Klaus Mattes

Colombipark / 2435

Der fünfzehnte Jahrestag, vor fünfzehn Jahren war er das erste Mal gebumst worden, kam Ralf eher zufällig zu Bewusstsein. Nach einem Unfall mit dem Rad, ein ihm entfernt bekannter Schwuler hatte ihn mitten in der Nacht auf einer völlig leeren Kreuzung beim Linksabbiegen übersehen, war er aus dem Krankenhaus entlassen worden, hatte sich allein und verlassen in der Wohnung gefühlt, nichts mit sich anzufangen gewusst und die Kladde hervorgeholt, in der er Fotos von schönen Knaben und Männern aufbewahrte. Ein Umschlag mit einem gefalteten Kalenderblatt war herausgefallen. Montag, 16. April. Das Jahr 1984 hatte Ralf von Hand ergänzt gehabt.

Jedes Mal, wenn er in den vergangenen fünfzehn Jahren diesen Umschlag geöffnet und das Kalenderblatt entdeckt hatte, war er erstaunt gewesen, dass es immer noch da war. Die Bedeutung war klar. Im April vor fünfzehn Jahren war Ralf zum ersten Mal gefickt worden. Selbstverständlich war es ein Mann gewesen.

Feststand, dass er bei der Bundeswehr rausgefunden hatte, dass er schwul war. Feststand, dass er einige Monate später widerrufen hatte. Er musste 23 Jahre alt werden, bis er zum ersten Mal nackt auf einem anderen Menschen lag. Der andere war ein Mann gewesen. Ein volles halbes Jahr hatten sie diesen Sex gehabt. Feststand hingegen auch, dass die ganze Zeit keiner gebumst worden war. Ralf jedenfalls nicht.

Jene Beziehung mit dem so genannten Freund, einem korpulenten, jedoch gelenkigen Typ, war leider fast eine Nicht-Beziehung gewesen. Mit Wonne zelebrierte der Andere seine angeblich monströse Familiengeschichte, die letzthin angeblich sogar bis zum damaligen Kanzler Kohl reichte. Er suhlte sich in psychosomatischen Symptomen und einer Labilität, die zu einigen Suizidversuchen geführt hätte. Da Ralf ihn eigentlich weder schön fand noch den Sex irgendwie aufregend, hätte er, wenn er in jedem Einzelfall so radikal mit seiner Selbsterkenntnis verfahren wäre, wie er das von sich glaubte, gestehen müssen, dass sie wohl Monate miteinander gingen, weil der Andere ihn darum gebeten hatte, sonst aber nie einer.

Ralf war Mitte zwanzig und nichts war aus ihm geworden. Bis neunzehn war er zur Schule gegangen. Dann war er Soldat gewesen. Seit Jahren studierte er planlos die schönen Künste. Dabei hatte er noch immer nicht verstanden, wie Studieren überhaupt ging. Er wohnte in Zimmern mit fremden Möbeln. Er trug Hemden, die seine Mutter gekauft hatte. Er schlief in Wäsche, die sie noch immer für ihn wusch. Sein Geld kam vom Staat, von seinen Eltern, von der Oma. Wenn er etwas Außergewöhnliches vollbracht hatte, dann, einzugestehen, dass er schwul war.

Seltsamerweise hatte keiner seiner bisherigen Partner Anstalten zum Analverkehr gemacht, jedenfalls war Ralf in dieser Hinsicht nie etwas aufgefallen. Zuletzt war er einige Zeit mit einem Musiker zusammen gewesen, der ihm eher zu alt, so um die Dreißig, und auch zu farblos, knochig, intellektuell und irgendwie vorzeitig resigniert vorgekommen war. Ein Rheinländer, der in den Nachwehen seines Studiums immer noch joblos in Freiburg herumhing.

Den Musiker hatte er im Park kennen gelernt. Seinen ersten Freund, den Molligen, hatte er zuvor in der Schwulengruppe getroffen gehabt. Die ganze Zeit war ihm bekannt gewesen, dass es in der Universitätsstadt zwei schwule Bars, eine Disco und eine Sauna gab. Diese sogenannte Sub hatte in der Schwulengruppe allerdings keinen guten Ruf gehabt.

Er hatte die Universitätsstadt nach einem Park abgesucht. Halbwegs gut erreichbar sollte der natürlich sein. Als Radfahrer kümmerte sich Ralf zu wenig um die wesentliche Bedeutung von Autoabstellplätzen. Nachts wie ausgestorben stellte er sich den gesuchten schwulen Park vor. Nach und nach besichtigte er sämtliche Grünanlagen und traf nirgendwo Schwule. Den Colombipark hatte er ausgelassen, weil der völlig offen und mitten in der Stadt lag. Bahnhof, Theater, Kinos, Kneipen, alles war nur paar Schritte entfernt. Jedem konnte man dort über den Weg laufen, wenn man abends hinging.

