Heinz-Walter Hoetter

Fünf Kurzgeschichten aus dem Reich der Fantasy

1. Total Recall


 

Erinnerungen sollte man pflegen.

***

 

Eigentlich erinnere ich mich nur noch sehr vage an diese damalige Reise mit einem marsianischen Freund, die schon lange im Dunkel des Vergessens geraten war.

Aber ich hatte ja mein Recall-Gerät.

 

***

 

Ich besaß damals einen dieser neuartigen Gravi-Sportwagen auf Terra und fuhr mit meinem Freund, den ich im Reisesraumschiff "Phönix" kennengelernt hatte, ganz spontan zu einer ausgedehnten Spritztour nach New York City, die zu einer kosmopolitischen Weltstadt an der Ostküste der Vereinigten Staaten geworden war, die mittlerweile mehr als 30 Millionen Einwohner beherbergte, von denen viele aus allen Ecken des Universums kamen.

Mein Freund war Marsianer und wollte für ein paar Wochen auf der alten Erde mal wieder ein bisschen Urlaub machen. Die erste Zeit mit ihm ging alles gut, doch dann stellte sich heraus, dass wir beide zwei grundverschiedene Menschen waren, die sich außerdem fast so gut wie nichts zu sagen hatten.

Ich ging beispielsweise gerne in einfache Restaurants, in denen noch nach alten Rezepten gekocht wurde, aber mein Freund wollte immer in diese supermodernen Fresstempel gehen, in denen man von künstlichen Menschen bedient wurde. Mir lag das einfach nicht, weil mir das zu unpersönlich vorkam.

Auch mochte ich lieber in verträumten Seitengassen spazieren gehen, wo es so richtig gemütlich war, aber mein marsianischer Freund bevorzugte lieber die heißen Orte mit den futuristischen Diskos, in denen man die weiblichen Huren-Androiden reihenweise für ein paar galaktische Dollar abschleppen konnte.

Trotz aller persönlichen Widersprüchlichkeiten während unserer Spritztour nach New York kamen letztlich fast vierzehn Tage Halligalli zusammen, die mich beinahe um den Verstand gebracht hätten.

Endlich ging es zurück in meine gewohnte Umgebung, die weit außerhalb New Yorks auf dem Land lag. Unterwegs erzählte mir mein Freund vom Mars, dass er Regisseur sei und unseren gemeinsamen Ausflug verfilmen möchte. Er wolle daraus eine tolle Geschichte machen, wie er sagte.

Später setzte ich ihn am Raumflughafen ab, der auf unserem Weg lag, weil er kurzfristig, aus nicht näher geschilderten Gründen, noch eine Stadt auf dem Mond besuchen wollte.

Wir verabschiedeten uns schließlich freundschaftlich, wobei er mir seine elektronische Visitenkarte in die Hand drückte, auf der sein Name stand und ihn tatsächlich als Regisseur von Visions-Filmen aller Art auswies, die er unter anderem auch für die Mind-Trip Corperation herstellte, einer bekannten Traumfabrik in Hollywood, wo alles Erlebte, so auch Erinnerungen, in lebensechte 3D-Movies verwandelt werden, die man sich mit Hilfe dieser hochmodernen Recall-Geräte reinziehen konnte, von denen ich mir erst kürzlich eines dieser Dinger gekauft hatte, welches ich gerade vorsichtig vom Kopf nahm und neben meinem Bett auf die eigens dafür bereitgestellte Ablage legte.

Dann zog ich mir die kuschelige Decke über den Kopf, drehte mich auf die Seite und schlief bald ein.

 

 

ENDE

 

(c)Heinz-Walter Hoetter

 

 

 

2. Surfen im Traum

 

 

 

Der junge Sam war eine echte Wasserratte. Er liebte das Meer, die Wellen, den Wind und den weißen Sand am Strand. Er ging auch gerne bei stürmischen Wetter in den Dünen spazieren.

 

Seit zwei Jahren war er schon nicht mehr am Meer gewesen. Deshalb freute er sich wie ein kleines Kind, als er endlich wieder Meeresluft riechen konnte.

 

Er atmete tief durch und schaute dann auf die Uhr. Er hatte noch genug Zeit, bevor er zum Surfen gehen wollte, obwohl er das eigentlich gar nicht konnte, wie er zugeben musste.

 

Endlich war es soweit. Er fragte sich, ob es wohl schwer ist, Surfen zu lernen?

 

Sam watschelte zum Strand runter und hatte sein Board dabei. Ein Surfer kam tropfend aus dem Wasser.

 

Tschuldigung! Kann ich sie mal was fragen? Ist es eigentlich schwer, das Surfen zu erlernen?“

 

Hey Junge, was für eine blöde Frage. Ist eigentlich nicht schwerer, als Fußball spielen oder Radfahren. Probier es einfach mal aus! Irgendwann wird es dann schon klappen!“

 

Ok!“ sagte Sam zu dem athletisch gebauten Surfer und fuhr fort: „Würde ich ja gerne. Aber – vielleicht doch lieber in der nächsten Saison.“

 

Der Surfer ging wortlos mit schüttelndem Kopf davon und verschwand in einer nah gelegenen Strandkabine.

 

Sam nahm kurz darauf seinen klobigen Visionshelm mit den klebrigen Schläfensensoren vom Kopf runter, legte ihn vorsichtig auf den Nachttisch neben seinem Bett, drehte sich auf die Seite und schlief bald ein.


 

ENDE

 

(c)Heinz-Walter Hoetter

 

 

 

 

3. Die fantastische Geschichte
des jungen Maxim Ricardo

und dem magischen Buch

 

 

Der junge Mann saß traurig auf einem kleinen Felsvorsprung in der Sonne und las in einem uralten magischen Buch, dessen Umschlag aus brüchigem Leder bestand. Er vermisste jemanden, den er sehr liebte.

 

Sein konzentrierter Blick wanderte langsam über die goldfarbenen Symbole, die er mit seinen Lippen halblaut nachformte. Der Himmel über ihm war wolkenlos und obwohl die Sonne schien war es recht kühl hier oben bei den alten Steinen. Deshalb hatte sich Maxim Ricardo vorsorglich in eine lange, dicke Felljacke gehüllt, die er aber vorne aus Gründen der Bewegungsfreiheit nicht zugeknöpft hatte.

 

Maxim liebte die Einsamkeit hier oben in den hohen Bergen, das mystische Wispern des Windes und das ferne, dumpfe Rauschen des mächtigen Wasserfalles, der so namenlos wie das zerklüftete Gebirge war, das sich zu seiner Rechten bis zum Horizont erstreckte. Direkt unterhalb des leicht überhängenden Felsens dehnte sich eine weite, karge Geröllebene aus, in der nur sporadisch verteilt einige verkrüppelte Bäume und strohig aussehende Büsche wuchsen, die, zumindest rein äußerlich gesehen, denen auf der Erde sehr ähnlich waren.

 

Die bizarr anmutende Bergwelt dieses fremden Planeten kam Maxim außerdem irgendwie irreal vor, was vielleicht auch daran lag, dass er sich einfach nicht an die unheimlich anmutende Stille gewöhnen konnte, die hin und wieder nur durch das Heulen des Bergwindes unterbrochen wurde.

 

Der junge Mann blätterte zur nächsten Seite um und überflog mit suchendem Kennerblick die mystischen Symbole, die ihm Gold glänzend entgegen leuchteten. Dann wusste er, dass diese Zeilen keine magischen Zauberkräfte enthielten oder diese möglicherweise von selbst entwickeln konnten, sondern nur einige philosophische Erkenntnisse zum Ausdruck brachten, dessen Verfasser ein gewisser Mann namens „Ruairidh“ war, der weit vor Maxim Ricardos Zeit im Mittelalter gelebt hatte und ein hochangesehener keltischer Druide und Magier gewesen war. Auch er hielt dieses uralte magische Buch einmal in seinen Händen, denn was da stand, das konnte damals noch kein Mensch wissen, es sei denn, er hat die Zukunft besucht.

 

Maxim las, was Ruairidh dem uralten magischen Buch an persönlicher Lebenserfahrung und Weisheit hinzugefügt hatte.


