Heinz-Walter Hoetter

Fünf ausgewählte Science Fiction Kurzgeschichten

 


 


 


 


 

Vorwort

Was ist Science Fiction?


 

Science Fiction: Das ist Spekulation total. Mit Raum und Zeit, in Raum und Zeit. Mit nie dagewesen Kulturen, fremden Zivilisationen und Philosophien. Wir stehen vor dem Tor zur Unendlichkeit und gehen in Gedanken auf Reisen. Die Erde und die Planeten des Sonnensystems werden zur winzigen Realität. Fast unbedeutend, aber noch immer bedeutend genug als Schauplatz und Ausgangspunkt unzähliger, unbekannter Möglichkeiten. Wir suchen nach Antworten auf die Frage: Was wird uns in vorstellbarer Zukunft erwarten?


Die Science Fiction will das eigene Denken anregen und das eigene Bewusstsein erweitern helfen, um das Unfassbare zu beschreiben, hier im Jetzt und in Zeiten nach unserer Zeit.


Vielleicht können wir etwas daraus lernen?


 

***

1. Die Station Rosenberg

 

Hier draußen auf dem weiten Landeplatz mit seinen Staub überzogenen Positionslichtern hatte die Stille schon seit vielen Jahrzehnten ein festes Zuhause. Nur das leise Dauerrauschen der mannshohen Rotoren der Frischluftanlagen im Hintergrund der riesigen Betongebäude störte ein wenig die unheimliche Ruhe der einsam daliegenden Station, die sich weit draußen irgendwo in den unendlichen Weiten des Universums auf dem Planeten TELLOGG befand, der eine für den Menschen weitestgehend lebensfreundliche Atmosphäre besaß und über eine äußerst exotische Flora und Faune verfügte.

 

Es gab sogar monströs aussehende Fleisch fressende Pflanzen, die leicht einen ausgewachsenen Menschen verspeisen konnten. Sie lebten gerne in sandigen Gegenden, wo sie sich tief im Boden eingegraben hatten und oft viele Wochen lang geduldig auf ihre Beute warteten. Deshalb mied ich diese wüstenähnlichen Gebiete tunlichst und machte meist einen weiten Bogen um sie herum, wenn ich hin und wieder die Station ROSENBERG mit einem der robusten Antigravitationsgleiter (kurz von mir AGG genannt) verließ, um die abwechslungsreichen, kontinentalen Landschaften des Planeten zu erkunden.

 

Ich suchte allerdings stets nach irgendwelchen größeren Hügeln im offenen Gelände, die mit genügend festem Untergrund ausgestattet waren und mir für den schweren AGG als Landeplatz ausreichend geeignet und entsprechend sicher erschienen.

 

Von solchen Stelle aus unternahm ich zusammen mit meinem Androiden TRION ausgedehnte Märsche in die umliegende Gegend, aber nur zusammen mit ihm, weil dieser künstliche Mensch über Kräfte verfügte, die einem hydraulisch arbeitenden Bagger gleichkamen. Da TRION fast drei Meter groß war, saß ich deshalb die meiste Zeit oben auf seinem breiten Rücken in einem durchsichtigen, Kabinen ähnlichen Rucksack und beobachtete von dieser Warte aus die weite, sich bis zum fernen Horizont ausbreitende, grüne Dschungellandschaft.

 

Außerdem verfügte TRION über einige gefährliche Waffen, wie z. B. einen Hochenergie-Impulslaser und über eine unbestimmt Anzahl dieser faustgroßen und flugfähigen Antimaterie-Granaten, die eine fürchterliche Explosionswirkung entwickeln konnten. Schon allein mit diesen Dingern war es ihm möglich, eine kleine Armee aufhalten zu können. Der Androide war damit sozusagen meine wichtigste Lebensversicherung, denn seine unglaublichen Fähigkeiten ließen seine Einsatzmöglichkeiten schier unbegrenzt erscheinen.

 

Der Name der Station hieß früher übrigens ASS-TG 6422. Irgendwann habe ich sie einfach "Rosenberg Station" genannt, weil ich glaubte, dass es für mich besser war, wenn sie meinen Namen trug. Dafür hatte ich meine ganz persönlichen Gründe, denn nach so langer Zeit war sie zu meinem einzigen Zuhause geworden..., so unendlich weit von Mutter Erde entfernt.

 

***

 

Auf TELLOGG gab es immer viel Neues zu entdecken. So gesehen wurde es mir auch nie langweilig. Auf meinen ausgedehnten Entdeckungsreisen, in die völlig unberührte Natur dieses außergewöhnlichen Planeten, traf ich bisweilen auf gewaltige Gebirgsketten mit mehr als achttausend Meter hohen, schneebedeckten Gipfeln von außergewöhnlicher Schönheit. Am Fuße der Berge gab es tiefe Täler und ungestüm dahinfließende Wildbäche, wie ich sie noch nie zuvor in meinem Leben gesehen habe. Sie wurden auf beiden Seiten von einer unglaublich bizarren und schier undurchdringlichen Pflanzenwelt gesäumt, in die ich mich allerdings nicht rein traute, auch in Begleitung meines Beschützers TRION nicht, denn diese wilde Dschungellandschaft erschien mir irgendwie außerordentlich heimtückisch und gefährlich zu sein, auch deshalb, weil es in ihr ziemlich viele fressgierige Tiere gab, die bestimmt selbst vor dem Verzehr von menschlichem Fleisch nicht zurückschrecken würden. Manche von ihnen schienen sehr intelligent zu sein, und ich konnte nur von Glück reden, dass die gesamte Station von einer fast vier bis fünf Meter hohen Steinmauer umgeben war, die zusätzlich rundherum durch eine große Anzahl empfindlicher Annäherungssensoren abgesichert wurde. Bei drohender Gefahr schossen die Lasergeschütze der zahlreich vorhandenen Verteidigungstürme mit tödlicher Sicherheit automatisch und ohne Vorwarnung auf alles, was sich in unberechtigter Weise der Station näherte oder möglicherweise sogar in sie eindringen wollte.

 

***

 

Wie ich im Laufe meiner Erkundungsreisen herausfand, gab es auf TELLOGG insgesamt fünf kleinere Kontinente, die durch gewaltige Meere voneinander getrennt waren. Zwischen den weit auseinander liegenden Landmassen entdeckte ich zahllose große und kleine Inseln. Auf den größeren davon gab es imposant aussehende Vulkane, die äußerst aktiv waren. Manche dieser beeindruckenden Feuerberge schleuderten Massen von glühender Lava in die Luft und dicke Rauchwolken verfinsterten zusätzlich den Himmel bis hin zum Horizont, sodass ich mit meinem AGG diesen gefährlichen Bereich stets weit umfliegen musste.

 

Der größte Kontinent bestand, einmal abgesehen vom Meerwasser umspülten Küstenbereich, nur aus trockenen Wüsten und kargen Steppen. Trotzdem gab es hier üppig gedeihendes Leben, wie z. B. diese gefährlichen Fleisch fressenden Pflanzen, vor denen man sich ganz besonders in Acht nehmen musste.

Jahrzehntelang erforschte ich den Planeten TELLOGG und entdeckte immer wieder Aufregendes. Doch die Jahre gingen dahin, und bald merkte ich, wie der Zahn der Zeit auch an mir unaufhörlich nagte. Ja, die Menschheit hat das Universum erobert aber gleichzeitig auch den Tod überall mit hingenommen, den jedes einzelne Individuum als biologisches Erbe in sich trug.

 

***

 

Nun, nach irdischer Zeitrechnung schrieb man heute den 21. Juni des Jahres 4920. Ich bin also schon seit über siebzig Jahre hier allein auf dem Planeten TELLOGG. Diese vollautomatisch arbeitende Außenstation wurde genau im Jahre 4800 funktionstüchtig fertig gestellt. Für sie war zu einem späteren Zeitpunkt unter anderem auch eine militärische Bedeutung vorgesehen. Die zahlreich vorhandenen unter dem Boden liegenden Abschussrampen für die atomar bestückten Abwehrraketen stehen aber heute noch leer und waren somit völlig nutzlos geblieben. Gegen einen bewaffneten Angreifer aus dem All gab es somit überhaupt keine all zu großen Verteidigungsmöglichkeiten. Die Lasertürme oben auf der Schutzmauer konnten die Station zwar auch effektiv verteidigen, wozu sie bestimmt in der Lage gewesen wären, aber einem massiv geführten Angriff würden auch sie bestimmt nicht dauerhaft standhalten können.

 

Gott sei Dank hat die Rosenberg Station seit ihrer Fertigstellung bis heute aber nie auch nur einen einzigen direkten Angriff erfahren, was sicherlich einzigartig war, denn die intergalaktische Föderation hatte sich auch einige schlimme Feinde im Universum gemacht, die danach trachteten, alles was menschlich war gnadenlos zu vernichten.

 

***

 

Ich erinnere mich an die Zeit, als ich zum ersten Mal meinen Fuß auf diesen Planeten setzte.

 

Ich wurde von der galaktischen Flottenleitung im Jahre 4850 als Wartungstechniker nach TELLOGG zur Station Rosenberg abkommandiert, da war ich gerade mal zweiundzwanzig Jahre alt. Doch kurz nach meiner Indienststellung kam alles ganz anders, als die meisten von uns wohl gedacht hatten. Eine gefährliche Konfrontation zwischen den PLEJANERN und der intergalaktischen Föderation bahnte sich an.

 

Als der große galaktische Krieg 4851 schließlich begann, verließen alle Besatzungsmitglieder mit dem einzig noch verfügbaren Raumschiff fluchtartig den Planeten TELLOGG, weil sie einen Hyperfunkspruch mit der dringenden Warnung erhalten hatten, dass wohl mehrere feindliche Kampfschiffe der PLEJANER bereits auf dem Weg zu unserer Station waren, um sie zu vernichten.

 

Plötzlich ging alles sehr schnell. Innerhalb weniger Stunden war die gesamte Anlage menschenleer und ohne Personal. Komischerweise griffen die PLEJANER aber nie an, weil einfach keine kamen. Mich hatte man allerdings Mutterseelen allein zurück gelassen. Der Grund dafür war einzig und allein der, dass ich mich damals ziemlich weit unten im elektrischen Turbinenraum der Zwillingskernfusionsreaktoranlage befand und von der überstürzten Flucht der übrigen Stationsbesatzung einfach nichts mit bekommen hatte. Mehr als 120 Männer und Frauen waren in panischer Angst vor den zu erwartenden Angriffen der PLEJANER geflohen, die für ihre grausame, überaus gnadenlose Brutalität gegenüber der menschlichen Rasse überall im Universum bestens bekannt waren. Und so kam es, dass ich plötzlich ganz allein war und nicht wusste, ob mich ein Rettungsteam der Föderation hier von TELLOGG jemals wieder abholen würde.

Ich selbst habe eigentlich nie in Erfahrung bringen können, was der Besatzung mitsamt ihrem Raumschiff, der EARLY BIRD, nach der hastigen Flucht vom Planeten TELLOGG da draußen in den unbekannten Weiten des Alls zugestoßen war. Ich hatte jedoch schon damals die böse Vermutung, dass die PLEJANER das terranische Raumschiff wohl möglich als leicht zu erlegende Beute ohne lange zu zögern angegriffen haben und es ein für allemal vernichten wollten. Wenn das zutraf, dann mussten die PLEJANER ihr blaues Wunder erlebt haben.

 

Die EARLY BIRD besaß nämlich außerordentlich gefährliche Waffen an Bord, die sie zu ihrer Verteidigung sehr wirkungsvoll einsetzen konnte. Ich hielt es sogar theoretisch für möglich, dass alle beteiligten Raumschiffe im Verlauf der kriegerischen Handlungen mindestens schwer beschädigt oder sogar vernichtet worden waren. Immerhin haben sich die PLEJANER auf TELLOGG ja nicht sehen lassen und von der EARLY BIRD erhielt ich ebenfalls kein einziges Lebenszeichen mehr, obwohl ich damals pausenlos ein verschlüsseltes Notsignal gesendet habe, um heraus zu bekommen, was eigentlich geschehen war. Leider bekam ich auf meine verzweifelten Funksprüche keine Antwort. Also musste etwas Außergewöhnliches passiert sein, was auch eventuell die Vernichtung der EARLY BIRD mit einschloss.

 

Dann gab es plötzlich auch keine Kommunikationsmöglichkeiten mehr. Immer dann, wenn ich die Hyperempfangsanlage der Station einschaltete und auf ein erlösendes Rettungssignal von draußen aus den unendlichen Weiten des Alls hoffte, empfing ich nur ein langweiliges, knisterndes Dauerrauschen, das ich irgendwann einfach nicht mehr hören konnte, weil es mich total nervte. Ich ließ deshalb die gesamte Sende- und Empfangsanlage einfach im automatischen Empfangsmodus weiterlaufen, ohne mich dabei auch nur einen Deut um sie zu kümmern.

 

Ab und zu befasste sich allerdings TRION mit der Anlage. Es gab Tage, da schlich er sich unauffällig in den Senderaum der Station und machte dort irgendwelche Dinge, die ich nicht verstand. Ich kümmerte mich aber wohlweislich nicht darum. Es war mir auch irgendwie egal gewesen, was er da tat. Ich vermutete jedoch, dass er hin und wieder heimlich ein Notsignal in den Hyperraum absetzte, wohl in der Hoffnung, dass es irgendwo aufgefangen und gehört wurde. Aber nichts geschah. Es gab einfach keinen Kontakt mehr mit der intergalaktischen Förderation. Nicht einen einzigen Funkspruch erhielt ich, der mir sagte, es käme bald Rettung, um mich aus meiner grenzenlosen Einsamkeit in Raum und Zeit zu befreien.

 

***

 

Nun, ich stand wieder einmal allein und verlassen hier draußen mitten auf dem kreisrunden Landeplatz für die AGG's und blickte nachdenklich nach oben in den blauen, wolkenlosen Himmel. Die Doppelsonnen von TELLOGG standen hoch am Firmament und langsam wurde es unerträglich heiß.

 

Doch heute war für mich ein ganz besonderer Tag, denn ich hatte Geburtstag. Es war der 21.06. des Jahres 4920, nach irdischer Zeitrechnung jedenfalls. Und damit bin ich genau 92 Jahre alt geworden. Über siebzig Jahre meines Lebens habe ich auf diesem einsamen Planeten zugebracht und währenddessen nie einen anderen Menschen zu Gesicht bekommen, außer TRION, der aber kein echter Mensch war, sondern ein Androide, allerdings der Extraklasse, die ihn fast menschenähnlich aussehen ließ. Manchmal stellte ich mir daher die wundersame Frage, ob man einen Androiden, der ja eigentlich im Prinzip eine Maschine war, ebenso lieben könnte wie einen echten Menschen. Ich konnte es jedenfalls nicht, obwohl TRION mir sehr ans Herz gewachsen war. Für ein echtes, unverfälschtes Gefühl der Liebe reichte es eben nicht, weil dem Androiden etwas fehlte, was uns Menschen ja so einzigartig machte. Wir besaßen eine Seele, die Androiden nicht.

 

Wie auch immer.

 

Ich wunderte mich plötzlich darüber, dass ich überhaupt solange auf dem Planeten TELLOGG allein durchgehalten hatte, denn ich war mittlerweile ziemlich gebrechlich geworden. Der Rücken war in den letzten Jahren immer krummer geworden und meine Beine wollten mich nicht mehr tragen. Auch waren die Haare mittlerweile schlohweiß und reichten mir fast bis zur Schulter runter. Ich hatte einfach keine Lust mehr dazu, sie immer wieder kurz zu schneiden. Die Haut an meinem Körper war dunkelbraun und sah wie gegerbtes Leder aus. Mein Gesicht war eingefallen und von tiefen Furchen durchzogen. Sehen konnte ich noch relativ gut, obwohl meine Augen in den letzten Jahren immer häufiger schlimme Entzündungen über sich ergehen lassen mussten, und die Sehkraft langsam aber sicher dadurch ständig weiter abnahm.

 

Heute jedoch gestand ich mir endlich ein, dass mir die Lust, am Leben zu bleiben, endgültig vergangen war. Die Einsamkeit in den vielen zurückliegenden Jahrzehnten hatte mich zermürbt und seelisch fertig gemacht. Außerdem wollte ich nicht auf einem fremden Planeten, so entsetzlich fern der heimatlichen Erde, langsam und qualvoll dahinsiechen, bis der Tod mich von meinen Qualen endlich erlösen würde. Ich hatte deshalb beschlossen, am Tag meines jetzigen Geburtstages Selbstmord zu begehen. Für mich gab es in dieser Hinsicht kein Zurück mehr. Mein Entschluss stand fest. Ich wollte einfach nur noch sterben, mehr nicht.

 

***

 

Ja, heute würde ich meinem Leben ganz bewusst ein Ende setzen. Ich rief deshalb über Interkom nach TRION, der wenige Minuten später neben mir stand.

 

"TRION, hast du die Spritze dabei?" fragte ich ihn mit fast tonloser Stimme.

 

"Natürlich Sir. Sobald Sie mir den außerordentlichen Befehl dazu gegeben haben, werde ich Sie narkotisieren und danach das Gift spritzen. Normalerweise dürfen Androiden keinen Menschen töten, aber Sie haben mich für diesen bevorstehenden Prozess kurzzeitig anders programmiert. Diese Programmierung wird in etwa dreißig Minuten von selbst aufgehoben bzw. gelöscht. Wir sollten uns deshalb hier nicht lange aufhalten und mit dem AGG auf ihre Lieblingsanhöhe fliegen. Dort werde ich Ihnen das Giftgemisch injizieren. Nachdem Sie friedlich eingeschlafen sind, lege ich den toten Körper in den bereitgestellten Vakuumzylinder und befülle ihn gänzlich mit flüssigem Stickstoff. Ihr Körper wird darin möglicherweise mehre Jahrhunderte oder länger vollständig erhalten bleiben, weil keine Verwesung eintreten kann. Auch die DNA bleibt in diesem Kältezustand der Konversierung komplett erhalten. - Wir sollten jetzt aber endlich aufbrechen, Sir."

