Hajo Schindler

Tagtraum

Bestimmt lag es daran, dass Reisen auch in diesem Jahr nicht wie wir es aus der Vergangenheit kannten, möglich war. Blödes Corona! In mir wurden plötzlich die Bilder aus einer unbeschwerten Zeit wach. In einem Augenblick war plötzlich alles wieder da und in mir machte sich ein unbeschreibliches Gefühl breit. 

Ich sah wie der Zug die dunkle Bahnhofshalle verließ und meine Frau und mich in den beschaulichen von der Sonne verwöhnten Ort nach Südfrankreich zu meinen Verwandten brachte. Über Lyon entlud sich ein kurzes, heftiges Sommergewitter, als wir in den frühen Morgenstunden dort eintrafen. Bis hierher war die Fahrt ereignislos verlaufen. In Lyon stiegen wir um und nahmen in dem Zug in Richtung Valence Platz. Der Zug war nicht voll besetzt und so saßen wir alleine und schauten hinaus auf die vorbeifliegenden Dörfer und Kleinstädte und auf eine zersiedelte Landschaft, die immer südlicher wurde und schon die Nähe der Provence in sich trug. Während der Fahrt sog ich den Anblick der Landschaft in mich hinein. Die Natur zeigte Spuren des heißen Sommers und würde unter der Glut der Sonne weiter ermatten. Als wir in Valence den Zug verließen, wurden wir von unseren Verwandten überschwänglich begrüßt. Wir gingen zunächst gegenüber des Bahnhofsgebäudes in ein Bistro und tranken einen starken Mokka, der unsere Müdigkeit  von der Fahrt durch die Nacht vertreiben sollte. Auf der Autofahrt zum Haus meiner Cousine  herrschte draußen eine merkwürdige, fast andächtige Stille, die so gar nicht zu dem heiteren Licht des Sommer und der sprichwörtlichen Lebendigkeit der Südfranzosen passte. Mir schien, als hätte nicht nur die Natur mit der Bruthitze zu kämpfen, auch die Menschen versteckten sich davor in ihren Häusern.

Nach ein paar erholsamen Tagen im Haus meiner Cousine machten meine Frau und ich uns auf,  die Gegend zu erkunden. Unser Ziel, war ein altes römisches Aquädukt im Süden Frankreichs. Das Pont du Gard, ein beeindruckendes und monumentales Bauwerk aus längst vergangener Zeit.

Die Gegend um das Pont du Gard ist berühmt für ihre Farben: das Violett der Lavendelblüten, das Silbergrau der Olivenbäume und das Blau des Himmels. Aber auch ein anderer Sinn regt sich bei in dieser Landschaft: der Geruchs- und Geschmackssinn. Der Duft der Kräuter wie Thymian, Salbei, Lavendel, dem frischen Olivenöl und kräftigen Rotweinen lässt das Herz des Menschen höherschlagen. Einzutauchen in diese Welt voller rustikaler Köstlichkeiten, etwas abseits oft gegangener Wege, erfordert Zeit und Muße.

Wir fuhren durch Dörfer, in denen die Zeit stehengeblieben zu sein schien. Neben den Plantanen-Alleen erstrecken sich Lavendelfelder.

Eine stille, fast geräuschlose Landschaft glitt an uns vorbei. Eine Stille, die süchtig macht. Die von der Sonne verwöhnte und vom Mistral geformte Landschaft verströmte in dieser Jahreszeit mit ihren Lavendel-, Wein- und Sonnenblumenfeldern einen betörenden Charme. Eine wohltuende Überraschung für alle Sinne. Wir hatten die Zeit, nahmen unvergessliche Eindrücke auf.

Im nächsten Kreisverkehr, die zweite Ausfahrt, ging es links ab zum Pont du Gard.  Schon von Weitem erkannten wir das gut erhaltene, imposante römische Bauwerk. Durch die Wipfel der Bäume ragte es majestätisch in den Himmel und hatte den Charakter einer Operetten-Kulisse, die von der Sonne verwöhnt wird.

Das warme Sommerlicht verlieh dem gut erhaltenen, historisch markanten 2000jährigen Monument Würde und goldenen Glanz. Es schien, als hätte der Zahn der Zeit diesem Bauwerk nichts anhaben können. So vollkommen, so harmonisch und so vorbildlich passte sich die Konstruktion in ihre Umgebung ein. Es war ein altes, sattes Frankreich, was sich hier präsentierte, geschichtsträchtig und einsam.

Der Fluss Gardon bahnte sich gemächlich fließend den Weg durch die Rundbögen des Bauwerks. Das ruhig plätschernde Wasser spielte seine Jahrtausende alte monotone Melodie. Über das zerklüftete, weiß schimmernde felsige Steinufer wehte ein leichter warmer Sommerwind und sang sein leises Lied.

 

Etwas entfernt stand am gegenüberliegenden Ufer eine Schar von Flamingos kerzengerade und bewegungslos im Fluss. Ihr rosa Federkleid war in der Nachmittagssonne ein Hauch von Unwirklichkeit. Aus der Ferne hörten wir das Lachen von Kindern, die sich bei einer Wasserschlacht vergnügten, im Fluss schwammen und das Bad in der Sonne genossen.