***

Der Mensch ist ein Gefangener in Raum und Zeit. Nur der Tod kann ihn daraus erlösen. Nichts von dem, was der Mensch je erschaffen hat, ist von Dauer gewesen. Selbst seine steinernen Denkmäler nicht. Sie werden vom Wind der Zeit geschliffen, abgetragen und hinweg gefegt, als hätte es sie nie gegeben. Sie zerfallen zu Staub. Auch all sein Wissen, seine zivilisatorischen Errungenschaften und seine technischen Großtaten haben keinen Bestand vor den immer gültigen Gesetzen der Ewigkeit. Des Menschen Werke sind wie Schall und Rauch. Sein verweslicher Körper besteht aus Elementen und Stoffen, die aus dem Tod der Sterne hervor gegangen sind. Er ist wie ein verlorener Gedanke, der aus dem Nichts kam und in dieses Nichts wieder zurückkehren wird.

 

Wer wird sich seiner erinnern?

 

Niemand!

 

Das ist des Menschen Schicksal.

 

Doch der wahre Ursprung allen Seins liegt in den schier unerschöpflichen magischen Kräften des Universums, die überall verborgen sind und heimlich walten.

 

Der Sucher aber wird sie finden. Und wenn er sie gefunden hat, muss er sie beherrschen lernen. Wenn er sie beherrscht, dann werden sich ihm die Geheimnisse der Ewigkeit von Raum und Zeit offenbaren. Er wird früher oder später erkennen, dass die magischen Kräfte die Erschaffer und Bewahrer dessen sind, was der Mensch Realität oder Wirklichkeit nennt. Seine irdisch angepassten Sinne halten ihn in dieser Wirklichkeit, die er als Gegenwart wahrnimmt, gefangen.

 

Die magischen Kräfte jedoch werden ihn daraus befreien und ihm ein ewiges Bewusstsein schenken, das keine Schranken kennt, sondern nur grenzenlose Ewigkeit.“

 

***

Grausam ist die Gegenwart.

Gefangen bin ich in ihr.

Deshalb bring mich in die Vergangenheit

oder in die Zukunft!

Ganz nach meinem Wunsch.
So hilf mir, mein Schicksal zu besiegen, mächtiges magisches Buch!

Aber ich gehe ganz ohne dich durchs Sternentor. Ja, ich kehre niemals mehr daraus zurück. Das ist mein letzter Wille.

Dadurch bereite ich vor, was andere nach meiner Zeit nutzen können. Vielleicht wird der eine oder andere mir folgen.


Diese Zeilen schrieb ich in dunkler Zeit vor Beginn meiner Reise zu den Sternen.

 

Ich, der Druide und Magier „Ruairidh“.


***


Der junge Mann hob seinen Blick und schaute zu den seltsam geformten Riesensteinen hinüber, die unverkennbar einen großen Kreisrund bildeten. Dann lehnte er sich etwas zurück. Die kryptischen Symbole auf den bearbeiteten Steinen waren schon stark verwittert, sodass die meisten davon unleserlich waren. Sie standen hier bereits seit undenklichen Zeiten und niemand wusste, wer sie dort aufgestellt hatte. Nicht einmal die alten Sagen und Legenden oder das uralte magische Buch gaben darüber Auskunft.

 

Die unbekannte Sonne wanderte langsam über den blauen Himmel weiter, aber ihre Strahlen brachten nur wenig Wärme. Maxim zog deshalb die offene Felljacke vorne zusammen und knöpfte sie bis oben hin zu. Die Schatten der Steine wurden länger und länger.

 

Den uralten Schriften und Überlieferungen zufolge gehörte dieser Kreis aus Monolithen zu jenen Stellen, an der ein „magisches Sternentor“ entstehen konnte, das die Möglichkeit bot, durch Zeit und Raum reisen zu können. Reisen durch Raum und Zeit: diese Erzählungen faszinierten den jungen Mann immer wieder, der sich fragte, wer wohl die Erbauer dieser „magischen Sternentore“ waren. Es gab sie allerdings nur auf Planeten im Universum, auf denen sich eine für Menschen atembare Sauerstoffatmosphäre befand, in der sie ohne Schwierigkeiten überleben konnten, jedenfalls für eine gewisse Zeit, wie in dem uralten magischen Zauberbuch ausführlich erklärt wurde.

 

Maxims Aufmerksamkeit wurde schlagartig von einem großen, schwarz gefiederten Adler abgelenkt, der plötzlich aufgetaucht war, sich auf einem der aufrecht stehenden Riesensteine niederließ und ihn eine Zeitlang von dort aus mit starrem Blick fixierte, der aber irgendwie böse aussah. Seine scharfen Krallen kratzten unruhig am verwitterten Felsen herum, der an einigen Stellen zu bröckeln begann.

 

Maxim Ricardo hielt für einige Sekunden den Atem an. Der schwarze Greifvogel kam ihm irgendwie vertraut vor, doch konnte er im Augenblick nicht sagen, warum das so war.

 

Dann, als folgte der Adler einem geheimnisvollen Ruf, erhob er sich mit weit ausholenden Flügelschwingen schreiend in die Lüfte, kreiste ein paar Mal über dem Kopf des jungen Mannes hinweg und flog schließlich hinaus in die weite Geröllebene, die abseits der hohen Berge lag. Etwas später verschwand er am fernen Horizont hinter einer sich auftürmenden Wolke. Maxim blickte dem schwarzen Adler noch lange nach, bis er ihn schließlich aus den Augen verlor.

 

Der junge Mann war etwas durcheinander. Er ahnte, dass ihm offenbar ein schwerwiegender Fehler beim Vorlesen der magischen Zeichen unterlaufen sein muss. Seit der letzten Reise durch die Zeit konnte er sich an nichts mehr erinnern. Er empfand das schlichtweg für beängstigend, denn die Situation war irgendwie außer Kontrolle geraten. Nichtsdestotrotz wandte er sich schnell wieder dem uralten magischen Buch in seinen Händen zu, um darin nach einer magischen Zauberformel zu suchen, die wieder alles ins Lot bringen sollte. Maxim wusste nur zu gut, dass es jetzt gefährlich werden konnte. Aber er hatte keine andere Wahl. Nach einer Weile fand er die richtige Zauberformel und las sie sofort laut und deutlich vor.

 

Kaum hatte er das letzte magische Zeichen ausgesprochen, als sich wie aus heiterem Himmel ein heftiger Blitz über dem magischen Steinkreis entlud, der die felsige Umgebung trotz Tageslicht in eine gleißende Helligkeit tauchte.

 

Maxim ließ vor Schreck über die heftige Auswirkung des angewandten Zaubers das Buch fallen und rollte sich instinktiv zur Seite. Er kam in einer kleinen Bodensenke zu liegen, aus der er vorsichtig seinen Kopf herausstreckte, um die gefährlich aussehende Lichterscheinung aus sicherer Entfernung beobachten zu können. Die Steine wirkten jetzt viel dunkler als vorher. Bläulich-weißes Licht strahlte aus ihnen hervor und eine Unzahl von kleineren Blitzen bildeten ein zuckendes Netz aus reiner Energie, das sich dumpf brummend nach und nach um die verwitterten Steine spann.

 

In der Mitte des Kreises nahm gleichzeitig die Intensität des anhaltenden Blitzgewitters zu. Schließlich verdichteten sich die verästelten Blitze zu einer gleißend hellen Kugel, die sich schrittweise zu einer mehr als zwei Meter hohen Energiewand aufbaute, die im Innern mit einem scharfen Zischgeräusch aufriss und die Sicht auf ein wunderschönes, von funkelnden Sternen übersätes Universum freigab. Der junge Mann wusste jetzt, dass sein Zauberspruch das magische Sternentor aktiviert hatte. Endlich konnte er zurück zur Erde. Ein zufriedenes Lächeln huschte über sein blasses Gesicht.

 

Ein heftiger Wind heulte auf einmal über das steinige Plateau. Die Sonne verdunkelte sich ein wenig, als einige dichte Wolken an ihr vorbeizogen.

 

Maxim war sprachlos vor Staunen. Die konzentrierte Helligkeit verursachte Schmerzen in seinen Augen, als er zu dem pulsierenden Energieportal hinüber sah, aus dem plötzlich ein weiterer Blitz hervorschoss, der suchend nach ihm fingerte, bis er ihn schließlich in der Bodensenke fand und sich wie eine zweite Haut um seinen gesamten Körper legte. Dann wurde er abrupt nach oben gerissen. Sekundenlang schwebte der junge Mann, wie von Geisterhand angehoben, frei in der Luft. Schließlich zog ihn der zuckende Energiestrahl mit wachsender Geschwindigkeit in den offen Lichtkranz hinein, ohne das Maxim etwas dagegen tun konnte. Eine fremde Macht nahm offenbar Besitz von seinem Körper, und er fühlte sich wie in eine Zwangsjacke gesteckt, weil er weder Arme noch Beine bewegen konnte.

