Klaus Mattes

Back to Bowie / 1748

Davy Jones war seit 1964 dabei. Unsereins, weil das mit meinem Coming-out zusammenfiel und der mir nahen Welle aus New Soul (Paul Young, Edwyn Collins), Smooth Jazz (Sade, Style Council) und Glitzerpop (Spandau Ballet, ABC) musste den Thin White Duke bei „Let’s Dance“ (1983) auch noch klasse finden. Allerdings, weiß man heute, ist das der Punkt, an dem Bowie aufhörte, für die Musikwelt größere Bedeutung zu haben. „Let’s Dance“ ging gerade noch. Als ich viele Jahre später die CD dann auch mal hatte, spendete ich sie gleich wieder weg, weil nur drei Titel mich kitzelten.

Wir Geschwister eigneten uns zirka 1973 bis 1975 die Beatles von vorne bis hinten an (auch die jeweiligen Solo-Vinyls, soweit sie in jenen Jahren vorlagen). Das gemeinsame Voranschreiten war günstig, denn als Jugendlicher hatte man nicht das Taschengeld, um sich alles zu kaufen, was man gern gehabt hätte. Aber nach den Beatles trennten sich unsere Musikgeschmäcker. Bei mir ging es weiter mit Dylan und Jazz-Rock-Unternehmungen wie Blood, Sweat & Tears oder United Jazz + Rock Ensemble. Mein Bruder versuchte, den Blues auf seiner Gitarre zu spielen, und hörte Eric Clapton, Cream, Alexis Korner und Ten Years After. Die kleinere Schwester kam nie recht hinterher, zumal sie nicht all ihr Geld in Schallplatten steckte. Da wurden es Gianna Nannini und Ulla Meinecke, na ja, ging doch.

David Bowie hörten wir überhaupt nie. Klar, „Major Tom“ lief immer wieder mal im Radio, aber seine Glam-Glanzzeit hatten wir nicht mehr mitbekommen, das war vor unserer Beatles-Phase gewesen. Inzwischen kam er mir auch halbseiden und effekthascherisch vor. Geziert und manikürt, weswegen wir bei Queen und Elton John auch nie einstiegen, obwohl die Lockung eine Weile stark war.

Damals lief auf jeder Schüler-Geburtstagsparty „The Dark Side of The Moon“. Das hier beiseite gelassen hing man in meiner Klasse vor allem Jethro Tull an. Jahrzehnte später versteht kein Mensch, warum die einstmals riesig gewesen sind. In allen Liedern der eine Sänger, dessen Stimme ja nicht bemerkenswert war, selten eine einprägsame Melodie unter den Textergießungen, die man nicht verstand. Weder war es Hard Rock noch Progressive, noch Folk.

Fast ebenso groß, bei uns in der Klasse halt, das ist schon merkwürdig, als Jugendliche weiß man nicht genau, was irgendwelche anderen in der Welt gerade gut finden, weder gab es Video-Fernsehen, noch You Tube, noch Handys, dennoch kam die Kunde zu einem, man wusste, Jethro Tull waren das Richtige. Auch wenn die Musikzeitschrift Little Feat oder Kevin Ayers bevorzugte, man musste Jethro Tull hören. Oder wenn im Südwestfunk Frank Laufenberg Lake oder ELO spielte. Fast ebenso toll wie Jethro Tull waren nur Cat Stevens, Wishbone Ash und Supertramp. Dies die Supertramp mit dem gerade erst erschienenen „Crime of the Century“, vor ihrem Welterfolg. Songs wie „Travelled“ von „Indelibly Stamped“, was man sich bei uns zwecks Aufnehmen im Klassenverband verlieh.

Kurz durch die Geschichte meiner Klasse flitzte ein gewisser Lenny. Zwei Jahre älter war Lenny, weil er mindestens eine von den Klassen nicht gepackt hatte. Später stieg er komplett von unserer Schule ab. Ungeachtet dieser Entwicklung kreuzte er eines Abends beim Klassentreffen wieder auf, sodass ich mit eigenen Augen sehen konnte, wie kahl er geworden war. Lenny war einer von denen, die in Musikdingen viel besser Bescheid wissen als die Masse.

