 

Langsam, fast wie in Zeitlupe, beugte sich Forrester noch ein kleines Stück nach vorne und blickte hinunter in den Abgrund. Die imposanten Felswände zu beiden Seiten der Schlucht waren steil und glatt, ohne jeglichem Vorsprung und sahen aus, wie ein Schnitt durch einen Kuchen.

 

Ohne Mühe konnte er direkt unter sich den wilden Gebirgsbach sehen, der quirlig durch sein zerklüftetes Felsenbett dahin rauschte.

 

Dann, nach einer Weile, sah er wieder auf. Er wusste auf einmal nicht mehr, wie lange er schon hier auf der abgelegenen Steinbrücke stand, denn dieses überwältigende Gefühl von unendlicher Weite und absoluter Freiheit hatte ihm jegliche Zeitvorstellung geraubt. Waren es Sekunden nur, gar Stunden, Tage oder vielleicht sogar Jahre gewesen? Forrester wusste es selbst nicht. Er wusste nur eins, dass das, was er hier im farbenprächtigen Lichte der untergehenden Sonne sah, sein eigenes, wahres selbstgefühltes Leben war, ganz und gar ungetrübt von anderen, meist störenden Einflüssen, die das tagtägliche Leben unter den Menschen so mit sich brachte.

 

Eine Träne der überschäumenden Freude und tiefen Erfüllung rollte auf einmal sanft über seine Wange. Endlich fühlte er sich frei. Er schrie es förmlich aus sich heraus:

 

FREIHEIT!

 

Dann blickte er zum Horizont, wo die Sonne langsam unterging.

 

Walter Forrester hatte eigentlich nie daran geglaubt, dieses erhabene Gefühl fern ab jeden Zwanges jemals zu erlangen, doch jetzt war es da, und er genoss es in jeder Sekunde seines Daseins.

 

In aller Stille kamen die Erinnerungen.

 

Wie viele Jahre seines Lebens hatte man ihn eingesperrt und behandelt wie ein Stück Vieh? Sein Geist und seine Seele litten unmenschliche Qualen. Er musste Dinge tun, die er nie von selbst getan hätte, und die er aus tiefstem Herzen verabscheute. Doch er tat, was man ihm auftrug, jeden Tag immer wieder und immer wieder aufs Neue. Es war die krank machende Ungewissheit und die stetige Angst vor den unüberblickbaren Veränderungen des eigenen Lebens, die ihn dazu trieben, bis er in den Zwängen einer anonymen Masse gefangen war, die alsbald Maßstab für ihn wurde. Doch blieb er stets auf der Suche nach seiner eigenen Identität.

 

Aber die systemkranken, die Freiheit zerstörenden Zivilisationen, mit ihren perfide arbeitenden Organisationen, die sich fein ausgeklügelter subtil brutaler Zwänge bedienten, die jedes menschliche Wesen auf Dauer an Körper, Geist und Seele pervertieren ließen, hielten ihn wie in einem Schraubstock gefangen.


Er wollte diesem schier unausweichlichen Moloch entfliehen, nicht einfach namenlos wie ein Nichts darin untergehen und verschwinden. Das hatte er sich innerlich geschworen. Wie oft wünschte er sich deshalb schon den Tod? Die schnelle Erlösung aus den Qualen eines sich immer mehr abstumpfenden Daseins, das in einem nie endenden Kreislauf aus ungeliebter Pflichterfüllung, Geld, Reichtum, Sex und jeder möglichen Art von Konsum zu versinken drohte, aber weder Erfüllung, Liebe oder Freude in ihm aufkommen ließ.

 

Doch der Gedanke an die Freiheit, die immerwährende Hoffnung und der innere Drang, einmal dieses wundervolle Gefühl der Erfüllung des eigentlichen Seins auskosten zu können, hielten ihn am Leben. Dieses tief in ihm verborgene Gefühl wuchs von Tag zu Tag und verlieh ihm Stärke all die Schmerzen und Zwänge zu ertragen, die man für ihn bereit hielt. Schon immer war ihm danach, diese Ketten zu zersprengen, die ihn ohne Gnade fesselten. Hier an diesem Ort auf der steinernen Brücke wollte er ein für allemal mit den widerlich anmutenden Zwängen abrechnen, die ihn wie bösartige Verfolger unablässig durch sein gesamtes Leben nachstellten, um jedwedes Gefühl von Lebensglück in ihm schon im Keime zu ersticken.

 

Ein Anflug von Zweifel erfasste Forrester. In der Vergangenheit hatten seine Verfolger noch nie verloren und warum sollte es hier und jetzt plötzlich anders sein? Nein, die Chancen standen im Prinzip schlecht für ihn. Doch heute war ihm das alles egal. Nun, wo er so kurz davor stand, die Freiheit für immer gewinnen zu können, wollte er nicht aufgeben und eisern durchhalten.

 

Jetzt stand er hier, ganz ohne Angst. Was zählten da noch die schmerzhaften Erinnerungen an die Vergangenheit? Er fühlte sein Herz wild pochen und wie es nach Leben schrie. Aber das Gefühl von unendlicher Freiheit wuchs in ihm von Sekunde zu Sekunde.

 

Sein Blick hatte sich für einen kleinen Augenblick von der untergehenden Sonne gelöst. Wieder rann ein Träne über sein Gesicht.

 

Er breitete seine Arme aus und ging ganz langsam einen Schritt nach vorne, sodass sein rechter Fuß ins Leere trat, als wollte er eine unsichtbare Treppe hinaufsteigen.