 

"In Ordnung, dann lass uns losfliegen, TRION! Du wirst anschließend zurück zur Station fliegen und alle notwendigen Wartungsarbeiten übernehmen. Es könnte ja sein, dass irgendwann einmal ein Raumschiff der Föderation nach TELLOGG zurück kommt. Wenn es die PLEJANER sein sollten, dann jage die gesamte Anlage in die Luft. Du musst auf alles vorbereitet sein! Ist es die Föderation, dann zeige der Besatzung, wo du meine Leiche aufbewahrt hast. Vielleicht sehen wir uns ja eines Tages wieder, auf welche Art und Weise auch immer, TRION. Nun, ich danke dir jetzt schon mal für deine Loyalität und Treue, die du mir gegenüber in all den vielen zurück liegenden Jahrzehnten so eindrucksvoll bewiesen hast. Du warst ein wirklich großer Freund für mich. Was hätte ich ohne dich gemacht, hier auf diesem einsamen Planeten am Rande der Milchstraße, den wir TELLOGG nennen? - Übrigens, was ich dich schon immer mal fragen wollte. Wie alt kannst du eigentlich werden TRION?"

 

"Wie bitte, Sir?"


 

"Komm schon TRION! Stell dich nicht so an! Wie alt kannst du werden?"

 

"Meine technische Lebenserwartung liegt im Durchschnitt bei ca. 800 Jahre. Dann sind meine Antimateriebatterien verbraucht. Da ich mich auch ohne fremde Hilfe reparieren und warten kann, bin ich auch dazu in der Lage, die Antimateriebatterien selbst austauschen zu können. Solange mir diese rechtzeitig zur Verfügung stehen, ist meine Lebensdauer also unbegrenzt - nach dem heutigen Stand der Androidentechnik natürlich."


"Kann man da überhaupt noch von ‚Alter’ sprechen, wie bei einem Menschen? Ihr Androiden seid uns heute schon weit überlegen. Wir Menschen sind äußerst zerbrechliche Wesen. Wir sehnen uns nach Schutz und Fürsorge. Deshalb brauchen wir euch Androiden. Ihr verfügt über Fähigkeiten, von denen wir nur träumen können. Wir haben euch zur Existenz verholfen. Dann habt ich euch eigenständig weiter entwickelt und habt euch trotzdem nicht von uns abgewendet. Im Gegenteil. - Wie auch immer, vergiss mich nicht, TRION! Halte mich immer in guter Erinnerung, mein alter Freund!"

 

"Natürlich Sir. Wie könnte ich Sie auch jemals vergessen. In meinen Molekularspeichern wurde jede Information über Sie abgelegt, die ich für relevant gehalten habe. - Aber gut, lassen Sie uns jetzt losfliegen und die verabredete Angelegenheit zu Ende bringen. Ich wünsche Ihnen eine gute Reise, wohin auch immer, Sir!"

 

"Danke TRION. Du bist schon fast wie ein richtiger Mensch geworden. Nun trage mich rüber zum AGG und lass' uns von hier verschwinden."

 

***

Etwa einhundertunddreißig Jahre später nach irdischer Zeitrechnung.


Ein gewaltiger Kugelraumer war neben der Rosenberg Station gelandet. Überall ging es hektisch zu. Androiden und Roboter untersuchten die wissenschaftlichen Labors der Außenstation und sammelten Informationen.

 

Ein Mann in einem schwarzen Raumfahreranzug stand einsam und allein mitten auf dem freigelegten, kreisrunden Landplatz und blickte angestrengt hinüber zu einer nah gelegenen Anhöhe.

 

Plötzlich kam über Funk eine Nachricht zu ihm rein.

 

"Jack, wir haben hier einen vollautomatisch funktionierenden Metallzylinder mit einer einwandfrei erhaltenen, männlichen Leiche darin gefunden. Sie liegt in Flüssigstickstoff. Auf der Erkennungsplatte außen steht gut lesbar der Name des Verstorbenen. Willst du, dass ich ihn dir über Funk mitteile?"

 

"Ja..., schalte aber auf eine andere Frequenz um, Mike! Ich will nicht, dass jeder den Namen des Mannes erfährt, der hier mal vor langer Zeit auf der Rosenberg Station seinen Dienst einsam und völlig allein auf sich gestellt so heldenhaft verrichtet hat. Nun, um wen handelt es sich also? Ich bin mal gespannt ob ich mit meiner Vermutung richtig liege."

 

"Sein Name war Peter Rosenberg. Alle weiteren Informationen teile ich dir mit, wenn wir den gesamten Metallzylinder an Bord unseres Schiffes gereinigt und analysiert haben. Da steht noch mehr auf der Erkennungsplatte, aber sehr undeutlich und schlecht lesbar."

 

"In Ordnung! Der Metallzylinder wird aber vorläufig nicht geöffnet. Es ist gut möglich, dass die DNA auch noch nach so langer Zeit erhalten geblieben ist. Wenn das der Fall sein sollte, können wir ihn als Königsandroiden auferstehen lassen. Aber darüber muss der intergalaktische Rat entscheiden. Verdient hätte er sich das. Also ab mit der Leiche in die Konservierungskammer. Wir werden zur Erde zurückfliegen und lassen etwa 120 Männer und Frauen auf der Rosenbergs Station zurück. Sie sollen die gesamte Anlage wieder richtig in Schuss bringen. Sie haben Zeit dafür, bis wir wieder zurückkommen."

 

"Alles klar Jack. Wir bringen jetzt die Leiche aufs Schiff. Wir sehen uns dann später!"

 

"Ist in Ordnung, Mike. Ich werde in etwa dreißig Minuten bei dir sein. Ich habe hier noch jemanden, mit dem ich reden muss. Ich werde mich aber beeilen. Also warte auf mich!"

 

Der Mann in dem schwarzen Raumfahreranzug drehte sich plötzlich auf der Stelle herum. Hinter seinem Rücken hatte sich ein fast drei Meter großer Androide aufgebaut und schaute stumm auf ihn herab.

 

"Wie ist dein Name. Gib dich zu erkennen, Androide!"

 

"Mein Name ist TRION, Sir. Ich stehe Ihnen jederzeit zu Diensten. Ich habe Peter Rosenberg gut gekannt. Wir waren etwa siebzig Jahre lang zusammen hier auf der Station und haben gemeinsam den Planeten TELLOGG erforscht. Die Daten sind alle in meinem Molekularspeicher untergebracht. Bevor Peter Rosenberg mit 92 Jahren starb, habe ich eine DNA Probe von ihm nehmen können und in der Kältekammer der wissenschaftlichen Abteilung konserviert, sozusagen aus Sicherheitsgründen. Ich war mir nämlich nicht ganz sicher, ob die DNA in dem Metallzylinder größere Zeiträume unversehrt überstehen kann. Die von mir sicher gestellte DNA von Peter Rosenberg ist auf jeden Fall noch vollständig erhalten. Ich habe sie immer wieder überprüft. Ich würde mich daher sehr freuen, wenn Rosenberg als Königsandroide wieder auferstehen könnte. Wir waren auf TELLOGG ein überaus erfolgreiches Team. Sein ganzes Leben hier habe ich mit ihm ohne Probleme zusammengearbeitet. Auf diesem Medium, einen Quantenspeicherwürfel, sind alle meine Aufzeichnung und Daten abgelegt. Sie haben das Recht, darüber zu verfügen."

 

Der Androide stockte plötzlich. Dann sagte er: "Sir, ich hätte da mal eine Frage an Sie."

 

"Und die wäre, TRION?"

 

"Sind Sie wirklich mit Peter Rosenberg entfernt verwandt?"

 

"Ja, das bin ich. Ich heiße Jack Rosenberg. Peter Rosenberg ist in der Tat ein entfernter Verwandter von mir, sozusagen ist er mein Ururur Großvater. Er hatte seinerzeit eine kurze Liebschaft mit einer jungen Astrophysikerin, die ebenfalls zur Besatzung dieser Station gehörte. Als der Krieg gegen die PLEJANER begann, floh die Mannschaft überstürzt mit ihrem Raumschiff vom Planeten TELLOGG und sie gerieten schon kurze Zeit später an zwei Kriegsschiffe der PLEJANER, die auf dem Weg zur Rosenbergs Station waren. Es kam schließlich sehr weit von TELLOGG entfernt zu einem heftigen Kampf. Die PLEJANER wurden dabei vernichtend geschlagen, aber auch das terranische Schiff, die EARLY BIRD, wurde dabei erheblich beschädigt und torkelte ohne Antrieb durchs All. Als die Überlebenden endlich gerettet wurden, waren nur noch ganze zwölf Besatzungsmitglieder am Leben, darunter auch eine schwangere Frau namens Linda Davies. Als sie später erfuhr, wer der Vater ihres Kindes war, taufte sie ihn auf den Namen Erik und nahm den Familiennamen Rosenberg ihres Geliebten an. Auch Linda Rosenberg glaubte wohl ganz fest daran, dass ihr Geliebter bei dem Kampf mit den PLEJANERN ums Leben gekommen sei, dabei war er gar nicht auf dem Schiff gewesen, wie wir heute wissen. Nun, als Erik Rosenberg schließlich erwachsen war, heiratete er mit etwa achtundzwanzig Jahren eine gewisse Stella Cromwell, die sich nach der Heirat Stella Cromwell-Rosenberg nannte. Erik zeugte selbst wieder drei Söhne mit ihr. Die Söhne hießen Bruce, Philipp und Ron. Der jüngste von ihnen, Philipp Rosenberg, war übrigens mein Vater."

 

"Und wie haben Sie Peter Rosenberg gefunden?"

 

"Als man die elektronische Passagierliste der schwer beschädigten EARLY BIRD überprüfte, fehlte ein Mannschaftsmitglied, nämlich Peter Rosenberg. Man gab diese Information an die Zentrale der intergalaktischen Föderation weiter, die auf dem Mond ein Zentralarchiv für verschollene Raumfahrer unterhielt, wo dieser spezielle Fall auch aufgenommen und abgespeichert wurde. Aber man vergaß ihn wohl, aus welchen Gründen auch immer. Wahrscheinlich wegen der Kriegswirren. Die Sache wurde irgendwann nicht mehr weiter verfolgt. Der Krieg gegen die PLEJANER dauerte länger als ein halbes Jahrhundert, bis wir ihn endlich für uns entscheiden konnten. Heute ist die Föderation mächtiger denn je. Die PLEJANER wurden entwaffnet und der intergalaktischen Föderation einverleibt. Als ich die Raumakademie mit Erfolg verließ, arbeitete ich eine Zeit lang in dem erwähnten Zentralarchiv auf dem Mond. Dabei stieß ich zufällig auf den Namen Peter Rosenberg und nahm mich der Sache an, weil mich schon allein die Namensgleichheit irgendwie interessierte. Seltsamerweise wusste die Föderation nichts mehr von dem damals neu entdeckten Planeten TELLOGG, auf dem sich die Rosenberg Station befand. Jahre später wurde ich dann Raumschiffkommandant des hypersprungfähigen interstellaren Kugelraumers TRANSGALAKTIKA mit weit über 2000 Besatzungsmitgliedern. Es ist ein reines Kampfschiff und bestens ausgerüstet für ausgedehnte Reisen durch Raum und Zeit. Eines Tages erinnerte ich mich wieder an das Schicksal Peter Rosenbergs und forschte nach den Koordinaten des Planeten TELLOGG. Ich fand sie schließlich im alten Logbuch der EARLY BIRD, die es allerdings zurzeit meiner Nachforschungen nicht mehr gab. Man hatte sie kurz nach Rettung der letzten überlebenden Besatzungsmitglieder in ein Hangar geschleppt und verschrottet. Das Logbuch der EARLY BIRD befand sich übrigens in einem der zahlreichen Raumfahrtmuseen in NEW YORK. Ich fand schließlich die Koordinaten des Planten TELLOOG. Mit der TRANSGALAKTIKA war es schließlich ein Kinderspiel, ihn am Rande der Milchstraße wiederzufinden."

 

Der Androide hörte aufmerksam zu. Schließlich räusperte er sich ein wenig, fast wie ein Mensch.

 

Dann sagte er: "Die Geschichte ist sehr interessant, Major Rosenberg. Alles scheint mir irgendwie miteinander über weite Strecken in Raum und Zeit verknüpft zu sein. Nun, wenn Sie es erlauben, würde ich gerne auf der TRANSGALAKTIKA Dienst tun, Herr Major."

 

"Kein Problem für mich, TRION. Ab jetzt bist du Mitglied meiner Crew. Ich möchte dich immer in meiner Nähe haben und alles von dir über Peter Rosenberg erfahren. Melde dich in der Kommandozentrale bei Captain Mike Avenger. Er wird dich in deine neue Arbeit bei uns einweisen."

 

"Vielen Dank Sir. Ich freue mich schon auf den Tag, an dem Peter Rosenberg wieder auferstehen wird. Vielleicht setzen wir eines Tages unseren Dienst gemeinsam wieder auf der Rosenberg Station fort, wenn alles gut geht und der intergalaktische Rat seine Zustimmung zur Wiederaufstehung gibt."

 

"Ich hätte nichts dagegen, TRION. Ich habe sehr großen Einfluss auf die Entscheidungen des intergalaktischen Rates. Eines der Mitglieder ist übrigens mein ältester Bruder Ron, der Flottenadmiral ist und zum inneren Zirkel der weisen Männer gehört. Sein Wort hat großes Gewicht. Ich denke, er wird sich in dieser Angelegenheit bestimmt positiv entscheiden. Er hat mir noch nie einen Wunsch abschlagen können. - Aber jetzt ist erst einmal Arbeit angesagt, TRION. Ich muss auf die Brücke. Captain Avenger wartet auf mich. Wir haben noch viel zu tun. Die TRANSGALAKTIKA ist startbereit und wird in etwa 30 bis 40 Minuten abheben. Gehen wir also an Bord!"

 

***

 

Neun Jahre Später nach irdischer Zeitrechnung.

 

Die Rosenberg Station ist um vier neue Start- und Landeplätze erweitert worden. Die Abwehrraketen sind mittlerweile installiert und befinden sich einsatzbereit in Explosion gesicherten Bunkern. Überall geht es überaus hektisch zu. Am fernen Horizont entsteht gerade eine riesige Kuppelstadt, denn seit zwei Jahren kommen immer mehr Siedler mit Raumschiffen aus allen Regionen des Alls und lassen sich auf TELLOGG nieder.

 

Vor dem Haupteingang der Rosenberg Station stehen zwei fast drei Meter große Androiden stumm nebeneinander vor einem in Stein gemeißelten Gesicht. Darunter steht der Name auf einer schwarzen Metallplatte:


 

"ZUM ANDENKEN AN DEN RAUMFAHRER PETER ROSENBERG"

 

Unter der Metallplatte befand sich ein gläsernes Medium und erzählte mit freundlicher Stimme die Geschichte von einem Mann, der hier mal auf der Rosenberg Station siebzig Jahre lang seinen Dienst getan hat, und das einsam ganz allein auf sich gestellt.

 

Plötzlich fing einer der Androiden an zu sprechen.

 

"Man hat mir alle meine Erinnerungen wieder gegeben, TRION. Nichts ist bei der Wiederauferstehung verloren gegangen. – Das war ich also einmal. Ich kann es fast nicht glauben. Die Menschen verehren mich heute als großes Vorbild und nur wenige wissen, was aus mir geworden ist und wer ich wirklich bin. - Ich bin jetzt ein Königsandroide und war einmal der Mensch Peter Rosenberg."

 

ENDE

(c)Heinz-Walter Hoetter

 

 

 

 

2. Das Ding aus dem All


 

Am fernen Horizont konnte man eine lange Kette von mächtigen Bergen erkennen, die weit in den blauen Himmel hineinragten. Auf den meisten Gipfeln lag noch Schnee, der selbst im Hochsommer nicht auftaute.

Am Fuße der Berge gab es viele enge Schluchten und tiefe Täler mit geheimnisvoll anmutenden Wäldern, die noch nie eine Axt oder Kettensäge gesehen hatten.

Weit draußen vor dem Gebirge durchzogen sanfte Grashügel die stille Landschaft und manchmal traf man auf einsame, moosbewachsene Hütten, die allerdings unbewohnt waren. Einige von ihnen standen wohl schon seit langer Zeit hier, was man auch daran erkennen konnte, dass ihre Kamine langsam zerbröckelten und die niedrigen Dächer an vielen Stellen große Löcher aufwiesen.

Obwohl diese Gegend jedem Durchreisenden auf dem ersten Blick menschenleer vorkommen musste, wohnten dennoch ein paar unverwüstliche Einheimische hier, die aber allesamt weit verstreut am Rande eines weitgespannten Sperrgebietes ihr karges Dasein fristeten.

Einer dieser wenigen, alteingesessenen Bewohnern war der alte Mr. Henry Bischoff, der zwar recht wirr im Kopf war, aber bestens darüber Bescheid wusste, warum vor langer Zeit die meisten Bewohner aus dieser schönen Landschaft nach und nach weggezogen sind.

