Heinz-Walter Hoetter

Fünf verschiedene Kurzgeschichten

1. Die siebte Elfe

 

Der böse Magier Wandaran drehte seine Hände wie im Kreis und ließ die kleine Elfe immer schneller rotieren. Die winzigen Arme richteten sich auf, die kurzen Beine vollführten einen Spagat und die großen Knopfaugen weiteten sich zusehends.

Die kleine Elfe schrie jetzt wie am Spieß. Ihre hohe Stimme wurde immer schriller und ängstlicher, bis es ganz plötzlich einen hässlichen Knall gab, der von den grauen, feucht glänzenden Steinwänden der dunklen Burg als dumpfes Echo zurück hallte.

Der Magier grinste höhnisch als er sah, was aus dem wehrlosen Elfenwesen geworden war. Für den Bruchteil einer Sekunde manifestierte sich das verschwommen Bild eines leuchtenden Buchstabens, der nur kurz erschien und danach sofort wieder im Nichts verschwand.

Dann rieselten staubig glitzernde Fünkchen durch die Luft, die noch im Flug verglühten und als winzige Aschekügelchen auf dem kalten Fußboden liegen blieben.

Sein hässlicher Gehilfe Marbott, der klein und krummbeinig war, einen stark ausgeprägten Buckel besaß und regungslos daneben stand, sah den bösen Magier Wandaran mit bewundernden Blicken an und stammelte staunend: „Meister, was Sie alles können...“

Das war nur der Anfang, Marbott. Für den nächsten Buchstaben, der kommt, darfst du dir was wünschen, vorausgesetzt der geäußerte Wunsch fängt mit diesem Buchstaben an, der allerdings nur sehr kurz erscheint. Schau also genau hin, was du zu erkennen glaubst. Ich habe heute außerdem meinen großzügigen Tag und möchte mich für deine absolute Loyalität mir gegenüber und für deine guten Dienste, die du mir schon so viele Jahre zuverlässig erbringst, bedanken. Aber zuerst brauche ich wieder eine unschuldige Elfe. Ohne sie geht es nicht.“

Marbott kratzte sich verlegen über den mit ekelhaften Warzen übersäten Nasenrücken.

Der Magier wurde ungehalten.

Was ist, Marbott? Warum gehst du nicht los und beschaffst mir eine dieser schönen Elfen?“ fragte der Zauberer plötzlich ungeduldig.

Ich glaube, wir haben sie alle aufgebraucht, Meister. Es sind wohl keine mehr da...“

Quatsch! Die verstecken sich nur“, sagte der Magier Wandaran und sah sich wütend um.

"Da! Hinter der letzten Säule ist noch eine. Ich kann sie genau sehen. Meinem Durchdringungsblick entgeht nichts. Ich kann Elfen nicht nur hinter Gegenständen ausmachen, sondern auch riechen. Hol sie sofort her!“ sagte der Zauberer mit energischer Stimme.

Marbott humpelte eilig los und tatsächlich, hinter der mächtigen Steinsäule am Ende der Halle versteckte sich noch eine Elfe. Sie bebte am ganzen Körper vor lauter Angst. Sie wollte noch weg fliegen und sich in Sicherheit bringen, aber Marbott schnappte gekonnt nach ihr und brachte sie sofort zu seinem Meister Wandaran, der das zarte Wesen zugleich auf den Tisch stellte.

Nun Marbott, pass’ jetzt gut auf! Ich schenke dir nur einen Versuch. Wenn es dir nicht gelingt, deinen Wunsch rechtzeitig zu äußern, bevor der Buchstabe verblasst, geht er dir unwiederbringlich verloren. Äußere deinen Wunsch also laut und deutlich, damit ich ihn hören kann.“

Der bucklige Gehilfe nickte heftig mit dem Kopf und starrte gleichzeitig lüstern auf die wie Espenlaub zitternde Elfe, die laut weinend nieder gekniet war und ihre Augen voll Schrecken und Furcht vor dem Kommenden geschlossen hielt.

Der böse Magier wechselte das Thema und widmete sich seinem Opfer.

So, und nun zu dir. Du weißt, was dich erwartet?“ fragte er mit boshafter Stimme.

Herr, bitte lasst mich am Leben. Ich bin bereits die siebte Elfe, die ihr für euere Experimente verbrauchen werdet. Die siebte Elfe aber dürft ihr nicht vernichten, nur weil ihr eurem Gehilfe einen Wunsch versprochen habt. Wenn ich durch eueren Zauber verglühe, werden sich meine Kräfte mit den übrigen getöteten Elfen verbinden, die magischen Kräfte von euch nehmen und schließlich zur Hölle schicken. Dort gehört ihr nämlich hin...“, schrie die kleine Elfe mit sich hysterisch überschlagender Stimme.

Was sagst du da? Weißt du denn nicht, wer ich bin? Ich bin Wandaran, der größte und böseste Magier, den die Welt je gesehen hat. Niemand ist mir gleich. Ich bin so mächtig, wie kein Zauberer zuvor. Ich muss mich vor nichts und niemanden fürchten. Ich werde es dir gleich beweisen, du elendiges kleines Biest.“

Der böse Magier richtete noch im gleichen Augenblick seinen Zauberstab auf die schreckensbleiche Elfe, die sich jetzt auf den Tisch hinter einem Kerzenständer mit einer brennenden Kerze verkrochen hatte. Doch umsonst. Ein violetter Blitz verließ den hölzernen Zauberstab, verästelte sich um die kleine Elfe und der Magier Wandaran zog sie damit hinter dem schützenden Kerzenständer hervor. Dann murmelte er irgendwelche unverständlichen Worte, die noch nicht einmal sein Gehilfe Marbott verstand.

Im gleichen Moment begann sich die Elfe zu drehen. Ihre feingliedrigen Flügel zerbrachen zuerst, als die Drehbewegung noch rasanter wurde. Schließlich rotierte sie so schnell, dass sie plötzlich zu schreien anfing. Der Ton war derart hoch, dass selbst der Zauberer Wandaran und sein buckliger Gehilfe Marbott sich die schmerzenden Ohren zuhalten mussten.

Dann gab es einen lauten Knall, der die steinernen Wände der dunklen Burghalle erbeben ließ. Die Elfe war wie eine Seifenblase zerplatzt. Noch in der gleichen Sekunde ihres schrecklichen Todes öffnete sich ein Riss in der Mitte des Raumes und die erste Kreatur, die in den düster beleuchteten Saal eilte, war ein affenähnliches Geschöpf mit langen gebogenen Krallen. Das Scheusal blieb zuerst vor Marbott stehen, glotzte ihn mit seinen großen Augen an, hob die Klaue und ließ sie niedersausen. Noch bevor der Gehilfe mit dem Gesicht auf dem Boden aufschlug, war er tot. Dass die Kreatur ihm auch noch den rechten Arm abriss, bekam er nicht mehr mit.

Dann drehte sich das Monster auf der Stelle herum und stürzte sich brüllend auf den bösen Magier Wandaran, dessen wild schwingender Zauberstab trotz zahlreicher neuer Versuche versagt hatte. Seine magischen Kräfte waren gebannt.

Denn auf einmal waren sie da, die Seelen der bei seinen grausamen Experimenten getöteten Elfen, die als kleine Lichtpunkte an dem Zauberstab zu kleben schienen. Sie neutralisierten seine magische Kraft, jedenfalls solange, bis das affenartige Ungeheuer auch ihn mit einem einzigen Prankenhieb den Kopf vom Hals schlug. Schrecklich blutend und mit weit aufgerissenem Mund, von einem kaum hörbaren, heiseren Schrei begleitet, rollte dieser in einen tiefen, finsteren Kellerschacht, wo er mit dem Gesicht nach oben in modrig feuchter Erde liegen blieb.