 

Wieder zuckten überall heftige Blitze aus den verwitterten Steinsymbolen nach allen Seiten, als der junge Mann mit einem lauten Aufschrei im magischen Sternentor verschwand. Gleich darauf fiel auch das spinnenartige Netz aus zuckenden und knisternden Blitzen in sich zusammen, bis es in der Mitte des Steinkreises zu einem winzigen Lichtpunkt geschrumpft war, der noch ein letztes Mal, wie eine verglühende Sternschnuppe, kurz aufleuchtete und nichts weiter hinterließ, als ein qualmendes, dünnes Rauchfähnchen, das sich schnell verflüchtigte.

 

Über der weiten Ebene des felsigen Plateaus brauste wieder ein heftiger Wind, der wie mit unsichtbaren Händen spielerisch in den Seiten des offenen Zauberbuches blätterte. Es lag immer noch am gleichen Platz, wo Maxim einmal gesessen hatte. Doch dann klappte es urplötzlich zu, als wolle es das dreiste Spielchen des Windes nicht mehr mitmachen. Dann, wie von Geisterhand angehoben, bewegte es sich langsam über den felsigen Boden schwebend auf die Mitte des Steinkreises zu, senkte sich wieder herab und blieb in einer kleinen Vertiefung liegen. Es schien fast so, als würde es auf jemanden warten, der, wie Maxim, auch noch durch das magische Sternentor seine Reise zur Erde antreten musste.

 

Und in der Tat, es war so.

 

Ganz plötzlich war der schwarze Adler wieder da, der auf einem der verwitterten Steine im magischen Kreisrund Platz genommen hatte. Seine messerscharfen Krallen umklammerten den brüchigen Felsen, als wolle er ihn nie wieder loslassen. Das uralte Buch öffnete sich von selbst, blätterte mehrmals hin und her und blieb dann bei einer ganz bestimmten Seite stehen. Sofort schwang der Adler herab, hielt das offene Buch mit seinen starken Krallen fest und krächzte solange herum, bis seine Stimme unverkennbar in eine menschliche Sprache überging. Dann las er den Zauberspruch vor.

 

Sekunden später fingerten erneut helle Blitze durch die Luft, die sich in der Mitte des magischen Sternentores zu einem mannshohen Energieportal zusammenschlossen. Auch diesmal fuhr laut zischend ein gleißend heller Lichtstrahl daraus hervor, der den bewegungslos da sitzenden Adler und das uralte Buch erfassten und zusammen in das magische Sternentor hineinzogen. Dann fiel das knisternde Energieportal unter lautem Getöse wieder in sich zusammen. Es verschwand so schnell, wie es gekommen war. Mittlerweile hatte sich das Brausen des Windes gelegt. Eine unheimlich anmutende Totenstille legte sich jetzt über den einsam da liegenden Steinkreis hoch droben auf dem weiten Felsplateau, als wäre es noch nie anders gewesen.

 

***

 

Das Erste, was Maxim Ricardo wahrnahm, als er langsam sein Bewusstsein wiedererlangte, war der durchdringende Geruch nach Desinfektionsmittel und Plastik. Im nächsten Moment spürte er einen glühend heißen Schmerz in der unteren Körperhälfte, und er hatte das Gefühl, seine Eingeweide würden durch einen Fleischwolf gedreht und Stück für Stück in Fetzen gerissen, sobald er sich nur ein wenig bewegte.

 

Ich bin nicht tot. Ich lebe. Maxim dachte eine Weile darüber nach und fand, das er sich darüber glücklich schätzen durfte. Vorsichtig bewegt er seinen Kopf zur Seite und versuchte, sich das transparente Plastikding irgendwie vom Gesicht zu schieben. Aber es gelang ihm nicht. Plötzlich tauchte an seinem Bett das verschwommene Gesicht einer Krankenschwester auf. Sie griff nach seinem Kopf, hielt ihn ruhig und entfernte es für ihn.

 

Wie fühlen Sie sich, Mr. Maxim Ricardo? Geht es Ihnen schon besser? Wenn Sie sprechen können, dann reden Sie mit mir. Tun Sie sich aber keinen Zwang an und überanstrengen Sie sich nicht?“ sagte die Frau mit mahnender Stimme.

 

Mister Maxim Ricardo? Woher kennt sie meinen Namen? Und sie hat mich mit ‚Mister’ angeredet. Irgendwie hörte sich das fremd an, dachte der junge Mann so für sich und versuchte seinen Kopf zu wenden, um die Krankenschwester in sein Blickfeld zu bekommen. Der trübe Schleier vor seinen Augen war mittlerweile verschwunden. Die Schwester an seinem Bett war schon ein älteres Semester, hatte leicht angegrautes Haar und trug einen hellgrünen Kittel mit kurzen Ärmeln. Doch ihre Gesichtszüge waren gutmütig.

 

Mister Maxim Ricardo? Warum sagen sie nichts?“

 

Die Krankenschwester ließ nicht locker und wartete immer noch auf eine Antwort.

 

Wollen Sie von mir wissen, dass ich nicht tot bin?“ fragte Maxim mit krächzender Stimme und sprach nicht weiter, weil ihm der Hals schmerzte.

 

Ach was..., nein..., Sie sind nicht tot. Wir mussten Sie allerdings wieder zusammenflicken. Sie hatten einige tiefe Fleischwunden, die sie fast umgebracht hätten. Aber Sie werden wieder gesund werden. Das ist doch die Hauptsache, nicht wahr? Sie werden nicht einmal Folgeschäden davon tragen. So, ich gebe Ihnen jetzt eine Spritze gegen die Schmerzen. Danach verlegen wir Sie auf ein anderes Zimmer. Die Zeit auf der Intensivstation ist vorbei. Und bleiben Sie mir inzwischen hier schön liegen. Übrigens hat ein junges Mädchen nach ihnen gefragt. Sie nannte sich Shirley Sutherland. Wenn wir Sie verlegt haben, werde ich das Mädchen rufen und euch beide eine Weile allein lassen.“

 

Die Schwester gab Maxim eine Injektion in die Hüfte, verließ den Raum mit erhobenem Zeigefinger und lachte dabei.

 

Kaum war sie draußen, versuchte er sich aufzurichten. Aber es gelang ihm nicht. Die Schmerzen waren einfach zu groß. Maxim legte sich deshalb zurück und wartete geduldig darauf, dass er verlegt wurde. Nach einer Weile kam ein Krankenhelfer und rollte ihn in ein freies Krankenzimmer. Während er das Bett an die Wand schob und diverse Kabel und Schläuche anschloss, fragte sich Maxim, wie lange er wohl weg gewesen war. Ein Jahr, zwei Jahre oder länger? Verwirrt blickte er sich um und suchte nach einem Kalender an der Wand. Leider ohne Erfolg.

 

Als der Krankenhelfer mit seiner Arbeit fertig war verließ er den Raum, wünschte dem jungen Mann aber vorher noch eine gute Genesung.

 

Plötzlich ging die Tür wieder auf. Ein junges Mädchen steckte ihren schwarz behaarten Kopf durch den sich langsam öffnenden Türspalt.

 

Shirley!“ krächzte Maxim aufgeregt. Sein Gesicht hellte sich urplötzlich auf.

 

Als das Mädchen näher kam, konnte man es ihr deutlich ansehen, welche Angst sie um ihren Freund ausgestanden haben musste. Ihre Gesichtszüge waren etwas eingefallen, ihre Augen gerötet. Sie war sichtlich erleichtert, dass es ihm gut ging und er noch lebte. Maxim Ricardo dagegen war froh, sie endlich wieder zu sehen. Er liebte seine bildhübsche Freundin über alles, die jetzt mit großen Schritten auf ihn zueilte und ihn freudig begrüßte.

 

Dann ergriff Shirley seine Hand, setzte sich auf die Bettkante und erklärte ihrem Freund, dass er bald wieder gesund werden würde. Doch irgendwie hörte Maxim nicht hin, was sie zu ihm sagte. Er freute sich über ihre Gegenwart, denn er hatte sie die ganze Zeit sehr vermisst.

