Klaus Mattes

Der Zerstreute / 1507

Wenn der Vater heimkam, stand das Essen auf dem Tisch. Er trank seinen schwarzen Tee in kleinen Schlucken, denen man nachhören konnte, wenn sie weiter unten in der Kehle abgeklappt wurden. Ein winziges, für mich fürchterliches Geräusch. Später am Abend sah mein Vater meistens fern. Sehr ausgiebig tat er es, warnte seine Kinder aber vor der vom Fernsehen ausgehenden Verblödung.

Mein Vater ist nie gut darin gewesen, Gefühle auszudrücken. Welche Anzeichen, dass er uns liebte, gab es? In guten Zeiten konnte man mit ihm zusammen Spaß haben, den man ohne ihn nicht hatte. Vielleicht hätten wir dann merken müssen, dass er uns gern hat. Er hat uns Drachen gebaut und sie mit uns im Feld draußen steigen lassen. Er stellte Flitzebogen und Pfeile her und Wasserrädchen, die wir an einem winzigen, schnell jagenden Bächlein im Wald mit kleinen Holzgabeln installierten. Im Winter ging er bisweilen zum Schlitteln mit. Wenn man zurückkam, gab es Rum in den Tee. Mir fällt ein Kartoffelfeuer im Herbst ein, weit hinter dem Wald. Da waren wir mit einem Freund meines Bruders zusammen.

Mein Vater war in einer sehr konservativen Welt mit einem sehr strengen Vater groß geworden. Mitten im Schwarzwald, aber dieser Vater war Briefträger gewesen, kein Bauer. Auch neigte er gelegentlich zu Zornausbrüchen, wurde auf einmal ungewohnt aggressiv. Er verschwand den größten Teil des Tages in der Welt draußen und arbeitete hart. Soweit unsere kleine Familie, die am Ort fast keine Verwandtschaft hatte, überhaupt Umgang mit anderen Familien hatte, lief das in aller Regel über ihn. Kollegen von ihm. In einem Verein war er nicht.

Immer wollte er in den Schwarzwald zurück. Wir hatten damals kein Auto, aber er fuhr gerne Rad. Ich war das älteste Kind. So entstanden unsere Handvoll kameradschaftlicher Vater-Sohn-Jahre. Ich war etwa acht bis zwölf.

Weder mit dem Humor noch mit Ironie hat mein Vater es groß gehabt. Aber auf Gerechtigkeit legte er Wert. Etwas gehörte sich oder es gehörte sich nicht. Tyrann war er nie. Laster hatte er auch keine, nicht Alkohol, nicht Frauen, nicht Wetten oder Spiel, kein radikales Politisieren, kein Versumpfen in zweifelhaften Männerkameradschaften.

Aber die hergebrachte Trennung der Sphären Vater und Mutter war letztlich nicht gut für uns und auf lange Sicht auch nicht für ihn. Der Vater kehrte den Hof, nicht mal die Kinder mussten helfen. Die Mutter wischte die Treppe, nicht mal die Kinder mussten helfen. Die Mutter kaufte ein, kochte und wusch ab, der Vater half nie, die Kinder selten. Wer ein Mann ist, muss raus in die Welt und mit seiner Arbeit die Familie erhalten. Dafür zog die Mutter, sobald die Schule aus war, ihre drei Kinder wie die Küken hinter sich her. Jahrzehnte stand um 18 Uhr das Abendessen auf dem Küchentisch. Auch am Samstag und Sonntag, denn das war sein Rhythmus. Immer trank er Tee, auch zum Frühstück und sonntagnachmittags, den Kaffee vertrug er schlecht.