Die Wucht des fürchterlichen Hiebes war so stark, dass das schreckliche Monster strauchelte. Mit einem Trommelfell zerreißenden Schrei stolperte es über den toten, kopflosen Körper des Magiers, der die ganze Zeit über langsam in einer großen Feuerwand verbrannte. Die züngelnden Feuerszungen griffen sofort auf das Ungeheuer über, das augenblicklich selbst in hellen Flammen stand, bis es schließlich zu einer stinkenden Lache aus Blut und verbranntem Fleisch zerschmolz.

Als alles vorbei war, veränderte sich in atemberaubender Geschwindigkeit das dunkele Gemäuer der alten Burg und löste sich nach und nach auf. Alles verschwand schließlich in einem riesigen Loch im Boden, der sich dabei krampfhaft zuckend anhob und wieder senkte und erst zur Ruhe kam, bis auch der letzte Stein darin verschwunden war. Dann kehrte abrupt die Stille zurück und aus der noch rauchenden Erde wucherte plötzlich grünes Gras, als hätte es schon lange darauf gewartet, wieder wachsen zu dürfen.

Die dunklen Wolke oben am Himmel verzogen sich und am fernen Horizont tauchte auf einmal die Sonne auf, die ihre goldgelben Strahlen über das weite Land schickte.

Ein neuer, herrlicher Tag begann und irgendwo hinter einer mächtigen Eiche vernahm man das feine Kichern einiger Elfen, die auf einem kleinen Ast saßen und geduldig auf die warme Morgensonne warteten.

Und die Eiche, auf der sie saßen, ja..., die war einmal vor langer, langer Zeit der Zauberstab des bösen Magiers Wanderan.


 


ENDE

(c)Heinz-Walter Hoetter

 

 

 

 

2. Coppermanns Mantel


 

Auf dem gut besuchten Flohmarkt schoben sich die Menschenmassen an den aufgestellten Ständen dicht aneinander vorbei. Überall gab es viel zu sehen. Man konnte einfach nicht glauben, was die Leute so alles an Trödel anboten.

Am Rande des Flohmarktes zwängte sich gerade auch der Buchhalter Leonhard Coppermann weiter vorwärts. Er hatte sich etwas Urlaub genommen und nutzte seine freie Zeit unter anderem dazu, um sich hier ein wenig umzusehen. Er liebte die große Menge der dargebotenen Gegenstände, welche oft stumme Zeugen einer längst vergangenen Zeit waren. Außerdem faszinierte Coppermann auch die jeweiligen Schicksale von Menschen, die sich hinter so manchen Gebrauchsgegenständen des Altags verbargen, die wohl niemals mehr wirklich zu ergründen waren, wie er dachte.

Leonhard Coppermann war Anfang fünfzig und ein Mann von unauffälligem Aussehen. Seine Haut wirkte etwas zu blass, was wohl auch daran lag, dass er als Buchhalter die meiste Zeit in geschlossenen Räumen arbeitete, in denen die Luft wegen der vielen alten Bücher etwas abgestanden roch. Deshalb nutzte er jede freie Minute, um sich draußen an der frischen Luft aufzuhalten, besonders dann, wenn die Sonne schien. Leider war das Wetter heute nicht so gut, was ihn aber nicht davon abgehalten hatte, den Flohmarkt hier am Stadtrand zu besuchen.
Seit einiger Zeit interessierte sich Coppermann nämlich für möglichst alte, gebrauchte Kleidungsstücke, besonders für historische Stücke aus dem 17. oder 18. Jahrhundert. Überhaupt fühlte er sich als ein Mensch aus vergangener Zeit, der sich aus nicht näher erklärbaren Gründen in die Gegenwart der Jetztzeit verirrt hatte.

Nun, an diesem trüben Sonntagnachmittag zog es Coppermann wieder einmal am Ende zu den Kleidungsangeboten, die sich in einer trüben Seitengasse des großen Flohmarktes befanden. Er kannte sich mittlerweile gut aus, da der Flohmarkt hier in regelmäßigen Abständen immer an den Wochenenden stattfand. Schon öfters hatte sich Coppermann eine gebrauchte ältere Hose, ein altes Hemd oder eine abgetragene Jacke kostengünstig zugelegt, auch in dem seltsamen Glauben, dass vielleicht von der unbekannten Person des Vorträgers etwas auf ihn übergehen würde. Aber noch ein anderer Gedanke fand Coppermann interessant. Er hoffte nämlich insgeheim, irgendwann einmal einen mysteriösen Gegenstand, einen handgeschriebenen Brief oder gar wertvolle alte Münzen in so einem historischen Kleidungsstück zu finden.
Am Verkaufsstand einer schon älteren Verkäuferin, die ihn bereits aus früheren Besuchen kannte, suchte Coppermann unauffällig in den Taschen von alten Hemden, Jacken, Mänteln und Hosen herum. Mit zitternden Händen tastete Coppermann die unterschiedlichsten Taschen ab, griff in etliche sogar hinein, nur in der abstrusen Hoffnung, darin irgend etwas zu finden, das ihm eine geheime Botschaft zukommen ließ, die ihm aus seinem eingefahrenen, langweiligen Leben herauszuhelfen vermochte.

Plötzlich fiel Coppermann ein ziemlich alter Mantel auf, dessen abgetragener Zustand ihn irgendwie innerlich ansprach. Wie alt mochte dieses zerschlissene Kleidungsstück wohl sein? Spontan griff er nach dem Mantel, zahlte rasch den geforderten Preis und machte sich schleunigst auf den Heimweg.

Die Stadt lag mittlerweile im abendlichen Dunkel. Überall leuchteten die verschiedensten Lichter, was eine unwirkliche Atmosphäre entstehen ließ. Als Herr Coppermann endlich zu Hause angelangt war, ließ er sich müde auf seine Couch im Wohnzimmer fallen, hielt dabei den erworbenen Mantel auf seinen Knien, schloss die Augen und schlief bald ein.

***

Leonhard Coppermann schreckte auf. Wo war er? Er schaute sich vorsichtig um. Dann wanderte sein Blick eine dunkle, völlig verdreckte Gasse entlang. Er glaubte sie zu kennen, nur war sie offensichtlich aus einer weit zurück liegenden Zeit. Plötzlich spürte er den Wind, der über sein blasses Gesicht fuhr. Träumte er das alles nur? Wenn ja, dann kam ihm der Traum allerdings sehr real vor.

Schließlich sah er die schemenhafte Gestalt eines Mannes am Ende der Gasse, der in einem dreckigen Mantel gehüllt gebeugt und schwer atmend in einer Ecke stand. Es ging ihm nicht gut.