Laternen standen im Colombipark vorne und unten und oben auf dem Hügel ein Schlösschen, das von Scheinwerfern angestrahlt wurde. Von der Straße her hatte er gesehen, dass sich unter den Lichtern immer was bewegte. Mit niemand sprach er. Dunkelmänner, die in Grüppchen standen und Neueintretende abpassten. Als er nach einer halben Stunde wieder ging, hatte er mit keinem etwas gehabt.

Mit der Zeit kriegte er heraus, dass unten, gleich hinterm Eingang, ein Gebüsch war. Im Unterholz lief ein schmaler Trampelpfad durchs spärliche Strauchspalier. Er musste sich um Baumstämme hangeln, rechts ging es steil abwärts. Wurzeln waren von den vielen Wanderern freigelegt worden. Unten kam eine Mauer, die den Garten zur Rosastraße hin abfing. Achtlos weggeworfene Papiertaschentücher lagen überall.

Monate vergingen. Erlebt hatte er noch immer viel zu wenig. Immerhin hatte er durch die Schwulengruppe seinen ersten Freund bekommen, den Chaotischen. Nach einem halben Jahr hatte dieser Ralfs Klingeln dann beharrlich überhört und ihn nicht mehr in die winzige Wohnung auf halber Treppe eingelassen. Von da ab war Ralf wieder öfter im Colombi auf der Suche. Sowieso blieb es dort immer beim ersten Mal, feste Kontakte ergaben sich keine. Ungern nahm Ralf einen mit nach Hause, denn der Weg war relativ weit und die Vermieter waren Zeugen Jehovas. Im Park gab es dann Wichsen im Stehen und auch mal Küsse.

Der Musiker, der ihn in seine Bude in der Nähe der Uni eingeladen hatte, war erst der zweite Typ von denen im Park gewesen, mit dem Ralf die ganze Nacht verbringen konnte. Neunundsechzig wurde gespielt. Morgens gab es Frühstück. Der Musiker lud ihn zum Wiederkommen ein und ein paar Mal ging Ralf noch hin.

Wer ihm die anale Unschuld vor fünfzehn Jahren im April geraubt hatte, wie der ausgesehen hatte, das wusste Ralf am Ende des Jahrhunderts nicht mehr genau. Schon recht alt war er gewesen. Wahrscheinlich Mitte dreißig. Ein müder Montagabend musste es gewesen sein, an dem Ralf sich lange nicht festgelegt hatte, bis es schon fast zu spät gewesen war. Als der Lederne ihm aufgefallen war, hatte der auf einer Bank gesessen, neben dem Schlösschen oben. Auf dieser Seite war wenig Platz und meist auch wenig los. Unterhalb eines Mäuerchens gab es einen kleinen Weinberg mit Gutedel-Trauben.

Lange und wild hatten sie sich geküsst. Aber, wunderte Ralf sich in der Rückschau, warum denn? Zu alt und außerdem Ledertyp war dieser Mensch gewesen. Im Colombipark hatte es Ledermänner in voller Montur damals allerdings gar nicht gegeben. Viel eher hatte er wohl nur schwarze Jeans und eine glatte Lederjacke angehabt. Und war bärtig gewesen und hatte - vielleicht - ein Holzfällerhemd getragen. Die Lederschwulen, hatte er seinerzeit noch gedacht, praktizierten den härtesten Sex, bei dem es zu Gewalt kommen konnte.

Der Ledertyp war ihm keinen einzigen Meter nachgestiefelt; bekommen hatte er Ralf durch Nichtstun. Auf dem Mäuerchen hatte er gehockt. Ralf war weg von ihm und hatte die größtmögliche Runde gedreht. Geduldig wie eine Spinne hatte der Lederne gelauert. Anderthalb Meter vor ihm war er stehengeblieben und hatte nicht zurückgekonnt. Der Lederne musste sich dann doch noch rühren und zufassen. Sie trieben es über eine Viertelstunde lang, das war lang. Was will er aber wirklich? Den Gedanken hatte Ralf nicht losbekommen.

Dass man auf dem Präsentierteller stand hier oben, hatte Ralf nicht groß gekümmert. Von der Eisenbahnstraße aus, durch die Reben herauf, konnten sie schwerlich erspäht werden. An dieser Stelle war das Schlösschen nicht mehr beleuchtet. Und auch für die Parkschwulen war es spät geworden.

Katastrophennachrichten von der Seuche Aids waren in jenem Jahr um die Welt gegangen. Wie das Virus übertragen wurde und wie man sich dagegen schützte, hatte noch niemand wirklich gewusst. Auf die Gesundheit eines Ledermannes war kein Verlass. Sie hatten nicht gesprochen, kein Kondom war ausgepackt worden, schon spritzte der Lederne sich leer. Spaß hatte es Ralf nicht gemacht. Der Typ hatte gehechelt und war gekommen. Schniedel raus und fertig. Die beglückendste Sexualpraktik hatte sich als Flop herausgestellt.

