Klaus Mattes

Die Rachen der Kanacken / 7522

Damals, im Industriegebiet unten, in dem Training, wo von Woche zu Woche neue Leute zum Kreis stießen und andere dafür herausfielen, kam in meiner zweiten Woche ein junger Koch dazu. Wie alle musste er seine bisherige Geschichte in Form eines Lebensbaums malen. Ich saß nicht bei ihm am Tisch, kriegte aber doch mit, das heißt, wir kriegten es natürlich alle mit, wie er in Tränen ausbrach und aus dem Raum rannte. Später in den Pausen halfen wir uns mit Blättchen zum Billigdrehtabak aus und kamen uns darüber einigermaßen nahe.

Stolz war er darauf, dass, obwohl er nunmehr in Reuenthal wohnte, im Übergangswohnheim bei der Startrampe, er noch lange nicht zum Reuenthaler Volk gehörte, sondern ein waschechter Badener war. Etwa sechsundzwanzig Jahre alt war dieser Koch, recht dick und unansehnlich und blond gelockt. Und selbst dieser Hellblonde hatte seinen Migrationshintergrund. Der Vater, den er als Kind aber bloß wenige Jahre erlebt hatte, dann hat der Mensch sich abgesetzt, war Süditaliener. Stolz zeigte er ein altes Foto. Er hatte Koch gelernt, wollte aber nicht mehr als Koch arbeiten. Er halte den Stress nicht durch. Beim Blick in seine Unterlagen zeigte sich, dass er zwar seine drei Jahre Ausbildung ordentlich beendet hatte, danach die Stellen wie die Hemden gewechselt hatte. Mehrfach hatte man ihm gekündigt. Es war klar, dass es sich um eine Problemperson handelte.

Er unkte von schwieriger Kindheit, schwieriger Familienkonstellation, psychisch nie verarbeitet, wahrscheinlich brauche er eine Therapie. Er sei sensibel, nehme sich alles zu Herzen. In Stresssituation bekomme er Wutausbrüche. Tatsächlich krakeelte er schrill, selbst wenn man noch gar nicht gemerkt hatte, dass man ihm zu nahe getreten war. Außerdem war er Rockschlagzeuger. Wenn er von der Rockmusik nur mal leben könnte!

Im Zuge der Pausengespräche, bei denen er etwas aus sich herausging, kam heraus, dass er mehrere Jahre einer Nazigruppe angehangen hatte. Könnten diese Leute hier, in der Maßnahme gab es arbeitslose Türken, Aussiedler, russische und polnische Frauen ohne Männer, jedoch mit Kindern, ihn in seiner früher üblichen Aufmachung sehen, gäbe es Stunk. „Wo die Rechtsaußen aber wirklich was Gutes tun, ist gegen Kindesmissbrauch. Mir tun immer nur die Kinder leid. Die schützt sonst niemand. Die reden doch alle nur.“

Im Internet gebe es etliche Versände für Kleidung, Ausrüstung und Accessoires, die gezielt zum Ausdruck bringen, dass man Adolf Hitler verehrt, ohne dass dies untersagt wäre oder von Uneingeweihten gleich entschlüsselt werden kann. Es ginge darum, sich untereinander zuzunicken, sich die eigene Allgegenwärtigkeit zu beglaubigen. Allerdings würden natürlich auch die jungen Linken diese Zeichen verstehen. Man befinde sich im Wettkampf, eroberte Zonen müssten befestigt werden.

Von seiner alten Clique habe er sich vollständig abgelöst. Da sei er froh drum. Übrigens hat dieser dicke blonde Koch seinerzeit großen Anteil am Schicksal einer jungen Türkin genommen, die allerdings überdurchschnittlich gut aussah. Doch ein anderes Mal, als er so schwafelte, verkündete er, der deutsche Staat werfe den „Kanacken“ (womit wohl vor allem Türken gemeint waren) alles in den Rachen, für ihn sollte der endlich auch mal was tun. Ich sagte nichts dazu.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.10.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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