Langsam ging Coppermann näher und erkannte einen alten Mann, dem jede seiner Bewegungen eine Qual zu sein schien. Als er ihn fast erreicht hatte, brach er unverhofft vor seinen Augen zusammen wie ein nasser Sack. Voller Angst und Panik beugte sich Coppermann über den alten Mann, um ihm zu helfen, dabei sah er in ein hässlich zernarbtes Gesicht, das mit tiefen Falten durchzogen war. Jede einzelne Falte vermochte wohl eine eigene Geschichte aus längst vergangenen Zeiten zu erzählen. Seine schneeweißen, bis auf die Schulter reichenden Haare umgaben sein Gesicht wie die Aura einer untergehenden Sonne. Seine klaren, himmelblauen Augen waren jedoch voller Güte und Wärme. Als Coppermann hinein schaute, traf es ihn wie ein Blitz. Die Augen des alten Mannes konnten offenbar bis in seine Seele blicken.
Mit letzter Kraft legte der alte Mann seine faltigen Hände auf Coppermanns Arme. Mit leiser, kaum hörbarer Stimme fing der Alte an zu sprechen.

"Meine Zeit ist gekommen. Ich spüre, dass ich nun sterben muss. Ich war einmal der Träger des Mantels, den du auf dem Flohmarkt erworben hast. Er wird dir ein sehr langes Leben schenken und überall hin bringen, wohin du willst, in die Zukunft oder in die Vergangenheit, ganz nach deinem Belieben. Tausend Jahre genau wird er das für dich tun, dann wechselt er ganz von allein seinen Besitzer, den er sich selbst aussucht. Er wird schließlich im Traum den jeweiligen Vorbesitzer zeigen, der ihn vorher getragen hat. Höre mir also gut zu! Das ist meine Botschaft an dich. Der Mantel wird dir das Licht in deine Seele bringen. Sei deshalb für alles Neue zugänglich. So auch für das Alte. Er wird dir Welten zeigen, die weit in der Zukunft liegen und sich auf anderen Planeten befinden, die noch kein Mensch zuvor betreten hat. Wenn du es willst, dann bringt er dich auch in die Vergangenheit. Du kannst leben wie ein König, dir wird an nichts mangeln, doch sterben wirst du wie ein Bettler, wenn deine Zeit gekommen ist. Sieh' mich an, damit du erkennst, was nach eintausend Jahren mit dir passieren wird."

Leonhard Coppermann sah, wie die blauen Augen des alten Mannes auf einmal trübe wurden. Ein letzter Atemzug noch und der letzte Rest von Leben glitt aus ihm heraus. Dann zerfiel der tote Körper des Alten vor Coppermanns Augen zu Staub. Ein leichter Windstoß wirbelte ihn wie eine Wolke dahin, hinauf in den sternenklaren Nachthimmel des unendlichen Alls.

***

Als Coppermann wieder aufwachte, saß er immer noch auf der Couch im Wohnzimmer. Er schaute an sich herunter und bemerkte dabei, dass er zu seinem großen Erstaunen den alten, zerschlissenen Mantel trug, den er sich doch gar nicht angezogen hatte. Er erinnerte sich plötzlich an den seltsamen Traum mit dem alten Mann in der dunklen Gasse, der ihm offenbar eine ganz bestimmte Botschaft hat zukommen lassen, die mit diesem geheimnisvollen Mantel zusammen hing. Nur so aus Spaß dachte Coppermann, wieder auf dem Flohmarkt bei jenem Stand zu sein, wo er den Mantel gefunden hatte.

Im nächsten Augenblick war er auch schon da. Er konnte beobachten, wie er der älteren Verkäuferin gerade das Geld für den geheimnisvollen Mantel überreichte. Um nicht von sich selbst erkannt zu werden, drehte sich Coppermann schnell auf der Stelle herum und dachte dabei an sein eigenes Zuhause. Im nächsten Augenblick saß er wieder auf der gemütlichen Couch seines Wohnzimmers.

Coppermann wusste zugleich, dass sein Leben ab jetzt in Bahnen verlaufen würde, die alles übertrafen, was er sich hätte je vorstellen können. Dann dachte er den nächsten Gedanken.

Im nächsten Moment war er auch schon wieder weg. Wohin, das weiß kein Mensch. Vielleicht ist er jetzt wohl irgendwo im 17. oder 18. Jahrhundert. Dafür hatte er ja eine besondere Vorliebe.


ENDE

(c)Heinz-Walter Hoetter

 

 

 

 

3. Tödliche Vergeltung

 

Nicht das Leben eines Menschen rettet die ganze Menschheit, sondern sein Tod.“

***

Plötzlich hatte ich wieder diese schrecklichen Bilder vor meinen Augen. Ich war erstaunt darüber, wie leicht es doch war, mir jetzt, hier in der Einsamkeit der Nacht, die Gräuelszenen vorzustellen. Ich konnte die verzweifelten Schreie der Verletzten und Sterbenden hören und die lodernden Flammen sehen, als die unbekannten Wesen wie aus dem Nichts über das idyllisch daliegende Dorf herfielen und ihrer Zerstörungswut ungehemmt freien Lauf ließen. Nur eine alte, Ruß geschwärzte Mauer mit einer einfachen Gedenktafel darauf war als stumme Zeugin jener Grausamkeiten übriggeblieben, die sich hier einmal vor sehr langer Zeit ereignet haben und so vielen unschuldigen Menschen den Tod gebracht hatten.

Ich kam zu dieser Mauer, die mal einen großen Besitz umgab. Sie sah immer noch sehr imposant aus, doch an vielen Stellen war sie abgebröckelt und rissig geworden.

Ich parkte den geklauten Schwebegleiter, manuell steuernd, direkt unter einer uralten Eiche mit enorm dicken Ästen, die an etlichen Stellen Merkmale von Kampfspuren trugen und stark verkohlt waren. Offenbar stammten diese schrecklichen Narben an der Rinde vom zerstörerischen Angriffsfeuer der gnadenlosen Angreifer aus dem All. Je länger ich den knorrigen Baum allerdings betrachtete, desto mehr verstärkte sich bei mir der seltsame Eindruck, nicht ich, sondern er würde mich beobachten und seine geschundenen Äste und Zweige bewegten sich auf mich zu, um mich Hilfe suchend zu umarmen. Wie lange war an diesem Ort wohl kein Mensch mehr gewesen? Wehmütig verlor ich mich in meinen Gedanken und Erinnerungen, die wie reale Bilder vor meinem geistigen Auge vorbeizogen.

Dann riss ich mich schlagartig zusammen. Vielleicht hatte ich einfach nur zu wenig geschlafen, aber Halluzinationen konnte ich jetzt am wenigsten gebrauchen. Trotz allem: Ich öffnete geräuschlos die breite Fahrertür, stieg aus und verließ den räderlosen Antigravitationsgleiter, der sich kurz darauf perfekt der Umgebung anpasste, sodass man ihn nicht mehr sehen konnte. Niemand würde ihn hier vermuten.

In der pechschwarzen Finsternis holte ich die ausziehbare Leichtmetallleiter aus meinem Rucksack und wollte eben die öde daliegende Dorfstraße überqueren, als ich zu meinem Entsetzen keine hundert Meter über mir eine Suchdrohne auf dem kleinen Scannermonitor erblickte, die mit ihren Hitzesensoren die umliegende Gegend nach irgendwelchen Lebewesen abtastete. Glücklicherweise war meine Tarnvorrichtung eingeschaltet, die mich davor schützte, dass mich dieses fiese, robotartige Ding entdecken konnte.

Der Schreck ließ mich am ganzen Körper zittern. Mein Pulsschlag dröhnte mir in den Ohren, während ich versuchte, keinen Mucks von mir zu geben. Dann verschwand die Suchdrohne endlich wieder. Meine Tarnvorrichtung hatte mich schon mehrmals in der Vergangenheit davor bewahrt, von den Wächtern der brutalen Aliens entdeckt zu werden. Eine wohltuende Stille kehrte ein und es kam mir so vor, als wäre überhaupt nichts geschehen.