Mr. Bischoff war eigentlich von Natur aus ein sehr schweigsamer Mensch, der über die damaligen Vorkommnisse nur selten ein Wort verlor. Wenn jedoch mal Besucher hier vorbei kamen, die sich für die schöne, unberührte Landschaft interessierten, erzählte er ihnen stets von den seltsamen Ereignissen, die sich hier vor langer Zeit zugetragen haben sollen, und die angeblich bis heute fortdauern würden, wie er stets ahnungsvoll andeutete.

Warum der Alte noch da war, das hatte einen einfachen Grund. Sein kleines Haus, welches man seinerzeit extra für ihn bauen lies, lag an einer belebten Straße, die damals neu gebaut werden musste. Sie schlängelte sich wie eine Schlange unmittelbar am weitläufigen Sperrgebiet entlang und verlor sich schließlich irgendwo im fernen Gebirge.

Die alte Straße gab es zwar immer noch, die allerdings unten an den Bergen vorbei durch die tiefen, stark bewaldeten Täler verlief, jedoch später zu einem erheblichen Teil vom smaragdgrünen Wasser eines neu gebauten Stausees überflutet worden war.

Und genau aus diesem Grunde hatte man vorsichtshalber die alte Straße eben für den gesamten Verkehr gesperrt, weil es immer wieder Leute gab, die mit ihren geländegängigen Fahrzeugen, trotz aller Warnungen übrigens, auf dem Rest der überwucherten Fahrbahnen bis tief in die dunklen Wälder und meist zu nah an die zerklüfteten, steil abfallenden Ränder des Stausees gefahren waren. Immer wieder ereigneten sich deshalb in fast schon regelmäßigen Abständen unheimlich anmutende Unfälle, die sich niemand erklären konnte. Die meisten Unfallopfer tauchten seltsamerweise nie wieder auf und blieben verschollen, obwohl man wochenlang mit allen technischen Mitteln nach ihnen gesucht hatte. Aber das alles ist schon lange her. Heute darf kein Mensch mehr dieses weiträumig abgesperrte Gebiet betreten. An etlichen Stellen hat man sogar unüberwindbare Stacheldrahtzäune hochgezogen.

***

Ich hielt meinen schweren Geländewagen an und stieg aus. Es war still in der Gegend und der Boden, auf dem ich jetzt stand, war überzogen mit feuchtem Moos und faulenden Resten alter Bäume, die sich hier einst hoch in den Himmel erhoben hatten. Nun lagen sie morsch und verwittert überall herum. Ich ließ meinen Blick langsam über die weite Landschaft gleiten und erinnerte mich an längst vergangene Zeiten, die mein damaliges Leben von Grund auf verändert haben.

Ach so, ich habe mich ja noch nicht vorgestellt.

Mein Name ist Joe Allen. Als ich damals hier das Gelände für den neuen Stausee zu vermessen begann, lernte ich während meiner Tätigkeit auch den etwa 40jährigen Mr. Bischoff kennen, der hier wohnte.

Mr. Bischoff lebte zu jener Zeit noch in einem kleinen Anwesen direkt am Rande eines tiefen Tales mit dichtem Waldbestand. Beides gibt es allerdings schon lange nicht mehr, weil sich heute sowohl das Tal als auch der Wald tief unterhalb der Wasseroberfläche des neuen Stausees befinden, an dessen Bau ich als junger Vermessungsingenieur viele Jahre, und bis zu seiner Fertigstellung, mitgewirkt habe.

Heute werde ich endlich mal den mittlerweile 85 Jahre alten Mr. Bischoff besuchen, was ich eigentlich schon immer in der Vergangenheit tun wollte, doch jedes mal kam etwas Unvorhergesehenes dazwischen. Ich habe ihm einfach einen Brief geschrieben und ihn darin gefragt, ob wir uns über gewisse Dinge aus der damaligen Zeit unterhalten könnten. Er war nicht abgeneigt, und so stehe ich heute hier.

Ich schloss meinen abgestellten Geländewagen ab und marschierte hinüber zu seinem Haus. Eine Weile später klingelte ich an seiner Tür. Schon bald wurde sie geöffnet. Der alte Mr. Bischoff begrüßte mich freundlich, ließ mich herein und wies mir einen gemütlichen Platz am Wohnzimmertisch zu, auf dem bereits dampfender Kaffee stand.

Während Mr. Bischoff unsere Tassen mit heißem Kaffee füllte, fing ich das Gespräch an.

Es ist schon lange her, Mr. Bischoff, als wir uns das letzte Mal gesehen haben. Leider war ich wegen meiner Arbeit immer verhindert. Ich habe mir heute extra Zeit dafür genommen, ihnen mal einen Besuch abzustatten. Danke auch für ihre nette Einladung. Wie gesagt, bin ich sehr daran interessiert, mir von ihnen die Geschichte erzählen zu lassen, was sich damals wirklich in dieser Gegend hier abgespielt haben soll. Es gab so viele Gerüchte, die im Umlauf waren, und immer noch sind wohlgemerkt, sodass keiner weiß, welche Erzählung eigentlich wahr ist und welche nicht. Was ist also ihre Version von dem, was damals passiert ist, Mr. Bischoff?

Der alte Mann blickte mich argwöhnisch an. Dabei stellte er ein Stück Kuchen vor mir auf den Tisch, nahm dann behäbig auf seinem Stuhl Platz und fing an zu reden.

Nun Mr. Allen, ich möchte nicht lange um den heißen Brei reden. Wann alles anfing, weiß ich eigentlich nicht mehr so genau. Ich erinnere mich aber noch ganz genau daran, dass alles mit diesem Meteoriten begonnen hat, der nur eine Woche vor ihrer Ankunft hier in dem tiefen Tal donnernd explodiert war. Die meisten Leute haben allerdings nichts davon mitbekommen. Ich aber schon, da ich ganz in der Nähe des Tales wohnte, wo der Meteorit nieder ging. Einen Tag später, es muss wohl um die Mittagszeit gewesen sein, ereigneten sich eine Kette von weiteren, jedoch kleineren Explosionen, deren weiße Rauchschwaden schließlich wie ein Nebelschleier das ganze Tal zudeckten. Erst am nächsten Tag bin ich zusammen mit einem anderen Bauern aus der Gegend frühmorgens zu der Einschlagstelle hinaus geeilt, um den Besucher aus dem All näher zu besichtigen. Dann lag er vor uns. Die Erde war überall aufgerissen und in einem Umkreis von mehreren einhundert Metern waren alle Pflanzen verbrannt worden. Einige Büsche und Bäume qualmten immer noch, auch das umliegende Gras war bis auf den letzten Halm verkohlt. Das komische jedoch war, dass der Meteorit gar nicht so aussah, wie ein Meteorit. Seine Form glich vielmehr die einer Kugel, etwa in der Größe eines Fußballs. Die sich ständig bewegende Oberfläche glitzerte wie ein Meer aus Millionen von Sternen. Wir nannten diese Kugel nur „Das Ding aus dem All“, weil es nicht von dieser Erde war. Hin und wieder schossen sogar kleine Blitze aus der unheimlichen Oberfläche der Kugel, die kleine Vertiefungen im verbrannten Waldboden hinterließen. Wir beschlossen später, niemanden von unserem geheimnisvollen Fund etwas zu erzählen und deckten „Das Ding“ einfach mit einer Schicht Erde, losen Ästen und Zweigen zu. Wir markierten die Stelle noch zusätzlich mit herumliegenden Steinen, um die Kugel später schneller wieder finden zu können. Danach verließen wir den Ort und wollten erst einmal sozusagen Gras über die Sache wachsen lassen. Nach etwa zwei Woche kamen wir wieder zurück. Zu unserer großen Überraschung konnten wir das kugelförmige Ding nicht mehr wiederfinden. Wo wir auch suchten, das Gebilde war wie vom Erdboden verschluckt. Außerdem hatte sich während unserer Abwesenheit seltsamerweise die gesamte Vegetation erholt, was uns erst im Nachhinein aufgefallen war. Neue, kräftige Bäume waren in den Himmel gewachsen, Sträucher wucherten überall herum und auf den freien Stellen wuchs mannshohes Gras. Mein Kollege und ich haben uns darüber sehr gewundert. Zum Glück hatten wir die Stelle mit Steinen gekennzeichnet. Deshalb konnten wir den so markierten Ort genau lokalisieren. Aber die Kugel blieb dennoch verschwunden. Sie ist nie wieder aufgetaucht. Zur gleichen Zeit trafen Sie bei uns ein und fingen mit den Vermessungsarbeiten für den Stausee an. Ich dachte schon, sie hätten dieses kugelförmige Ding vielleicht auch gesehen oder möglicherweise etwas davon mitbekommen, wo es verblieben war. Sie sind doch die ganze Zeit dort herumgelaufen und haben die Gegend vermessen, Mr. Allen. Ach was, vergessen sie meine dümmlichen Fragen. Nun, die Geschichte geriet danach jedenfalls langsam in Vergessenheit, bis eines Tages diese seltsamen Vorkommnisse eintraten, wodurch in unserer Umgebung die Menschen in Angst und Schrecken versetzt worden sind. Zuerst begann das Sterben der Haustiere, dann folgte das Geflügel und alle anderen Tiere auf den angrenzenden Bauernhöfen. Die Tierärzte standen vor einem Rätsel. Ein paar Monate später fingen schließlich einige Bewohner an, wirres Zeug zu reden. Auch wurden sie in der Nacht von schlimmen Alpträumen heimgesucht, die ihnen schwer zusetzten. Manche brachten sich sogar um, weil sie glaubten, von Dämonen verfolgt zu werden. Als dann noch verschiedene Krankheiten ausbrachen, die man sich nicht erklären konnte, verließen immer mehr Bewohner ihre Häuser und zogen weg von hier. Dann waren die Dörfer dran. Auch sie waren bald öd und leer. Einige davon versanken schließlich in den Fluten des neuen Stausees, andere wiederum wurden später von der Regierung zu Sperrgebieten erklärt, die man nicht mehr betreten durfte. Es gab allerdings immer wieder Leute, die sich den Anweisungen der Regierung widersetzten und bis in die alten Dörfer vordrangen. Keiner von ihnen ist je zurück gekehrt. Was mit ihnen geschah, weiß man bis heute nicht. Die örtlichen Behörden hüllten sich stets in Schweigen. Sie haben jeden Vorfall vertuscht und tun bis heute so, als sei alles normal. Das ist es aber nicht, Mr. Allen. Irgend etwas Schreckliches kam in der Gestalt dieser schwarzen Kugel in das tiefe Tal herab und keiner weiß, wo dieses Gebilde hin ist, das seine Umgebung extrem verändern und beeinflussen kann, wie ich das damals zu meinem Entsetzen selbst heraus gefunden habe. Es kann alles verändern, und das ganz nach seinem Belieben. Unfassbar, nicht wahr? Es hat offenbar große Macht über die Materie und ganz besonders über jenen Teil der Materie, die lebt. Wissen Sie, was mir komisch vor kommt? Sie waren doch ebenfalls die ganze Zeit damals da unten in dem Tal und sind als einziger immer wieder unbeschadet daraus aufgetaucht. Vielleicht hat Sie dieses Ding aus dem All verändert, Mr. Allen. Es hatte ja Zeit genug, um sich von seinem schweren Aufschlag zu erholen. Deshalb verstand ich auch, warum dieses seltsame Gebilde meinem Kollegen und mir anfangs nichts anhaben konnte. Es hat, wohl um seine Spuren zu verwischen, später auch die gesamte zerstörte Vegetation wieder innerhalb kürzester Zeit neu entstehen lassen. Unerklärlich, wie es so etwas fertigbringen konnte. Aber es kann auch töten, wie ich weiß. Es ernährt sich eigentlich von allem, was lebt. Das würde auch das Verschwinden der vermissten Personen erklären, die man damals nicht mehr gefunden hat. So, und das ist meine Geschichte, Mr. Allen.“

***

Viel später. Draußen war es schon dunkel geworden.

Ich verließ das Haus von Mr. Bischoff wieder und ging zu meinem Wagen zurück. Der alte Mann hat mich nicht angelogen. Seine Erzählung war auch keine Ausgeburt seines verwirrten Geistes, wie andere behauptet haben. Nein, seine Geschichte entsprach völlig der Wahrheit. Seine Fragen haben mich deshalb auch nicht überrascht. Ich wusste nur zu gut, was er dachte. Ganz sicher war er sich allerdings nicht, aber er wusste wohl, wer ich wirklich war. Ich hätte ihn mit Leichtigkeit töten können, trotzdem verschonte ich sein Leben. Der Gedanke war mir einfach verhasst, einen alten Mann, der sowieso bald sterben würde, der inneren, verformbaren Masse meines Körpers zuzuführen. Ich habe auch meine guten Seiten, wie jeder Mensch, zu dem ich mich nach und nach verwandelt habe.

Ich, Joe Allen, bin nämlich „DAS DING“.

Oder sollte ich lieber sagen, dass ich es einmal war?


 

ENDE

(c)Heinz-Walter Hoetter

 

 

 

3. Der Teleporter


 


 

Es regnete schon eine ganze Weile leicht vor sich hin. Außerdem war es hier draußen ungemütlich kalt.

 

Ich stand auf einem weiten Platz aus verdreckten, quadratisch geformten Steinplatten, von denen die meisten zerbrochen waren. Zwischen den breiten Fugen, den zahllosen Rissen und Ritzen spross dichtes Unkraut und eine buschige Grasart, die fast überall wucherte. Hier und da huschten im Schutze der dunklen Gemäuer irgendwelche scheuen Tiere vorbei, von denen manche aussahen wie katzengroße Ratten. Kein angenehmer Ort, dachte ich so für mich.

 

Ich schob meine blaue Umhängetasche nach hinten auf den Rücken und blickte hinüber zu einigen verfallenen Häusern, die den Rand des düster daliegenden Platzes säumten. In einem total verwilderten Gartengrundstück stand eine leere Hundehütte mit eingestürztem Dach. Gleich daneben befand sich eine gusseiserne Badewanne, die randvoll mit Regenwasser gefüllt war. Alles wirkte verlassen, auch die Tankstelle, die gleich am Eingang des kleinen Dorfes stand. Ihre Glasscheiben waren zerbrochen und die vergammelten Türen standen offen. Manchmal, wenn der Wind das lose Türblatt hin und her bewegte, knarrten die alten Scharniere und man hatte den komischen Eindruck, als stöhnten sie vor sich hin.

 

Scheinbar lebten hier schon seit Jahrzehnten keine Menschen mehr. Sie hatten aus irgendwelchen Gründen heraus alles aufgegeben oder vielleicht sogar aufgeben müssen. Wer wusste das schon.

 

Tja“, sagte mit einigem Bedauern hinter mir eine harte, metallisch klingende Stimme, die von Dsheezad, dem Cyborg stammte, der schon seit vielen Jahren mein bester Freund war, „ich nehme einmal an, dass es keineswegs so einfach werden wird, wie wir dachten. Du wirst nicht allzu lange ohne ausreichende Nahrung überleben können, Amroon. Die Gegend hier ist anscheinend in weitem Umkreis völlig unbewohnt und menschenleer. Leider konnte ich dir wegen der letzten Vorkommnisse nur eine ungenaue Notkoordinate übermitteln. Ich weiß im Augenblick selbst nicht, wo wir sind. Ich weiß nur, dass wir uns immer noch im Scannerbereich unserer Verfolger befinden. Meine Sensoren zeigen das genau an. Das Suchsignal ist allerdings sehr schwach. Damit sie uns nicht so schnell lokalisieren können, habe ich uns beide mit einer starken Störwelle abgeschirmt.“

 

Ich sah zu Dsheezad hinüber, nickte mit dem Kopf und dachte darüber nach, wie viel Zeit wir wohl durch unseren gemeinsamen Teleportersprung gewonnen hatten. Vielleicht ein bis zwei Tage, hoffte ich. Aber das müsste eigentlich ausreichen, um mich wieder gut erholen zu können.

 

Dann griff ich mir mit beiden Händen an den Kopf und rieb mir die Stirn in der Nähe der Schläfen. Mein Hirn wurde von heftigen Kopfschmerzen geplagt, weil ich meine Teleporterkräfte in letzter Zeit wegen der sich überstürzenden Ereignisse zu oft und ohne ausreichende Erholungsphasen in Anspruch nehmen musste. Je länger nämlich die zusammen hängenden Ruhephasen andauerten, desto weiter konnte ich teleportieren. Die Sprungweite durch Raum und Zeit war dabei dann nach oben hin offen.

 

Ich glaube, dass der letzte Teleportersprung bei mir zu einer Überlastung meines gesamten Nervensystems geführt hat. Bis ich meine Kräfte wieder voll einsetzen kann, dauert es wohl noch eine Weile. Bis dahin werde ich bestimmt schon ganz durchnässt sein und an Unterkühlung sterben. Sei bloß froh, dass du ein Cyborg bist und diese Probleme nicht kennst, mit denen wir Menschen uns herumschlagen müssen. Deine implantierten Energiezellen werden dich noch sehr lange am Leben erhalten.“

 

Dsheezad schüttelte plötzlich mit dem Kopf.

 

Du wirst nicht sterben, Amroon! Jedenfalls nicht, solange ich bei dir bin. Ich werde für dich schon einen geeigneten Unterschlupf finden, damit ich dich in Sicherheit bringen kann.“

 

Der Cyborg drückte auf eine bestimme Stelle seines Unterarmes und im gleichen Moment schaltete sich das helle Licht seiner integrierten Stablampe ein. Er ließ den kreisrunden Lichtkegel durch den anhaltenden Regen wandern.

 

Wir werden uns jetzt mal zusammen die nähere Umgebung anschauen. Vielleicht finden wir irgendwo ein trockenes Plätzchen“, sagte Dsheezad und ließ den zitternden Scheinwerferkegel an einer schmutzigen Häuserwand zur Ruhe kommen.

 

Ich folgte mit meinen Augen dem Strahl des gebündelten Lichts und sah, was er meinte: Eine kleine Häuserreihe etwas weiter rechts von uns, deren Fenster allesamt mit robusten, hölzernen Läden von innen verriegelt waren. Ohne geeignetes Werkzeug würden wir da wohl bestimmt nicht reinkommen, so alt und verfallen die Gebäude auch aussahen, dachte ich skeptisch. Oben, auf den schrägen Flachdächern, wucherte ein dichter Moosteppich. Irgendwelche Einstiegsmöglichkeiten gab es auch dort nicht. Jedenfalls konnte ich keine erkennen.

 

Es regnete jetzt in Strömen.

 

Ich fluchte und trottete dem breitschultrigen Cyborg widerstrebend hinterher, als dieser ohne ein Wort zu sagen zielstrebig an mir vorbei ging und schließlich vor einer wuchtig aussehenden Haustüre stehen blieb. Dann ging er ein wenig in die Hocke und betrachtete das klobige Schloss.

 

Sieht aus wie ein Zylinderschloss“, stellte er fachmännisch fest. „Tja, und es ist zudem noch sehr massiv. Die Bewohner hatten wohl Angst vor Eindringlingen, wie man sieht.“

 

Ich musste jetzt doch ein wenig grinsen, obwohl mir auf Grund der Umstände gar nicht danach zumute war.

 

Sie werden dafür schon ihre Gründe gehabt haben“, sagte ich lakonisch und betrachtete nun ebenfalls das schwere Türschloss.

 

Dsheezad richtete sich wieder auf.

 

Vielleicht finden wir irgendwo einen Schlüssel“, murmelte er halblaut vor sich hin und leuchtete mit seiner Stablampe den völlig verschmutzten Türrahmen von oben bis unten ab. Dann hob er vorsichtig die recht gut erhaltene Kunststoffmatte aus dem stabilen Metallrahmen und spähte darunter. Zuletzt kippte er die rechts und links neben dem Hauseingang stehenden Blumenschalen um, aus denen nur noch kahle, verdorrte Pflanzenstängel herausragten.

 

Wie kommst du eigentlich darauf, dass da irgendwo ein Schlüssel liegen soll. Was bringt dich auf diese Idee“, fragte ich Dsheezad erstaunt.

 

Der Cyborg schüttelte verständnislos den Kopf, sah mich kurz an und suchte weiter. Während er das tat, sprach er mit mir.

 

Weist du Amroon, die meisten Leute riskieren für ihre Bequemlichkeit eine ganze Menge. Das weiß ich aus Erfahrung. Stell dir mal vor, der Besitzer kommt von der Arbeit nach Hause und hat seinen Schlüssel im Büro liegen lassen. Er muss zurückfahren. Ob er will oder nicht. Das passiert ihm garantiert nur einmal; spätestens nach so einem Vorfall sucht er ein leicht erreichbares Plätzchen für seinen Ersatzschlüssel, den er bestimmt irgendwo ganz in der Nähe der Haustür versteckt hat.“

 

Ich fror jetzt ein wenig und schlang die Arme um mich. Das wärmte mich zwar nicht, tat aber dennoch gut.

 

Das klingt ja richtig toll, was du mir da erzählst, Dsheezad“, sagte ich mit zitterndem Mund und fragte ihn bewundernd, von wem er das hat.

 

Ich hab’ das mal irgendwo aufgeschnappt. Nun, wir Cyborgs haben ein gutes Erinnerungsvermögen. Das müsstest du doch eigentlich wissen, Amroon“, erwiderte der Maschinenmensch knapp.

 

Ich nickte etwas mit dem Kopf, weil man einem Cyborg in dieser Sache nicht widersprechen konnte. Sie hatten tatsächlich ein phänomenales Gedächtnis.

 

Trotzdem, wie wäre es, wenn du mal die Türklinke runterdrücken würdest. Kann ja sein, dass die Tür nicht verschlossen ist.“

 

Dsheezad sah mich verdutzt an.

 

Wie bitte?“ schoss es aus ihm hervor.

 

Ja, du hast richtig gehört. Beweg’ mal die Klinke. Vielleicht ist die Tür gar nicht abgeschlossen.“

 

Der Cyborg drehte sich langsam herum und nahm den Türgriff fest in die Hand.

 

Das wär’ ja ein Ding“, murmelte er wieder vor sich hin und drückte den klobigen Griff langsam nach unten. Aber die Tür war tatsächlich abgeschlossen.

 

Verlegen sah ich zur Seite.

 

Hätte ja sein können...“, meinte ich entschuldigend.

 

Hör bitte auf damit, mir gute Ratschläge zu geben. Hilf mir lieber beim Suchen“, plärrte Dsheezad verärgert und untersuchte einige Fensterbänke neben der Haustür.

 

Ich friere mir hier langsam den Arsch ab“, schimpfte ich mit lauter Stimme. „Außerdem bin ich schon völlig durchnässt und ich habe keine Lust dazu, nach einem Schlüssel zu suchen, den es vielleicht gar nicht gibt.“

 

Von mir aus kannst du es bleiben lassen“, antwortete der Cyborg gelassen und schritt gemächlich in den nah gelegenen Garten, wo eine halb verfallene Garage stand. Er wollte sie etwas genauer untersuchen. Als er dort angekommen war, leuchtete er durch einen breiten Mauerriss in das Innere hinein. Einige lose herunter hängende Dachlatten versperrten ihm allerdings die Sicht. Deshalb suchte er vorne am Eingang weiter. Das blecherne Garagentor war zwar noch da, aber verschlossen und mit großen Rostflecken überzogen. Der Cyborg versuchte erst gar nicht, das Tor zu öffnen, sondern trat einfach kräftig dagegen. Polternd fiel es aus seiner maroden Halterung und kippte krachend nach innen in die Dunkelheit. Sofort leuchtete Dsheezad den Raum mit dem hellen Licht seiner Lampe aus, konnte aber im Augenblick nichts Verwertbares erkennen.

 

Vielleicht ist in der Garage Werkzeug. Suchen wir nach einer Brechstange oder ähnlichem und hebeln damit die Tür aus den Angeln. Wir könnten aber auch ein Fenster aufbrechen, was bestimmt leichter sein wird“, rief ich Dsheezad hinterher.

 

Hier gibt es nichts, außer alte Autoreifen. Außerdem: durch ein verriegeltes Fenster einzubrechen macht eine ganze Menge Arbeit, Amroon. Man merkt, dass du keine Ahnung hast. Glaub mir, es ist besser wir suchen weiter.“

 

Ich glaubte dem Cyborg diesmal und schaute mich um. Mittlerweile bibberte ich am ganzen Körper. Der kalte Regen rann mir durch die nassen Haare. Meine Hände bekamen langsam eine blaue Färbung.

 

Plötzlich kam mir ein Gedanke.

 

Ich kann mich daran erinnern, dass mein Onkel den Reserveschlüssel zu seiner Wohnung immer mit einem Klebestreifen an die Unterseite eines Blumentopfes festklebte“, rief ich mit zitternder Stimme und fuhr fort: „Er meinte, dass ein Einbrecher zwar einen Blumentopf anhebt, um zu sehen, ob ein Schlüssel darunter liegt, aber er schaut nicht nach, ob einer am Topfboden klebt.“

 

Dsheezad ließ eine morsche Dachlatte fallen und trabte mit weit ausholenden Schritten zurück zur Haustür. Außer den zwei großen Blumenschalen, die jetzt umgekippt da lagen, standen noch einige andere, kleinerer Blumentöpfe herum, die in einer Doppelreihe neben dem verwilderten Plattenweg aufgestellt waren. Wir hatten sie vorher einfach übersehen.

 

Dein Onkel war ein kluges Köpfchen. Er hatte gar nicht so Unrecht“, sagte der Cyborg und hob einen Topf nach dem anderen hoch. Schon beim zweiten triumphierte er. „Und er war nicht der Einzige mit diesem Trick. Hier ist ein Schlüssel. Leicht angerostet zwar, aber noch soweit in Ordnung, dass man ihn bedenkenlos verwenden kann.“

 

Na also“, seufzte ich erleichtert.

 

Der Schlüssel passte sogar. Dsheezad schloss die Tür behutsam auf, öffnete sie vorsichtig einen Spalt weit und lauschte mit mir zusammen in die Finsternis hinein. Ein modriger Gestank kam uns entgegen.

 

Ich gehe zuerst hinein. Warte hier auf mich, während ich mich da drinnen ein wenig umsehe“, flüsterte er mir zu.

 

Wieso? Ich komme gleich mit. Soll ich hier draußen noch länger im Regen stehen bleiben? Das kannst du von mir nicht verlangen, Dsheezad!“ Dann folgte ich dem Cyborg einfach mit ins Haus. Widerwillig ließ er es geschehen.

 

Gleich hinter der Haustür lag ein schmaler Flur mit einer niedrigen Decke. Ich hatte das komische Gefühl, mich ständig bücken zu müssen. Hier drinnen war es aber wenigstens trocken. Ich blieb deshalb erst mal stehen und hörte, wie Dsheezad die einzelnen Zimmer abging. Türen öffneten sich, Schubladen wurden aufgezogen und wieder zugeschoben. Immer wieder sah ich den hellen Lichtstrahl seiner Stablampe durch die Dunkelheit geistern. Mal verharrte der Lichtkegel für einen Moment, dann huschte er weiter. Offenbar hatte der Cyborg eine Menge Erfahrung darin, in fremder Leute Wohnungen wie ein geübter Einbrecher herumzustöbern. Ich wunderte mich darüber, woher er das hatte.

 

Im schattenhaften Licht erkannte ich, dass das Haus schon sehr lange leer stand. Außerdem roch die Luft hier drinnen noch stärker nach Fäulnis und Verwesung, wie in einer Gruft oder einem tief unter der Erde liegenden, fensterlosen Verlies.

 

Hin und wieder konnte ich sogar in den Zimmerecken verstaubte Spinngeweben erblicken, die, wenn der Lichtschein darüber glitt, silbern aufleuchteten. Spinnen gab es aber keine, und wenn doch, dann hatten sie sich vor uns verkrochen.

 

Ich ging zurück zur Eingangstür und machte sie sicherheitshalber zu. Dann folgte ich dem Cyborg, wobei ich mich vorsichtig an den feucht-schmierigen Wänden und halb zerfallenen Schränken wie blind entlang tastete.

 

Unvermutet stand Dsheezad wieder vor mir, der plötzlich wie aus dem Nichts kam und den Lichtkegel an die Decke richtete, wo große Löcher zu sehen waren. Ich erschrak etwas. Der Cyborg übersah absichtlich meine ängstliche Reaktion.

 

Hier ist niemand“, sagte er gelassen.

 

Ja, keiner ist mehr hier. Alle sind weg“, wiederholte ich, „es muss schon ziemlich lange her sein, dass hier mal Menschen gewohnt haben“, sinnierte ich weiter und blickte um mich, sah aber im Augenblick nicht sehr viel.

 

Der Cyborg bemerkte das und schwenkte die Taschenlampe herum. Im Schein des Lichts erkannte man, dass alles sehr altmodisch aussah. Der Fußboden bestand aus grün-weißen Fließen, die sich an vielen Stellen gelockert und übereinander geschoben hatten. Die verstaubten Wände waren mit einer Art Blümchentapete überzogen, die alten Möbel sahen ehr so aus, als schienen sie vom Dachboden zu stammen.

 

Hier riecht es ja wie in einem Familiengrab. Wir sollten ein Fenster aufmachen oder eins einschlagen, damit frische Luft reinkann“, sagte ich zu Dsheezad.

 

Ich hab’ meine Geruchssensoren abgeschaltet. Tut mir leid für dich, Amroon. Aber diesmal kann ich dir wirklich nicht helfen, mein Freund“, erwiderte der Cyborg, der ein wenig die Mundwinkel zu einem angedeuteten Grinsen verzog.

 

Dann ließ er den Lichtkegel wieder durch die nähere Umgebung wandern.

 

Währenddessen redete er weiter.

 

Ich habe eine Küche am Ende des Ganges entdeckt. Dort steht ein alter Kohleofen. In einem durchgerosteten Behälter befinden sich sogar noch eine ganze Menge Kohlen. Das heißt, wir können den Ofen in Betrieb nehmen und heizen. Ich werde die Kohlen mit meinen Energiezellen anzuzünden“, machte er mir deutlich.

 

Aber vorher werden wir ein Fenster öffnen, Dsheezad. Ich kann die muffig modrige Luft hier nicht ertragen.“

 

Zusammen gingen wir erst mal durch alle Zimmer, um jedes erreichbare Fenster zu öffnen. Zu unserer Überraschung waren nicht alle mit Brettern von Innen verriegelt worden.

 

Das Gebäude war in der Tat ziemlich klein. Aber immerhin gab es ein Wohnzimmer, ein Schlafzimmer, außerdem ein Badezimmer mit Klo und die erwähnte Küche, aber man konnte die schmutzigen Räume wegen der allgemeinen Verrottung nicht oder nur eingeschränkt benutzen. Der Ofen allerdings war noch in einem äußerst guten Zustand. Er sah ziemlich unverwüstlich aus.

 

Während sich der Cyborg am Kohleofen zu schaffen machte, öffnete ich vorsichtig das Küchenfenster, dessen stabiler, imprägnierter Holzrahmen und alle vier darin eingefassten Glasscheiben trotz des schleichenden Verfalls seltsamerweise intakt geblieben waren. Die frische Luft von draußen tat mir gut, obwohl sie unangenehm kalt über meine Haut strich.

 

Trotzdem blieb ich eine Weile bewegungslos stehen, sah aus dem Fenster hinaus und versuchte die Umrisse des Gartens in der Dunkelheit auszumachen, den ich hier hinter dem Haus vermutete. Jetzt, da der Cyborg Dsheezad und ich im Trocknen waren, hatte es draußen plötzlich aufgehört zu regnen. Ganz klar, so geht es ja immer, fiel mir dazu ein. Selbst der Himmel schien auf einmal nicht mehr ganz so schwarz und undurchsichtig zu sein, wie zuvor. An einigen Stellen, wo die Wolkendecke etwas aufriss, schimmerte das fahle Licht des Vollmondes hindurch, den es noch nach wie vor gab.

 

Schweigend stand ich so da. Ich erkannte die Silhouette eines verkrüppelten, windschiefen Baumes, erahnte die Gestalt der Büsche, die schattenhaft entlang einer verfallenen Gartenmauer wuchsen. Und über allem lag eine seltsam anmutende Stille, die mich daran zweifeln ließ, dass so etwas wie eine Welt jenseits dieser beschädigten Gartenmauer überhaupt existierte.

 

Ein Zaubergarten, dachte ich abwesend. Ein verwunschener Ort, an dem die Zeit stillsteht.

 

Plötzlich spiegelte sich in den blinden Scheiben des Küchenfensters ein matt leuchtendes Licht. Lange Schatten tanzten an Wänden und Zimmerdecke herum. Ich wendete meinen Kopf und sah, dass auf einer vermoderten Tischplatte drei Kerzen brannten, die Dsheezad irgendwo gefunden haben muss. In ihrem Licht war er damit beschäftigt, den Ofen anzuheizen. Ich schaute ihm bei der Arbeit zu. Offenbar schien er das nicht zum ersten Mal zu machen, denn bald loderte in der Brennkammer ein knisterndes Feuer, das wohlige Wärme verströmte.

 

Ich schloss das Küchenfenster. Dann ging ich noch mal durchs ganze Haus, um die anderen Fenster zu schließen, die nicht verbarrikadiert waren.

 

Leider haben wir kein fließendes Wasser“, erklärte mir der Cyborg, als ich wieder zurückkam und neben ihm in der Küche stand, in der es jetzt rasch angenehm warm wurde.

 

Draußen habe ich eine Wanne voll Regenwasser gesehen“, fiel mir ein. „Wir können es reinholen und auf dem Ofen warm machen. So haben wir wenigstens etwas Wasser. Ich muss mir den gröbsten Dreck runterwaschen und brauche etwas zu essen und zu trinken.“

 

Dsheezad sah mich mitleidig an, als ob er mir nachempfinden konnte, was Hunger für einen Menschen bedeutet. Dabei kannte ein Cyborg das hässliche Gefühl eines leeren Magens nicht, da er selbst völlig ohne Nahrung auskam.

 

Wie geht es dir Amroon“, fragte er mich auf einmal voller Fürsorge.

 

Es geht. Meine Kopfschmerzen verschwinden langsam und die Taubheit in meinen Gliedern lässt nach. Ich glaube, es ist bald überstanden. Wahrscheinlich können wir bis morgen Mittag oder so einen neuen Teleportersprung über eine größere Distanz wagen. Bis dahin sind meine Kräfte bestimmt wieder voll einsatzfähig.“

 

Ich werde rechtzeitig die Raum-Zeit-Koordinaten für einen gezielten Sprung neu berechnen. Wenn ich damit fertig bin, übertrage ich sie auf dein Speichermedium. Du kannst sie dann jederzeit abrufen, wenn du willst. – Na, du weist schon was ich meine. Ehrlich gesagt bin ich froh darüber, wenn wir diesen ungemütlichen Ort endlich wieder verlassen können“, sagte Dsheezad zu mir und stocherte dabei mit einer krummen Eisenstange im Ofenfeuer herum.