Ein Eis bekam man nur von der Mutter spendiert. Nur sie las einem Gute-Nacht-Geschichten vor und interessierte sich dafür, was in der Schule lief. Ich weiß nicht, ich glaube, ein einziges Mal ging mein Vater zum Elternabend mit. Hatte man was ausgefressen und es ging darum zu schimpfen oder zu strafen, war jedes Mal der Vater der Böse. Wenn er in Erregung geriet, gab es Schläge. So hatte er es beim eigenen Vater gelernt. Als sie sehr alt geworden war und er bereits mehrere Jahre tot, vergaß meine Mutter so einiges und sagte: „Alles in allem ist er ein guter Mann gewesen. Er hat euch zum Beispiel nicht geschlagen.“

Mein Vater ging mit Anfang sechzig in Pension, hatte dann auch ein Auto, unternahm zu Beginn noch ein paar Reisen mit der Frau, mauerte sich dann im Hobbykeller aber eher ein, von wo heraus man ihn nur noch sah, wenn er zur Toilette ging oder zum Essen, das auf dem Tisch in der Küche bereit gestellt war. Einen Fernseher gab es unten nicht, der Radioapparat lief.

Mein Vater mochte vorausschauende Organisation aller täglichen Lebensvorgänge, Effizienz und Sparsamkeit im Verbrauch von Zeit und Geld. Doch umso mehr er alterte, desto mehr entglitt ihm am laufenden Band. Wenn er die Lesebrille einstecken hatte, waren seine Fahrradklammern nicht an der Hose. War er aber umgekehrt und hatte diese Klammern nun auch dran, fiel ihm unterwegs ein, dass in der Wohnung ein Zettel lag, auf den er die genaue Adresse des im Gewerbegebiet einer benachbarten Stadt gelegenen Baumarkts notiert hatte. Seine Lupe in der Hand hatte er tagelang über der Zeitungsbeilage gebrütet. Meist ging es um Werkzeug, wie er es sich eher selten kaufte, dessen Anschaffung aber oft kurz bevorzustehen schien.

Erzählte mein Vater von der Arbeit, dann merkte man, dass er sie viel ernster nahm als alle in der kleinen Bahnstation, für die man ihm kurz vor seiner Pensionierung die Verantwortung übertragen hatte. Ein Leben lang hatte er für die Bahn gearbeitet, aber Karriere konnte er nicht machen, denn er war kein Abiturient, ja, in Folge seines Kriegseinsatzes hatte er auch die Mittlere Reife nicht. Es kam einer Ausnahme gleich, dass er zumindest Chef dieses Bahnhofs in der Nachbarschaft werden durfte. Wenn man ihn beim Essen reden hörte, schien er eher überfordert zu sein. Jedenfalls hat er seiner Berufstätigkeit später nie nachgetrauert. Allerdings, wie gesagt, war er nicht gerade gut darin, seine Gefühle zu artikulieren, und auch zu einem Umzug, der ihm vielleicht Chancen eröffnet hätte, war er nie bereit gewesen.

Ein eigenes Haus hatten wir nicht. Wir lebten in einer der Mietwohnungen der Wohnbaugesellschaft der Bundesbahn. (Selbstverständlich heute alles in Eigentumswohnungen umgewandelt, doch meine Mutter hatte da nicht mehr mitgemacht, bevor sie ging.)

Von heute her gesehen muss ich annehmen, dass das wirkliche Leben des Vaters vor unserem vergangen war. Niemand wird das je noch erzählen, denn es ist zu lange her und er war nie bedeutend gewesen. Er war bei der HJ, hatte den Dolch, das Hakenkreuz entfernt, und als Soldat in der Normandie. Als Gefangener saß er am Kriegsende bei den Kanadiern in Holland und Norddeutschland fest. Auf Fotos sahen wir ihn Lieder singen, Musik machen, vor allem Blockflöte, Fasnacht feiern. Seinerzeit lebte er in Freiburg mit seinen Eltern, sie waren umgezogen. Er hatte Arbeit bei der Bahn. Er fuhr Motorrad, über den Gotthard, ins Tessin, durch die Bündner Alpen. Jahre, in denen er noch Zigaretten rauchte. Schmal war er, ein schönes, glattes Gesicht hatte er, die dichte Haarsträhne. Wegen der Bahn war er in die Stadt von meiner Mutter gekommen und hatte zuerst als Untermieter in einem möblierten Zimmer im Nachbarhaus gelebt.