 

Dann bewegte Walter Forrester seine Arme auf und ab, als wären es Schwingen eines engelgleichen Wesens, die so zerbrechlich wirkten, als wären sie aus feinstem Kristallglas.

 

Hinter ihm wurden seine Verfolger in der Ferne sichtbar, die sich schnell näherten. Sie mussten sich ihrer Sache wohl ganz sicher sein, denn der Lärm, den sie verbreiteten, war unerträglich. Doch Forrester hörte sie nicht mehr.

 

Die Meute kam näher und näher, und der Abstand zu ihm war schon auf ein bedrohliches Minimum geschrumpft. Bald hätten ihn die Zwänge wieder. Sie griffen schon nach ihm.

 

Walter Forrester tat entschlossen den letzten Schritt und schwang seine Arme wie im Flügelschlag langsam rauf und runter. Er war bereit dazu, alles hinter sich zu lassen. Er sah die untergehende Sonne, die schönen Berge und den quirlig rauschenden Gebirgsbach unter sich in der tiefen Schlucht nicht mehr, als er langsam nach vorne kippte.

 

Jetzt gab es kein Zurück mehr.

 

Immer weiter fiel er nach vorne, bis er sich von der Steinbrücke ganz gelöst hatte. Sein Körper stürzte in die Schlucht, doch etwas löste sich plötzlich vom fallenden Forrester und flog so sanft und majestätisch wie ein Engel davon.

 

Seine Verfolger kamen zu spät.

 

Endlich grenzenlos frei.

 

Das Ziel seiner Lebensreise war erreicht.

 

FREIHEIT!

 

 

 

(c)Heinz-Walter Hoetter

 

 

 

 

4. Unheimlicher Besuch bei Lisa


 

Es war Sonntagnacht. Draußen regnete es in Strömen.

Die 16-jährige Lisa lag mit einer leichten Grippe auf dem Sofa und schaute fern. Ihre Eltern waren ausgegangen und würden erst gegen Mitternacht wieder zurück sein. Im Fernseher lief gerade ein Nightmare-Film mit Freddy Krueger, dem abscheulichen Serienmörder mit den rasiermesserscharfen Klingen an der rechten Hand, der in den Albträumen der Kinder und Jugendlichen zum Leben erwacht.

Plötzlich klingelte das Telefon.

Lisa schlug die warme Wolldecke zurück, stand auf und schlurfte missmutig in den Gang, wo das Telefon stand. Dann nahm sie den Hörer ab.

Gerade wollte sie fragen, wer da ist, da sagte eine sonore Männerstimme auch schon: „Freddy Krueger kommt gleich zu dir. Ich stehe noch fünfzehn Meter von deinem Haus entfernt!“ Erschrocken legte Lisa den Hörer sofort wieder auf.

Irgend so ein Volltrottel will mir Angst einjagen und erlaubt sich mit mir einen bösen Scherz, dachte sie verärgert, ging zurück ins Wohnzimmer und machte es sich wieder auf dem Sofa bequem.

Nach einer Weile klingelte das Telefon abermals. Ein leichtes Angstgefühl stieg jetzt in Lisa hoch, denn ein gruseliger Horrorfilm mit Freddy Krueger lief gerade im Fernsehen, den sie sich soeben anschaute.

Was für ein komischer Zufall, dachte sie. Der unbekannte Anrufer nannte sich genauso wie der Hauptdarsteller im Film.

Wieder erhob sie sich vom Sofa und ging rüber in den Gang zum Telefon. Kaum hatte sie den Hörer abgenommen, sprach auch schon die gleiche, sonore Männerstimme zu ihr: „Freddy Krueger kommt gleich zu dir. Ich stehe nur noch wenige Meter von deinem Haus entfernt!“

Diesmal zuckte Lisa unwillkürlich zusammen. Mit zitternden Händen legte sie den Hörer auf und rannte zurück ins Wohnzimmer. Nachdem sie das Licht ausgeknipst hatte, ging sie sofort ans Fenster, schob vorsichtig den schweren Vorhang etwas zur Seite und starrte angestrengt hinaus in die dunkle Regennacht. Ihr ängstlicher Blick wanderte runter zur Straße, wo der Gehweg und das schmiedeeiserne Eingangstor des Reihenhauses ihrer Eltern vom Licht einer Bogenlaterne nur trübe beleuchtet wurde. In ihrem schwachen Lichtkegel stand allerdings ein Mann, der mit einem langen Mantel und einem Schlapphut auf dem Kopf bekleidet war. Er schien das Haus zu beobachten.

Lisa prallte entsetzt vom Fenster zurück. Ihr Herz rutschte vor lauter Angst in die Hose. Sie musste sich mit aller Kraft zusammenreißen, um nicht in Panik zu geraten. Sie rührte sich außerdem nicht von der Stelle.

Da!

Plötzlich klingelte es unten an der Haustür. Kurz danach ein zweites und drittes Mal.

Lisas Knie wurden weich. Ihre Kehle war wie zugeschnürt. Trotz aller Furcht tastete sie sich in der Dunkelheit des Zimmers langsam zum Telefon vor, um die Polizei anzurufen.

Schon wollte sie den Hörer abnehmen, als jemand offenbar mit geballter Faust heftig gegen die hölzerne Haustür schlug. Gleichzeitig rief eine laute Stimme: „Verdammt noch mal Lisa. Mach’ endlich die Tür auf! Ich bin es, dein Bruder Tom. Oder willst du mich hier draußen im Regen noch länger stehen lassen?“

„Gott sei Dank! Es ist ja nur mein Bruder. Das ist typisch für ihn. Immer muss er diese verdammten Scherze mit mir machen. Dem werde ich’s aber gleich geben. Der kann was von mir hören...“, murmelte Lisa mit zischender Stimme vor sich hin.