Als ich mich sicher glaubte, zog ich die Leichtmetallleiter vorsichtig auseinander, lehnte sie an die Mauer gleich neben einem verfallenen Wachturm und stieg hinauf. Oben angekommen zog ich die Leiter hoch und stellte sie auf der anderen Seite wieder ab. Dann stieg ich hinunter und stand plötzlich im Dunkeln einer riesigen Park ähnlichen Anlage, die mittlerweile total mit allen möglichen Büschen, Bäumen und sonstigen Pflanzen zugewachsen war. Mein Scanner verriet mir auch die ungefähre Richtung zu meinem angestrebten Ziel, das ich so schnell wie möglich erreichen musste, wenn ich meine Mission erfolgreich zu Ende bringe wollte.

Ich riskierte es, für ein paar Sekunden die Taschenlampe einzuschalten. In ihrem spärlichen Schein konnte ich allerdings nur dürre Bäumchen erkennen, von denen hier scheinbar eine ganze Menge herumstanden. Bis wohin sie standen, konnte ich leider nicht erkennen, aber was ich im Moment dringend brauchte, war eine gute Deckung, falls die Wächter ihre Suchdrohnen ein weiteres Mal losschicken sollten.

Ich schob die Leiter zusammen. Das Aluminium glänzte stark. Ich ärgerte mich darüber, dass ich nicht daran gedacht hatte, das helle Metall mit einer dunklen Farbe einzustreichen. Ich beschloss daher, die Leiter einfach irgendwo im dichten Gestrüpp zwischen den Bäumen liegen zu lassen. Ich brauchte sie sowieso nicht mehr.

Vorsichtig bewegte ich mich in der Dunkelheit weiter. Mehrmals stolperte ich durchs hohe Farnkraut, das überall im Gelände wuchs. Irgendwo vor mir musste die alte Gebäuderuine sein.
Immer wieder blieb ich stehen, um mich neu zu orientieren. Ich schleppte mich mit meiner schweren Ausrüstung zwischen den nun dichter und höher werdenden Bäumen hindurch. Lieber langsam, aber dafür unbemerkt kam es mir in den Kopf. Und da! Plötzlich schimmerte vor mir der feste Belag einer an vielen Stellen mit Moos überwucherten Straße. Ich war also auf dem richtigen Weg.

Ich schlich weiter. Kein Laut war zu hören. Ich hatte Glück und lief auf dem Grasstreifen neben der Straße weiter, immer nah genug am Wäldchen, um notfalls darin untertauchen zu können.

Endlich ragte der verschwommene Umriss einer gewaltig aussehenden Gebäuderuine vor mir auf. Kaum zu glauben, dass ich hier früher mal gewohnt habe, schoss es mir in den Kopf. Ich duckte mich unter ein paar tiefhängenden Ästen hindurch und schlich auf den offenen Eingang des mittleren Gebäudes zu. Ich kam dem rettenden Ziel Schritt für Schritt näher.

Was in Gottes Namen ist aus meinem Besitz geworden? Bevor die Außerirdischen unsere Welt überfielen, lebte ich hier mit meiner Familie glücklich und zufrieden. Sie hatten mit ihren tödlichen Waffen schon bald die gesamte Erde unter ihre Kontrolle gebracht und auf ihren schrecklichen Raubzügen fast die ganze Menschheit ausgerottet. Nur wenige von uns blieben am Leben und vegetierten danach verstreut auf allen Kontinenten im Untergrund weiter, stets die Angst im Nacken, entdeckt zu werden.

Die fremden Wesen aus den unergründlichen Tiefen des Alls nahmen rigoros Besitz von der Erde und schufen sich eine neue Zivilisation auf ihr. Bald gab es Milliarden von ihnen. Für die Menschen gab es keinen Platz mehr. Aber der Tag der Rache war gekommen! Heute Abend würde ich gnadenlose Vergeltung an denen üben, die Tod und Vernichtung über die gesamte Menschheit gebracht hatten. Damals, am Grab meiner getöteten Familie schwor ich dies für den Rest meines Lebens.

Etwa fünfzig Meter vor dem düsteren Gebäude blieb ich in geduckter Haltung stehen. Ich legte einen Teil der Ausrüstung ab, richtete mich schließlich wieder auf und lauschte. Nichts regte sich. Alles war vollkommen still, als wäre alles Leben ausgelöscht worden und die Erde nur noch ein toter Planet.

Mein Herz klopfte wie wild, als ich den Eingang erreichte. Nur der Gedanke an meine Rache zwang mich weiterzugehen. Vorsichtig schlich ich mich in den zerfallenen Innenhof des Gebäudes und erinnerte mich gleichzeitig daran, dass auf der gegenüber liegenden Seite ein Nebengebäude stehen müsse, das im hinteren Teil durch einen kleinen Abstellraum begrenzt wurde. In dieser Kammer gelangte man über einen geheimen Zugang zu einem unterirdisch angelegten Laboratorium, das ich mir vor langer Zeit einmal selbst eingerichtet hatte, um dort ungestört meine privaten Experimente auf dem Gebiet der Virenforschung durchführen zu können. Meine Arbeit war sehr erfolgreich gewesen, die ich aber wegen des Krieges mit den Angreifern aus dem All abbrechen musste.

Nun war ich an der Ecke des Nebengebäudes angekommen. Vorsichtig schaute ich durch eines der zerschlagenen Fenster, dessen Holzrahmen zerrissen auf dem Boden lag. Nachdem ich um die Ecke gebogen war, sah ich die geschlossene Holztür hinter der ein Gang lag, der direkt zur Abstellkammer führte.

Ich drückte die verrostete Klinke der Tür, die sich mit einem knirschenden Geräusch öffnen ließ. Aus dem dunklen Gang hinter der Tür schlug mir ein fauliger Geruch entgegen, der mir fast den Atem raubte. Der Gestank war fürchterlich. Einige Wände waren in sich zusammengestürzt. Ich zwang mich dazu ruhig zu atmen und schaltete die Taschenlampe ein, deren gebündelter Lichtstrahl über die herumliegenden Steinbrocken huschte. Im hellen Lichtkegel am Ende des Korridors konnte ich eine unscheinbare Wand erkennen, von der ich wusste, dass sie sich mit einem kleinen versteckten Hebel im Fußboden zur Seite bewegen ließ. Ich ging auf die rechte Ecke zu, hob die schmutzige Fußleiste hoch, fand augenblicklich den besagten Hebel und drückte ihn vorsichtig nach unten. Der Mechanismus war noch in Ordnung. Die Wand bewegte sich plötzlich wie von Geisterhand mit einem kratzenden Geräusch von mir weg und gab einen noch dunkleren Kellergang frei, der weit nach unten in den Boden führte. Dort lag mein geheimes Labor. Zufrieden stellte ich fest, dass es niemand in den vielen zurückliegenden Jahren entdeckt hatte. Ich betrat vorsichtig die glitschige Treppe und schloss hinter mir den geheimen Zugang. Krachend und staubend fiel die bewegliche Wand in ihre ursprüngliche Lage zurück. Ich hatte es geschafft und kurze Zeit später stand ich in meinem Labor tief unter der Erde.

