Pei Xu

Das neunzigjährige Geburtstagskind in der Corona-Pandemie

Helga wurde 1931 in der Republik China geboren. Ihr Vater war Pfarrer aus Hamburg. Sie kehrten rechtzeitig nach Deutschland zurück, bevor 1949 die durch Wahl legitimierte Regierung der Republik China von den internationalen Kommunisten auf die Insel Taiwan vertrieben wurde. 

Seit ihrer Wiederkehr nach Deutschland begleitet sie Hildegard von Bingen. Mit Gebeten wie “Ich vertraue fest darauf, dass du mich nicht verstößt, sondern von meinen Sünden befreist. Nimm mich in Gnaden auf" beginnt sie ihren Tag und ihre Nacht. Als fromme Christin glaubt Helga an einen allgegenwärtigen und allmächtigen Gott.  

Mit ihrem verstorbenen Mann Karl hat Helga drei Kinder und vier  Enkelkinder.

Jahrelang bereitet sich Helga darauf vor, ihren neunzigsten Geburtstag schön zu feiern. Wegen der Pandemie aus Wuhan aber muss sie die geplante Feier ausfallen lassen. Statt einem gemeinsamen Programm und Essen in verschiedenen Restaurants lädt sie mit Hilfe einer Betreuerin die Lieben zum Essen nach Hause ein. 

Aus Glaubensgründen ist Helga nicht bereit, sich impfen zu lassen. 

Daraus entsteht ein Konflikt mit ihren Lieben. Unter den Lieben ist nur ihr Sohn Thomas auf ihrer Seite, weil er das Coronavirus für ein Laborprodukt hält. Thomas wiederum fühlt sich von Helga’s Betreuerin bestätigt. Frau Wang ist Flüchtling aus Hongkong und bezeichnet ihre Verfolger als Chinazis. Sie ist davon überzeugt, dass es bei Corona um eine Biowaffe des KP-Regimes in Peking geht.


Zwischen Oma und Enkelin

Zum Geburtstagsessen erscheint zuerst ihre Enkelin Tatjana mit einer übergroßen Maske vor dem Hauseingang und klingelt, während sie mit ihrem Mann Philipp telefoniert: „Ich bin schon bei Oma angekommen. Wie von Dir gewünscht, habe ich Myriam nicht mitgenommen.“

Helga öffnet die Tür. Beim Eintritt in die Wohnung begrüßt Tatjana sie:„Guten Tag, Oma, herzlichen Glückwunsch zu Deinem Geburtstag. Diesmal haben wir unser Geschenk für Dich der Gesellschaft für bedrohte Völker gespendet.“

Helga schaut auf die übergroße Maske und verzieht ihr Gesicht. Dennoch sagt sie nur: „Vielen Dank! Gesellschaft für bedrohte Völker? Für diese Gesellschaft habe ich noch nie gespendet, aber zu Weihnachten hole ich das nach. Seit meinem sechzigsten Geburtstag schlage ich allen vor, statt Geburtstags- und Weihnachtsgeschenke zu kaufen lieber für einen guten Zweck zu spenden.“ 

„Philipp ist noch unterwegs und kommt später.“ Tatjana geht durch das Wohnzimmer und setzt sich auf das Sofa mit der Maske.

 „Warum hast Du Myriam nicht mitgebracht?“

„Sie ist im Moment unruhig und ich möchte vermeiden, dass sie dein Geburtstagsessen stört.“

„Was soll das?“ entgegnet Helga irritiert. 

Tatjana will nicht den wahren Grund nennen und erzählt ausweichend: „Als ich mit Myriam schwanger war, fühlte ich mich von dir am meisten gestärkt. Die Frauenärztin, die ich wegen der Schwangerschaft aufsuchte, bat mich darum, eine Erklärung zu unterschreiben, damit die Praxis das alleinige Betreuungsrecht meiner Schwangerschaft zugesprochen wird. Das hatte ich nicht erwartet. In meiner Aufregung verließ ich die Praxis und stürzte auf dem Heimweg. Erst bei der Entbindung wurde festgestellt, dass ich Zwillinge hätte bekommen können, aber nur Myriam hat den Sturz überlebt“.

Helga wird tatsächlich von ihrer Frage abgelenkt und antwortet: „Myriam ist zwar immer auf der Suche nach ihrem Zwillingsbruder, aber sie hat sich gesund entwickelt.“ 

„Ich war irritiert, als mir auffiel, dass Myriam seit ihrer Geburt gerne in die Luft schaut und mit der Luft kommuniziert. Durch dich begriff ich erst, dass Myriam mit ihrem Zwillingsbruder spricht, dessen menschliche Hülle bei meinem Sturz kaputt ging“.

Plötzlich schließt Helga ihre Augen und sagt nach einer Weile. “Es gibt Gäste, aber keinen Bruder von Myriam.“

„Was meinst Du, Oma?“

Die Frage macht Helga klar, dass sie mit Tatjana nicht weiter auf dieser Ebene sprechen kann und fragt zurück „Habe ich dir noch nicht gesagt, dass ich einen Zugang zur unsichtbaren Welt besitze“.

„Doch doch, dank deiner Fähigkeit kann ich erst mit dem auffälligen Verhalten von Myriam umgehen. Ohne dich käme ich nicht auf die Idee, dass Myriam nicht allein zur Welt kam.“   

„Das Verhalten von Myriam ist mir nicht fremd. Ich hatte eine chinesische Freundin. Im Vergleich zu anderen Mädchen war sie furchtlos. Sie blieb gerne im Dunkeln. Sie brauchte kein Licht, um sich im Dunkeln zurechtzufinden. Zum Lesen brauchte sie nicht einmal ihre Augen. Sie konnte mit Händen, mit der Stirn und mit dem Hinterkopf lesen“, erzählt Helga.

„Hast du den Bruder von Myriam schon einmal gesehen?“ fragt Tatjana.

„Ja, habe ich.“

„Ich kann leider ihren Bruder nicht sehen, aber durch Myriam nehme ich immer wieder wahr, dass in unserer Wohnung noch jemand existiert. Im Vergleich zu anderen Kindern kann Myriam allein spielen. Scheinbar gibt es manchmal Streit, sodass Myriam hin und wieder schon mal zu heulen beginnt, obwohl es für mich gar keinen ersichtlichen Grund gibt“.

„Wie geht es Myriam?“

„Gut. Sie trägt ungern eine Maske“.

„Ich auch. Eine Maske kann uns vor keiner Pandemie schützen.“

„Warum wird uns eine Maske aufgezwungen?“ fragt Tatjana und  reißt sich die Maske vom Kinn ab.

„Nach dem Ursprung der Pandemie wird nicht gefragt. Etwas muss unternommen werden. Das ist eine Art Ablenkungsmanöver oder eine Beruhigungspille für die Masse“.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.11.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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