Gleich darauf rannte das 16-jährige Mädchen ziemlich erleichtert runter zur Haustür und öffnete sie hastig. Als die Tür weit offen stand, erstarrte Lisa vor Schreck. Sie wollte schreien, brachte aber keinen Ton raus.

Vor ihr stand ein Mann mit einem hässlich vernarbten Gesicht. An der rechten Hand trug er lange scharfe Klingen an jedem einzelnen Finger. Sein bis zu den Knöcheln hängender schwarzer Mantel war nicht zugeknöpft und den Schlapphut hatte er tief in seine Stirn gezogen. Der schmale Mund verzog sich plötzlich zu einem bösartigen Grinsen.

Dann sagte er mit sonorer Stimme:
Ich heiße nicht Tom. Ich habe nur seine Stimme nachgeahmt. Mein Name ist Freddy Krueger.“

 

ENDE

(c)Heinz-Walter Hoetter

 

 

 

***

 

 

5. Alle 1000 Jahre eine neue Chance


 

Von irgendwo her erklang eine künstliche Stimme, die sprach:

Wenn 1000 Jahre vorüber sind, erhält jede verdammte Seele eine neue Chance zur Läuterung und einen neuen Körper, einen sog. KLON. In einer künstlich erschaffenen Realität muss sie sich wegen ihrer begangenen Sünden neu bewähren.

Diese neue Realität enthält immer eine ganz bestimmte Situation aus ihrem eigenen, vergangenen Leben, in der sich das Original gegenüber der Schöpfung verbrecherisch verhalten hat. Bewährt sich die Seele und ändert sie ihr Verhalten zum Guten, wird sie geläutert und ist frei.

Versagt sie aber, muss sie für weitere 1000 Jahre in die „Dunkelkammer“, zurück in einem schrecklichen, völlig hermetisch abgedichteten Gefäß ohne Licht, ohne die befreiende Weite eines unendlichen Universums. In diesem Urnen ähnlichen Gefäß ist sie in ihrer eigenen Sünde gefangen, in der sie fürchterliche Ängste und abgrundtiefe Verzweiflungen erfährt, bis sie endlich wieder eine neue Chance bekommt, um sich zu läutern und zu befreien für ein höheres Sein.“

 

***

 

Als ich diesem Mohammed zum ersten Mal begegnete, stolperte er gerade unbeholfen und wie blindlings die Flurtreppe hinauf. Er sah aus, als wäre ihm etwas Unglaubliches, ja etwas total Außergewöhnliches widerfahren.

Im nächsten Augenblick stießen wir auch schon mit aller Wucht zusammen, sodass er taumelnd nach hinten in den Gang schleuderte, sich noch einige Male im Kreise drehte, bevor er wie in Zeitlupe langsam vor mir zu Boden sank. Mir war glücklicherweise nichts passiert.

Ich konnte ihn deshalb rechtzeitig auffangen und hielt ihn fest.

Durch meine lauten Hilfeschreie aufmerksam geworden, eilten einige Kolleginnen und Kollegen herbei, die sich sofort mit mir zusammen um den bewusstlosen Mann kümmerten. Wir betteten Herrn Mohammed auf eine Couch im Raucherzimmer unserer Abteilung, legten ihm einen Eisbeutel auf die Stirn und hüllten ihn in eine wärmende Decke.

Wegen seines schlechten Allgemeinzustandes rechneten wir mit dem Schlimmsten, deshalb rief einer der besorgten Mitarbeiter sogleich im nahe gelegenen Krankenhaus an, das daraufhin vorsorglich einen Rettungswagen losschickte.

Doch als der Rettungsdienst endlich kam, saß Herr Mohammed bereits schon wieder aufrecht und sicher auf einem der herumstehenden Stühle, hatte die Couch ohne fremde Hilfe einfach verlassen und sah uns Anwesenden mit mitleidigem Blick, ja irgendwie widerwillig ablehnend an.

Ironie umspielte seine etwas blass gewordenen Lippen, die ab und zu nervös hin und her zuckten.

Bitte entschuldigen sie mein ungeschicktes Verhalten. Es wird nicht wieder vorkommen. Ich verspreche es ihnen“, murmelte er leise mit gesenktem Kopf vor sich hin.

Dann stand er auf und verschwand, ohne auch nur ein weiteres Wort zu sagen. Danach sah ich ihn eine Zeit lang nicht mehr.

Später traf ich ihn wieder. Zu meinem allergrößten Erstaunen wurde er in meine Abteilung versetzt und schien ein äußerst fleißiger Mitarbeiter zu sein.

Eigentlich wusste ich nicht so recht, was ich von ihm halten sollte, denn schließlich stürmte ja nicht jeden Tag einer derart ungeschickt und wie in Trance die Treppe hinauf. Manchmal tanzte er sogar derart ausgelassen um seinen Schreibtisch herum, dass alle übrigen Kollegen nur noch mit dem Kopf schüttelten und ihn für irre hielten. Trotzdem schien mir Herr Mohammed nicht definitiv verrückt zu sein. Ich wurde aber einfach nicht schlau aus ihm, je länger ich ihn beobachtete.

Einen Tag nach seinem schlimmen Zusammenbruch war Mohammed schon wieder ziemlich gut auf den Beinen, tat so, als wäre nichts geschehen und saß danach die ganze Zeit tief in seine Arbeit versunken hinter seinem mit Schriftstücken und Akten übersäten Schreibtisch.