Es gelang ihm damals, eine Stunde vom Englischunterricht und eine vom Musiklehrer für seine Plattensammlung abzuknapsen. Bedeutender als Cat Stevens oder Supertramp seien David Bowie, Frank Zappa, Roxy Music und, ja ja, seltsam, ABBA. Die Klasse nahm Lennys Hinweise kühl auf. Ich aber merkte mir die Namen, auch wenn ich erst nach mehreren Jahren, mit der einzigen Ausnahme, merkwürdig auch dieses, Frank Zappa, dorthin gelangen sollte. (Soll heißen, mit Frank Zappa und dessen „Hot Rats“ ging es ziemlich bald nach Lenny dann auch schon bei mir los.) Im Gegensatz zu Zappa und Roxy Music kannte man ABBA allenthalben, wobei wir - als kommende Abiturienten - hoch drüber standen. Als es sie Jahre nicht mehr gab, ging allen noch auf, wie sehr sie ABBA verehrt hatten. Mir auch. (Bei Lenny waren es in etwa die von „Tropical Loveland“ gewesen.)

Ach ja, das Leben läuft nicht nur einfach so weg, sondern wir versündigen uns. Lenny wurde Unteroffizier und später verkaufte er Finanz- und Sicherheitspakete und hatte ein Motorboot. Mir glückte 1984, von Bowies „Tonight“ (mit dem Duett mit Tina Turner) die Finger zu lassen. David Bowie machte immer weiter mit dem Murks, mit Tin Machine und Werbung für Vittel, aber ewig jung blieb auch der nicht.

CDs kaufte ich so gut wie niemals brandneu und zum regulären Preis. Ich verstand nicht, warum, wenn eine Technologie der anderen folgt, die neuere dann mehr kosten soll. Warum sollte die CD in den Achtzigern oder Neunzigern mehr als eine LP in den Siebzigern wert sein? Ich kaufte (vor zwanzig Jahren) alles Mögliche bei einem norddeutschen Gebrauchtplatten-Händler, der Ökonomie studiert hatte. Dann auch mal wieder was von David Bowie, nämlich „Hours“, 1999, weil er das billig hatte, die aus den frühen Siebzigern nicht.

„Hours“ fängt gut an. Der Händler meinte, wie die alten Sachen. Von Stück zu Stück fällt es aber rasch ab. Er meinte, die alten Sachen, die gehörten zu dem Material, das man sich noch einmal auf CD kaufen müsse. (Ich hatte sie ja auch auf LP nicht.)

Man darf sich fürs Reinhören im Laden nie die ersten Stücke von den Alben aussuchen. Fast immer sind sie, was die Plattenfirma für Crowd-Pleaser hält. Jetzt erinnere ich mich verwundert an „John Barleycorn Must Die“ von Traffic, mit dem Instrumentalstück als erstem Track. Im City Disc Basel (wo heute Laufschuhe und Smartphones verkauft werden) bekam ich das Gebräu via HiFi-Kopfhörer vorgespielt. („Wow! Das ist jetzt Musik.“)

Wie immer hatte ich den LP-Titel irgendwo gelesen. Frank Laufenberg spielte die nie, war ja Jahre vorher dran gewesen. In meiner Klasse wurden Traffic nie gehört. Wie immer war ich mir nicht ganz sicher, ob ich mein Geld nicht vierlleicht doch verplemperte. Meine Mutter meinte auch, die Rockzeitschrift, die ich abonniert hatte, würde ich nach 10 Monaten bestimmt gar nicht mehr lesen wollen, weil ich dieses Art Musik dann nicht mehr hören würde.


 

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Klaus Mattes).
Der Beitrag wurde von Klaus Mattes auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.11.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Der Autor:

  Klaus Mattes als Lieblingsautor markieren

Bücher unserer Autoren:

cover

Eigene-Sprüche-dodo: In Grafik und Spruchband von Doris Schmitt



Es geht um eigene Sprüche, die in Grafik und Spruchband gesetzt wurden. Kreative Ideen, aufgeschrieben und in Grafik verpackt.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (1)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Erinnerungen" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Klaus Mattes

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

St. Bernhard als Einstiegsdroge von Klaus Mattes (Fan Fiction)
Berlin ist die einzige Stadt... für Ingrid Grote von Kerstin Köppel (Erinnerungen)
Hilfe...ich bin ein Lüstling...lach...smile... grins und heul von Rüdiger Nazar (Autobiografisches)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen