Doris Fischer

Das erste Jahr - eine Nachschau

Graue Herbsttage sind dazu da, über das Leben nachzudenken. Durch das Graue und Nebelartige entsteht eine melancholische Stimmung, die mit traurigen Gefühlen, Verzweiflung und Ängsten gekoppelt ist.

So auch bei mir – ich denke nach, wie schon so oft in diesem Jahr und sicherlich nicht zum letzten Mal. Die Gedanken – sie kommen und gehen, sind flüchtig und doch so konkret, zum Greifen nahe und doch ganz weit fort… Sie tauchen im Nebel unter, sind verschwommen, und letztendlich verschwunden. Oder verstecken sie sich nur? Sie spielen ein undurchschaubares Spiel mit mir, denn beim nächsten tiefen Atemzug tauchen sie schon wieder auf. Klar und deutlich stehen sie vor mit und machen mir Angst. Wovor habe ich denn Angst? Ich kenne doch diese Gedanken. Sie sind mir nicht fremd. Aber heute sind sie anders als sonst. Stärker, bewusster. Oder bilde ich mir das nur ein? Nein – mein Unterbewusstsein hat sie an die Oberfläche kommen lassen. Sie stehen vor mir und glotzen mich ganz frech an, so als ob sie mich provozieren wollten. Aber ich lasse mich nicht provozieren, sondern ich schließe Freundschaft mit ihnen. Sie gehören zu mir, sie sind ein Teil von mir.

Meine Gedanken – mein Leben – mein erstes Jahr. Ich bin in ein neues Leben gestoßen worden. Einfach so - ganz ungefragt – von einem Tag auf den anderen – ein neues Leben, vor dem ich mich schon sehr lange gefürchtet habe. Ich wusste, dass dieser Tag kommen würde – unaufhaltsam. Es gab keinen Aufschub. Wegrennen würde auch nichts ändern. Der Tag wird kommen – er wird mich einholen – gnadenlos! Er wird mich beim Schopf packen, mich hin und her schütteln, bis ich zu Boden falle.

Das passierte dann wie geplant am 20.11.20 – das war der Tag, an dem mir mein bisheriges Leben gestohlen wurde. Ich hatte das Gefühl, dass mich ein Monster mit allem was mich ausmachte und zu mir gehörte, verschlang, um mich in einem anderen Leben wieder auszuspucken. Dabei bin ich dann erst einmal auf die „Schnauze“ gefallen. Da lag ich nun und um mich herum war nichts mehr, was mich an mein „altes“ Leben, das ich geliebt habe, erinnerte. Alles war anders, ungewohnt, neu, ungeplant. Es fühlte sich nicht gut an –mein neues Leben. Ich bin in ein tiefes, schwarzes Loch gefallen. Ich erkannte mich nicht wieder. Ich wurde depressiv. Jeden Tag spürte ich den Verlust am ganzen Körper. Ich hatte Schmerzen – seelische Schmerzen. Ich kam mir wertlos und leer vor. Ich werde von niemandem mehr gebraucht. Niemand interessiert sich mehr für mich. Keine Aufgaben mehr, die mir so viel bedeutet haben und auch keine Kollegen mehr, mit denen ich reden konnte. Nur noch Stille und Leere um mich herum. Und ganz viel Zeit – Zeit, Zeit, Zeit! Was soll ich anfangen mit all der freien Zeit? Ich habe keinen Plan – ich habe nichts mehr und bin nichts mehr! Kann ich jemals wieder glücklich und zufrieden sein? Habe ich die Kraft, mein neues Leben zu bejahen, es anzunehmen? Diese und viele andere Gedanken plagen mich jeden Tag. Ich sehe kein Licht am Ende des Tunnels. Warum denn nicht? Weil der Tunnel zu lang, zu schwarz, zu unberechenbar ist. Ebenso wie das gefühlt endlose Jahr, das an dem ominösen Tag noch vor mir lag – und das sich inzwischen bald seinem Ende zuneigt.

Ein passender Zeitpunkt also für einen Rückblick oder eine Nachschau auf mein erstes Jahr. Was fühle ich jetzt und heute? Wo stehe ich heute? Kann ich inzwischen mein neues Leben annehmen und besser damit umgehen? Hatte ich die Kraft und die Motivation, wieder vom Boden aufzustehen?

Viele Fragen, die ich mir heute wieder stelle - und darauf habe ich eine einzige Antwort: Ja, ich glaube, ich habe es geschafft, mein neues Leben als Rentnerin so anzunehmen wie es sich mir zeigt und jeden Tag das Beste daraus zu machen. Denn nach langen inneren und zähen Kämpfen und vielen Rückschlägen habe ich schließlich eingesehen, dass ich mein altes Leben zwar nicht mehr zurück bekomme, aber die Chance habe, meine mir noch verbleibende Lebenszeit frei und schön und intensiv zu gestalten, ohne Druck, ohne Stress, aber mit viel Lebensfreude.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.10.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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