Das allerdings keineswegs so verbissen oder verkrampft wie wir es alle selbst nach dem bedauerlichen Unfall waren, sondern er benahm sich schlichtweg gelassen und völlig beherrscht. Seine Bewegungen waren erstaunlich flink. Ich traute meinen Augen kaum, mit welcher Geschwindigkeit er am Computer seine Texte eintippte, komplizierte Tabellen ausfüllte und eine Menge anstehender e-Mails bearbeitete und als Antwort wieder verschickte.

Erst später erfuhr ich von meinem Boss, der mir verraten hatte, als er von dem Malheur im Flur hörte, dass Herr Mohammed erst vor kurzem befördert worden und später dann in unsere Abteilung versetzt worden war. Aus mir bis dahin unerfindlichen Gründen wollte er, dass er sich in meiner Nähe aufhielt.

Wir mussten uns also alle mit solch einem Streber abfinden, ob es uns nun gefiel oder nicht, wir hatten einfach keine andere Wahl. Das Leben spielte einem bisweilen hässliche Streiche, dachte ich so für mich. Oder lag es vielleicht an mir, dass alle so kam, wie es kommen musste?

Irgendwann verschwand Mohammed eines Tages einfach. Sein Kollege Tom Whitney, der ihm direkt am Schreibtisch gegenüber saß, hatte seine Bitte um Kaffee nicht einmal vollständig zu Ende formulieren können, da war er auch schon weg und verschwunden. Keiner von uns wusste, wo er hingegangen war.

Tom holte sich den Kaffee selbst, ging mit seinem voll gefüllten Becher hinaus zum Trinken auf den Flur um seine müden Beine etwas zu vertreten, als plötzlich zwei herausgeputzte Wachmänner des Sicherheitsdienstes an der nächsten Flurecke seinen Weg kreuzten und fast mit ihm zusammengestoßen wären. Erschrocken wich Tom zurück und ein Teil des Kaffees ergoss sich über die beiden Männer.

Dies schien offenbar nicht sein Tag zu sein. Auch Entschuldigungen, lieb gemeinte Beschwichtigungen, aufrichtiges Bedauern und das Angebot der sofortigen Reinigung und Entfernung der Flecken trafen nicht auf das wohlwollende Verständnis der beiden Wachmänner. Mürrisch und ein paar unhöfliche Worte murmelnd zogen sie weiter.

Wieso kam der Sicherheitsdienst ausgerechnet zu uns? Suchten die beiden Typen möglicherweise nach diesem Mohammed oder wollten sie nur wissen, wo er sich jetzt herumtrieb? Meine diesbezüglichen Fragen waren nicht völlig unberechtigt, denn in letzter Zeit spielten sich in unserer Abteilung seltsame Dinge ab, von denen ich glaubte, dass sie auch etwas mit mir zu tun hatten.

Deprimiert verließ Tom den Ort des Geschehens. Beinahe wäre er auf dem Rückweg mit der sich öffnenden Bürotür zusammengestoßen, durch die Mohammed plötzlich wie aus dem Nichts hindurch kam. Er trug ein paar Akten unter dem Arm, die er im gegenüberliegenden Aktenschrank in aller Ruhe ablegte und ordentlich verstaute. Dann kehrte er an seinen Schreibtisch zurück und vertiefte sich in seine Aufgaben wie keiner von uns, wie wenn abermals nichts geschehen wäre. Allerdings waren nicht alle Kollegen mit seinem seltsam komischen Verhalten einverstanden, was mir nur verständlich erschien.

Herr Mohammed wagte es sogar, seinen Posten noch vor Dienstschluss zu verlassen. So eine Frechheit, dachte ich, als ich davon erfuhr. Deshalb versuchte ich heraus zu bekommen, was er vorhatte. Über die Haus internen Überwachungskameras konnte ich seine geheimnisvollen Wege genau verfolgen. Ich suchte insgeheim nach einem Vorwand, um ihn loszuwerden.

Bald hatte ich ihn ausfindig gemacht.

Schnellen Schrittes verließ er gerade das Bürogebäude, eilte über die belebte Straße und lief dann, nach einem kurzen, flüchtigen Blick auf die Uhr, schnell bis zur nächsten Kreuzung. Mittlerweile war ich an das Panoramafenster meines Büros im sechsten Stockwerk getreten und konnte von hier oben aus alles genau beobachten.

Neugierig blickte Mohammed zur anderen Seite der Kreuzung hinüber. Welch holdes Wesen stand dort, was für eine Schönheit! Offenbar hatte er sich in das hübsche junge Mädchen verliebt. Oder irrte ich mich vielleicht nur?

Ich sah, wie er wiederholt zu seinem Handgelenk spähte und auf den Fußballen unruhig auf und ab federte. Dann setzte er zum Überqueren der Straße an.

Der Kerl muss wahnsinnig sein, dachte ich.

Die Fußgängerampel wechselte schlagartig von Grün auf Gelb, die Farbe der Hoffnung und der strahlenden Sonne. Sekunden danach sprang sie auf Rot um.

Das junge Mädchen auf der anderen Seite der Kreuzung lief plötzlich zu ihm rüber, ohne auf die Stopampel zu achten. Ein schlimmes Unglück braute sich offenbar zusammen. Mohammed hatte dies anscheinend rechtzeitig bemerkt und sprintete plötzlich los.

Würde es reichen? Dieser Gedanke kam mir unwillkürlich in den Sinn, als ich sein gewagtes Manöver verfolgte.

Die Autos rasten los. Links heulten Motoren auf, rechts blendete die Sonne und vor ihm eine Silhouette auf dem Fußgängerstreifen. Lautstarke Flüche, qualmende und quietschende Reifen, erschreckte Gesichter mit bösen Blicken erzürnter Autofahrer. Ein rasend rennender Mohammed, der verzweifelt versuchte, das junge Mädchen hechtend umarmend von der gefährlichen, stark befahrenen Straße zurück zu werfen. Der Tod des Mädchens schien nahe.