Zwei volle Tage brauchte ich, um alles wieder in Gang zu setzen. Der Stromgenerator machte anfangs noch etwas Schwierigkeiten, lieferte aber nach einer gründlichen Reparatur wieder zuverlässig Strom. Außerdem standen mir noch meine chemischen Batterien zur Verfügung, die ich zur Not hernehmen konnte. Dann war es endlich soweit! Am dritten Tag konnte ich mit der Herstellung des Todesvirus beginnen, um ihn als biologische Massenvernichtungswaffe gegen die Eindringlinge aus dem All einsetzen zu können. Eigentlich machte ich nur dort weiter, wo ich bei meinen gefährlichen Experimenten mal aufgehört hatte. Damals konnte ich noch nicht ahnen, welch schicksalhafte Wendung meine geheime Virenforschung später einmal nehmen sollte, eine verloren geglaubte Menschheit vor dem Untergang zu retten.

***

Die Roboterwächter der Außerirdischen umstellten die verlassene Gebäuderuine. Draußen stand die Sonne hoch am blauen Himmel. Man hatte mich also ausfindig gemacht. Ein rot leuchtendes Alarmsignal blinkte über dem Eingang zum Fluchttunnel auf und zeigte mir an, dass einige dieser Bastarde bereits im Gebäude waren. Sie würden noch einige Zeit brauchen, bis sie mein unterirdisches Labor entdecken würden. Eile war geboten. Dann öffnete ich die Stahltür zum Fluchttunnel und verschwand darin.

Der Ausgang befand sich in einem kleinen Wäldchen, etwa 250 Meter entfernt hinter der Ruine. Ich konnte das Stimmengewirr der Wächter hören, die nach mir suchten. Vorsichtig schlich ich in fast kriechender Haltung durch das dichte Unterholz. Ich musste irgendwie zu meinem getarnten Gleiter gelangen, der ihnen bisher nicht aufgefallen war.

Plötzlich spürte ich den Luftzug einer riesigen Klinge über mir. Ich richtete mich auf. Im gleichen Augenblick erkannte ich den dunklen Schatten eines dieser außerirdischen Wesen neben mir, das mit seiner klobigen Kombinationswaffe nach mir schlug. Das hässliche Gesicht dieses Monsters war raubvogelartig, gelb, schlitzäugig, ausdruckslos und unwirklich.

Ich lief, als wäre der Teufel hinter mir her, griff in meine linke Hosentasche, packte den elektronischen Schlüssel und rannte so schnell ich konnte direkt auf den Gleiter zu, der sich langsam vor mir enttarnte.

Ein lauter Ruf hallte durch die Gegend: „Wir haben ihn! – Alle zu mir!“

Ich sprintete weiter. Ein Mannschaftstransporter mit vier der außerirdischen Monster und zwei ihrer Roboterwächter schwebte über das Gelände. Er verringerte seine Geschwindigkeit soweit, dass die Besatzung herunterspringen konnte. Dann schossen sie auf mich.

Ich ging in Deckung. Vor mir befanden sich eine Reihe halb verfallener Garagen und ein niedriges Backsteingebäude. Das genügte. Ich rannte mit großen Schritten auf eine schmale Lücke zwischen ihnen und den Bäumen dahinter zu.

Geschafft! Ich hörte, wie die fremden Wesen sich gegenseitig zuriefen. Den Stimmen nach mussten es bereits mehr als vier von ihnen sein. Wozu quälte ich mich eigentlich? Die Beine trugen mich fast nicht mehr. Sollte ich nicht lieber einfach aufgeben? Aber das Serum wirkte noch nicht. Ich musste noch etwas mehr Zeit gewinnen.

Ich lief über die mit Moos bewachsene Straße und rannte in den angrenzenden Wald hinein. Hier würden sie mich nicht so schnell finden und wenn, dann wäre das Schicksal der Fremden aus dem All schon besiegelt.

Gigantische Bäume schienen mir den Weg zu versperren, ein weiteres Vordringen in den Wald wurde langsam unmöglich. Wie ein Wall türmten sie sich unter dem azurblauen Himmel auf, und als sich ein leichter Wind erhob und die Äste der hohen Bäume anfingen, rauschend zu schwingen, bemerkte ich zum ersten Mal, dass sich eine Veränderung im Innern meines Körpers vollzog.

Jetzt wusste ich: Das tödliche Virus in mir war endlich voll entwickelt. Die Veränderung war abgeschlossen. Es würde bald Billionen und Aberbillionen von Sporen freisetzen und die gesamte Atmosphäre des Planeten Erde damit infizieren. Für die übrig gebliebenen Menschen war es ungiftig und völlig harmlos, aber für die fremden Wesen aus dem All war das Virus absolut tödlich. Ihr Metabolismus war dafür nicht widerstandsfähig genug. Das Virus wird sie elendig zugrunde gehen lassen. Ihr Gewebe wird sich unaufhaltsam zersetzen und schließlich ganz auflösen. Nichts wird von ihnen übrig bleiben als eine blasig schäumende Masse ihres unansehnlichen, gelben Fleisches.

Ein Opfer allerdings brauchte das Virus für seine Verwandlung, aber mein Tod wird der übrigen Menschheit eine neue Zukunft geben.

Ich legte mich hin und schlief ein. Die Sporen drangen bereits durch meine Haut. Ich wusste, dass ich nie wieder aufwachen würde.


 


 

ENDE

(c)Heinz-Walter Hoetter

 

 

 

 

 

4. Auf der Suche nach dem Haus des Glücks

 

Ein reicher Mann reiste viele Jahrzehnte ruhelos in der Welt herum. Trotz seines Wohlstandes fühlte er sich unzufrieden. Deshalb war er immer auf der Suche nach seinem Glück, denn er hoffte, es eines Tages irgendwo zu finden.

Schließlich hörte er von einem Gerücht, dass es an einem fernen Ort angeblich ein Haus des Glücks geben würde. Wer es betritt, der könne unendlich glücklich werden und eine unbeschreibliche Zufriedenheit erlangen.

Der reiche Mann machte sich sofort auf den Weg. Er schwor zu sich selbst, so lange nach dem Haus des Glücks zu suchen, bis er es finden würde. Er ließ nicht locker, forschte überall herum, las in vielen Büchern, bis er eines Tages in einer abgelegenen Klosterbibliothek unverhofft auf einen alten, aber sehr weisen Mönch traf, der ihm den entscheidenden Hinweis geben konnte.

"Das Haus des Glücks befindet sich an einem Ort, der zwar weit in der Vergangenheit zurückliegt, aber dennoch ganz real für ihn existiere. Er müsse nur seinem suchenden Herzen folgen, dann würde er ihn finden", sprach der weise Mönch.

Der reiche Mann dachte eine Weile nach, bis ihm plötzlich der Gedanke kam, wo sich das Haus des Glücks möglicherweise befinden könnte. Der alte Mönch hatte ja gesagt, er solle nur seinem Herzen folgen. Also tat er es und machte sich schon bald auf den Weg.

Eines Tages war es dann soweit. Schon aus der Ferne entdeckte er das kleine Dorf, wo er mal als Kind mit seinen Eltern gewohnt hatte. Leider waren Vater und Mutter viel zu früh durch einen schweren Autounfall ums Leben gekommen. So wuchs er bei der unverheirateten Schwester seiner verstorbenen Mutter auf, die ihn damals nach diesem tragischen Ereignis bei sich aufgenommen und liebevoll großgezogen hatte.

