Markus Kilian

Nieder senkt sich der Tag

 

 

Nieder senkt sich der Tag,
Rings die Erde im schwarzen Tuch,
Träumend schläft ein.



Vor den Fenstern, in den hohen Parkbäumen, schaffen sich Krähen lautstark Schlafräume und in den Zimmern der Kranken, drängt sich heilender Schlaf.

Es ist ihm, als hätte er die Nacht schon hinter sich gebracht.
Dieses ewige Wechselspiel, zwischen Wachen, Albträumen, fiebriger Hitze und Hoffen auf den erlösenden Morgen.
Unter der Tür erlischt das Licht, das den langen mit gerillten Fliesen bedeckten Flures, jeder Neuankömmling, hier Eingewiesener benamt, klappert mit seinem Bett für alle hörbar in seine Hoffnung, die Schritte der Schwester klappern nebenher.
Jetzt ist es Mitternacht, die Nachtschwester ist gekommen und es bleiben dem Kranken noch Stunden, bis ihm Fürsorge widerfahren wird; die Nachtleuchten werden eingeschaltet und ihr blaues Licht quält sich kraftlos in den Hoffnungsschlitz der Tür.
Leise Musik aus dem Schwesternzimmer, Chopin Nocturnes, verraten ihm, die stille , immer anteilnehmende Inge ist in dieser Nacht nur eine Zimmerwand entfernt und er weiß, wenn sein Finger nur den kleinen Knopf am Bettgestell berührt, wird sie neben ihm stehen, seine Stirn kühlen und mit ihren traurig sehenden Augen ihn beobachten, bis er wieder eingeschlafen ist.

Am Anfang seines Aufenthalts, noch vor dem alles entscheidenden Termin, der Diagnose, als die Schmerzen kaum mehr erträglich ihm schienen, benutzte er diesen Klingelknopf oft ; schlurfende Schritte kündigten Hilfe an und noch ehe ein neuer Schmerzensschub sich meldete, stand Schwester Inge in der Zimmertür, war mit schnellen Schritten an sein Bett getreten, das Krankenblatt vom Fußende in der einen Hand, nahm sie mit der anderen ein Tuch und trocknete ihm die fiebrig feuchte Stirn, legte alles wieder beiseite und eilte ein schmerzstillendes Präparat der tropfenden Flüssigkeit beizufügen.

Nach kurzer Zeit schien alles wie weggeblasen und ein leichter schwebender Zustand breitete sich in ihm aus,
der Raum war wie ein zu feucht gehaltenes Aquarell vor seinen Augen zerflossen und über ihm standen zwei runde braune Kreise.
Die Schritte , des hüftgeschädigten weiß bekrittelten Engels, hörte er schon nach wenigen Minuten nicht mehr, als sie sich entfernten.
Alles schien wie durch ein Wattepolster gepresst in sein Bewusstsein zu fließen, selbst das ewig unbequeme und falsch gefaltete Kissen war jetzt weich und ihm willig.

 

 

So waren ihm diese ersten Begegnungen zum Trost und stiller Hoffnung geworden, wenn diese unregelmäßigen Schritte auf dem langen Flur sich näherten oder entfernten entlang der dreißig Zimmertüren, die er am zweiten Aufenthaltstag noch gezählt hatte, als sie ihn vom dämmrigen Kellergeschoss, wo er in einer langen Röhre, nachdem die Lärmbeschützer eng an seinen Ohren sich geschlossen hatten, innerlich fotografiert worden war und das auch noch scheibchenweise, nun mit dem Fahrstuhl wieder in die siebente, oder war es schon die sechste Etage fuhren und entlang des Flures bis zu dem Zimmer brachten, das mit einer Nummer versehen nun sein zu Hause werden sollte.

 

Nach der zweiten Nacht, da ihm wieder der Schlaf durch Schmerzen entzogen wurde, zwischen den hohen Pappeln legte sich ein kühler Septembermorgen einen rot durchglühten Morgenmantel zwischen den verblassenden Sternen über, bemerkte er, dass von dem immer hoch aufgerichtetem Kopfkissenzipfeln des Nachbarbettes das vertraute leise pfeifende Schlafgeräusch nicht zu hören war.

Das Bett stand jetzt dicht unter dem Fenster, welches einen Spalt geöffnet, war es mit platt gebügelter Bettwäsche und einem zipfeligen in die Höhe ragenden Kissen, leer.

 

Seine Augen nahmen die unbewegliche Silhouette eines Pferdes wahr, jetzt wusste er, es waren die verabreichten Medikamente, die diese Bilder schufen und auch wieder verblassen ließen.