Doch es kam alles ganz anders. Ich war ziemlich erstaunt.

Über eine spezielle Abhöranlage konnte ich das Gespräch der beiden mitverfolgen.

Sind Sie in Ordnung?“ hörte ich ihn zu meiner großen Überraschung fragen, als er mit dem jungen Ding zusammen stürzend den sicheren Fußgängerweg erreichte.

Mohammed rappelte sich hoch, wischte sich den Staub von den Schultern und gab ihr die Hand.

Danke! Mir ist nichts passiert!“ sagte sie.

Sie ließ sich von ihm führen, leicht auf ihn gestützt.


"Der Tag ist heute wunderschön. Ich würde Sie gerne nach Hause begleiten und ein wenig mit Ihnen Plaudern“, sagte Mohammed.

Aha, so machten es immer die scheinbaren Helden seiner Welt, die höflichen Frauenverführer und eitlen Machos, welche alles Weibliche nur als Sexobjekte betrachteten, was auch jetzt Mohammed wohl in seinem tiefsten, männlichen Inneren dachte, schoss es mir in den Sinn. Irgendwie sah ich mich wieder einmal bestätigt.

Ich konnte plötzlich seine Gedanken lesen, so wie in einem offenen Buch. Sie waren erfüllt von Perversitäten der allerschlimmsten Art. Trotz seiner guten Tat vorhin brodelten böse Hintergedanken in seinem kranken Hirn, das ausschließlich von animalischen Trieben gesteuerte wurden.

 

Das wird nicht nötig sein. Ich finde mich schon alleine zurecht“, antwortete das überaus junge hübsche Mädchen mit klarer, ruhiger Stimme.

Mohammed musterte sie ungläubig, ja schon fast abschätzig. War das der Dank für seinen lebensrettenden Einsatz? In Wirklichkeit aber dachte er nur an alle möglichen Perversitäten mir ihr.

Sie erwiderte seinen überraschten Blick hart und bestimmt. Die junge Frau konnte ebenfalls seine schlimmen Gedanken lesen.

Auch Mohammed hatte das bemerkt.

Wieso konnten Sie wissen, was ich denke? Wie?“ fragte er sie mit leiser, schon fast unterwürfiger Stimme.

Ich kann es nun mal. Nun, hätte ich mich auf ihre sexuellen Fantasien einlassen sollen? Niemals! Ein alter Mann wie Sie sollte sich mit anderen Dingen beschäftigen, als nur daran zu denken, Mädchen und Frauen penetrieren zu wollen“, sagte sie höhnisch.

Mohammeds schmutzige Hintergedanken offenbarten seinen wirklichen Charakter. Seine sexuellen Fantasien rasten wie irre im Kreis herum, die ausschweifend waren und in ihrem Verlangen nach ihrem jungen Geschlecht hemmungslos gierten.

Gleichzeitig ahnte er aber auch, warum er gescheitert war. Er hatte alles bereits schon einmal erlebt. Immer und immer wieder. Er konnte sich einfach nicht ändern. Die quälenden Erinnerungen an seine gescheiterten Versuche der Läuterung übermannten ihn. Schreiend wie ein kleines Kind sackte er zu Boden und verkrümmte sich wie zu einem zuckenden Fragezeichen. Hilflos und elendig blieb er eine Weile so liegen.

Ich bin verflucht! Ich bin verflucht!“ rief er mit heiser gewordener Stimme und erschrak plötzlich, denn jemand rief laut nach ihm.

 

MOHAMMED, stehen Sie auf und kommen Sie sofort zurück!“

Es war die unüberhörbare Stimme des GROßEN VERFÜHRERS, des ewig strafenden WIEDERHOLERS aller verdammten Seelen.

Er erhob sich mühsam von seinem Platz, wischte sich noch ein letztes Mal den Staub von der flatternden Hose und sah sich um.

Es war alles wie beim vorherigen Mal. Genau so.

Eine tiefe, dröhnende Stimme hallte aus dem Nichts, und nur er schien sie hören zu können. Im gleichen Moment veränderte sich die Umgebung, löste sich einfach unaufhaltsam auf bis sie ganz verschwunden war.

 

Auch sein eigener Körper wurde transparent. Kurz bevor er sich ganz in Luft aufgelöst hatte, trat eine dunkle Seele aus ihm heraus, die wie unter einem geheimnisvollen Zwang zu ihrem schrecklichen Bestimmungsort zurückkehren musste, einem Urnen ähnlichen Gefäß, mit einer pechschwarz gähnenden Öffnung in der Mitte, in die Mohammeds Seele unaufhaltsam hinein gesogen und für weitere Tausend Jahre darin versiegelt wurde.

Ein silbrigfarbiger Deckel erschien aus dem Nichts. Wie von Geisterhand geführt legte er sich auf die schwarze Öffnung, die er mit einem sanft zischenden Geräusch verschloss. Das Gefäß, auf dem er sich nun befand, war eines von Abermillionen, die in der Hölle der Verdammten dicht nebeneinander standen.

Der nächste Test zur Läuterung Mohammeds wird erst wieder in 1000 Jahren sein.

 

 

Ende

 

©Heinz-Walter Hoetter

 

 

 

 

6. Am Strand der Erinnerungen


 

Vorwort

Die Psychose der Normalen und Gesunden

"Es ist ja nicht so, dass der Inhalt einer Wahnidee das eigentlich Pathologische ist, sondern vielmehr sein Stellenwert innerhalb des Erlebens eines vom Wahn betroffenen, das sich unabrückbar auf sein Ich bezieht.