Voller Herzklopfen näherte er sich dem kleinen Dorf, das in einem wunderschönen Tal in der Nähe einer großen Gebirgskette lag. Als er das Dorf betrat, welches sich nur wenig verändert hatte, kam ihm rein zufällig eine sehr alte Frau auf dem Dorfplatz entgegen, die ihn auf einmal anstarrte, als sei er ein Geist. Es hatte den seltsamen Anschein, als würde sie ihn kennen, doch war sie sich wohl nicht sicher genug. Plötzlich erhellte sich ihr Gesicht aber. Im nächsten Augenblick ging sie auch schon direkt auf den völlig verblüfften Mann zu, betrachtete eine Weile sein braungebranntes Gesicht, bis sie plötzlich laut zu schreien anfing und immer wieder seinen Namen rief. Sie hatte ihn offenbar erkannt.

"Unser Josef ist wieder da! ! Er ist zu uns zurück gekehrt!" rief sie mit lauter Stimme nach allen Seiten über den weiten Dorfplatz. Dann warf sie sich dem Mann in die Arme, der nicht ahnen konnte, dass ausgerechnet sie die Schwester seiner längst verstorbenen Mutter war, bei der er seine gesamte Kindheit verbracht hatte. Dass er sie nicht gleich wiedererkannt hatte, dafür schämte er sich jetzt zutiefst und fing an zu weinen.

Die Rückkehr ins Dorf seiner Kindheit hatte sich schon bald wie ein Lauffeuer im Ort verbreitet. Von überall her strömten die Dorfbewohner auf den großen Dorfplatz. Alle wollten den reichen Mann sehen, den sie schon bald liebevoll ihren "Josef" nannten. Es brach eine richtige Volksfeststimmung aus.

Schon bald kam auch der Bürgermeister herbei, der ihn ganz offiziell begrüßte. Anschließend marschierten alle zusammen zu einem kleinen Haus am Rande des Dorfes, wo die Schwester seiner verstorbenen Mutter immer noch wohnte. Hier hatte er als Kind gelebt und gespielt. Er spürte plötzlich zu diesem Ort seiner Kindheit eine tiefe Verbundenheit und innige Liebe in seinem Herzen, das vor lauter Glück zu zerspringen drohte.

Die Leute des Dorfes waren hinter ihm stehen geblieben, als er ganz alleine auf das einsam da stehende Häuschen zuging. Niemand sprach auch nur ein Wort. Alle Augen waren auf den reichen Mann gerichtet, der nach Hause zurück gekehrt war.

Plötzlich blieb ihr "Josef" stehen, drehte sich auf der Stelle herum und rief den Leuten des Dorfes zu: "Ich habe das Haus meines Glückes gefunden. Ich bleibe für immer hier!"

Die Dorfbewohner brachen in einen unbeschreiblichem Jubel aus. Noch am gleichen Abend feierte das ganze Dorf ein großes Fest für ihren Rückkehrer, der seinen nicht unerheblichen Reichtum bald für viele Projekte im Dorf großzügig zu Verfügung stellte.

Noch heute lebt Josef in diesem Dorf, das sich in einem wunderschönen Tal ganz in der Nähe einer lang gezogenen Gebirgskette mit schneebedeckten Bergen befindet.

Er ist ein hochangesehener Bürger seines reizvollen Ortes geworden. Durch ihn wurde sein Dorf zu einem weltbekannten Urlaubsparadies. Wollt ihr wissen, um welchen Ort es sich handelt? Oh, das müsst ihr schon selbst heraus bekommen.

Mittlerweile ist Josef selbst ein alter Mann geworden, der aber immer noch bei bester Gesundheit ist. Ich kenne ihn schon seit vielen Jahren. Wir sitzen oft in jener Dorfwirtschaft zusammen, die er kurz nach seiner Rückkehr vom ehemaligen Besitzer gekauft hatte. Er ließ sie innen und außen komplett renovieren, allerdings ohne dabei viel an dem traditionellen Äußeren zu verändern. Die alte Wirtschaft ist in der Tat ein echtes Schmuckstück im Dorf und steht heute sogar unter Denkmalschutz.

Bei einem schmackhaften Schweinsbraten und einer kühlen Mass Bier hat mir mein Freund Josef diese wunderbare Geschichte erzählt, die ich für euch extra aufgeschrieben habe.

So hat Josef schließlich in das Haus seines Glücks zurück gefunden. Nur wenige Monate später nach seiner Rückkehr starb auch Mutters Schwester, die ihn so fürsorglich aufgezogen hatte, im hohen Alter von 96 Jahren. Sie wurde im Grab der Familie auf dem Dorffriedhof beigesetzt.

Viele Jahrzehnte ist er als Vagabund ruhelos in der Weltgeschichte herum gereist ohne zu wissen, dass sein großes Glück im heimatlichen Dorf lag.

Dorthin war er zurück gekehrt, und in hier würde er auch sterben.



 

ENDE

(c)Heinz-Walter Hoetter

 

 

5. Begegnung mit Freya


 

Arthur Maier erwachte ganz plötzlich. Er fühlte sich wunderbar ausgeruht und voller Energie. Es kam ihm so vor, als hätte er viele Jahre seines Lebens im tiefen Schlaf verbracht.

Ein Diener brachte ihm das Frühstück, das er mit großem Appetit aß. Als er damit fertig war, zog er sich frische Kleidung an und freute sich darüber, dass alles gut passte.

 

Der kräftig aussehende junge Mann lauschte. Anscheinend war Freya nicht im Haus, aber dafür hörte er ihre Stimme draußen im Hof. Er verhielt sich ruhig, lauschte erneut, um sich auf ihre Worte zu konzentrieren. Sie sprach offenbar mit jemand. Aber mit wem? Leider konnte er so gut wie nichts verstehen, denn ihre Stimme wurde immer wieder vom Rauschen des nahen Meeres überlagert.

 

Nach einer Weile trat Arthur vor die Tür, schaute sich nach allen Seiten um, erklomm dann etwas später eine sanfte Düne ganz in der Nähe und ließ seinen Blick über die gekräuselte See schweifen. Das weite Meer sah harmlos aus. Ein sanfter Wind strich über die Wasseroberfläche und die hochstehende Sonne glitzerte in den unzähligen Wellen, die wie kleine Silberschiffchen aussahen. Irgendwie erschien ihm der Horizont weiter in die Ferne gerückt zu sein. Oder täuschte er sich nur? Wohin er auch schaute, es ragte nichts aus diesen unendlich erscheinenden Wassermassen heraus, kein Strand, keine Küste und auch keine Insel.

 

Tief in Gedanken versunken stand der junge Mann so da. Auf einmal vernahm er Schritte hinter sich. Arthur erschrak fast, als Freya plötzlich wie aus dem Nichts neben ihm auftauchte.

 

Ohne ein Wort zu sagen deutete sie mit einer kurzen Kopfbewegung in Richtung der silbrig funkelnden See.

 

Findest du sie nicht auch wunderschön?“ fragte sie mit sanfter Stimme und fuhr mit verklärtem Blick fort, „die See ändert ständig ihre Gestalt. Morgens erscheint sie anders als am Mittag oder wenn es auf den Abend zugeht, wenn die Glut der Sonne langsam am Horizont versinkt."

 

Arthur kniff die Augen zu schmalen Sehschlitzen zusammen und starrte über das weite Wasser.