An den ersten, sehr guten Freund, den er in dieser Stadt fand, auch dieser bei den Güterzügen beschäftigt, kann dann auch ich mich noch erinnern. Der war ein knuddeliger, untersetzter Typ, offen, herzlich, leutselig, auf Anhieb sympathischer als mein verschlossener Vater. Ihn liebten wir Kinder zu dritt. Man konnte ihn, obwohl er Bähnler war, oft irgendwo im Wald besuchen, wo er Leuten beim Holzfällen half oder in jener einzigen Köhlerei, die es eine Zeitlang sogar auch gab. Später, als ich aufs Gymnasium kam, wohnte der Holzmacher, er trug gerne Bundhosen und karierte Hemden, sie gingen zusammen wandern, zwar im Haus nebenan, doch ihre Begegnungen wurden spärlicher. Dann verstarb er, obwohl er zehn Jahre jünger war als der Vater und noch mehr Jahre jünger als seine eigene Frau. Damals eigentlich ein Skandal, doch als Kind fiel einem das nicht auf.

Drehen wir noch paar Jahre weiter zurück, in eine Zeit, als wir noch nicht in der Schule waren, da hatte mein Vater einen eigenen Garten und dieser erwähnte Freund einen in der Nähe. Draußen vor der Stadt, wo keine Häuser mehr kamen. Wasser trug man vom Bach heran. Wir zogen unsere eigenen Stangenbohnen. Eingeknickt kam der Vater eines Abends nach Hause. Der Hexenschuss hatte ihn getroffen. Nicht viel später gleich noch einmal. Der Garten kam also weg.

Mit dem Ablauf von Jahren schrumpelte die Welt des Vaters immer mehr auf ihn selbst zurück. Der Keller. Die Radtouren. Der Schachcomputer. Das Fernsehen, oft Sport, bei dem die Mutter nur kurz hinsah, um alsbald einzunicken. Nach einer Stunde schliefen beide, zuckten gelegentlich hoch und gaben vor, sie wären noch dabei, etwa, indem sie einen Kommentar murmelten zu etwas, was sie gerade missverstanden hatten.

Mein Vater war im Krieg und in der Gefangenschaft. Er hat fast nie davon gesprochen. Als Kind und Jugendlicher war mir das recht. Aber heute, wo er nicht mehr da ist, finde ich, er hätte irgendwann damit anfangen müssen.

Früher, als wir noch alle zusammen zu Abend aßen, sprach er mit Emphase auf meine Mutter ein und klagte ihr das Leid, das ihm Kollegen und Kunden bei der Arbeit bereiteten. Als Kind verstand man kaum etwas. Es interessierte einen nicht. Wir kannten diese Leute nicht. Er seinerseits wusste so gut wie nichts über die Menschen, mit denen wir Umgang hatten: die Sandkastenkameraden, Nachbarinnen, die Wäsche aufhängten, die Lehrer und die Inhaber der kleinen Geschäfte dieser Stadt.

Die letzten zehn Jahre seines Lebens verfügte mein Vater über ein tipptopp in Schuss gehaltenes und übervolles Lager mit zugeschnittenen und abgeschmirgelten Holzteilen und vielerlei elektrischem Handwerkszeug. Nur selten noch stellte er irgendwas ganz bis zum Ende her. In jenen Jahren saß er täglich, nach seinem Mittagsschlaf, allein im Wohnzimmer und spielte eine Partie Schach nach der anderen gegen den Minicomputer. Sein Level hatte er erreicht und verbesserte es nicht mehr.