 

Das Dsheezad mir die neuen Koordinaten so schnell wie möglich übermitteln wollte, fand ich gut. Man wusste ja nie, was einen erwartet.

 

Ich starrte derweil schweigend in die flackernden Kerzenflammen auf dem Tisch. Der gusseiserne Ofen knisterte gemütlich vor sich hin, und die Glut ließ die Ofenplatte feuerrot aufglühen. Nach all den Strapazen war ich mittlerweile von einer immer stärker werdenden Müdigkeit erfüllt, die mich mit jeder Minute schwerer werden ließ. Ich suchte nach einer Sitzgelegenheit und fand neben dem Fenster eine alte Holzkiste. Ich zog sie zu mir herüber und überprüfte ihre Standfestigkeit. Sie war noch recht stabil und würde wohl mein Gewicht aushalten, dachte ich. Vorsichtig setzte ich mich darauf und lehnte mich rücklings an die Wand.

 

Alles ist so friedlich“, flüsterte ich in die aufkommende Stille hinein. Es war wirklich friedlich. Und so still, dass man es kaum glauben konnte.

 

Der Cyborg murmelte etwas vor sich hin.

 

Vielleicht haben wir sie abgeschüttelt“, sagte ich zu ihm.

 

Mmmh, ja, vielleicht. Du solltest dir nicht so sicher sein, Amroon“, erwiderte Dsheezad.

 

Ich musterte ihn stirnrunzelnd.

 

Was mag wohl jetzt gerade in deinem künstlichen Gehirn vorgehen, wenn ich dich mal fragen darf, Dsheezad?“

 

Oh, nichts. Ich dachte eigentlich nur an deine Sicherheit, Amroon. Du weist, dass die Leute vom interplanetarischen Geheimdienst hinter uns her sind. Früher oder später werden sie uns finden. Wir sollten also gerüstet sein. Du musst jetzt unbedingt ausruhen und deine Kräfte sammeln, damit wir bald von hier wegkönnen.“

 

Der Cyborg verstummte auf einmal und ging nach draußen, um Wasser zu holen.

 

Ja, ja“, erwiderte ich mit schleppender Stimme und hörte noch, wie er knarrend die Haustür öffnete, um schließlich irgendwo in der pechschwarzen Dunkelheit einer mir ehr unwirklich erscheinenden Welt zu verschwinden.

 

Eine bleierne Müdigkeit überkam mich, gegen die ich mich nicht erwehren konnte. Dann schlief ich widerstandslos ein...

 

***

 

Das Erwachen am nächsten Morgen ließ mich erschreckt auffahren. Es war fast so, als habe jemand einen Presslufthammer neben mir in den festen Teerboden einer Straße gesetzt. Ein ohrenbetäubendes Knattern zerriss meinen Schlaf, und als ich träge und müde mit den Augen blinzelte, drang helles Licht unter meine Lider. Ich wälzte mich ärgerlich knurrend auf die andere Seite, aber das schreckliche Geräusch blieb, ja, es wurde sogar immer lauter.

 

Ich bemerkte auf einmal verdutzt, wie Dsheezad zu mir herüber eilte und sich schützend vor mir aufbaute. Dann schrie er meinen Namen. Irgendwas stimmte hier nicht.

 

Amroon, wach auf! Sie kommen! Du bist ein Teleporter. Bring uns von hier weg, sofort!“

 

Dsheezads Geschrei machten mich schlagartig hellwach. Aber es war schon zu spät. Draußen vor den verbarrikadierten Fenstern waren plötzlich Bewegungen auszumachen. Ein lautes Stimmengewirr war zu hören. Knappe Befehle schallten durch den Garten, über den weiten Platz vor dem Haus und kamen schnell immer näher. Dann wurde mit lautem Getöse die Hauseingangstür eingeschlagen. Krachend fiel sie nach Innen auf den staubigen Boden. Für einen Moment blieb es ruhig, bis auf einmal von allen Seiten Stiefel tragende Männer auf uns zustürmten. Es waren Männer in schwarzen Lederjacken und langen Regenmänteln, die mit Gewehren und Pistolen schwer bewaffnet waren. Noch ehe ich meine Teleporterfähigkeit einsetzen konnte, hatten sie sich im Zimmer verteilt und vier von ihnen auf den Cyborg gestürzt. Es waren riesige Männer mit Bärenkräften, die Dsheezad brutal auf den Boden drückten und ihn festhielten, sodass er sich nicht mehr rühren konnte. Wieder hörte ich abgehackte Befehle. Sie gellten hin und her, von denen ich nur wenige verstand. Es kamen immer mehr Leute herein, als ob das kleine Zimmer nicht schon voll genug gewesen wäre. An ihrer Uniform konnte ich erkennen, dass es Geheimdienstmänner waren. Sie redeten auf Dsheezad ein, der sie aber nur finster ansah und kein Wort sagte.

 

Auf Grund der Ereignisse beschloss ich, mich vorerst so unscheinbar wie ein kleines Mäuschen zu machen. Doch es half nichts. Angst stieg in mir hoch und mein Herz pochte von Innen wie wild gegen die Brust. Im nächsten Augenblick packten mich auch schon zwei kräftig aussehende Agenten in langen Ledermänteln und hielten meine Arme schraubstockartig fest. Es folgte ihnen ein großer schlanker Mann, der einen schmalen Aluminiumkoffer bei sich trug, ein Arzt offenbar, dem die umstehenden Uniformierten sofort respektvoll Platz machten.

 

Die beiden Typen griffen noch fester zu, als der hagere Kerl seinen Koffer vor mir auf den Boden stellte und ihn öffnete. Dann fasste er nach meinem rechten Handgelenk und streckte den Arm brutal nach vorne. Ein weiterer Helfer schob gleichzeitig den Ärmel nach oben, schnürte mit geübtem Griff ein Gummiband um meinen Oberarm, um mit einem Desinfektionsspray meine Armbeuge zu desinfizieren. Der vermeintliche Arzt holte eine vorbereitete Spritze aus dem Alukoffer, in der eine klare, grünlich schimmernde Flüssigkeit aufgezogen war: ohne Zweifel ein Betäubungsmittel oder ähnliches, dachte ich.

 

Dsheezad warf mir einen kurzen Blick zu, in dem zu gleichen Teilen Ratlosigkeit wie Bedauern zu lesen war. Er konnte sich offenbar nicht erklären, wie sie uns so schnell gefunden hatten. Dann verfolgte er mit ausdruckslosem Gesicht, wie man mir die Spritze in die Vene der Armbeuge stach. Ich ließ es geschehen, ohne mich zu widersetzen. Im Moment konnte ich sowieso nichts anderes tun.

 

Endlich war die Spritze leer. Der Arzt legte sie zurück in den Metallkoffer, drückte einen Tupfer auf die Einstichstelle, löste das Gummiband und fühlte noch rasch meinen Puls. Einen Augenblick später nickte er den Männern zu, die neben mir standen und mich immer noch fest umklammert hielten. Er erteilte ihnen ein paar rasche Befehle. Sie lockerten daraufhin ihren Griff, und im ganzen Zimmer schien die Nervosität spürbar nachzulassen: meine Teleporterkräfte waren bis auf weiteres so gut wie ausgeschaltet, aber sie waren nicht ganz verschwunden.

 

Trotzdem: Man hatte mich wieder mal eingefangen.

 

***

 

Ziehen Sie sich an!“ befahl eine Stimme knapp, die mir sofort bekannt vor kam. Sie gehörte dem hageren Mann, der mir die Betäubungsspritze verpasst hatte. Sein Name war Dr. Stan Morlock, wie er sich nachträglich vorstellte. Er arbeitete für den Geheimdienst der interplanetarischen Förderation und man wollte mich offenbar schon wieder in eines dieser schrecklichen Versuchslabore des Militärs zurückbringen, um weitere Experimente an mir vornehmen lassen zu können. Aber ich dachte überhaupt nicht daran, auch nur einen Zentimeter unter der Bettdecke hervorzukommen. Ich fluchte und protestierte vielmehr.

 

Dies ist nicht der geeignete Zeitpunkt, um sich in Empfindlichkeiten zu üben, Mister Amroon“, schimpfte er wütend. Dann zog er mir einfach die Decke weg und sah mich an. Sein starrer Blick wirkte irgendwie gefährlich. „Außerdem bin ich auch nicht in der Stimmung, besonders höflich zu sein. Wenn Sie sich nicht anziehen wollen, kommen Sie so mit, wie Sie sind.“

 

Ich dachte kurz nach, verließ das Bett ohne weiter zu lamentieren, angelte mir meine Sachen und zog mich an. Die Spritze wirkte zwar immer noch nach, aber ich spürte auch, wie sich mein Nervensystem langsam erholte. Die Teleporterkräfte in mir wurden wieder stärker. Sie regenerierten sich offenbar schneller, als ich dachte. Trotzdem tat ich so, als würde mir das verabreichte Mittel noch zu schaffen machen und torkelte absichtlich etwas unbeholfen herum.

 

Der Doktor rief sofort nach ein paar seiner Männer in schwarzen Lederjacken, die mich äußerst unhöflich an den Armen packten, als sei ich ein Schwerverbrecher, und führten mich stützend hinaus. Ich ließ alles über mich ergehen und dachte darüber nach, was aus Dsheezad geworden ist.

 

Der Himmel war ohne Wolken, und die Strahlen der Sonne wärmten mein Gesicht. Ich staunte nicht schlecht, was ringsherum um mich los war, als ich durch einen parkähnlich angelegten Garten zu einer überlangen, dunklen Limousine schritt, die mit geöffneten Wagenschlag auf uns wartete. Überall standen Männer mit schussbereiten Waffen herum, die weiträumig um das Gebäude postiert waren. Ich entdeckte an ihnen, dass sie alle Stöpsel im Ohr und ein Mikrofon vor dem Mund trugen.

 

Als ich fast am Fahrzeug angekommen war und Dr. Morlock mich dazu aufforderte, hinten auf dem Rücksitz Platz zu nehmen, entdeckte ich zu meiner großen Überraschung Dsheezad, der gefesselt zwischen zwei Bewacher saß.

 

In diesem Moment blieb ich störrisch stehen.

 

Ich habe meine Umhängetasche mit den Zigaretten und dem Feuerzeug darin vergessen“, sagte ich mit lauter Stimme. „Die müssen noch im Haus sein. Ich gehe nicht ohne meine Sachen von hier weg.“

 

Der hagere Doktor musterte mich unwillig. „Was für eine Tasche?“ fragte er mich und fuhr fort: „Ich wusste gar nicht, dass sie rauchen.“

 

Ich bin nikotinsüchtig und starker Raucher. Sie wissen schon, der ständigen Nervenanspannung wegen“, log ich, „nun machen Sie schon. Schicken Sie jemanden los! Die Umhängetasche liegt unter dem Bett. Sie ist blau. Es sind außerdem noch eine Menge Sachen darin, die mir persönlich gehören. Ich will sie unbedingt mitnehmen.“

 

Es schien dem Doktor allerhand Nachdenken zu kosten, ehe er sich zu einer Entscheidung durchrang.

 

Na gut. Man wird sie Ihnen holen.“

 

Mit einer knappen Geste winkte er einen seiner bulligen Männer heran, entfernte sich ein paar Schritte mit ihm von mir und erklärte ihm wohl, was er tun solle. Dann setzte sich der Mann zurück in Richtung des Hauses in Bewegung.

 

Dr. Morlock wandte sich mir zu.

 

Sie bekommen gleich Ihre Tasche zurück“, sagte er. „Und nun steigen Sie ein! Wir haben schon zu viel Zeit verloren.“

 

Ich kletterte in den Wagen und setzte mich sofort neben Dsheezad, was den beiden Bewachern zwar nicht passte, aber es trotzdem murrend hinnahmen.

 

Der Cyborg wusste in diesem Moment, dass ich irgend etwas vorhatte. Er machte sich unauffällig bereit. Wir wollten einen neuen Fluchtversuch unternehmen, wobei das Feuerzeug in meiner Tasche jetzt eine überaus wichtige Rolle spielen würde. Es war in Wirklichkeit ein kleiner Empfänger, auf dem sich die Sprungkoordinaten befanden, die der Cyborg mir in dem verfallenen Gebäude noch rechtzeitig übermittelt hatte, bevor man uns verhaftete. Beim Anzünden einer Zigarette konnte man auf einem unscheinbaren Display in der hohlen Hand eine ganz bestimmte Folge von Zahlen ablesen, die, wenn sie von meinem Gehirn vollständig registriert wurden, noch im gleichen Augenblick schlagartig meine mir zur Verfügung stehenden Teleporterkräfte freisetzen und uns beide von einer Sekunde auf die andere von jedem gegenwärtigen Ort verschwinden lassen würden. Keine Macht der Welt könnte diesen Vorgang noch aufhalten, wenn er erst einmal begonnen hat. Wichtig war nur, dass Dsheezad mich dabei direkt körperlich berühren musste, um den Tandemsprung durch Raum und Zeit mitzumachen.

 

Als der bullige Agent wieder zurückkam und die Tasche zu mir ins Auto warf, kramte ich gleich darin nach dem Feuerzeug und tat so, als wollte ich mir genussvoll eine Zigarette anzünden. Mich wunderte dabei, wie einfach man die Leute vom Geheimdienst der interplanetarischen Förderation überlisten konnte. Offensichtlich waren sie sich ihrer Sache mehr als sicher.

 

Die schwere Limousine setzte sich in Bewegung, die kurz darauf automatisch beschleunigte und im rücksichtlosem Tempo über eine abgelegene Landstraße raste.

 

Mittlerweile hatte ich mir eine Zigarette zwischen die Lippen gesteckt und das Feuerzeug in die hohle Hand genommen. Beim Betätigen des Zündmechanismus erschien gleichzeitig das Display und ich konnte ungehindert die eingegebenen Sprungkoordinaten darauf ablesen, die nur wenige Sekunden später wie eine Initialzündung meine ungeheuren Teleporterkräfte freisetzten. Dsheezad fasste augenblicklich nach meinem freien Handgelenk und im nächsten Moment waren wir beide lautlos verschwunden.

 

Der Fluchtversuch war gelungen.

 

***

 

Irgendwann nach einer Zeit, die mir endlos vorkam, materialisierten Dsheezad und ich auf einem unbekannten Planeten weit draußen in der mit unzähligen Sternen übersäten Milchstrasse. Es war eine jungfräuliche Welt mit einer für Menschen atembaren Atmosphäre, die sich über weite Meere und ebenso weite Landmassen mit hohen Bergen spannte. Es gab eine üppige Flora und Fauna, die jener auf der Erde nicht unähnlich war. Wir entdeckten wenig später auf unseren ausgedehnten Erkundungen eine aufrechtgehende zweibeinigen Rasse, die sich noch auf einer sehr niedrigen Stufe ihrer evolutionären Entwicklung befand und dem frühzeitlichen Menschen auf der Erde äußerlich sehr ähnlich sah. Nachdem wir uns nach und nach zu erkennen gaben, fielen sie vor uns reihenweise auf die Knie.

 

Dsheezad und ich wurden wie himmlische Götter verehrt (was ja auch aus unserer Sicht nicht ganz so abwegig war). Von dem Tag an veränderte sich ihre bis dahin primitiv gebliebene Welt. Sie waren sehr lernfähig und eines Tages gingen sie mit Pfeil und Bogen auf die Jagd. Dann lernten sie von uns, wie man Feuer machte und feste Hütten baute, sesshaft wurde oder mit einfachen Mitteln Metall gewinnen konnte, um Werkzeuge und Waffen daraus anzufertigen.

 

Den Schlauesten unter ihnen brachten wir bei, wie man Bäume fällte, Felder anlegte und diese dann bestellte, indem man genießbare Pflanzen in großer Zahl darauf anbaute. Eine Revolution nach der anderen setzte sich seitdem in Gang und bald bildeten sich unter ihnen große Völker und Zivilisationen heraus. Zu diesem Zeitpunkt aber entschlossen sich Dsheezad und ich dazu, den Planeten, den wir GENESIS nannten, mit seinen aufstrebenden neuen Zivilisationen auf unbestimmte Zeit wieder zu verlassen. Auf unseren gemeinsamen Teleporterausflügen in die benachbarten Systeme stießen wir nämlich auf einen weiteren lebensfreundlichen Planeten, auf dem seltsame Kristalle wuchsen, die, wenn man sich in der Nähe ihrer Strahlung aufhielt, dies zu einer umfassenden Zellverjüngung führte. Man konnte den Prozess so oft wie man wollte wiederholen. Je öfter man sich in die Nähe der Kristalle begab, desto jünger wurde man. Die Wirkung auf Dsheezad war allerdings gleich null. Seine künstlichen Zellen erneuerten sich sowieso schon von selbst und ein Cyborg konnte locker mehrere hundert Jahre alt werden.

 

Von diesem Zeitpunkt an streiften wir gemeinsam durch die unendlichen Weiten des Universums und besuchten ferne Welten, die vor uns noch kein Mensch betreten hatte. Regelmäßig aber kehrte ich mit dem Cyborg Dsheezad zu jenem Planeten zurück, auf dem die geheimnisvollen Kristalle wuchsen, deren Strahlung meine biologischen Zellen verjüngten. So wurde ich im Prinzip unsterblich und mein Tod war eine Sache, mit der ich mir seither noch viel Zeit lassen wollte, jedenfalls solange, wie mein bester Freund Dsheezad noch einwandfrei funktionierte.