 

Dann unterbrach er ihren Redefluss. Sie hatte sich nämlich gerade darüber beklagt, dass er viel zu dünn für seine Größe sei und besser essen solle. Aber junge Männer in seinem Alter seien wohl einfach zu faul, etwas Vernünftiges zu sich zu nehmen.

 

Maxim musste tief Luft holen. Seine Stimme klang eher wie ein altes Reibeisen. Das junge Mädchen war mittlerweile verstummt und wartete auf seine Frage.

 

Shirley, welches Jahr haben wir?“

 

Welches Jahr? Warum fragst du mich das ausgerechnet jetzt? Spielt das überhaupt im Moment eine Rolle? Du hast vielleicht Nerven.“

 

Das junge Mädchen kicherte nervös.

 

Nun sag’ es schon, Shirley!“ bat der junge Mann mit gepresster Stimme.

 

Den 26. August 2008.“

 

Sie blickte dabei auf ihre Uhr und sah dann zu Maxim hinüber. Mit ruhiger Stimme sprach sie weiter.

 

Wir waren fast zwei Jahre ohne großen Zeitverlust unterwegs, haben eine ganze Menge Planeten im Universum besucht und sind dabei kaum gealtert. Hättest du das letzte Mal nicht den falschen magischen Zauberspruch vorgelesen, wärst du auch nicht hier im Krankenhaus gelandet. Die scharfkantigen Felsen des zuletzt besuchten Planeten haben dich fast umgebracht. Der Trägerstrahl nimmt keine Rücksicht auf dich, wenn du zu weit weg bist. Stell’ dich also in Zukunft bitte immer direkt vor eines dieser magischen Sternentore, ganz egal auf welchem Planeten du bist. Das ist ganz wichtig, Maxim! Außerdem hast du mich in einen schwarzen Adler verwandelt. Das nächste Mal werde ich den magischen Spruch selbst vorlesen. Ich will sicher gehen, dass unsere weitere Reise ohne Zwischenfälle verläuft.“

 

Maxim runzelte verlegen die Stirn, hob seinen Kopf etwas an und blickte suchend im Krankenzimmer herum.

 

Wo sind unsere Sachen geblieben?“ fragte er das junge Mädchen mit den schwarzen Haaren.

 

Wenn du das magische Zauberbuch meinst, dann kann ich dich beruhigen, mein Liebster. Ich habe es natürlich mitgebracht.“

 

Erleichtert atmete Maxim auf.

 

Noch während Shirley mit ihm redete, deutete sie mit der rechten Hand auf eine große Stofftasche hin, die neben ihr auf dem Holztisch lag. Mit flinken Griffen holte sie das uralte magische Buch mit dem brüchigen Leder daraus hervor, legte es behutsam aufs Bett und blätterte solange darin herum, bis sie die Seite mit einem ganz bestimmten Zauberspruch gefunden hatte. Mit leiser, aber deutlicher Stimme wiederholte sie jedes magische Zeichen, das dort geschrieben stand.

 

Es war ein Zauber der Heilung und der schnellen Genesung.

 

Kurze Zeit später verschwanden die tiefen Fleischwunden eine nach der anderen an Maxims Körper auf wundersame Weise, bis er zum Schluss wieder dazu in der Lage war, aus dem Bett aufzustehen. Er holte seine Kleidung aus dem Schrank und zog sich in aller Ruhe an. Er spürte dabei, wie er von Sekunde zu Sekunde kräftiger wurde. Auch die Haut fing zu prickeln an. Das Leben kehrte in ihm zurück und bald hatte der magische Zauber seine Gesundheit wieder völlig hergestellt.

 

Shirley beobachtete Maxim zufrieden. Dann blickte sie ihn tief in die Augen.

 

Gerade, als sie was sagen wollte, legte Maxim den Zeigefinger seiner rechten Hand auf ihren Mund und wies auf die Tür.

 

Beeilen wir uns, bevor jemand vom Krankenhauspersonal kommt. Ich will nicht, dass man uns dabei ertappt, dass wir ein magisches Zauberbuch bei uns haben. Allerdings würde ich gerne etwas essen und trinken wollen, bevor wir den nächsten Planeten besuchen. Wir müssen übrigens diesmal nach Stonehenge, dem magischen Steinkreis in England. Da fällt mir etwas ein. Was hältst du davon, wenn wir mal wieder ein gutes Speiserestaurant besuchen würden, sagen wir mal im alten London um 1800 oder so, Shirley?“

 

Das junge Mädchen schaute ihren Freund verblüfft an.

 

Kannst du Gedanken lesen? Ehrlich gesagt ist mir auch nach Essen und Trinken zumute. Ich werde gleich nach der Zauberformel suchen.“

 

Shirley blätterte zügig in dem uralten magischen Buch herum. Es schien ihr diesmal dabei zu helfen, die richtige Seite zu finden. Schon nach kurzer Zeit stieß sie auf einen Text, der sich mit Reisen in die Vergangenheit befasste und dazu auch gleich den entsprechenden Zauberspruch dafür bereit hielt. Man musste nur den jeweiligen Ort und das gewünschte Datum hinzufügen.

 

Wie wäre es mit London des Jahres 1875? Sicherlich gab es auch damals schon vorzügliche Restaurants, in denen man gut speisen konnte. Die passende Kleidung dafür werden wir uns mit einem Kleiderzauber besorgen. Einverstanden damit, Maxim? Vielleicht treffen wir bei dieser Gelegenheit auf Vincent van Gogh, der damals in London gewohnt hat. Du weist doch, dass ich seine Bilder liebe und ein großer Fan von ihm bin.“

 

Deine Ideen sind wie immer einfach umwerfend, Shirley. Lies den Zauberspruch am besten gleich vor. Ich glaube Schritte draußen auf dem Flur gehört zu haben.“

 

Das hübsche Mädchen las die Zauberformel laut und deutlich vor. Wenige Augenblicke später verschwanden die beiden jungen Leute von der Bildfläche, als hätte sie der Boden verschluckt.

 

Kurz darauf wurde die Tür geöffnet. Ein Arzt und eine Krankenschwester betraten gemeinsam den Raum und sahen sich verwundert nach allen Seiten um. Das Krankenbett war leer, ihr Patient war nicht mehr auf seinem Zimmer.

 

Ich schwöre, dass dieser junge Mann vorhin noch da war. Der Krankenpfleger kann das bestätigen, Herr Stationsarzt. Er muss mit diesem Mädchen auf und davon sein. Und das in seinem Zustand. Unglaublich! Wir müssen die beiden finden, bevor sie das Krankenhaus verlassen können.“

 

Dann informieren sie sofort das Sicherheitspersonal. Sie sollen überall nach ihnen suchen und alle Ein- und Ausgänge sofort sperren lassen.“

 

Ich werde alles in die Wege leiten, Herr Doktor. Ich bin mir ganz sicher, dass wir unseren Patienten bald wiederfinden werden.“

 

Wortlos nickte der Doktor und verließ verärgert das Zimmer.

 

Maxim Ricardo und Shirley Sutherland befanden sich zu dieser Zeit aber schon längst im London des Jahres 1875 und waren trotz des regnerischen Wetters gut gelaunt auf der Suche nach einem geeigneten Restaurant. Schnell wurden sie fündig.

 

Unter dem weiten Regenmantel, in einer Wasser geschützten Tasche des jungen Mannes, befand sich das uralte magische Buch. Es sollte die beiden noch am gleichen Tag nach Stonehenge bringen, dem magischen Steinkreis in der Nähe von Amesbury in Wiltshire, der in Wirklichkeit ein altes Sternentor war.

 

Natürlich mit einem entsprechenden Zauberspruch, und nur im Schutze der Nacht, versteht sich.

 

Und wer weiß. Vielleicht werden die beiden auf ihrer Reise durch Raum und Zeit sogar auf den keltischen Druiden und Magier Ruairidh treffen, denn der hatte Stonehenge im Mittelalter auch schon als Tor zu den Sternen benutzt, das uralte magische Zauberbuch aber auf der Erde zurück gelassen.

 

 

ENDE

 

© Heinz-Walter Hoetter

 

 

 

 

4. Das Dorf der Zentauren


 

Ohne Träume sind wir verloren.

Heinz-Walter Hoetter

 

***


Draußen war es dunkel geworden.

 

Ich hatte letzte Nacht einen Traum“, sagte das Mädchen Ahva zu ihrer Mutter.

 

Die Mutter blickte zum Halbmond empor. Sie zog den Kristall aus dem Lederbeutel und bewegte ihn hin und her, so dass sich das schwache Mondlicht in allen Farben des Regenbogens über das Gras ergoss. Überall funkelten jetzt bunte Halbmonde, die rasch über den abendlichen Grasboden dahin sausten.

 

Die Mutter sah dem farbigen Spiel der Lichter fasziniert zu. Erst als sich der Kristall ausgependelt hatte, wandte sie sich an ihre zwölfjährige Tochter.

 

Deswegen musst du dich nicht ängstigen“, antwortete sie ihr und drückte Ahva mitfühlend die Hand. „Wir werden noch heute einen Weisen aufsuchen. Ich bin mir ganz sicher, dass er dich heilen kann.“

 

Diesmal war es anders. Ich träumte von Krieg“, flüsterte das Mädchen. „Du weißt, was das bedeutet.“

 

Nun, es bedeutet im Moment noch gar nichts“, sagte die Mutter. „Träume müssen nicht Wirklichkeit werden. Ich will damit nur andeuten, dass alles bloßer Aberglaube ist. Als ich so jung war wie du, träumte ich einmal von einem großen Land, in der nur lauter Wesen lebten, deren Haut weiß war, die aufrecht gingen und blutrünstig waren. Sind wir blutrünstig? Nein! Wir sind friedlich. Haben wir eine weiße Haut? Nein! Unsere Haut hat eine hässliche Farbe angenommen. Sie ist dunkelbraun und lederartig. Gehen wir aufrecht? Nein! Wir laufen gemütlich auf vier Beinen herum und haben zwei kräftige Arme.“

 

Die Mutter brachte ihre Tochter etwas zum Lachen, genau wie sie es gehofft hatte. Dann sagte sie: „Aber ehrlich gesagt, damals haben mich meine Träume auch ein wenig geängstigt.“

 

Einige Zeit später.

 

Der Weise Kinkin war etwas altmodisch, weil er keinem Trank traute, dessen Rezept nicht über hundert Jahre alt war. Aber er war ein vernünftiger, freundlicher Mann und außerdem schon hochbetagt.

 

Träume vom Krieg? Warum träumt ein Mädchen wie du vom Krieg?“ fragte Kinkin, während er Ahva untersuchte.

 

Ich will diese Träume ja nicht. Sie machen mir Angst, weil sie einfach von selbst kommen. Ich kann nichts dagegen tun“, sagte Ahva und schaute den alten Kinkin dabei an.

 

Nun, in deinem Alter und bei all den Veränderungen, die dein Körper zur Zeit mitmacht, ist es gar nicht so ungewöhnlich, wenn man schlecht schläft und von bösen Träumen gequält wird.“

 

Dann handelt es sich bloß um Wachstumsstörungen?“ erkundigte sich die Mutter forschend bei dem Weisen.

 

Was heißt hier ‚bloß’?" sagte Kinkin mit einem hintergründigen Lächeln. „Die Zeit der Reife ist die aufregendste Zeit im Leben eines weiblichen Zentauren. Dann wandte er sich wieder dem Mädchen Ahva zu.

 

Du bist, wie man sieht, bereits in diesem Alter viel größer und viel kräftiger als deine Eltern oder ich. Du entwickelst dich hervorragend. Die Augen glänzen schon jetzt im schönsten Rot, du hast eine äußerst reine, sehr schöne hellbraune Lederhaut und deine vier kräftigen Beine sind gut entwickelt. Tja…, und auch den breiten Rücken hast du von deiner Mutter geerbt. Ich will eigentlich nur damit sagen, dass du bei bester Gesundheit bist, Ahva.“

 

Und die Träume werden auch wieder aufhören?“ fragte das Mädchen mit gesenktem Blick und beachtete die Lobrede des Weisen Kinkin nicht in dem Umfang, wie er es von ihr in dieser Situation eigentlich erwartet hätte.

 

Die Träume...? Ach ja..., natürlich. Wenn du ein bisschen Geduld mitbringst werden sie aufhören. Bestimmt werden sie das. Trotzdem, ich gebe dir ein Rezept, das du zusammen mit deiner Mutter zu meiner Apothekerin bringst. Sie wird dir einen speziellen Kräutertee zusammenstellen, der dir in den Nächten eine ruhigen Schlaf bescheren wird.“

 

Kinkin der Weise schickte das Mädchen zurück in den Warteraum. Als er die Tür hinter sich geschlossen hatte, ging er zur Ahvas Mutter und sagte zu ihr: „Liebe Shilan, ich sehe überhaupt keinen Grund, warum ich deiner Tochter Angst einjagen soll. Andererseits wird in letzter Zeit überall viel geträumt, und die Leute sind abergläubisch, auch wenn sie es nicht gerne zugeben wollen. Behalte déine Tochter für ein paar Tage im Haus und sorge dafür, dass sie sich ausruht. Glaube mir, die Träume selbst stellen keine Gefahr dar – sie bringen auch kein Unglück. Ahva wird auch nicht davon verrückt werden oder sonst etwas. Das einzige, was sie jetzt braucht, das ist allein deine Liebe und dein mütterliches Verständnis.“

 

Ich kann dir versichern, verehrter Kinkin, dass ich meine Tochter Ahva über alles Liebe. Schließlich habe ich außer ihr und meinem Mann sonst keine Angehörigen mehr. Ich mache mir ja bloß Sorgen…, nun, du weißt ja, wie die Leute auf solche Träume, wenn sie erst einmal davon erfahren haben, reagieren. Sie reden dauernd über derartige Vorkommnisse und tuscheln untereinander. Letztendlich könnte mein guter Ruf darunter leiden, denn nur von ihm hängt mein gutes Geschäft ab.“

 

Der Weise warf Ahvas Mutter jetzt einen absichtlich aufgesetzten, bösen Blick zu. „Glaub mir, es handelt sich nur um eine völlig harmlose Krankheit, mehr nicht. Ich möchte dich nur daran erinnern, dass im letzten Jahr jedes zweite Kind in unserem Dorf an Fieber erkrankte. So ist das nun einmal. Geh’ heim, und mach’ dir keine Sorgen. Du und dein Mann, ihr seid ganz normale Eltern, die ein ganz normales Kind haben.“

 

Die Mutter holte Ahva aus dem Wartezimmer zurück und beide zusammen verabschiedeten sich von dem alten Kinkin.

 

Auf dem Heimweg spazierten sie durch einen Park, der von bunten Lichtern hell erleuchtet wurde. In der Ferne sah man drei markante Berge hoch in den nächtlichen Himmel ragen. Ahva blieb plötzlich stehen und betrachtete die mächtigen, schneebedeckten Gipfel.

 

Was ist mit diesen Bergen? Warum schaust du zu ihnen rüber?“ fragte die Mutter ihre Tochter.

 

In meinem Traum sah ich hohe Gipfel, die Eisriesen genannt wurden. Auf der einen Seite befand sich ein Ozean, auf der anderen eine weite Ebene. Die Landschaft sah genau so aus wie bei uns. Dann griffen diese seltsamen Wesen an, die über die weite Ebene und über das offene Wasser kamen.“

 

Die Mutter lächelte Ahva liebevoll an, obwohl sie innerlich ziemlich beunruhigt war. Dann nahm sie ihre Tochter zärtlich in den Arm.

 

In den letzten tausend Jahren hat es hier bei uns keinen Krieg mehr gegeben.

Hinter den Bergen liegt ein wichtiger Hafen, den man ebenfalls Eisriesen nennt. Der Handel wächst Jahr für Jahr weiter an. Sowohl die Bauern im Flachland als auch die Leute von den großen Inseln draußen auf dem offenen Meer vermehren ihren Wohlstand dadurch ebenso wie wir. Weshalb sollte also irgend jemand einen Krieg wollen?“

 

Es tut mir leid, Mutter. Ich wollte dich wirklich nicht beunruhigen. Mach’ Dir keine Sorgen, es war ja nur ein dummer Traum, obwohl er mir so echt schien.“

 

Wenn wir den Tee von der Apothekerin geholt haben, gehen wir gleich nach Hause und legen uns schlafen“, sagte die Mutter mit energischem Blick und verließ den Park zusammen mit ihrer Tochter Ahva. Hoch am nächtlichen Himmel schob sich gerade eine schwarze Wolkenwand vor den weiß leuchtenden Halbmond, was zur Folge hatte, dass die Nacht noch schwärzer wurde, als sie es schon war.