Wenn also "der Kranke" einmal etwas auf sich bezogen hat, fehlt ihm offenbar die Freiheit, auch wieder davon abrücken zu können. Diese fatale Unkorrigierbarkeit bei einer voll ausgeprägten Psychose ist das obligatorische Merkmal des Wahns."

Wenn man diesen Satz konsequent ernst nimmt, müßten sich alle "normalen" und "gesunden" Menschen, einschließlich der Psychiater, eigentlich selbst stationär einweisen.

Der ganz normale Wahnsinn?

Die unkorrigierbaren Irrtümer der Gesunden und Normalen erkennt man an ihrer mörderischen Geschichte, die bis heute nur ein gigantisches Meer aus Blut, Tränen und unsäglichem Leid unter ihnen hervorgebracht hat.

(Heinz-Walter Hoetter)


***

 

Sie erinnern mich an jemand“, bemerkte die junge Frau, die als Kellnerin die Gäste der Strandterrasse bediente.

 

Prof. Georg van Malden betrachtete interessiert von der ebenerdigen Terrasse des noblen Restaurants aus das Gewühl am Strand, wo gerade wegen einer Veranstaltung ganz schön was los war.

 

Er sah die hübsche Kellnerin mit dem Tablett in der Hand an und fragte sie direkt: „Wieso das?“

Sie verzog den Mund zu einem verlegenen Lächeln, blickte etwas unbeholfen zu ihrem lässig da sitzenden Gast hinüber, der jetzt ein Glas Whisky an seine trockenen Lippen hob und einen tiefen Schluck des edlen Gesöffs mit sichtlichem Genuss zu sich nahm.

 

Ja, sie erinnern mich an jemanden, der hier vor einiger Zeit schon mal am gleichen Tisch gesessen hat, den gleichen Whisky trank und genau so aussah wie sie. Entweder haben sie einen Doppelgänger oder sie sind wirklich der gleiche Gast“, sagte die junge Bedienung mit nachdenklichem Unterton in ihrer ansonsten hellen Frauenstimme. Fast ohne Luft zu holen sprach sie weiter: „Aber vielleicht irre mich auch nur. Ich komme ja mit so vielen Menschen in Kontakt, dass man schon mal den einen oder anderen verwechselt. - Entschuldigen sie bitte, wenn ich sie mit meiner Frage belästigt haben sollte! Es wird auch nicht wieder vorkommen.“

 

Ohne ein weiteres Wort zu sagen säuberte sie noch schnell den Aschenbecher, stellte ihn auf den Tisch zurück und machte sich dann umgehend wieder an die Arbeit, um die anderen Gäste nicht warten zu lassen.

Van Malden blickte ihr nachdenklich hinterher. Die Frau muss ein gutes Gedächtnis haben, dachte er so für sich. Wie kann das nur sein? Sie hat mich tatsächlich wiedererkannt. Unglaublich!

 

Ein wenig tiefer als die Terrasse lag der Strand, der überall von einer großen Menschenmenge bedeckt war. Über dem brummelnden Stimmengewirr hörte man die endlosen Kommentare aus den Transistorradios zwischen Flaschen, Liegestühlen und Sonnenschirmen. Manchmal konnte man den Sand des Strandes gar nicht mehr sehen, weil einfach zu viele Menschen da waren. Sogar an der Flutkante, wo seichtes Wasser träge mit angetriebenen Zigarettenschachteln und anderem Abfall spielte, hielten sich eine Menge Kinder und Jugendliche auf, die den schmalen Sandstrand mit ihren quirligen Körpern verdeckten.

 

Als van Malden zur weiten See hinüber sah, wurde ihm bewusst, wie schnell die Zeit vergangen war. Was ist aber schon Zeit, wo er doch eigentlich in der Zeitlosigkeit lebt? Diese Frage stellte er sich hin und wieder.

 

Dann beobachtete er wieder die Menschenmenge.

 

Überall ragten nackte Schenkel und Schultern in die Luft, Glieder lagen verschlungen da. Trotz des Sonnenscheins und der beträchtlichen Zeitspanne, die sie hier schon am Strand verbracht hatten, waren viele der Leute noch weiß oder bestenfalls rosarot wie gekochter Schinken. Ruhelos änderte die Masse der Leiber dauernd ihre Lage, in dem vergeblichen Versuch, die richte Lage für ihre Bequemlichkeit zu finden.

Normalerweise hätte dieser Anblick von zuckendem Fleisch und entblößter Haut mit seinem widerlichen Geruch nach ranzigem Sonnenöl und hitzig stinkendem Schweiß Georg van Malden gleich wieder dazu veranlasst, die Terrasse des Restaurants schnellstmöglich zu verlassen, um mit seinem Carmobile landeinwärts zu brausen. Aber aus irgendeinem unerfindlichen Grund war seine sonstige Abneigung gegen die breite Öffentlichkeit verflogen. Er fühlte sich merkwürdig angeregt durch die Anwesenheit so vieler Menschen und er war nicht imstande dazu, die Terrasse zu verlassen. In Wirklichkeit wollte er das auch gar nicht.

 

Die See war eben und ruhig. Die Wellen schienen keine Kraft zu haben. Ein laues Lüftchen wehte herüber. Weit draußen, am fernen Horizont, lag eine niedrige Wolkenschicht über dem Wasser.