 

ENDE


 

©Heinz-Walter Hoetter

 

 

 

4. WARTEN AUF P1


 

Diese Geschichte ist meinem besten Freund, dem Androiden P1, gewidmet

 

Man schreibt das Jahr 4249.

Durch das schwach getönte Panzerglas der stählernen Sicherheitstüren und des mit runden, wuchtigen Marmorsäulen ausgestatteten riesigen Empfangsgebäudes konnte ich deutlich die auf und ab gehenden mit schussbereitem Lasergewehr bewaffneten Wachsoldaten erkennen. Manchmal drangen sogar ihre harten Stiefelschritte auf den glatt polierten Steinfußböden als schwach dumpfes Echo bis zu mir durch.

An diesem späten Nachmittag war es ziemlich laut in Megacity, einer gigantischen Riesenstadt mit ungefähr 120 Millionen Einwohner auf dem Planeten STRANGER 25. Der nervtötende Dauerlärm des unablässig pulsierenden Straßenverkehrs auf den zahlreich vorhandenen Verkehrsebenen reichte sogar bis in die weiten Stadtrandbezirke von Megacity hinein, wo sich auch fast alle militärisch bedeutsamen Einrichtungen dieser atemberaubenden Riesenstadt befanden. Noch weiter draußen, fast an der Peripherie, lagen die ausschließlich von Robotern gesteuerten Verteidigungsanlagen mit ihren absolut tödlichen Raketenabwehrstellungen und einer unübersehbaren Kette vollautomatisch funktionierender Laserimpulskanonen, die hoch droben auf monströs aussehenden Türmen installiert waren. Ihr einmal anvisiertes Ziel hätte nicht die geringste Chance zu entkommen.

Auf STRANGER 25 gab es insgesamt noch 24 weitere Riesenstädte ähnlicher Art, die teilweise mehr Einwohner hatten als Megacity. Einige davon lagen weit unter der Meeresoberfläche oder befanden sich tief im Innern gewaltiger Gebirge, ausgestattet mit künstlicher Vegetation unter gigantischen Kuppeldächern.

Fahrig strich ich mir jetzt etwas nervös mit beiden Händen über die mit mehreren prachtvollen Orden behangene Militäruniform, die mir P1 von irgendwo her auf illegalem Wege beschafft hatte. Diese beeindruckende Uniform wies mich nämlich als General der Intergalaktischen Planetenstreitkräfte (IPS) aus, und sie diente mir in der augenblicklichen Situation eigentlich nur als perfekte Tarnung, um P1 und mich vor eventuell bevorstehenden unangenehmen Personenkontrollen zu bewahren, die man hier als Zivilist oder Normalreisender mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu erwarten hätte.

Für uns beide gab es zur Zeit gute Gründe den Planeten STRANGER 25 so schnell wie möglich wieder zu verlassen..., und das ging eben leider nur über diese vom Militär betriebene Transmitterstation. Allerdings hatte ich den seltsamen Eindruck, dass man anscheinend dabei war, die am Eingang patrouillierenden Wachen mit zusätzlichen Soldaten zu verstärken. Ich wurde skeptisch. Waren die Putschisten vielleicht schon auf der Suche nach uns? Anderseits genossen hohe Dienstgrade gewisse Privilegien, die selbst erbitterten Feinden gewährt wurden. Dessen war ich mir sicher. Man würde uns auf gar keinen Fall öffentlich behelligen oder gar festnehmen lassen. Dafür gab es andere, wirksamere Methoden, wie ich wusste.


Wieder blickte ich vorsichtig durch das abgedunkelte Panzerglas der wuchtigen Sicherheitstüren und beobachtete aufmerksam den im dahinter liegenden Raum stehenden Wachposten. Ein weiterer gesellte sich noch hinzu.

P1, der Androide, stand plötzlich direkt hinter mir und tippte mir mit dem wuchtigen Zeigefinger seiner rechten Multifunktionshand sachte auf die Schulter. Obwohl ich genau wusste, dass es sich um meinen Androiden handelte, zuckte ich trotzdem unwillkürlich zusammen. Meine Nerven lagen im Augenblick so blank wie ein nacktes Kupferkabel. Ich war wegen unserer bevorstehenden Flucht innerlich bis zum Zerreißen angespannt, was offensichtlich auf P1 nicht zutraf. Nebenbei fiel mir ein, dass Androiden wie P1 nicht aus der Ruhe gebracht werden konnten, wenn sie ihren Emotionschip in Gefahrensituationen, wie in der jetzigen, vorsorglich abgeschaltet hatten.

Diese unglaublichen Wundermaschinen waren eben anders als Menschen.

Nun, als der Androide aber meine nervöse Reaktion bemerkte, signalisierte er mir sofort unmissverständlich, dass er bereits seit geraumer Zeit den so genannten „passiven Kampfmodus“ aktiviert hatte, und ich mir also überhaupt keine Sorgen zu machen bräuchte. Natürlich wusste ich, dass mich im Ernstfall P1 mit all seinen gewaltigen Kräften verteidigen würde, daran gab es überhaupt keinen Zweifel. Hier allerdings wollte ich nur weg..., und das so schnell wie möglich.

 

Die Androiden der P1-Klasse.

P1 war ein hochkomplexer Roboter in Menschengestalt, ein so genannter Cyborg oder Androide der Klasse Alpha. Eigentlich hatte man diese faszinierenden Roboter hauptsächlich für die nicht selten von besonders großen Gefahren begleiteten intergalaktischen Langstreckenraumflüge zu den weit entfernt liegenden Galaxien im Universums konzipiert. Von solch waghalsigen Reisen in die unerforschten Tiefen des Alls wusste man nie im voraus, wie sie enden würden. In einigen Fällen waren es in der Tat Androiden gewesen, die ein für verschollen gehaltenes Raumschiff mitsamt seiner Besatzung unter allergrößten Gefahren wieder sicher und unversehrt in den heimatlichen Raumhafen zurück gebracht hatten.

Sowohl ihrer sehr hohen Zuverlässigkeit und Lebensdauer, ihrer außergewöhnlich Kraft und nicht zuletzt ihrer unglaublich bestechenden Intelligenz wegen wurden die meisten dieser hoch komplizierten, dem menschlichen Äußeren (bis auf ihre Körpergröße von ca. 2 bis maximal 3 Meter) nachempfundenen Supermaschinen aber mehr und mehr von der Intergalaktischen Planetenförderation zu allen nur denkbar möglichen und unmöglichen Einsätzen herangezogen, ganz besonders dann, wenn es darum ging, entweder fremde Sonnensysteme oder neue Planeten zu erforschen, die man nicht selten, manchmal zum Teil auch rein zufällig, auf den schier endlosen Flügen durchs unbekannte All entdeckte.

Speziell Unternehmungen dieser Art wurden generell als äußerst gefährlich und riskant eingestuft. Immer wieder kam es bei solchen waghalsigen Einsätzen zu schweren Unfällen und in der Folge zu herben Verlusten unter den Raumpiloten terranischer Herkunft. Nicht besser erging es oft der mitgeführten wissenschaftlichen Crew, deren Mitglieder nicht selten aus wichtigen Spezialisten bestand, die gar nicht oder nur sehr schwer durch ebenso erfahrene Kräfte ersetzt werden konnten.

Als jedoch zum ersten Mal in der Raumflotte diese hoch entwickelten Androiden auftraten, war man sich im Flottenkommando der IPS schon bereits nach den ersten erfolgreich durchgeführten Tests schnell im Klaren darüber gewesen, dass man das menschliche Raumschiffpersonal, bis hin zum 1. Kommandanten, in sehr vielen Fällen oft durch den gezielten Einsatz der weitaus robusteren Androiden ersetzen konnte. Cyborgs waren beliebig austauschbar und konnten unter den schwierigsten Bedingungen absolut exakt und zuverlässig arbeiten. Sie brauchten keine Wartung oder ähnliches. Menschen waren dagegen anfällig für Krankheiten und litten auf den langen Raumflügen oft an Depressionen oder bekamen Heimweh nach der Erde. Deshalb lautete bald generell überall in der Raumflotte die Devise: „Erst die Androiden, dann die Menschen.“

Neuer Schauplatz.

Red Moon, ein erdähnlicher Planet mit einer ausreichend sauerstoffhaltigen Atmosphäre am Rande der Milchstraße.

Ich erinnere mich noch genau daran, wie ich P1 damals auf der TRANSGALAKTIKA II kennen gelernt habe, als er sich gerade lässig wartend auf einem der zahlreichen Starts- und Landedecks aufhielt, um für weitere Erkundungsflüge auf Red Moon vorbereitet zu werden.

Zu dieser Zeit gehörte ich noch dem Instruktionspersonal auf der TRANSGALAKTIKA II an und jedes Mitglied unserer Mannschaft war einzig und allein damit beschäftigt, alle uns zugeteilten Androiden mit den neuesten Information über den Planeten Red Moon zu versorgen, die von einer dafür speziell eingerichteten Computerdatenbank jederzeit aktuell abrufbar waren.

Durch die häufigen Kontakte war mir P1 im Laufe unserer gemeinsamen Dienstzeit so richtig ans Herz gewachsen. Ja, irgendwie mochte ich diese menschähnliche Supermaschine sogar, weil ich manchmal bei ihr das seltsame Gefühl nicht los wurde, dass sie auffällig darum bemüht war, sich nach außen hin ganz wie ein richtiges menschliches Wesen aus Fleisch und Blut zu geben. P1 imitierte deshalb oft meine typischen Hand- und Körperbewegungen nach oder sprach täuschend echt plötzlich und ohne die geringste Vorwarnung in der sonor klingenden Befehlsstimme unseres 1. Raumschiffkommandanten. Nicht selten führte das bei mir dazu, dass ich total verblüfft über eine derart hohe Stimmenperfektion jedes Mal aufs Neue einen leichten Schrecken bekam. Hinterher musste ich darüber natürlich herzlich lachen, wenn mich P1 wieder einmal, trotz aller Aufmerksamkeit und Vorsicht meinerseits, mit seinen eigentümlich anmutenden Imitationskünsten, unter Mithilfe seines Multi-Stimmengenerators, akustisch überlistet hatte und damit so tat, als wäre unser 1. Kommandant unmittelbar vor Ort.

Darüber hinaus redete P1 ständig in meiner Gegenwart über seine gefährlichen Einsätze in der Raumflotte, und manchmal entstand bei mir der seltsame Eindruck, als hätte er eine unbestimmte Angst vor den Gefahren entwickelt, die er durchgemacht hatte oder vor jenen, welche noch auf ihn zukommen würden. Dann litt er förmlich irgendwie in für mich nicht näher erklärbare Weise unter seinen uralten Erinnerungen, was bei einem Androiden ziemlich ungewöhnlich war, da sie eigentlich keine Angst oder ähnliches empfinden durften. Ihr Emotionschip schloss derartige Gefühlsrichtungen konsequent aus. Hatte sich P1 möglicherweise von selbst in gefühlsmäßiger Hinsicht weiterentwickelt? Ich hielt es für denkbar, ja sogar für möglich.

Er erzählte mir oft bis ins letzte Detail von seinen unzähligen abenteuerlichen Kampfeinsätzen, aber auch von den vielen tödlichen Gefahren, die dort draußen in den unendlichen Weiten eines weithin unbekannten Universums auf Mensch und Androide lauerten.

Ich hörte P1 jedes Mal fasziniert dabei zu, wenn er sich von Zeit zu Zeit mit einem eigenartig aussehenden, nach innen gekehrten Blick in seine mehrere jahrhundertealten Erinnerungen verlor, welche sich tief im Innern seines auf molekularer Ebene arbeitenden Gedächtnisspeichers verbargen.

Alle von P1 gesammelten Daten, so nahm ich jedenfalls damals an, umfassten den unglaublichen Speicherzeitraum von mehr als 350 Jahren, was bei mir irgendwann dazu führte, dass ich dem Androiden deswegen ungewollt einen gewissen Respekt entgegen brachte, obwohl es sich bei ihm ja eigentlich im Prinzip „nur“ um eine von Menschenhand genial konstruierte Maschine handelte, wenngleich sie auch über einige überaus faszinierende Fähigkeiten verfügte, die wir an ihnen so bewunderten. Andererseits rief genau dieser Umstand bei vielen Menschen eine unterschwellige Angst gegenüber den Androiden hervor. Sie waren dem Homo sapiens sapiens schlichtweg weit überlegen, und nur die in ihrem molekularen Kernspeicher unauslöschbar fest integrierten Robotergesetze machten sie zu unseren bedingungslosen Dienern. Aber die Skepsis gegenüber den Androiden oder Cyborgs blieb.

Darüber hinaus besaßen die Androiden der neuesten Generation, wie P1, einen codierten Mini-Fusionsreaktor, der sie wohl eine Ewigkeit lang mit Energie versorgen konnte. Jedenfalls schätze man die Lebensdauer dieser unglaublichen Dinger auf etwa sieben bis achthundert Jahre und mehr.

Doch dann geschah ein schlimmes Unglück.

Als P1 kurz nach einem Start von der TRANSGALAKTIKA II die zerklüftete Oberfläche des Planeten Red Moon mit einem kleinen Spezialgleiter zu Forschungszwecken überfliegen sollte, setzten plötzlich völlig überraschend die beiden Atmosphärentriebwerke aus und der Androide musste mit seiner manövrierunfähigen Flugmaschine über einem gewaltigen Eisgebirge des Planeten Red Moon eine gefährliche Notlandung einleiten, die trotz aller Rettungsversuche in einer totalen Katastrophe endete.

Der trudelnde Gleiter des Androiden krachte steuerlos und ungebremst in eine mit Eis und Schnee überzogene Steilwand, wobei er seinen rechten Arm beim Aufprall verlor, was zwangsläufig zu erheblichen Einschränkungen der motorischen Gesamtfunktionen führte.

Aus Sicherheitsgründen wurde P1 nach der Bergung sofort deaktiviert und in einen speziell dafür vorgesehenen explosionssicheren Stahlcontainer verstaut, den man später auf eines dieser tief im Bauch der TRANSGALAKTIKA II gelegenen Sicherheitsdecks verfrachtete. Die Dunkelheit dort unten wurde nur ab und zu vom diffusen Glimmerlicht einiger sporadisch an den meterdicken Bunkerwänden angebrachten, rötlich schimmernden Markierungslämpchen unterbrochen.

Besonders hier unten war das tiefe Brummen der gewaltigen Magnetspulen der Zwillings-Kernfusionsreaktoren des interplanetarischen Kugelraumers TRANSGALAKTIKA II als gleichmäßig anhaltendes Hintergrundgeräusch deutlich zu hören. Mit größter Wahrscheinlichkeit wäre P1 wohl auch für eine sehr lange Zeit dort unten in seinem einsamen Stahlsarg geblieben, wenn ich mich nicht selbst eines Tages aus ganz persönlichen Gründen darum bemüht hätte, ihn da wieder rauszuholen.

Wie gesagt, Androiden waren zwar hochkomplexe, mit künstlicher Intelligenz ausgestattet, perfekt funktionierende Wundermaschinen, denen man aber dennoch auf gar keinen Fall menschliche Gefühle entgegen bringen sollte. Das war strikt untersagt.

An diese Verhaltensregel versuchte sich jedes menschliche Besatzungsmitglied zu halten, was mir bei P1 allerdings nicht immer gelang, wie ich ehrlicherweise zugeben muss. Deshalb beschränkte ich mich in der Gegenwart anderer Androiden stets darauf, konsequent und sachlich zu bleiben. Ich erteilte ihnen trotz aller Sympathie nur knapp gehaltene Befehle und gab ihnen klare Anweisungen für ihre eingeteilte Arbeit. So konnte ich jedes menschliche Gefühl ihnen gegenüber einigermaßen unterdrücken.

Nun, irgendwie schien mir das bei P1 doch etwas anders gewesen zu sein. Sein schier unglaubliches Wissen setzte mich immer wieder in grenzenloses Erstaunen. Aber noch viel interessanter waren die aus diesem tiefgründigen Wissen heraus gewonnenen, ja schon fast philosophischen Erkenntnisse, die er gewissermaßen als Nebenprodukt auf seinen langen Reisen durchs All gewonnen hatte. Das alles ruhte schon seit Jahrhunderten seiner Existenz irgendwo verborgen in seinem gigantischen molekularen Gedächtnisspeicher. Diese sonderbare Eigenschaft des Androiden faszinierte mich immer wieder aufs Neue.

Deshalb kam mir P1 in vieler Hinsicht oft menschlicher als ein Mensch vor. Manchmal glaubte ich sogar, dass er über uns, also der menschlichen Rasse ganz allgemein, weit mehr wusste, als er bereit war zuzugeben.

Die TRANSGALAKTIKA II.

Die TRANSGALAKTIKA II war ein von ihren Dimensionen her alle normalen Maßstäbe sprengender gigantischer Kugelraumer mit einem Durchmesser von mehr als 3,8 Kilometern Länge. Auf diesem unvorstellbar großen Raumschiff befanden sich etwa 6000 Besatzungsmitglieder (Terraner), 1800 Androiden aller Kategorien und knapp 2500 mutig entschlossene Kolonisten aus allen möglichen Raumquadranten der Intergalaktischen Planetenförderation.

Die TRANSGALAKTIKA II verfügte über einen so genannten Hyperlichtantrieb, einen sensitiven Schildgenerator und einer Zeitsprungmaschine der LUUPS, mit deren Hilfe künstlich hervorgerufene Wurmlöcher erzeugt werden konnten, um schnelle Zeitreisen sowohl in die Zukunft als auch in die Vergangenheit unternehmen zu können, was aber nur sehr selten vorkam. Dafür gab es außerordentlich strenge Regeln.