Im Herbst desselben Jahren sollte Ralf einen um zwei Jahre jüngeren Studenten kennen lernen, seine zweite feste Beziehung. Der Andere war rothaarig, klein, gewissenlos und lustig. Ralfs wortlose Suggestion, er wäre einer, der gerne gebumst würde, veranlasste den Munteren, der zuvor immerhin eine Frau längere Zeit gebumst hatte, die passende Stellung einzunehmen. Da wurde Ralf zum Aktiven. Besser als gebumst werden, war es allemal, fand er. Als sie nach und nach ihre Rollen vertauschten, machte das auch schon keinen Unterschied mehr.

Dreißig Prozent der Schwulen wären angesteckt, hatte der Spiegel geschrieben. Binnen zehn Jahren wären das die Gestorbenen. Ein Unschuldslamm war sein Freund nie gewesen und auch Ralf hatte seine paar Sachen verbockt. Zum Test müssten sie wohl. Sollte Ralf gehen und sein Todesurteil abholen? Der Freund ging, ohne es angekündigt zu haben, noch vor ihm, Ralf blieb nichts mehr übrig. Eine Woche Warten, dann sagte man ihnen, sie seien negativ.

Zwei oder drei Wochen nach jener Montagnacht im Frühling hatte er den unauslöschlichen Strich unter sein Leben vorsorglich schon gezogen. Er würde sterbenskrank werden und irgendwann der Wahrheit ins Auge sehen müssen. Er würde überschlagen, wie viele Tage vergangen waren und wie viele ihm jetzt noch blieben. Aus der Sammlung abgelegter Blätter seines Filmkalenders hatte er das Datum herausgesucht und die dort abgebildete Angela Molina an die Pinnwand geheftet, als handelte es sich um einen verehrten Star.

Ihm fiel ein, welche Mühe der Bärtige sich noch gegeben hatte mit ihm , obwohl er längst gekommen war. Er küsste und streichelte und zog Ralf immer weiter aus. Er lutschte, kraulte, knetete und küsste, aber Ralf war wie vereist gewesen. Seinen Orgasmus pflegte er aufzuschieben, bis vor ihm der andere gekommen war. Ihn spritzen zu sehen, verhalf ihm zur letzten Befriedigung. Aber jetzt reichte es ihm. Das hatte er dem Ledernen dann auch gesagt.

An der Oberlippe hatte der Mann einen Schnäuzer gehabt, sonst im Gesicht überall drahtige schwarze Stoppeln. Sie hatten sich rau geküsst und ihre Gesichter gerieben, bis Ralfs Haut zerschunden war. Ein tiefer Zungenkuss vereinte und trennte sie voneinander. „Mach’s gut. Vielleicht sieht man sich wieder.“

Ralfs Kinn blieb nachhaltig gerötet und überzog sich bald mit Schorf. Eine runde Stelle etwa in der Größe eines 5-Mark-Stücks. Eine Woche hatte er gehofft, sein Mal werde heilen, bevor er zu den Eltern fahren musste. Entgegen besserem Wissen hatte er daran gekratzt. Ralfs Eltern fragten, was passiert sei. Beim Rasieren hätte er sich verwundet. Die Stelle heilte langsam und tauchte selbst nach Jahren als auffällige Rötung hin und wieder noch auf im Gesicht.

Obwohl er geglaubt hatte, der Tod stünde bevor, war er jetzt, fünfzehn Jahre später, noch immer lebendig. Der Fahrradunfall hatte ein weiteres Mal in sein Gesicht gestempelt. Eine Woche lang hatte Ralf in der Klinik gelegen.

Sein Leben war sinnlos, seine Wohnung ein Käfig. Er ging aus dem Haus, lief hinauf in den nächtlichen Park. Die Narbe flammte. Im Park war nur der Serbe, ihm flüchtig bekannt, etwa dreißig, verheiratet. Also hektisch, gierig und ein Heimlichtuer.

Der Serbe erklärte, ihn interessierten nur Burschen um die Zwanzig. „Du bist nett, aber zu alt“, sagte er und pinkelte ins Buschwerk. Zeit verging und keiner sonst kam. Auf der Banklehne rutschte der Serbe näher und fing an, Ralf beim Sprechen zufällig zu berühren.

„Lässt du dich ficken?“, fragte er.

„Nein, niemals“, beteuerte Ralf.

„Aber blasen tust du?“

Zum Abschied reichte der Serbe Ralf seine Hand, ein unübliches Verhalten im Park, und sagte: „Vielen Dank.“

„Aber war mir doch ein Vergnügen!“

Ralf spie auf den Boden

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.10.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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