Freunde hatte er keine mehr. Der Holzmacher war am Krebs gestorben. Der ehemalige Lasterfahrer und Forellenfischer kam nur noch selten vorbei. Das Radfahren war durch den Motorroller, dann vom Auto ersetzt worden. In die Ferne ging es nicht mehr. Aber jahrelang fuhr er im hohen Schwarzwald einen Wanderer-Parkplatz an, wo man an einem Brunnen das quellfrische Wasser bedenkenlos genießen konnte. Er füllte einen Kanister und brachte gutes, weiches Wasser ins Tal, um seinen Garten zu gießen, einen Miniatur-Garten, den er jetzt wieder hatte, seitdem er den Balkon mit einer Küchenkräuter-Plantage belegt hatte. Niemand konnte das herrlich saftige, frische, grüne Zeug je aufessen. Man zerhackte es und fror es ein.

Ich sollte erwähnen, dass die Kinder längst aus dem Haus waren, die Mutter also viel weniger zu tun hatte. Ihre Munterkeit und Erzählfreude hatte sich verschoben. Sie schien jetzt dafür zu leben, mit gesprochenen Worten irgendetwas irgendwem erzählen zu können, wobei es keine Rolle mehr spielte, was es war und ob man ihr zuhörte und verstand, was sie sagte. Allein mit dieser Frau zusammen in einer Wohnung musste man einen Schutzwall gegen die Gesprächigkeit aufrichten, wie mir allerdings erst klar wurde, als ich sie nur noch selten zu denselben Terminen wie meine Geschwister besuchte und mein Vater nicht mehr das Meiste abkriegen konnte, weil er nicht mehr da war.

Etliche Jahre zuvor hatte er angefangen, immer mehr Schwierigkeiten beim Hören zu haben. Er bekam einen leidenden Gesichtsausdruck, wenn man sehr schnell sprach oder wenn mehrere Leute sich gegenseitig überlagerten. Er sagte allerdings nie was, denn ewig schon stand im Raum, dass er zum Arzt müsste und eine Hörhilfe bräuchte. Aber nie ist er gegangen. Das heißt, er ging dann irgendwie jedes Mal, nämlich aus der Küche mit diesen vielen Sprechenden hinaus und ins Wohnzimmer, wo er den Fernseher anmachte.

Ganz zum Schluss, seinen Roller hatte er verkauft, der Golf stand in der Garage, besann er sich auf sein Fahrrad. Einmal lag er im Straßengraben. Man fand ihn und half ihm auf. Er wusste nicht, was passiert war. Vor Stunden war er abgefahren, aber gar nicht weit entfernt von daheim. Wo war er gewesen, was hatte er getan? Er hatte keine Erinnerung. Man stellte einen Hirntumor fest. Glioblastom, unheilbar. Er hätte etwa noch ein halbes Jahr zu leben. Nach kurzem Klinikaufenthalt kam er nach Hause und jetzt nicht mehr heraus aus seiner Wohnung. Am Schluss hatte er keinen Begriff mehr, dass dies seine Wohnung war, wo dort er sich genau befand und was vor sich ging. Nach sechs Monaten starb er. Er hatte einen gestreiften Schlafanzug an und sah mich beschämt und ängstlich an. Etwas schien er sagen zu wollen. Er sagte nichts. Idiotisch grinste ich, weil er wie ein verlorenes Kind auf der Bettkante saß. So war er nie gewesen.

Mit diesem Mann bin ich auf dem Rad über den höchsten Pass des Schwarzwalds gefahren, zuvor das lange Tal der Wiese hinauf, anschließend nicht stracks umgedreht und zurück, weil das auf jeden Fall das Nächste gewesen wäre und bergab ging, sondern jetzt noch herum um den Schluchsee, das enge Albtal hinab und noch weiter, dem Hochrhein folgend. Weit über hundert Kilometer an einen Tag. Ich war wohl so zehn und mein Rad war ein Dreigang-Rad, das er verrostet von einem ehemaligen Kollegen geholt und flott gemacht hatte. Mit ihm zusammen hat es niemand in der Familie jemals so weit gebracht. Da war ich stolz gewesen auf uns zwei.

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