 

Van Malden wollte gerade einen weiteren Schluck Whisky zu sich nehmen, als er plötzlich aufstand und über das Geländer der Terrasse auf den Strand starrte. Unten, etwa in der Mitte des Sandstreifens, bewegte sich ein ununterbrochener Strom von Badegästen wie auf einem Trampelpfad parallel zur Promenade. Langsam quetschten sie sich aneinander vorbei und etliche trugen das übliche Badespielzeug, wie Gummireifen, Schwimmwesten oder Taucherbrillen, mit sich herum.

 

Hatte van Malden nicht gerade im Getümmel der Menschenmenge Lester Sherrington gesehen?

 

Er suchte mit seinem Blicken intensiv den Strand ab; aber der flüchtige Augenblick des Erkennens war vorbei; wahrscheinlich hatte er sich nur getäuscht. Vorsicht war geboten! Van Malden kannte diesen Mann nur zu gut. Nach Möglichkeit wollte er ihm aus dem Weg gehen.

Widerstrebend setzte er sich hin und rückte seinen Stuhl näher ans Geländer. Trotz seiner augenblicklichen Besorgnis beherrschte ihn schon den ganzen Tag ein undefinierbares, aber deutliches Gefühl der Unruhe. Irgendwie hatte schon die bloße Vermutung, dass Sherrington in seiner Nähe sein könnte, dieses unangenehme Gefühl verstärkt. Wenn Sherrington hier ist, würde er ihn auch früher oder später finden und seine ganze Arbeit zunichte machen. Das wusste van Malden. Nun, vielleicht war Sherringtons flüchtige Erscheinung nur die Projektion der andauernden nervösen Spannungen und seiner merkwürdigen Abhängigkeit von diesem Mann.

 

Direkt unter dem Geländer der Terrasse hatte sich eine große Familiengruppe in der Menschenmenge ein privates Gehege abgegrenzt. Auf der einen Seite, buchstäblich in unmittelbarer Reichweite von van Maldens Tisch, hatten die jugendlichen Mitglieder der Familie eine weitere Sandgrube ausgehoben, die wie ein Nest geformt war. Ihre schlaksigen Körper, eingezwängt in knappen feuchten Badeanzügen und Badehosen, lagen so ineinander verschlungen da, dass man den seltsamen Eindruck hatte, sie seien keine Menschen sondern ein großes ringförmiges Tier.

 

Van Malden verstand jedes Wort der jungen Leute, trotz des ständigen Lärms der Veranstaltung am Strand, denn sie lagen direkt unter ihm in bequemer Hörweite. Er konnte ihr geistloses Gerede mithören und verfolgte die Kette von Kommentaren an ihrem Radio, während sie wahllos von einer Station zur anderen schalteten. Mit der Zeit ging ihm das auf die Nerven. War er aber nicht selber schuld daran, das alles so war wie es ist?

 

Irgendwo schrie plötzlich eine weibliche Stimme. Van Malden beugte sich vor und suchte die Reihen der mit Sonnenbrillen maskierten Gesichter ab. Es lag etwas Klirrendes in der Luft.

 

Er beobachtete jetzt das Sonnenlicht, das von den verchromten Radiogeräten und den funkelnden Sonnenbrillen reflektiert wurde, während der ganze Strand in schiebender und stoßender Bewegung war. Der Lärm wurde hörbar lauter. Van Malden hielt in dem grellen Licht der Sonne die Augen halb geschlossen und erschrak. Der Strand erschien ihm plötzlich wie eine riesige Grube voll sich windender weißer und rosafarbener Schlangen. Er riss die Augen auf. Jetzt wusste er, dass Sherrington tatsächlich in seiner Nähe war.

 

Van Malden rutschte nervös auf seinem Stuhl hin und her und merkte auf einmal, dass ihm die Kante des metallenen Tisches in die Ellbogen schnitt. Der billige Lattensitz war sehr unbequem, und sein ganzer Körper schien in einer eisernen Jungfrau mit Dornen und Zwingen zu stecken.

 

Wieder hatte er das merkwürdige Gefühl, als würde bald etwas Schreckliches passieren. Er sah zum blauen Himmel hinauf und beobachtete ein paar weiße Wolken, die wie Segelschiffe dahin zogen. Aber er konnte sich damit einfach nicht ablenken und auf seine eigentliche Arbeit konzentrieren.

 

Da ist irgendwas im Wasser.“

 

Die junge Kellnerin stand plötzlich wieder an seinem Tisch und zeigte mit dem ausgestreckten Zeigefinger der rechten Hand in Richtung Küstenlinie. - „Dort drüben, sehen sie doch!“

 

Van Maldens Blick folgte ihrem erhobenen Arm. In etwa zweihundert Meter Entfernung hatte sich an der Wasserkante eine kleine Gruppe versammelt. Die trägen Wellen brachen sich an den nackten Füßen der Leute, während sie irgendeinen Vorgang im seichten Wasser beobachteten.

 

Ich kann nichts sehen.“ sagte van Malden und blickte umso angestrengter zum Strand hinunter.

 

Dann sah er Sherrington, wie er langsam über den leise plätschernden Strandwellen schwebte und genau auf ihn zukam.

 

Auf der Terrasse und unten am Strand warteten alle darauf, dass etwas passierte; alle Hälse reckten sich erwartungsvoll zu Sherrington rüber, als ob von dieser Person alles Kommende abhängen würde. Ein seltsames Schweigen überzog den gesamten Strand wie eine dunkle Wolke, die das Sonnenlicht abhält.

 

Das fast völlige Fehlen von Geräuschen und Bewegungen nach den vielen Stunden voll schwelender Unrast schien sonderbar und unheimlich und legte über die Hunderte von ausschauenden Gestalten eine dichte Atmosphäre der Unsicherheit.