 

Zuhause angekommen, bereitete die Mutter einen Kräutertee zu und gab ihn Ahva zu trinken, bevor sie zu Bett ging. „Wenn du gut schläfst, kannst du morgen sicher wieder zur Schule gehen“, sagte sie und verließ das Schlafzimmer.

 

Aber Ahva schlief schlecht. Kurz vor Morgengrauen hallten laute Schreie durchs Haus, und als die Eltern in ihr Schlafgemach stürmten, fanden sie Ahva kauernd auf dem Boden vor.

 

Sie greifen uns an und töten jeden,“ schluchzte sie. „Das ganze Dorf, sogar die Frauen und die Kinder sind vor ihnen nicht sicher. Es ist entsetzlich“, schluchzte Ahva.

 

Die Mutter nahm ihre Tochter fest in die Arme.

 

Hast du schon wieder diesen bösen Traum gehabt?“

 

Ja“, sagte Ahva, „der Krieg war diesmal schlimmer. Überall lagen Tote herum, wohin man auch schaute. Wir werden zwischen Ozean und Ebene zermalmt, und selbst aus der Luft werden wir angegriffen.

 

Du musst Dich beruhigen, mein Kind! Denk daran, was ich Dir gestern gesagt habe. Es war nur ein schlechter Traum. Er wird irgendwann aufhören. Glaube mir.“

 

Du glaubst nicht, dass er wahr wird, Mutter?“

 

Natürlich nicht.“

 

Die Mutter schaute zu ihrem Gatten Ebarin hinüber und gab ihm Anweisung, den Weisen Kinkin aufzusuchen, damit er zu ihr kommen soll. Ihr Mann machte sich sofort auf den Weg.

 

Als er zurückkehrte, war Kinkin allerdings nicht dabei.

 

Er kommt nicht, Shilan“, sagte Ebarin zu seiner Frau. „Unzählige Eltern haben gleichzeitig nach ihm geschickt. Er behauptet, er können nichts dagegen tun und schimpfte uns einen Haufen Dummköpfe, weil wir alle abergläubisch seien. Unterwegs auf dem Rückweg traf ich Korkan und Tunkan, die beiden Verkäufer. Sie hatten ebenfalls von diesem seltsamen Krieg geträumt. Korkan schob seinen Ärmel hoch und zeigte mir einen üblen Bluterguss. Tunkan hob sein Hemd, und ich sah, dass sein Bauch verbunden war. Sie sagten, dass sie in ihren Träumen verletzt worden sind. Als sie erwachten, waren die Wunden tatsächlich vorhanden.“

 

Stille senkte sich über den Raum. Niemand traute sich etwas zu sagen, doch jeder wusste, was das zu bedeuten hatte.

 

***

 

Später. Der Vollmond stand schon hoch am Nachthimmel.

 

Als Shilan erwachte, zitterte sie am ganzen Körper. Sie hatte Kopfschmerzen und ihre Bewusstsein war verschwommen mit Bildern schrecklicher Gewalttaten angefüllt. Sie wusste, dass auch sie im Traum gekämpft hatte, denn ihr ganzer Körper war mit hässlichen Schürfwunden übersät. Sie fragte sich, ob die Träume noch schlimmer werden würden. Dann fiel ihr Ahva ein. Sie eilte in ihr Zimmer, fand sie aber nicht vor.

 

Zusammen mit Ebarin suchten sie das ganze Haus ab, überprüften alle Türen und Fenster und riefen immer wieder ihren Namen, doch Ahva blieb unauffindbar.

 

Erst gegen Sonnenaufgang fanden sie ihre Tochter schlafend in ihrem Bett, obwohl sie mehrmals vorher nachgeschaut hatten. Sie fanden dafür keine Erklärung.

 

Ahvas Fußsohlen waren zerkratzt, blutverschmiert und mit hässlichen Blasen übersät, als sei sie lange Zeit marschiert. Auch ihre Hände hatten Schwielen bekommen und waren voller Blut. Sie sah erschöpft und eingefallen aus, und es war den Eltern nicht möglich, sie zu wecken.

 

Shilan und Ebarin liefen hinaus ins Dorf, um einen der alten Weisen zu holen, der ihrer Tochter helfen sollte. Doch aus allen Richtungen erschollen Rufe, bitterliches Weinen und ein fürchterliches Gejammer.

 

Ihnen wurde schnell klar, dass die Weisen nicht mehr tun konnten als zuvor.

 

Die Bewohner des ganzen Dorfes hatten in der Nacht geträumt, auch die Kinder.

Sie kauerten in den Ecken der Häuser und klammerten sich trostsuchend aneinander. Manchmal schliefen sie auch wieder ein, obwohl es helllichter Tag war. Ihre Mütter und Väter behandelten die Wunden und Schnitte und bemühten sich darum, sie aus dem todesähnlichen Schlaf zu wecken, was ihnen aber nicht gelang. Manche von ihnen schliefen selbst ein.

 

Als Shilan und Ebarin in das Schlafzimmer ihrer Tochter zurückkehrten, redete Ahva im Schlaf.

 

Wir haben sie gesehen. Wir alle haben sie gesehen“, sagte sie. „Aber wir werden sie bekämpfen und einfach so lange weiter machen, bis wir sie besiegt haben. Wir werden sie vernichten. Schon nach tausend Jahren hat man sie vergessen und weiß nicht einmal mehr, wer sie waren, diese schrecklichen Vengalier mit ihrer magischen Fähigkeit, uns von innen über unsere Träume anzugreifen. Wir haben ihnen jedoch am Fuße der EISRIESEN eine schreckliche Niederlage zugefügt. Seitdem werden wir immer stärker, die bösen Vengalier von Kampf zu Kampf schwächer. Das haben sie nun davon.“

 

Ahva lächelte auf einmal, sagte plötzlich kein Wort mehr und schlief wieder fest und tief ein. Zwischendurch wachte sie auf und redete weiter. Und so ging das stundenlang. Seltsames Gerede über Zaubersprüche, Verwünschungen und Magier, das keine Ende nehmen wollte. Auch die Erwachsenen im Dorf, die schliefen, benahmen sich so. Dabei waren sie doch alle in Wirklichkeit fortschrittliche Bürger und stolze Zentauren, die im realen Leben an solche Dinge nicht glaubten.

 

Ahvas Mutter Shilan blieb trotz ihrer Erschöpfung wach. Ihr Mann Ebarin bewegte sich im Schlaf unruhig hin und her, als würde er kämpfen. Dann…, nach ungezählten Stunden, war plötzlich mit einem Schlag alles vorbei. Das schummrige Licht vor Shilans Augen spielte ihr einen Streich, denn als sie mit schmerzendem Blick genauer zu Ahva hinsah, schien sie wieder friedlich im Bett zu schlafen. Erst als sie sich zu ihr hinunterbeugte bemerkte sie, dass Blut aus ihren Ohren tropfte. Offenbar war sie durch einen Schlag auf den Kopf verletzt worden. Aber sie lebte. Dann ging sie zu Ebarin hinüber in dessen Schulter ein Dreizack steckte. Trotz der schlimmen Verletzung schien er sich langsam wieder zu erholen. Er öffnete seine Augen.

 

Shilan, der Kampf in unseren Träumen ist zu Ende. Unser Dorf hat die Vengalier vernichtet. Jetzt wird wieder alles gut. Niemand von uns wird in Zukunft von Krieg und Gewalt träumen müssen.“ Shilan lächelte ihn an, nahm ihn in die Arme und drückte ihn ganz fest an sich. Dann kümmerten sich beide um ihre Tochter Ahva und versorgten ihre blutenden Wunden.

 

Draußen im Dorf schlugen die Zentauren die Trommeln. Die Weisen hatten sich versammelt und redeten leise in unverständlichen Worten vor sich hin. Die Gefallenen unter den Zentauren trug man aus den Häusern und bestattete sie am Fuße der Eisriesen, den mächtigen Eisbergen am fernen Horizont, wo ihre Seelen von nun an als ewige Wächter sowohl die weite Ebene als auch das offene Meer beobachten sollten, um das Dorf der Zentauren vor den bösen Vengaliern zu bewachen, von denen man wusste, dass sie sich Menschen nannten, eine weiße Haut hatten, aufrecht gingen und blutrünstige Bestien waren.