 

Kannst du mir sagen auf welcher Insel sich das Tor zu meiner Welt befindet, Freya?“

 

Die schöne junge Frau mit dem schneeweißen Gesicht und den langen schwarzen Haaren, die ihr bis zu den Hüften herunter hangen, schüttelte den Kopf. Dann schaute sie hinüber zu dem gut gebauten Mann neben ihr und betrachtete ihn aufmerksam von der Seite. Sie wusste, dass er von weit her gekommen war, aus einer Welt, die außerhalb der Ewigkeit lag, in der sie zu Hause war. Er war ein Sterblicher, sie dagegen unsterblich. Sie konnte seine Gedanken lesen, die, so schnell wie sie kamen, auch genauso schnell wieder verschwanden. Es war schwer, ihnen zu folgen. Doch jetzt spürte sie eine starke Sehnsucht tief in seinem Innern, die immer stärker wurde. Er wollte diesen Ort auf einmal so schnell wie möglich wieder verlassen. Nicht nur die Unrast trieb ihn an, sondern ein unbestimmter Drang, dem alles Sterbliche und Lebendige von Natur aus unterworfen war. Er sehnte sich in seine Welt zurück und Freya konnte nichts dagegen tun. Die Liebe zu Arthur Maier hatte anfangs alle Bedenken in den Hintergrund treten lassen. Sie genoss seine unverfälschte animalische Liebe zu ihr. Sie wollte ihn deshalb nicht einfach so gehen lassen, sie, die eine Göttin war und über ein riesiges Reich herrschte.

 

Sie muss irgendwo da draußen sein. Weißt du etwas darüber, wo sie liegt, Freya?“

 

Ich? Nein. Wie oft habe ich dir das denn schon gesagt, mein Liebster“, log die schöne Frau – wie so oft zuvor.

 

Wie kann das sein? Du wohnst hier in einem wunderschönen Palast am Rande des Meeres, verfügst über unzählige Dienerinnen und Diener, verkehrst mit Leuten, die hinausfahren auf die See oder von dort kommen..., und du willst nichts davon wissen, auf welcher Insel das Tor zu meiner Welt sein soll? Das nehme ich dir nicht ab, Freya.“

 

Ach Arthur“, sagte die schöne Frau ernst, „bleib bei mir, geh’ nicht weg von mir. Sie legte ihre Hand auf seinen Arm und schaute ihn dabei an. Dann sprach sie weiter.

 

Für sterbliche Menschen wie dich ist der Weg über das Meer viel zu weit. Überall lauern Gefahren. Es gibt die Strudel des Todes, die alles verschlingen, was ihnen zu nahe kommt. Sie tauchen an jeder x-beliebigen Stelle ganz plötzlich auf und verschwinden dann wieder. Was willst du tun, wenn du in einen dieser tödlichen Strudel hineingezogen wirst? Niemand könnte dich dann noch retten. Nicht einmal ich. Du wärst hoffnungslos verloren, Arthur. Das willst du doch nicht – oder?“

 

Ich fürchte mich nicht vor dem Meer und den so genannten Todesstrudeln. Ich muss zurück in meine Welt. Koste es, was es wolle. Sind denn nicht schon andere von dort gekommen und wieder dahin zurück gekehrt, Freya?“

 

Gewiss. Aber vergiss nicht, dass es ihnen so bestimmt war. Die mächtigen Götter wollten es so. Nun, bei dir sehe ich, dass du nicht aufgeben willst. Dein Wille ist sehr stark. Er wird dich bestimmt wieder dorthin zurück bringen, was du als deine Heimat betrachtest. Für kurze Zeit nur konnte ich dir Frieden, Geborgenheit und Liebe schenken. Ich sehe jetzt ein, dass es keinen Sinn mehr hat, dich länger bei mir zu behalten. Deshalb werde ich dir einen Rat sagen, den besten, den ich dir in deiner Situation geben kann.“

 

Freya wurde traurig und hielt ein wenig inne, bevor sie weitersprach.

 

Gehe den Strand in östlicher Richtung entlang, bis du an die grünen Klippen kommst. Dort wirst du einen Leuchtturm vorfinden, dessen Wärter ein gewisser Heimdall ist. Suche ihn auf und bitte ihn darum, dass er dich zu dieser Insel führt, auf der sich das Tor zu deiner Welt befindet. Rede nicht allzu viel in seiner Nähe und sprich besonders leise mit ihm. Er hat empfindliche Ohren, die sogar das Gras wachsen hören können. Vielleicht kannst du sein Herz erweichen, und er bringt dich von hier weg.“

 

Hab’ vielen Dank Freya“, sagte Arthur und umarmte die schöne Frau ganz überraschend, „ich werde dich nie vergessen und mich immer an deine wunderschöne Liebe erinnern, die mein kaltes Herz auf wunderbare Weise erwärmte und mir ein neues Leben geschenkt hat. Ich werde die Erinnerungen an dich wie Gold aufbewahren und es pflegen und putzen, sodass es immerfort strahlen und glänzen wird.“

 

Er küsste Freya ein letztes Mal.

 

Dann löste sich Arthur Maier schnell von der schönen Göttin und wandte sich zum Gehen. Eigentlich wäre er gerne bei ihr geblieben, hätte noch so viele Fragen gehabt, aber jetzt, wo er den Weg zurück nach Hause kannte, musste er Abschied nehmen. Dann drehte er sich endgültig um und ging den Strand am wogenden Meer entlang. Freya sah ihm noch lange nach. Sie hatte Tränen in den Augen. Sie war eine Göttin und hatte sich in einen Mann verliebt, der mit der Sterblichkeit behaftet war.

 

***

 

Arthur lief mit weit ausholenden Schritten am Ufer des Meeres dahin. Schon bald hatte er die Klippen erreicht auf denen ein großer Leuchtturm stand. Unten in der weiten Bucht, direkt am Strand, ankerte ein schlankes Segelschiff. Dann rief er nach Heimdall, der gerade dabei war, ein Fischernetz zu reparieren. Als dieser den jungen Mann sah, ließ er das Netz los und rief mit lauter Stimme, er solle doch zu ihm herunter kommen. Arthur verstand und stieg den schmalen Pfad zum Meer hinab. Wenig später stand er vor Heimdall, der ein altersloses Gesicht hatte.

 

Wer bist du?“ fragte dieser gelassen, als der junge Mann bei ihm schweißnass angekommen war.

 

Ich bin Arthur Maier und suche die Insel mit dem Tor zu meiner Welt, die Erde heißt."

 

So, so. Wie ich sehe, scheint dich das Leben wieder zurück gewonnen zu haben. Nun ja, ich bin keine Mann der vielen Worte. Meine Ohren schmerzen mir, wenn ich laute Geräusche höre. Lass uns am besten jetzt gleich aufbrechen. Komm mit und steig’ ins Boot. Es geht sofort los.“

 

Arthur tat, was Heimdall von ihm forderte. Er hielt sich zurück und sprach fast kein Wort mit ihm. Dann segelten sie hinaus aufs offene Meer.

 

Einen ganzen Tag lang trieb das Segelschiff unermüdlich dahin. Der Himmel über der See war mit düsteren Wolken behangen. Nur sporadisch rissen die Wolken hier und da auf und ließen die Strahlen der Sonne hindurch.

 

Schon hatte sich Arthur an das Tosen des Meeres gewöhnt, ja das Brausen, Gurgeln und Rauschen der Wellen schon fast nicht mehr wahrgenommen, als mit einem Mal Ruhe einkehrte, dass man sein eigenes Herz klopfen hören konnte. Nebel lag über dem Wasser, und eine Weile später konnte man schemenhaft, ganz undeutlich nur, die Konturen einer Küste erkennen. Der junge Mann war erleichtert. Offenbar hatten sie die Insel mit dem Tor, das ihn in seine Welt bringen sollte, erreicht.