Die Gruppe am Rand des Wassers verharrte noch immer im stillen Schauen, so als wüssten sie, was ihnen bevorstand.

 

Was geht dort bloß vor sich?“ fragte die junge Frau van Malden.

 

Die weißen Wolken am Horizont verschwanden nach und nach. Die Sonne verdunkelte sich und der blaue Himmel löste sich langsam auf.

 

Unterhalb der Terrasse, so weit der Blick reichte, standen die Leute plötzlich langsam auf. Ein gedämpftes Gemurmel setzte ein, das bald von dringlicheren, schärferen Geräuschen abgelöst wurde. Der ganze Strand schien in kringelnde, quirlende Bewegung geraten zu sein, die einzigen bewegungslosen Gestalten waren die Leute der kleinen Gruppe am Strand, die den fliegenden Mann beobachteten, der über ihren Köpfen hinweg zu der vor dem Restaurant liegenden Terrasse schwebte. Als er dort angekommen war, steuerte er schnurstracks zu van Malden hinüber und blieb direkt vor seinem Tisch stehen.

 

Sieh einer an, hier steckst du Hundesohn also.“ sagte Sherrington mit ärgerlichem Gesichtsausdruck. Dann setzte er sich zu van Malden an den Tisch, rief die junge Kellnerin zu sich und bestellte bei ihr ein Glas Wasser. Einen Moment lang blickte sie zu Sherrington hinüber, zwinkerte ihm plötzlich mit dem rechten Auge zu und setze dabei ein vielsagendes Lächeln auf bevor sie verschwand, um seine Bestellung zu erledigen. Anscheinend kannten sich beide, denn Sherrington erwiderte ihr Benehmen mit einem leichten Kopfnicken.

Schließlich wendete er sich van Malden zu, der die ganze Zeit die Situation mit einiger Beklemmung beobachtet hatte.

 

Dann sagte er zu ihm: „Ja ja, der alte Professor Georg van Malden. Hat man sie nicht für verrückt erklärt? Wie oft muss ich ihnen noch sagen, dass es keinen Zweck hat, sich vor mir zu verstecken. Mich ärgert ihr Verhalten. Sie sind wie ein kleines, freches Kind, das ständig von Zuhause weg läuft. Ich finde sie dennoch immer und überall, ganz gleich wo sie sind. Die fatalen Auswirkungen ihrer illusionären Fähigkeiten auf den geistigen und körperlichen Zustand sind nicht zu übersehen. Sie sehen einfach schrecklich aus! Können sie überhaupt noch zwischen Illusion und Wirklichkeit unterscheiden, mein Guter? Außerdem: Unsere Sensoren können mittlerweile jede Veränderung im Raum-Zeit Gefüge orten und somit in kürzester Zeit ihren Standort lokalisieren. Und jetzt verhalten sie sich ganz ruhig! Ich werde ihnen eine Beruhigungsspritze geben, damit die von ihnen hier erzeugte Illusion wieder gefahrlos verschwinden kann.“

 

Die junge Kellnerin kam mit einem kleinen Kästchen heran, öffnete den verchromten Metalldeckel und überreichte Sherrington den sterilen Inhalt.

 

Danke Schwester!“ sagte er zu ihr und fuhr fort: „Sie können jetzt gehen! Die Kollegen werden den Rest für sie erledigen. Ich wünsche ihnen noch einen schönen Feierabend!“

 

Der senile Professor ließ sich widerstandslos die Spritze verabreichen. Er konnte sowieso nichts dagegen tun. Man würde sie ihm mit Gewalt verabreichen, sollte er sich dagegen zur Wehr setzen. Das wusste er nur zu gut.

 

Die Fähigkeit, seine real gewordene Illusion zu beherrschen, war ihm jetzt völlig entschwunden. Alles löste sich um ihn herum auf. Das Meer, die Sonne am blauen Himmel, die vielen Menschen am Strand, das Restaurant, der Whisky vor ihm auf dem Tisch und die Terrasse auf der er mit Sherrington saß. Eine unbezwingbare Lähmung ergriff ihn, als das Serum zu wirken begann. Dann wurde er von einem Weinkrampf geschüttelt und sein lautes Schluchzen drang durch die alten Kellerräume der psychiatrischen Anstalt, in denen er sich nur für ein paar Stunden verstecken konnte, bevor man ihn dort in einer schmutzigen Ecke fand.

Schließlich verlor er sein Bewusstsein und seine hilflosen Schreie verhallten ungehört im Innern des eigenen, dunklen Nichts.

 

Einen Tag später.

 

Ausgestreckt und gefesselt im Bett erblickte der alte Professor van Malden durchs Fenster das Grün der Bäume, während der warme Sommernachmittag langsam über die roten Dächer der psychiatrischen Anstalt zog. Er hatte das Gefühl, er sei in einer irrealen Welt angelangt, die aus sinnlosen Wänden von sterilisierten Steinplatten, aus eisigen Todesfluren und aus weißen Menschengestalten ohne Seele bestand.

Das Zimmer, in dem er lag, wurde auf einmal dunkel, obwohl es draußen noch hell war. Prof. van Malden drehte den Kopf auf die andere Seite und sah mit einiger Zufriedenheit, dass sich der Rolladen, einem geheimnisvollen Befehl gehorchend, langsam senkte und dem Licht von draußen jeden Eintritt verschloss.

Abermals baute sich eine neue Illusion auf, die sich von den Erinnerungen des alten Professors nährte, der mal eine Koryphäe auf dem Gebiet der Psychiatrie gewesen war.

 

ENDE


(c)Heinz-Walter Hoetter

 

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