 

 

Ende

 

(c)Heinz-Walter Hoetter


 


 

 


5. Die Rache der alten Magierin

 

Irgendwo in diesem Universum, in einer fernen Zukunft.

 

***

 

Man schreibt das Jahr 2525 (irdischer Zeitrechnung).

 

Ich hoffe, dass du mich nicht enttäuschen wirst! Du hast meine Geduld schon lange genug strapaziert, Magierin. Außerdem liebe ich es nicht, zu dieser Tageszeit in der heißen Sonne eines fremden Planeten herumzustehen“, sagte Commander Luke Henderson mit bösartig zischender Stimme und wischte sich verärgert mit einem altmodisch aussehenden Taschentuch über die schweißnasse Stirn.

 

Ein einheimischer Sklave, mit einem großen Lederfächer in der Hand, wedelte ihm Kühlung zu, doch bei der Hitze war das ein fast sinnloses Unterfangen, denn die glutheiße Sonne stand senkrecht am wolkenlosen Himmel. Die breiten Steinstraßen waren fast leer, und wer konnte, hatte sich irgendwo ein kühles Plätzchen im Schatten gesucht. Die meisten Bewohner allerdings, die zu der armen Unterschicht gehörten, dösten zurückgezogen in ihren stickigen Lehmhütten apathisch vor sich hin.

 

Die alte Magierin Hekate Anahid zündete eine Ölfackel an und legte sie vorsichtig auf den staubigen Boden. Dann griff sie in eine kleine Holzschale, nahm murmelnd ein paar frische Kräuter aus ihr heraus und streute sie über das Feuer, so dass bald dicker weißer Rauch emporstieg. Zuletzt schichtete sie noch ein paar grüne Blätter darüber, die kräftig zu qualmen begannen.

 

Ihre verängstigten Blicke huschten unsicher hin und her, denn sie wusste, dass ihr Eid, den sie diesem Luke Henderson geschworen hatte, eigentlich genau genommen nichts galt.

 

In ihren Augen war dieser arrogante, hinterlistige Raumschiffkommandant nur ein rücksichtsloser und brutaler Mörder, den sie straflos hintergehen durfte. Dafür hatte sie ihre Gründe. Ihn zu betrügen würde sie ihrem Ziel der Rache ein großes Stück näher bringen, und das war das einzige im Moment für sie, was zählte. Also tat sie, was er von ihr verlangte.

 

Sie müssen noch etwas Geduld haben, Commander Henderson. Die Beschwörung nimmt Zeit in Anspruch. Ich muss mich außerdem ungestört konzentrieren können. Wie soll ich das können, wenn Sie ständig dazwischen reden? Außerdem muss der Rauch stark genug sein, damit sich das Wesen darin zeigen kann. Bleiben Sie also ruhig stehen und haben Sie keine Angst. Die Erscheinung hat nicht die Macht, Ihnen etwas anzutun.“

 

Das sollte sie auch besser nicht tun. Wir vertrauen auf die Fähigkeiten unserer Beschützer, den Eliminatoren. Es sind die Besten der intergalaktischen Raumflotte. Niemand kann sie besiegen“, drohte der Commander der alten Frau mit den schwarzen, schulterlangen Haaren und blickte dabei vielsagend hinüber zu den zwei bis an die Zähne bewaffneten Männer, die unmittelbar neben ihm in ihren schweren Panzerrüstungen standen – und hämisch grinsten.

 

Etwas abseits vom Ort des magischen Geschehens durchstreiften mehrere kleine Gruppen von Raumschiffsoldaten einige Ruinen ganz in der Nähe, andere wiederum wachten draußen auf dem weitläufigen Platz vor dem Palast der Magierin, der mit zerstörten Säulen und Statuen nur so übersät war, nachdem Commander Henderson den Befehl zum Angriff gegeben hatte. Kein Bewohner der Stadt würde sich ihnen jetzt noch ungesehen nähern können. Außerdem waren überall Kontakt- und Bewegungsmelder aufgebaut worden, die die gesamte Umgebung regelmäßig nach feindlichen Angreifern oder sonstigen Störenfrieden absuchten. Man hatte sich gut geschützt. Weit in der Ferne, schon fast am Horizont, ragte ein gewaltiges Raumschiff weit in den tintenblauen Himmel des Planeten Lamu hinein.

 

Die Magierin Hekate Anahid fragte sich während dessen grübelnd, ob sie auch hier die richtige Stelle gewählt hatte, an der einst das Zeittor zum Planeten Terra stand, bevor es vor mehr als zehn Dekaden plötzlich von diesem Ort ohne Vorwarnung verschwand und seitdem nicht mehr aufgetaucht war.

 

Schließlich wandte sie den Blick vom Commander Henderson ab, richtete ihn einen Augenblick später starr auf den aufsteigenden Rauch und begann damit, leise eine Beschwörungsformel zu sprechen, mit der sie den Geist des Zeittores herbeirufen konnte, falls es ihn noch gab.

 

Der weißgelbe Qualm des Feuers stieg jetzt senkrecht in die Luft. Kein Windhauch regte sich in der Umgebung. Als der Rauch etwas nachließ, streute die alte Frau wieder einige Kräuter aus der Schale in die lodernden Flammen. Dann hielt sie plötzlich einen seltsam geformten, silbrig glänzenden Metallstab in der rechten Hand, den sie unbemerkt und unauffällig aus einer schmutzigen Stofftasche an ihrem breiten Ledergürtel blitzschnell hervor geholte hatte. Weder der Commander noch seine Männer hatten dies bemerkt. Sie hielt ihn sofort in den aufsteigenden Rauch, der immer dichter wurde.

 

Kurz darauf leuchtete das vordere Ende des Stabes intensiv auf und sonderte einen immer stärker werdenden gleißend hellen Lichtstrahl ab, der sich explosionsartig seinen Weg durch die knisternde Glut des Feuers suchte und mit einem dumpfen Krachen in den darunter liegenden Boden eindrang. Dabei streifte er die auf dem Boden liegenden Fackel, deren Öl auslief, das sich dadurch schlagartig entzündete und in kleinen Feuerszungen nach allen Seiten sprühte. Danach wurde es still und eine friedliche Ruhe umgab die Magierin, die jetzt ihre Augen vielsagend geschlossen hielt.

 

Einen Lidschlag später tauchte ein Gesicht zwischen den Rauchschwaden direkt vor dem seltsamen Metallstab auf, flackerte kurz mehrmals hintereinander und verschwand wieder.

 

Anscheinend versuchte es sich der alten Magierin zu widersetzen.

 

Geduldig wiederholte Hekate Anahid die Beschwörungsformel und drehte den Metallstab dabei in alle Richtungen.

 

Dann erschien das Gesicht abermals und diesmal stabilisierte es sich. Es war ohne Zweifel das Gesicht eines uralten Mannes. Der aufsteigende Rauch modellierte seinen restlichen Körper, der in ein wallendes Gewand gekleidet war.

 

Die flüsternde Magierin bemerkte nebenbei, wie hinter ihr Commander Henderson erstaunt und schwer atmend aufkeuchte. Doch er sagte kein einziges Wort.

 

Kannst du mich hören, Wächter des Zeittores?“ fragte die Magierin vorsichtig mit leicht erhobener Stimme.

 

Ja, ich höre dich! Wer bist du, dass du es wagst, meine Ruhe zu stören?“ gab eine dunkle Stimme zur Antwort, die wie ein Ruf aus weiter Ferne klang.

 

Ich heiße Hekate Anahid. Ich bin die Magierin der Stadt Ebon auf dem Planeten Lamu im Cygni-System. Ich weiß von deiner Existenz auf unserem Gestirn. Ich halte den Schlüssel zum Zeittor in meiner Hand, das du bewachst. Ich kann es öffnen, und du hast die Macht dazu, es in Erscheinung treten zu lassen.“

 

Ja, das kann ich. Die Erbauer des Zeittores taten das in weiser Voraussicht“, sagte die dunkle Stimme und fuhr forschend fort: „Ich hoffe, du hast einen wichtigen Grund dafür, dass du mich geweckt hast.“

 

Ich habe sogar einen sehr wichtigen Grund dafür“, sagte die alte Magierin und sprach plötzlich mit ganz leise Stimme weiter, sodass der Commander und seine beiden Kämpfer in den Panzerrüstungen nichts davon mitbekamen.