 

Heimdall hatte mittlerweile die Segel eingerollt und sah Arthur hintergründig lächelnd aus seinen blauen Augen an.

 

Jetzt“, sagte Heimdall, „hast du das Ziel deiner Bestimmung erreicht. Das Tor findest du oben auf der höchsten Erhebung der Insel. Gehe hindurch und im gleichen Moment wirst du wieder auf der Erde sein. Wenn du die Insel betreten hast, werde ich sofort umkehren und dich verlassen. Dann bist du ganz auf dich allein gestellt. Ich wünsche dir noch viel Glück, Arthur Maier.“

 

Ich danke dir für alles, Heimdall. Ich bin froh, dass ich mit deiner Hilfe die Insel erreichen konnte. Doch will ich mich beeilen und mit Worten sparen. Also, leb’ wohl mein guter Freund!“

 

Als der junge Mann vom Boot auf die Insel sprang und sich noch einmal kurz umdrehte, war Heimdall mit dem Segelschiff bereits verschwunden. Dann machte sich Arthur auf den Weg zum Mittelpunkt der Insel. Bald stand er vor dem leuchtenden Portal, das ihn zur Erde zurückbringen würde. Das Tor hatte die ganze Zeit für ihn offen gestanden. Erst als Arthur hindurch geschritten war, schloss es sich wieder geräuschlos. Ein letzter Gedanke ging ihm dabei durch den Kopf.

 

Das Schicksal des Menschen ist wie eine Kerze, die von unbekannter Hand entzündet wird. Ihr Licht leuchtet und flackert im Auf und Ab des Lebens, und doch kann es von einem plötzlichen Windstoß ausgeblasen werden. Wie gut, das es Mächte gibt, die es wieder entzünden können.“

 

***

 

Immer wieder fielen Arthur Maier die Augen zu. Er zwang sich, gegen die lähmende Müdigkeit anzukämpfen. Mühsam blickte er mit trübem Blick um sich. Alles war verschwommen – nur grauer Schleier und Licht.

 

Als er endlich besser sehen konnte, erkannte er drei Gestalten. Ein Mann und zwei Frauen anscheinend, die weiß gekleidet waren und einige Blätter in den Händen hielten.

 

Ich liege vermutlich in einem Bett“, sagte er mit leiser Stimme. Sein Kopf schmerzte. Er hörte nur ein seltsames Surren und, wie aus weiter Ferne, ein gleichmäßiges Piepsen. Der Mann und die beiden Frauen schienen mit irgendwelchen Dingen beschäftigt zu sein, die ihn betrafen.

 

Etwas schnürte seinen Hals zu, als er bemerkte, dass er seine Arme und Beine nicht bewegen konnte.

 

Arthur schloss wieder die Augen und schlief ein.

 

Irgendwann kam er zu sich. Wie lange hatte er geschlafen? Er fühlte sich wunderbar ausgeruht und voller Energie. Sein Kopf war jetzt wesentlich klarer und der Blick seiner Augen war nicht mehr getrübt.

 

Offensichtlich konnte er seine Glieder wieder bewegen. Langsam richtete er sich auf. Er versuchte es zumindest, was ihm aber nicht so richtig gelang. So weit er feststellen konnte, lag er allein im Halbdunkeln eines sauber aufgeräumten Zimmers. Er versuchte sich zu erinnern, was passiert war. Was mochte vorgefallen sein? Vor seinem geistigen Augen sah er die Bilder eines Flugzeuges hoch am Himmel. Das war alles. Ihm fehlte das entscheidende Stück Erinnerung. Es schien ihm fast so, als hätte jemand sein Gedächtnis gelöscht. Wieder wurde er müde.

 

Gegen Morgen drangen die ersten zaghaften Lichtstrahlen ein, und Arthur wusste jetzt, als er um sich blickte, dass er in einem Krankenzimmer lag. Er trug ein weißes Hemd, sein rechter Arm war völlig eingegipst worden und die Oberschenkel der Beine hatte man mit weißem Verbandsmaterial umwickelt. Ansonsten schien er in Ordnung zu sein.

 

Er erinnerte sich noch immer nicht, was geschehen war. Unfähig, sich richtig zu konzentrieren, wollte er schon wieder die Augen zumachen und weiterschlafen, als plötzlich die Zimmertür aufging. Eine Krankenschwester trat ein.

 

Endlich scheint unser Patient ja richtig da zu sein. Na, wie geht’s Ihnen heute, Arthur? Ich darf Sie doch mit Ihrem Vornamen anreden, oder? Mein Name ist übrigens Freya Lopez. Aber sagen Sie einfach Freya zu mir. Ich hatte deutsche Großeltern, die vor dem 1. Weltkrieg nach Brasilien ausgewandert sind. Daher der Vorname. Wissen Sie, Freya war irgend so eine nordgermanische Göttin der Liebenden und der Fruchtbarkeit. Aber ich schweife ab. Entschuldigen Sie bitte. Ich bin übrigens ab heute für Sie zuständig. Ach so, wollen Sie denn nicht wissen, was mit Ihnen passiert ist?“

 

Freya Lopez grinste auf einmal.

 

Arthur hatte in der Tat das Bedürfnis, an die Frau in dem weißen Kittel viele Fragen zu stellen. Seine Stimme klang ziemlich mitgenommen, als er seinen Kopf zu ihr herum drehte und sagte: „Ich kann mich leider an nichts mehr erinnern. Sagen Sie mir, was geschehen ist, Schwester.“

 

Nun ja“, fing Freya Lopez an, „ich denke mal, dass Sie die Wahrheit schon vertragen werden.“

 

Sie zögerte etwas. Doch dann sprach sie weiter.

 

Sie saßen in einer Linienmaschine, die auf dem Flug von München nach Rio de Janeiro war. Die Maschine stürzte kurz vor der brasilianischen Küste brennend ins Meer. Sie konnten glücklicherweise gerettet werden, obwohl man Sie mehr tot als lebendig aus dem Wasser gezogen hat. Die meisten Passagiere kamen bei dem Unglück um. Nur neun von ihnen überlebten, darunter Sie. Immerhin, bis Rio haben Sie es ja doch noch geschafft. Sie liegen hier in einer Klinik ganz in der Nähe des Zentrums. Wenn Sie aus dem Fenster schauen, können Sie sogar die Christus-Statue auf dem Corcovado sehen. Aber alles der Reihe nach. Ich werde jetzt erst mal das Essen holen. Ich hoffe, Sie können es allein und ohne meine Hilfe zu sich nehmen. Eine Hand haben Sie ja noch frei. Der Arzt hat mir gesagt, dass Sie die ganze Sache hier ohne Folgeschäden überstehen werden. Sie sind schon wieder auf dem Weg der Besserung. Tja, Sie sind ein richtiger Glückspilz, Arthur Maier, und ich liebe Glückspilze über alles.“

 

Als die Krankenschwester näher an sein Bett trat, blickte der junge Mann zum ersten Mal genau in ihr Gesicht. Es war das vollendete Gesicht einer überaus schönen Frau. Ihre nach oben zusammengebundenen langen schwarzen Haare lugten unter einer kleinen, schneeweißen Kopfhaube hervor. Sie lächelte ihn mit sinnlich geformten Lippen an und Arthur Maier hatte den seltsamen Verdacht, dass ihm das wunderschöne Gesicht und das betörende Lächeln dieser hinreißenden Frau irgendwie bekannt vorkamen.

 

 

ENDE

 

© Heinz-Walter Hoetter

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.11.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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