Die LUUPS

Die LUUPS waren ein überaus friedliches, aber sehr geheimnisvolles und uraltes Volk gewesen, deren Heimatplanet sich irgendwo im Orionnebel befand. Genau konnte eigentlich niemand sagen, wo sie herkamen. Auch ihr Ursprung lag im Dunkeln. Sie waren einfach da. Schon kurz nach ihrer überraschenden Entdeckung durch den Menschen gingen die LUUPS eine fast seltsam anmutende, innige Freundschaft mit uns ein. Keiner wusste eigentlich so recht warum sie das taten, denn sie waren mächtiger als alles, was die Terraner bisher an Macht gekannt hatten. Außerdem lag ihre Körpergröße bei ca. drei Meter. Menschen wirkten ihnen gegenüber wie Zwerge und waren den LUUPS kräftemäßig weit unterlegen.

Von den LUUPS erhielt die Raum fahrende Menschheit auch das bis dahin für sie verborgen gebliebene Wissen um das Geheimnis der Zeitreisen. Trotz ihrer väterlich anmutenden Großzügigkeit des Menschen gegenüber kontrollierten die LUUPS rigoros aus dem Hintergrund heraus jede noch so kleine Transmitterfunktion und registrierten jeden Zeitsprung in den unzähligen Quadranten des Universums. Sie kannten anscheinend keine Grenzen, tauchten plötzlich wie aus dem Nichts auf oder verschwanden wieder im Nichts und ihre Macht reichte bis hinein in die fernsten Winkel des Alls.

Sie waren die strengen Wächter über Raum und Zeit, die jede Zeitanomalie unterbanden oder aufkommende Zeitparadoxien schon im Kern erstickten. Wenn es erforderlich wurde griffen sie selbst mit rigoroser Gewalt ändernd in die Zeitabläufe ein, um die für sie gewünschte Korrektur stattfinden zu lassen.

Hochmoderne Zivilisationen hatten deshalb die Macht der LUUPS schon hart zu spüren bekommen und manche von ihnen waren ganz plötzlich von der intergalaktischen Bildfläche verschwunden, weil sie ihre schmutzigen Finger von illegal betriebenen Zeitreisen nicht lassen konnten.

Wieder Schauplatz TRANSGALAKTIKA II

Irgendwann ließ ich mich dann auf der TRANSGALAKTIKA II in die ehr ruhige Reparaturabteilung für beschädigte Roboter und Androiden versetzen, die einzige übrigens, die es auf diesem gewaltigen Raumschiff gab. Meine Versetzung geschah natürlich nicht ganz ohne Grund, wie ich nachträglich dazu anmerken muss.

Der Dienst auf den oberen Instruktionsdecks war mir sowieso mit der Zeit zu stressig geworden. Außerdem wollte ich unbedingt meinen Androiden P1 wieder sehen, der mir nicht aus dem Kopf ging.

Um ihn möglichst schnell reparieren lassen zu können beschloss ich deshalb, ihn aus der Versenkung zu holen und durchsuchte schon kurze Zeit später mit Hilfe der elektronischen Reparaturlisten, nach erfolgreicher Einstellung in die Roboter- und Androideninstandsetzungsabteilung, die vielen einzelnen explosionssicheren Decks in den unteren Sektionen des Kugelraumers - und zwar eins nach dem anderen, bis ich schließlich P1 in einem der gesicherten Stahlcontainer ausfindig machen konnte.

Die aufwendige Reaktivierung von P1 erforderte zwar eine Sondergenehmigung der obersten Raumschiffadministration, die mir seltsamerweise aber ohne allzu große Schwierigkeiten in kürzester Zeit erteilt wurde. Die komplizierten Reparaturarbeiten am rechten Arm von P1 zogen sich etwa ein viertel Jahr hin (nach irdischer Zeitrechnung).

Ein Bord eigenes Raumschiffteam von ausgesuchten Spezialisten setzte den defekten Androiden Stück für Stück wieder kunstvoll zusammen und verbesserte sogar noch einige seiner inneren und äußeren Funktionen, wobei sie auch gleich die gesamte Außenhaut von P1 durch Schlaumetall ersetzten. Durch dieses ungewöhnliche Metall konnte sich die Primärhaut von P1 zumindest an den wichtigsten Stellen von selbst reparieren. Außerdem hielt sie einer Gluthitze von über 2500 Grad Celsius locker stand.

Nach seiner Komplettreparatur erreichte ich, dass P1 vorläufig in unserer Instandsetzungsabteilung bleiben durfte, wo er eine sehr wichtige Stelle im Konstruktions- und Materialarchiv übernahm. Der Androide und ich waren bald ein unzertrennliches Team, was ehrlich gesagt von einigen meiner Vorgesetzen gar nicht gern gesehen wurde. Eine Freundschaft zwischen Mensch und Maschine wurde als abnorm eingestuft. P1 schien das alles nicht im Geringsten zu stören, ehr das Gegenteil war der Fall! Das Gleiche galt für mich.

So ging ein Jahr nach dem anderen dahin...

Irgendwann einmal keimte in mir die fixe Idee auf, dass ich nach meiner Verabschiedung aus den Diensten der intergalaktischen Planetenstreitkräfte zusammen mit P1 jene Planeten der Förderation wieder einen Besuch abstatten wollte, die nach ihrer gefahrvollen Besiedlung sehr interessante Zivilisationen entwickelt hatten.

Auf diesen neu besiedelten Planeten war es für Kaufleute und Glücksritter aller Art besonders interessant, weil die entstandenen Wirtschaftsmärkte boomten und man in sehr kurzer Zeit zu sehr viel Geld kommen konnte, immer vorausgesetzt natürlich, man arbeitete in der richtigen Branche, wie z. B. in einem der staatlichen Informationsbeschaffungsbüros der mächtigen Planetenförderation.

Diese so genannten Informationsbüros (IMB's) gehörten eigentlich fast alle zum weitläufig verzweigten Arm des regulären interplanetarischen Geheimdienstes. Mir war bekannt, wenn ich für diese Leute arbeiten würde, dass ich P1 behalten durfte, der mir in solchen Fällen offiziell nicht nur als kompetenter Berater, sondern auch als sichernder Begleit- und Personenschutz (Paladin) uneingeschränkt zur Verfügung stand.

 

Die Verabschiedung


 

Eines schönen Tages war es dann so weit. Ich wurde mit allen Ehren ganz offiziell in den Ruhestand versetzt. Inoffiziell arbeitete ich allerdings für den interplanetarischen Geheimdienst weiter, sozusagen als Privatmann. Ich hatte mich rechtzeitig um diesen Posten beworben und wurde prompt übernommen.

Nach meiner Verabschiedung aus dem aktiven Raumflottendienst, die recht unspektakulär im allerkleinsten Rahmen ablief, verließen P1 und ich die TRANSGALAKTIKA II und gründeten auf der schönen Mutter Erde ein eigenes Basisbüro unter dem wohlklingenden Namen „Nova Express“. Schon kurz darauf erhielten wir den ersten gewinnbringenden Auftrag, der P1 und mich weit weg von Terra bringen sollte.

Das Ziel hieß STRANGER 25.

Was war geschehen?

Auf STRANGER 25, einem Planeten etwa 2 Lichtjahre von Terra entfernt, hatte es einen brutalen Militärputsch mit unzähligen Toten gegeben. Dabei war den neuen Machthabern unter anderem auch einer der wenigen Transmitter von Megacity in die Hände gefallen. Aber es kam noch schlimmer. Mit Hilfe einiger raffiniert ausgeklügelter technischer Tricks modifizierten die Umstürzler die vorhandenen Transmitter zu perfekten Zeitmaschinen um, mit denen sie nun Zeitreisen in die Vergangenheit und in die Zukunft unternehmen konnten. Ganz wie es ihnen beliebte. Ihre Absichten waren genial, aber nichtsdestotrotz kriminell und verbrecherisch.

Es sickerte durch, dass die Putschisten alle geschichtlich relevanten Ereignisse auf STRANGER 25 umkehren und ganz bestimmte Abläufe innerhalb ihres eigenen Raumsektors in der Vergangenheit durch entsprechende Manipulationen gezielt zu ihren eigenen Gunsten verändern wollten, um damit den von ihnen gewaltsam herbeigeführten Putsch, der mehrere Millionen unschuldige Menschen das Leben gekostet hatte, nachträglich legitimieren zu können. Die Geschichte zu verändern war in der Vergangenheit gar nicht so schwer. Am Ende musste in der Zukunft nur dabei herauskommen, dass man der legalen Regierungsmacht Machtmissbrauch, Korruption und Verrat vorzuwerfen in der Lage war. Damit würde es den brutalen Putschisten gelingen, um nachträglich ihren blutigen Putsch militärisch zu legitimieren.

Die Transmittertechnik, das war ein allgemein gültiger Grundsatz, durfte allerdings zu derartigen kriminellen Vorhaben nicht Zweck entfremdet werden. Ein anderes Gesetz der LUUPS besagte außerdem, dass geheime Zeitsprünge nicht erlaubt waren, um mögliche Zeitparadoxien von vorne herein auszuschließen. Offensichtlich hielten sich die Putschisten aber nicht an die ungeschriebenen Gesetze der LUUPS und setzen alles auf ihre erbeuteten Transmitteranlagen. Durch den überraschenden Putsch hatten sie sich in der Tat einen kleinen Zeitvorsprung verschafft, den sie nutzen wollten.

Als unsere Arbeit begann...

Die verdeckten Nachforschungen auf STRANGER 25 stellten sich von Anfang an als ziemlich schwierig heraus, doch Dank der alles überragenden Fähigkeiten meines Androiden P1 konnten wir unsere langwierigen Ermittlungstätigkeiten schon nach knapp einem Jahr mit einem ziemlich spektakulären Erfolg krönen. Uns waren die hochbrisanten Geheimpläne der Putschisten für die technischen Manipulationen an den Transmittern von Megacity in die Hände gefallen. Aus diesem Grunde mussten wir jetzt so schnell wie möglich STRANGER 25 verlassen, bevor die Putschisten von unserer geheimen Aktion Wind bekommen würden.

Wieder am Empfangsgebäude der Transmitteranlage...

Jetzt standen P1 und ich also hier vor einem der wenigen nur für das militärische Personal vorbehaltenen Eingänge des Empfangsgebäudes der riesigen Transmitteranlage, die von starken militärischen Einheiten der Putschisten bewacht wurde. Alles war jetzt nur noch eine Frage der Zeit und alles hing davon ab, ob meine Tarnung funktionieren würde oder nicht, die immerhin aus einer hoch dekorierten Generalsuniform bestand. Das sollte eigentlich reichen, wie ich dachte.

Mittlerweile war es draußen dunkel geworden.

Der Androide P1 stand noch immer hinter mir, den ich mit gedämpfter Stimme fragte, ob wir das Empfangsgebäude jetzt betreten sollten oder nicht.

Die Antwort folgte sofort: „Herr General, der Zeitpunkt war nie günstiger! Wir sollten gehen.“

P1 betonte dabei ganz bewusst meinen militärischen Dienstgrad, wie wir es vorher zusammen besprochen hatten, um keine Zweifel in Gegenwart anderer aufkommen zu lassen.

Einen kurzen Augenblick später gab ich meinem Paladin mit einer vorher vereinbarten Handbewegung ein ganz bestimmtes Zeichen. Damit wurde unsere Flucht von STRANGER 25 in die alles entscheidende Phase eingeleitet. P1 nickte behäbig mit dem Kopf und lies gleichzeitig völlig lautlos sein absolut tödliches Kampf- und Verteidigungsprogramm sekundenschnell hochfahren.

Der Androide war jetzt dazu bereit, mein Leben mit allen ihm zur Verfügung stehen Mitteln entschlossen zu verteidigen, vorausgesetzt natürlich, dieser Fall würde tatsächlich eintreten.

„Na, dann los!“ gab ich den Befehl und steckte die gefälschte Magnetstreifenkarte mit dem geheimen Tageszugangscode in den schmalen Öffnungsschlitz der elektronischen Kontrollkonsole. Sogleich setzte sich mit einem surrenden Geräusch die schwere Sicherheitsstahltür in Bewegung und gab den Eingang zum Innern des Gebäudes frei. P1 und ich traten ein und gingen mit selbstsicheren Schritten schnurstracks auf die beiden Wachposten zu, die sich sofort auf der Stelle umdrehten, wobei sie mit ihren schweren Lasergewehren auf P1 und mich zielten.

Nur ruhig bleiben“, dachte ich in Gedanken und schritt lässig weiter. Ich tat nach außen hin so, als ob für mich die Reaktion der postierten Soldaten etwas ganz normales sei. Ich war immerhin ein General. Dann hob einer der martialisch aussehenden Wachposten plötzlich den rechten Arm und befahl uns stehen zu bleiben. Er musterte einen Moment lang nachdenklich meine Uniform, überlegte dabei angestrengt, sah im nächsten Augenblick zu P1 hinüber und sagte dann respektvoll: „Herr General, bitte entschuldigen Sie mein Verhalten! Ich habe Sie nicht gleich erkannt. Es wird nicht wieder vorkommen! Sie können natürlich ungehindert weitergehen!“

Kaum hatte er seinen Satz beendet, stellte er noch im gleichen Moment das Lasergewehr neben sein linkes Bein, salutierte zackig und stand solange still, bis ich an ihm vorbeigegangen war. Seine übrigen Kollegen taten einer nach dem anderen das gleiche wie er. P1 ging nur wenige Schritte hinter mir her, genau wie wir es verabredet hatten. Ein Problem war damit gelöst. Die Generalsuniform entfaltete ihre volle Wirkung und machte offenbar großen Eindruck auf die Putschisten.

Unser eigentliches Ziel war ein komfortabler Personentransmitter am Ende des langen Ganges, welchen wir gerade betreten hatten. Dieser Transmitter konnte entweder Personen oder kleinere technische Ausrüstungsgegenstände über eine vorher genau festgelegte Strecke quer durch die Galaxie ohne Zeitverzögerung befördern. Man schritt einfach in den Transmitter hinein und kam sogleich auf der anderen Seite wieder heraus.

Irgendwie funktionierte das Ganze mit der Raumkrümmung, wie ich so für mich dachte und streng genommen befand man sich dabei für den Bruchteil einer Sekunde in zwei Welten, die eigentlich sehr weit voneinander entfernt lagen.
Alles schrumpfte auf wenige Zentimeter zusammen und doch befanden sich zwischen der Sende- und Empfangsstation des Transmitters im wahrsten Sinne des Wortes ganze Welten und Galaxien.

Nachdem P1 und ich die Eingangsschleuse schon weit hinter uns gelassen hatten, konnten wir wenige Augenblicke später den flimmernden Eingang des etwas drei Meter hohen Personentransmitters erkennen. Kurz danach war es dann so weit. Ein Service-Roboter kam heran, brachte uns direkt bis an eine Warterampe unterhalb des Transmitters, der für drei bis vier Personen Platz bot, und begleitete uns während der Fahrt nach oben.

Der Weg war endlich frei und niemand konnte P1 und mich jetzt noch aufhalten.

Ich blickte kurz zu meinem Androiden hinüber, deutete ihm durch ein zufriedenes Kopfnicken an, dass die ganze Aktion erfolgreich verlief. Es dauerte nicht mehr lange, da wurden wir beide langsam von der bereitgestellten Transportplattform vorsichtig an das knisternde Licht des Transmitters heran gefahren. Ein Schritt noch, dann würden wir ohne die geringste Zeitverzögerung am anderen Ende der Station wohlbehalten wieder auf der 2 Lichtjahre entfernten Erde herauszukommen. Die erbeuteten Geheimpläne der Putschisten von STRANGER 25 befanden sich gut verborgen im molekularen Datenspeicher von P1, der immer noch regungslos neben mir auf der Plattform stand. Meine Gedanken kreisten jetzt um die erbeuteten Geheimpläne, die wohl eine Menge Geld einspielen würden, bestimmt genug, dass P1 und ich für die nächste Zeit erst einmal ausgesorgt hätten, sinnierte ich zufrieden.

Dann traten wir in den Transmitter ein. Plötzlich gab es einen fürchterlichen Knall. Meine Knie wurden weich wie Butter, ich sank zu Boden und wurde noch im gleichen Augenblick fast ohnmächtig. Ich wusste eigentlich nicht, was genau geschehen war. "Die Sache ist wohl schief gegangen", war mein letzter Gedanke, bevor ich auf der anderen Seite des Transmitters kopfüber heraus stürzte.


Man schreibt das Jahr 2002.

Als ich an diesem schönen Morgen in dem durchwühlten Bett des schäbigen Motels neben der schwach befahrenen Wüstenautobahn aufwachte, war es bereits fast 10 Uhr. Durch die offenen Schlitze der herunter gelassenen Rollos fluteten schmale Lichtstreifen, die das spartanisch eingerichtete Zimmer ein wenig erhellten. Einen Moment lang konnte ich keinen klaren Gedanken fassen, und fast wäre ich am liebsten gleich wieder eingeschlafen, wenn es nicht schon so spät gewesen wäre. Mit halb geöffneten Augen döste ich geistig abwesend weiter so vor mich hin. Dann kamen die Erinnerungen zurück, die mich seit meiner unfreiwilligen Ankunft hier auf der Erde vor etwa drei Monaten immer wieder in aller Regelmäßigkeit beschäftigten.

In Gedanken wanderte ich zu jenem Augenblick zurück, als mein Androide P1 und ich den Transmitter betraten. Beide kamen wir zwar in einer Gegenstation an, die sich aber mit Sicherheit nicht auf der Erde, sondern irgendwo auf STRANGER 25 befunden haben musste.