 

Vier Stunden später, sein Reisewecker stand auf dem kleinen Beitischchen, was sollte ihm die Zeit jetzt noch, an die er sich sonst oft entlanggehangelt hatte, kam eine Schar Weißkittel ins Zimmer, Visite.

Er Erfuhr sein Befinden und durch die Blicke der Schwester den möglichen Verbleib seines Mitbewohners, zu deutlich wanderten seine Blicke zwischen dem Pferd, dem leeren Bett und dem geöffnetem Fenster hin und her.

Die ganze weiße Wolke verließ das Zimmer und er war wieder allein.

 

Allzu schnell wollte er sich aufrichten um diesen Unheilort zu verlassen, ein stechender Schmerz befahl ihm sich wieder zu legen und nahm ihm einen Hoffnungsstrahl. Es gab jetzt keine Möglichkeit der Flucht !

 

In den nächsten Stunden nahm ihn ein Tagtraum schützend in die Arme, nachdem die Tropfenbehälter gewechselt worden waren.

Den Wechsel hatte er hinter eine Wattewolke erlebt und gesehen.

 

 

Bald erschienen ihm alle Freuden des Lebens, mit menschlichen Masken bedeckt, vereint, an seinem Bett, sie waren in Gesellschaft einer jungen Frau, deren Gesicht nicht erkennbar war.

 

Die Nacht hatte ihr schwarzes Tuch schon über den Tag gebreitet und die Gäste waren noch nicht gegangen, so sehr er es sich auch wünschte

Alle gingen im gleichen stoischem Schrittmaß um sein Bett herum, schon stundenlang, redeten kein Wort mit ihm und auch nicht untereinander, doch strichen sie seine Stirn mit dem linken Zeigefinger an der Braue, wenn sie in Höhe der Stirn angelangt waren.

Es war schon eigenartig, er sagte ihnen, das er diese stundenlange Berührung nun als schmerzlich empfände, doch schien es , niemand könne seine Sprache verstehen.

 

Als einer in Höhe der Tür angekommen, diese nicht mehr als eine Lichtspaltbreite geöffnet hate und sie durchschritt, schloßen sich die Nachkommenden ihm an und das Zimmer leerte sich. Bis auf die Frau hatten sich alle verweht.

 

Das nebelhafte Gesicht beugte sich über ihn bewegte die Lippen, als ob sie spräche, die Augen traurig und tränenlos, wortlos ging auch sie, seine Stirn zuvor trocknend und einen Kuß darauf zu setzend.

 

Das allmorgendliche Hupen des Lieferautos, aus dessen Bauch der Duft einer Backstube entstieg, weckte ihn und als die Entladegeräusche verstummten, schickte der Himmel seine verblassenden Sterngenlichter durch die Jalousie, sie grüßend versuchte er wieder in einen Schlaf zu sinken.

Doch es gelang ihm nicht.

Hatte er sich auf einen Augenblick beruhigt, so erfasste ihn ein neuer Schauer, wenn er die flehend verzweifelten Augen auf sich gerichtet fühlte.

 

Die Stille im Raum, das fehlende Schlafgepfeif, brachten ihn doch irgendwann wieder in Morpheus elfenbeinernes Bett.

So stieg er mit leichtem Fuß aus den Decken und ging leise zu dem Zimmer in dem die Unbekannte durch die offene Tür zu sehen war, er wagte kein Geräusch beim Eintreten, doch wagte er auch nicht wieder umzukehren in seine Bettstatt, wo Himmel und Erde und seine Seele ihn zu erdrücken drohten.

So stand er an der Schwelle des Raumes und fühlte,das seine Kraft nun am Ende sei.

Doch er musste zu ihr, sie fragen woraus ihre traurigen Augen sich nährten.

 

Doch es erschreckte ihn der Gedanke, das er dieses sanfte Vergessen dadurch zerstören würde, denn sie schlief mit tiefem atmen , dessen sanftes Gleichmaß er fühlte.

Weshalb sie grausam der Reue und Verzweiflung ausliefern, wo sie sich so schön in den Schlaf geflüchtet hatte , der ihm selbst so lang entflohen schien ?

So blieb er an der Stelle, er kniete, manchmal lag er auf dem Boden.

Mit dem ersten Morgenkonzert der Stare, die sich draußen im Park auf den hohen Pappeln versammelt hatten, um die Winterreise zu besingen kehrte er verfroren doch beruhigt zurück, schlief lange in den späten Vormittag hinein.

Ausgeruht und voller Wohlbefinden entdeckte er seine Bettdecke zertreten unter den Füßen.

 

 

M.K.2012

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.10.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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