 

Erzähle mir, was geschehen ist, Magierin!“ grollte die geisterhafte Projektion über dem Feuer.

 

Ein Mann namens Luke Henderson ist hier und möchte mit seiner Crew zum Planeten Terra im System SOL zurück. Er ist der Kommandant des interstellaren Raumschiffes Polaris I. Er hat damit unsere Stadt angegriffen und ihr schweren Schaden zugefügt. Dieser Henderson muss irgendwie von der Existenz des Zeittores auf unserem Planeten erfahren haben. Dann überbrachte man mir auf Umwegen die schreckliche Nachricht, dass er und seine Männer den Magier Mermoron brutal ermordet haben sollen, um durch ihn hinter das Geheimnis des Zeittores zu kommen, wo man es finden und wie man es öffnen kann. Anscheinend zwangen sie Mermoron mit Gewalt dazu, ihnen zu sagen, dass das Zeittor auch einen Weg zu den verschollenen Inka Pyramiden kennt, in deren unterirdischen Grabkammern sich angeblich das Gold vieler Inkakönige von unschätzbarem Wert befinden soll. Jetzt zwingt Henderson mich dazu, das Zeittor zu aktivieren, um die Goldschätze unbemerkt aus diesen Pyramiden zu holen. Niemand auf Terra würde etwas davon mitbekommen. Er und seine Raumschiffsbesatzung kämen nach der Expedition als reiche Männer zurück. Das ist Hendersons Plan. Dafür geht er über Leichen. – Was soll ich tun, Wächter des Zeittores?“

 

Ich werde das Tor aktivieren, damit Henderson und seine Männer dorthin können, wohin sie auf Terra wollen. Alles andere überlasse ich dir, Magierin. Die Übermittlung der entsprechenden Zielkoordinaten liegt allerdings nicht mehr in meinen Händen. Du musst sie Henderson persönlich übergeben, damit er den Weg zu den Inka Pyramiden finden kann. – Das Zeittor ist bereit. Du kannst es jetzt öffnen!“

 

Die alte Magierin Hekate Anahid drückte am unteren Ende des Metallstabes auf eine ganz bestimmte Stelle. Dann wartete sie ab, was geschehen würde.

 

Das geisterhafte Gesicht der männlichen Erscheinung verblasste langsam und kurz darauf materialisierte ein flimmernder bläulich leuchtender Lichtvorhang direkt neben dem Feuer nur wenige Zentimeter über dem Boden. Er war ungefähr zwei Meter hoch und fast genauso breit. Ein leichtes Summen ging von dem geöffneten Zeittor aus, das sich mal verstärkte und dann wieder leicht abschwächte. Zum Schluss übergab sie Commander Henderson die genauen Koordinaten für den Zeitsprung zu den Inka Pyramiden auf Terra, die sie von dem Metallstab erhalten hatte. Dann wollte sie sich umdrehen und gehen.

 

Die zwei bewaffneten Männer in den Panzerrüstungen versperrten ihr jedoch den Weg, rissen ihr den Metallstab aus der Hand und schlugen sie mit den kantigen Kolben ihrer schweren Laserwaffen brutal nieder. Bewusstlos blieb die alte Magierin auf den kalten Steinplatten liegen. Sie bewegte sich nicht mehr. Blut rann ihr in schmalen Streifen von der Schläfe, das über die hohlen Wangen lief und vom Kinn herunter auf den staubigen Boden tropfte.

 

Mehrere Lichtblitze deuteten etwas später an, dass Commander Henderson mit seinen beiden Kämpfern das Zeittor durchschritten hatten. Zurück blieben seine Raumschiffsoldaten, die sich rund um das Zeittor postiert hatten, um es mit ihren Laserwaffen nach allen Richtungen hin abzusichern.

 

***

 

Die alte Magierin Hekate Anahid wachte benommen aus ihrer tiefen Bewusstlosigkeit auf. Hendersons Schergen hatten sie einfach wie einen dreckigen Sack Lumpen gepackt, rücksichtslos zwischen die herumliegenden Trümmer geworfen und dort dann allein zurück gelassen.

 

Zuerst konnte sie nichts sehen, weil ihre Augen von den schweren Kolbenschlägen dick angeschwollen waren. Nur langsam ließen sich ihre blutverschmierten Augenlider öffnen. Dann schaute sie vorsichtig nach allen Seiten und sah in einiger Entfernung das immer noch geöffnete Zeittor flimmernd auf dem zerstörten Platz ihres ehemaligen Palastes stehen. Außer den Raumschiffsoldaten war niemand zu sehen.

 

Commander Henderson muss wohl mit seinen Männern durch das Zeittor gegangen sein“, murmelte die Magierin halblaut vor sich hin. Ein Gefühl der Genugtuung kam in ihr auf.

 

Instinktiv griff sie auf einmal nach ihrer Stofftasche, die immer noch an dem breiten Ledergürtel um ihre Hüfte hing. Wenige Augenblicke später hielt sie einen seltsam geformten, silbrig glänzenden Metallstab in der rechten Hand. Die Magierin lächelte zufrieden und richtete ohne lange zu zögern das vordere Ende des Stabes auf das flimmernde Zeittor. Im nächsten Moment schoss ein kleiner, nur wenige Millimeter starker Lichtstrahl aus ihm heraus, der genau in der Mitte des gleißend hellen Energievorhangs verschwand, als würde er absorbiert werden. Wenige Sekunden später fiel schlagartig der Energievorhang plötzlich in sich zusammen, sodass der Boden spürbar erzitterte.


Die postierten Raumschiffsoldaten stoben erschrocken in alle Richtungen auseinander und gingen schließlich in sicherer Entfernung in Stellung. Sie warteten offenbar auf die Rückkehr ihres Commanders.

 

Doch das Zeittor blieb verschwunden. Es tauchte nicht mehr auf.

 

Als die Magierin den silbrig glänzenden Metallstab in ihrer verdreckten Stofftasche wieder behutsam verstaute, lächelte sie mit einem seltsam zufriedenen Gesichtsausdruck, denn sie wusste, dass Henderson und seine Männer nur ein wert- und nutzloses Duplikat an sich gerissen und auf den Weg zu den Inka Pyramiden mitgenommen hatten. Aber ohne das Original konnten sie nicht mehr durch das Zeittor zurück nach der Stadt Ebon auf dem Planeten Lamu, wo ihr Raumschiff stand. Das schreckliche Schicksal des Commanders und seiner beiden Begleiter war der Magierin jedoch völlig gleichgültig. Sie hatte nur auf ihre Weise den Tod ihres geliebten Mannes, dem Magier Mermoron, gerächt. Sie hatte ihr Ziel erreicht.

 

Mehr wollte sie nicht.

 

***

 

Zweihundert Jahre später.

 

Eine Nachricht ging wie ein Lauffeuer um die ganze Welt.

 

In Peru machte eine Gruppe Inka Archäologen einen spektakulären Fund, der den Wissenschaftlern Rätsel aufgibt.

 

In einem archäologischen Komplex einer neu entdeckten Inka Stadt tief unter der Erde haben Forscher eine geheimnisvolle Grabanlage mit den Mumien dreier Männer entdeckt und damit Archäologen sowie die Weltregierung in helle Aufregung versetzt.

 

Zwei der Mumien befanden sich in eine Art Rüstung aus sehr hartem Spezialmetall, die dritte war von einer Art Kunststoffhaut umgeben, wie sie, den ersten Untersuchungsergebnissen nach, vor mehr als zweihundert Jahren von Offizieren im Rang eines Raumschiff-Commanders getragen wurden. Nach neuesten Berichten fand man auch alte Laserwaffen, die sogar noch funktionsfähig waren. Die Ruinenstadt der Inkas wurde deshalb großräumig abgesperrt und bis auf weiteres unter den Schutz des Militärs der vereinigten Weltregierung gestellt.

 

Es wurde außerdem eine Nachrichtensperre auf unbestimmte Zeit verhängt, denn man wusste nicht, wie diese ehemaligen Raumfahrer, die man an ihren verblassten Namensschilder wieder erkannte, in dieses uralte Inkagrab gekommen waren, das so tief unter der Erde verborgen lag.

 

 

ENDE

 

 

© Heinz-Walter Hoetter



 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.11.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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