 

Vor unseren Augen breitete sich eine von der trockenen Hitze geprägte Landschaft aus und die Seele wurde in ein langes und tiefes Staunen gestürzt. Wir spürten den leichten Wind und sahen das goldgelbe Licht, wie es durch die Rundbögen des Bauwerkes schien, alles in unwirklicher Schönheit. Die Sonne machte goldene Schatten auf unserer Haut. In dieser Schönheit fanden wir Frieden. Die Hitze ergriff uns wie ein Fieber. Es schien, dass der Sonnenschein seinen gelblichen Duft hatte, und die Wärme, die über der Landschaft lag, versprach endlose, süße Freizügigkeit.

 

Im Uferbereich des Gardon lehnten wir uns an einen kargen, von der Sonne aufgeheizten felsigen Stein an. Waren einfach nur da. Wir schauten uns nur an, schwiegen. Wir spürten, dass Worte in diesem Augenblick fehl am Platze waren und die Stille zerstören würden. Wir schenkten uns in diesem Moment ein vertrautes, inniges Lächeln.

 

Das unvergleichliche Licht des Südens ließ unsere Gesichter makellos und übersinnlich vor dem lichtgetränkten Himmel erscheinen. Unsere Haare glänzten in der späten Nachmittagssonne. Unsere Augen tasteten die Landschaft ab. Ich spürte eine Süße und Traurigkeit in mir und ich begann plötzlich zu verstehen, wie eng beides zusammen wohnt.

 

Ich ergriff die Hände meiner Frau. Meine Hände begannen zu zittern, meine Knie wollten versagen und mich zu Boden sacken lassen. Für einen kurzen Moment wollte ich alles aufgeben und es nicht wahrhaben, was gerade um mich, um uns herum geschah. Was für ein Tag! Keine Menschenseele außer uns. Was ich erlebte und fühlte, ließ sich schwer in Worte fassen. Das Erlebnis, welches sich in mein Herz eingeschlichen hatte, war ein stilles. Es entstand der Wunsch, Träume und Illusionen zu verwirklichen.

Plötzlich verloren sich alle Geräusche. Wo eben noch behutsam die Wellen des Flusses mit gleichmäßigem Plätschern sich unaufhörlich den Weg ans Ufer bahnten und der leichte Sommerwind ein leises, rauschendes Stelldichein gab, der Gesang der Zikaden  als untrügerisches Zeichen für Frankreichs Süden zu hören war,  verschaffte sich plötzlich eine nie gekannte Stille Raum. Eine Stille, die uns fast erdrückte. Nur das eigene Atmen nahmen wir noch wahr. Alles um uns herum schien zu verschwimmen. Wir schwiegen, sahen uns an, fanden keine Worte. Warum auch? Wir saßen und hörten. Wir hörten die Stille. Wir wollten sie nicht verbannen. Es tat gut. Sie ist eine Begleiterin des Lebens.

 

Vielleicht dachte jeder von uns in dieser Zeit, die sich nicht in Minuten messen ließ, etwas anderes. Wir redeten nicht darüber. Es war die Angerührtheit, an die wir uns später noch sehr lange erinnerten.

 

Ergriffen von diesem Augenblick möchten wir festhalten, was nicht festzuhalten war und spürten, wir sind hier, in diesem Moment, in diesem Sommer, in diesem Licht, an diesem ungewöhnlichen Ort.

 

Nach langer Zeit standen wir auf, gingen schweigend zum Wagen. Zurück blieb das unverfälschliche Licht, die stille Sehnsucht, das ergreifende Gefühl von Zufriedenheit am Ufer des Flusses Gardon und in den Bögen des Pont du Gard.

 

Im Auto angekommen drehe ich den Zündschlüssel im Zündschloss nach rechts. Ich wollte weiterfahren.

 

Plötzlich hörte ich die Stimme meiner Frau. Sie rief, hast du das Badezimmer geputzt und die leeren Flaschen zum Glas-Container gebracht? Sofort war ich wieder im Hier und Jetzt. Nichts mehr mit Lavendel, Ruhe und verweilen in der Sonne. Abrupt war mein Tagtraum beendet. Der Alltag forderte seinen Tribut. Ich redete mir ein, solche Dinge müssen ja wohl getan werden. Aber träumen wird man ja noch dürfen, dachte ich so bei mir. Blöder Alltag, blödes Corona, blödes Badezimmer und blöde leere Flaschen.

 

Ich atmete tief durch, setzte ein freundliches Gesicht auf, das erleichtert nach meiner Erfahrung das Zusammenleben mit meiner Holden gewaltig und beschloss ganz allein für mich tief in meinem Herzen, ich werde demnächst wieder nach Frankreich fahren, in dieses wunderbare Land und dort meiner Seele Ausgang gewähren. Vielleicht schon nächsten Sommer.

 

Aber dann ging es ran an die mir wohl obliegenden Pflichten, wenigsten nach der Ansicht meiner Ehefrau.

 

Aber die Sonne wird wohl bald wieder scheinen. Ich freue mich auf unsere nächsten Reisen, die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.11.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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