Ich sah schnell ein, dass man uns auf raffinierte Art und Weise reingelegt hatte, denn wir waren schnurstracks in eine Falle getappt. Wir wurden in einen ovalförmigen Raum gebracht, der mit einer kleineren Anzahl technisch manipulierter Personentransmitter bestückt war. Dort hielt man uns eine zeitlang gefangen. Von den Putschisten selbst erfuhr ich, dass es sich hierbei um die eigentliche Zentrale der Zeitreise-Transmitter handelte, von wo aus sie unbemerkt ihre geheimen Zeitreisen in die Vergangenheit und Zukunft unternahmen.

Zu meiner allergrößten Überraschung sah ich in diesem Raum auch zum ersten Mal einen echten LUUP, der mit seiner gewaltigen Körpergröße von annähernd drei Meter wie ein Elefant plötzlich vor mir stand. Er kooperierte offenbar mit den Putschisten und war ein verbrecherischer Abtrünniger seines Volkes. Mit seiner hilfreichen Unterstützung gelangten die Putschisten also gefahrlos und unbemerkt in die von ihnen anvisierte Vergangenheit, ohne dass man sie jetzt noch wirkungsvoll davon abhalten konnte. Das sie ihr Ziel auch erreichen würden, das war mir damals schon kurz nach meiner Gefangennahme schnell klar geworden.

Meine Mission war anscheinend umsonst gewesen.

Doch es kam alles anders...

Als die schwer bewaffneten Putschisten mich von P1 trennen und möglicherweise sogar töten wollten, ging der kampferprobte Androide sofort zum Gegenangriff über. Wie ein Berserker überwältigte er mit rasenden Bewegungen und mit bloßen Händen einen nach dem anderen der sich verzweifelt wehrenden Soldaten. Er richtete ein Blutbad unter ihnen an. Dann stellte er sich schützend vor mich. Gleichzeitig deutete P1 mitten im Kampfgeschehen mit der linken Hand auf einen ganz bestimmten Transmitter, der sich direkt unmittelbar vor mir befand und schrie mir zu, ich solle mich beeilen und darin verschwinden. Im nächsten Moment schon steckte P1 mir etwas zu. Ich hatte keine Ahnung was es war.

Bevor der Androide seine alles vernichtenden Waffen einsetzte, gab er mir von hinten einen heftigen Stoß, sodass ich in einem hohen Bogen durch den hell aufblitzenden Energievorhang des Transmitters flog.

Als ich am anderen Ende wieder herauskam, befand ich mich in der fernen Vergangenheit auf der Erde des Jahres 2002. Nach meinem ersten Schreck rannte ich sofort instinktiv von der sich materialisierenden Gegenstation weg, die nur für einige wenige Augenblicke im offenen Gelände über dem staubigen Boden schwebte und danach mit einem gewaltigen Donnerschlag wieder verschwand.

P1 muss wohl gründliche Arbeit geleistet haben, denn der höllische Explosionslärm, den ich noch für Bruchteile von Sekunden mit bekam, konnte nur bedeuten, dass er die geheime Anlage der Putschisten, und des Verräters der LUUPS, mit seiner fürchterlichen Feuerkraft total vernichtet hatte.

Das P1 noch da war und sich irgendwo unversehrt in der Zukunft aufhielt, merkte ich etwa eine Stunde später daran, dass in meiner rechten Hosentasche ein kleines Hyperraumempfangsgerät piepsend in regelmäßigen Abständen auf einem grün leuchtenden Minibildschirm immer die gleiche Nachricht anzeigte.

Sie lautete: „Wichtige Mitteilung! Hier spricht Ihr Androide P1. Ich weiß, wo Sie sind! Sie befinden sich in der Vergangenheit auf der Erde des Jahres 2002. Ich werde mir wohl erst noch einen Transmitter beschaffen müssen, den ich dann so schnell wie möglich in eine Zeitmaschine umfunktionieren werde. Zum Glück habe ich die Geheimpläne noch bei mir. Kann aber noch eine Weile dauern, bis ich die Anlage einsatzfertig in Betrieb nehmen kann. Suchen Sie sich bis dahin irgendwo auf der Erde einen sicheren Unterschlupf und verhalten Sie sich bis zu meiner Ankunft so unauffällig wie möglich. Ich habe Ihnen ein Empfangsgerät mit gegeben, das auch als automatischer Hyperraumpeilsender arbeitet. Ich werde Sie also überall finden, ganz gleich wo Sie sich aufhalten. Wenn Sie wollen, können Sie sich vielleicht die Wartezeit damit vertreiben, über die altmodischen Robotergesetze nachzudenken. Eines davon heißt übrigens, dass ein Roboter oder Androide kein menschliches Wesen verletzen oder durch seine Untätigkeit gestatten darf, dass einem menschlichen Wesen Schaden zugefügt wird. Ich musste Sie beschützen. Ich habe andere dafür getötet. Denken Sie darüber nach, mein menschlicher Freund! Ich werde mich ab jetzt in regelmäßigen Abständen bei ihnen wieder melden. Warten Sie auf P1!“


Mittlerweile hat mich P1 schon zum x-ten Mal in den zurückliegenden drei Monaten davon unterrichtet, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis er mich endlich abholen kommt. Ich solle mir also weiterhin keine allzu großen Sorgen machen, denn der Zeitreise-Transmitter sei bald betriebsfertig.

Stopp! Gerade bekomme ich eine neue Nachricht rein.

„Halten Sie sich bereit! Ihr Androide P1 macht sich auf dem Weg durch Zeit zu Ihnen. Die Koordinaten liegen bereits fest. Bleiben Sie also da, wo Sie sind! Das Warten hat ein Ende!“

Mit einer schlappen Handbewegung werfe ich die schmuddelige Bettdecke zur Seite, stehe träge auf und ziehe mich in aller Ruhe an.

Zufrieden denke ich: „So wie es aussieht, werde ich meine Mission doch noch zu Ende führen können. Keine schlechten Aussichten für meine Zukunft in der Zukunft die wieder meine Gegenwart sein wird – oder?"

***

Irgendwo in einer weit, weit entfernten Galaxie.

Zwei LUUPS stehen sich gegenüber und stellen zufrieden fest, dass sie mit P1 und mir offenbar eine sehr gute Wahl getroffen hatten. Die manipulierten Transmitter-Zeitmaschinen auf STRANGER 25 sind zerstört worden. Die brisanten Zeitmaschinenpläne befinden sich in den molekularen Speichern des Androiden P1 in absoluter Sicherheit. Nun gut, einen Transmitter musste der Androide mit den sichergestellten Plänen noch in eine Zeitmaschine umfunktionieren. Aber nur diese eine war noch nötig gewesen um seinen Schützling, der ungewollt einen Zeitsprung in das Jahr 2002 gemacht hatte, in seine eigene Zeit wieder zurückzuholen. Er hätte sonst eine Zeitanomalie erzeugt, die ungeahnte Veränderungen in der kommenden Zukunft nach sich gezogen hätte.

Das jedoch konnten die LUUPS auf gar keinen Fall zulassen.

Für sie gehörte nun mal alles und jedes in seine Zeit.

Auch ich.

 

ENDE


© Heinz-Walter Hoetter

 

 

 

5. Henry Hallberg kehrt nicht mehr zurück


 

Tötet ihr einen von mir, wird einer von euch so wie wir.“

 

Uralte Drachenweisheit.

 

Gefunden auf einem unbekannten Planeten, irgendwo da draußen in den unendlichen Weiten des Alls.


***

 

Der Mann namens Henry Hallberg lag stöhnend in der Ecke des Höhlenraumes, der nach einer Seite hin offen war und helles Licht hineinließ. Sein seltsam verzerrtes Gesicht war weiß wie Schnee. Auf seiner Stirn glänzten Schweißtropfen, die Augen hielt er krampfhaft geschlossen. Offenbar hatte er große Schmerzen, denn er biss mit den Zähnen immer wieder auf seine blutleeren Lippen. Plötzlich krümmte er sich und presste seine Hände gegen den Magen.

 

Zwei Männer knieten bei ihm. Der eine hieß Hollester Morgan, der andere Dr. John Henderson.

 

Morgan wühlte verzweifelt in einer zerschlissenen Sanitätstasche herum, so als hoffe er, darin ein Wundermittel zu finden. Seine überaus dürftigen medizinischen Erfahrungen reichten offenbar für Hallbergs besorgniserregenden Zustand nicht aus.

 

Er ist heiß wie eine Ofenplatte“, flüstere Dr. Henderson. Er wird zuerst ins Delirium fallen und dann das Bewusstsein verlieren. Hast du etwas in der Tasche gefunden, das Henry helfen könnte, Hollester?“

 

Morgan zuckte hilflos die Achseln.

 

Eigentlich nichts Brauchbares. Ein paar Schmerztabletten, Verbandszeug, eine Flasche Desinfektionsmittel und einige Spraydosen. Mehr nicht.“

 

Henry Hallberg bewegte sich plötzlich. Dann öffnete er schlagartig die Augen. Sie waren glasig, und schienen niemanden zu erkennen. Ein gequältes Stöhnen drang aus seinem Schmerz verzerrten Mund.

 

Ah, mir ist so heiß. Ich verbrenne. Kühlt mich ab! Abkühlen, nur abkühlen..., bitte!“

 

Ruhig liegen bleiben Henry“, sagte Dr. Henderson. „Wir werden dir helfen. Schon bald wird es dir besser gehen. Wir haben die richtige Medizin für dich gefunden, alter Haudegen.“

 

Hallberg versuchte sich aufzurichten, wurde aber von den zwei Männern festgehalten.

 

Mir ist so heiß..., so fürchterlich heiß. Warum helft ihr mir nicht?“ stöhnte der Kranke.

 

Moment, ich hab hier was gefunden, was vielleicht helfen könnte..., John“, meinte Morgan und hielt dem Doktor eine weiße Dose mit aufgesetztem Injektionsapparat und schwarzer Etikettenschrift vors Gesicht.

 

Wie es aussieht, soll der flüssige Inhalt gegen Infektionen und Schwellungen sein. Versuch es mal damit. Schaden kann es auf keinen Fall. Was ist? Soll ich?“

 

Ja, von mir aus. Es bleibt uns sowieso keine andere Wahl. Scheint das einzige Medikament zu sein, das wir Henry verabreichen können. Was anderes haben wir nicht“, sagte Dr. John Henderson bitter.

 

Hollester Morgan hielt eine Sekunde später die Dose mit dem Spritzen-Gerät an Hallbergs rechten Oberarm und drückte auf den rot markierten Auslöseknopf. Ein schwacher Summton war zu hören, als die Ultraschalldüse der Injektionsapparatur die Flüssigkeit durch Hallbergs Haut in die darunter liegenden Vene schoss, der im Fieberwahn davon allerdings nichts mitbekam. Er stöhnte nur immerzu und krümmte sich vor Schmerzen.

 

Morgan setzte eine nachdenkliche Miene auf und dachte darüber nach, warum sie auf ihrer waghalsigen Expedition so wenig Arzneimittel mitgenommen hatten, denn nichts war für Hallbergs Fall dabei. Es ärgerte ihn irgendwie, dass der Doktor wieder einmal alle Sicherheitsvorschriften über Bord geworfen hatte, nur weil er sich als Commander stets auf die technische Perfektion der Leviathan II verließ, die in einer Umlaufbahn den unbekannten Planeten umkreiste und über ein beeindruckendes Waffenarsenal verfügte. Mehrere vollautomatisch arbeitende Hochenergielaserkanonen waren zudem in der Lage, aus dem Orbit heraus jedes Ziel punktgenau auf dem Planeten zerstören zu können, wenn es sein musste, hintereinander sogar im Sekundentakt.

 

Und das hier? Purer Leichtsinn aus Überheblichkeit, obwohl im Mutterschiff alle Medikamente von der medizinischen Roboterabteilung selbst hergestellt werden konnten.

 

In der Hauptsache enthielt die Sanitätstasche Medikamente, die man gegen Infektionen oder ganz allgemein gegen Schwellungen anwenden konnte, und ein paar spezielle Instrumente zum Schließen von Wunden und zum Blutstillen. Es fand sich nichts darunter, das man bei hohem Fieber verabreichen konnte.

 

Hollester Morgan griff nach einem elektronischen Fiebermessgerät und maß die Körpertemperatur. Die digitale Anzeige raste nach oben auf über vierzig Grad.

 

Unglaublich! Das ist wirklich eine Fieberglut, die in Hallberg tobt“, sagte er mit Ausdruck des Entsetzens.

 

Das Stöhnen ihres Freundes wurde jetzt immer heftiger. Hallberg fasste sich unvermittelt mit beiden Händen an den Hals und riss wie von Sinnen am offenen Kragen seines eng anliegenden Spezialanzuges herum. Der Metallring des Panzerhelmes war von Morgan entfernt worden. Man hatte den Eindruck, als müsse der Fiebernde ersticken.

 

Voll Pessimismus schüttelte Dr. Henderson den Kopf.

 

Wie es aussieht, werden wir ihm nicht helfen können. Hallberg wird sterben, wenn nicht bald Hilfe kommt. Das Mutterschiff befindet sich leider auf der anderen Seite des Planeten. Wir können es frühestens in zwölf Stunden über Funk erreichen, wenn es uns wieder überfliegt.“

 

Verdammt noch mal, nein!“ fauchte ihn Morgan an. Er hat doch nur hohes Fieber, mehr nicht!“

 

Wirklich, Hollester? Sieh ihn dir doch an! Ich glaube ehr, dass sich Hallberg eine Bakterien-Infektion geholt hat. Das muss durch das Fleisch des kleinen wilden Tieres mit den lederartigen Flügelstutzen passiert sein, das wir gestern Abend gegessen haben. Unsere Körper sind gegen die Bazillen auf diesem Planeten offenbar nicht so gefeit, wie wir es uns eigentlich vorgestellt haben. Wir waren einfach zu leichtsinnig. Es überrascht mich daher, dass wir nicht alle schon so weit sind wie Henry."

 

Hollester Morgan schüttelte verbissen seinen Kopf.

 

Mag ja alles richtig sein, John. Aber wir haben doch das erlegte Tier mit unserem Bakterien- und Virenscanner untersucht, zig Proben genommen und keine gefährlichen Krankheitserreger in dem Fleisch gefunden. Außerdem war das Fleisch gut durchgebraten. Nichts tötet Krankheitserreger besser ab, als Feuer und Hitze. – Zugegeben, Henry wird von hohem Fieber geschüttelt. Jeder von uns hatte schon mal so ähnliche Zustände. Und, hat es uns vielleicht umgebracht? Nein, verdammt noch mal. Nicht das ich wüsste.“

 

Das ist doch ganz was anderes, Hollester. Hallberg muss sich ein hitzeresistentes Bazillus zugezogen haben, den unsere Scanner nicht erkannt haben. Er steckt jetzt tief in seinem Körper und greift sein Immunsystem an. Soviel steht schon mal fest. Woher soll denn sonst das hohe Fieber kommen? Vielleicht befällt dieses Ding sogar seine DNS und verändert es wohl möglich noch. Man muss alles in Betracht ziehen. Ich denke mal, dass dieser teuflische Krankheitserreger Henry auf jeden Fall in seine Gewalt gebracht hat. Wir können einfach nichts mehr für ihn tun, wie es im Augenblick danach aussieht.“

 

Hallbergs Stöhnen hatte auf einmal komischerweise etwas nachgelassen, was Dr. Henderson und Hollester Morgan dazu veranlasste, ihn erst einmal in Ruhe zu lassen. Sie waren sowieso am Ende ihrer Kräfte.

 

Draußen brach die Planetennacht herein. Sie kam ganz überraschend und schnell. Die Männer schalteten ihre Helmscheinwerfer ein, deren kreisrunde Lichtkegel gespenstisch über die schroffen Höhlenwände huschten. Ein paar Stunden später schaltete sich das Licht ihrer Panzerhelme automatisch ab, als die empfindlichen Körpersensoren bemerkten, dass sie langsam müde wurden und einschliefen.

 

Wir hätten diesen verfluchten Planeten niemals besuchen sollen, war Commander Dr. Hendersons letzter Gedanke, bevor ihn der Erschöpfungsschlaf übermannte.

 

Bis zur Morgendämmerung blieb alles ruhig.

 

Zu ruhig, wie Hollester Morgan dachte, als er verschlafen seine Augen wieder öffnete und hinüber zum Höhlenausgang blickte, wo bereits Commander Dr. Henderson stand und nach oben in einen rötlich schimmernden Himmel schaute, der vom Licht einer kleinen aber extrem hellen Sonnen erleuchtet wurde. Sein Panzerhelm hatte er sich unter den rechten Arm geklemmt, und die Laserpistole steckte im äußeren Bereitstellungsgürtel.

 

Morgan stand auf und wunderte sich darüber, dass das fieberkranke Crewmitglied Hallberg nicht mehr in seiner Höhlenecke lag. Er fragte sich beunruhigt und grübelnd nach dem Grund dafür.

 

Was war geschehen?

 

Mit wackligen Beinen stolperte er über das herumliegende Geröll in der Höhle und stand wenige Augenblicke später neben Dr. Henderson, dessen Gesicht wie versteinert aussah. Als er Morgan neben sich sah, schaute er ihn mit weit geöffneten Augen an.

 

Hollester wollte eine Frage wegen Hallberg stellen.

„Wo ist...?“

 

Commander Henderson schnitt ihm das Wort ab.

 

Sagen sie nichts, und stellen sie jetzt bloß keine Fragen, Morgan. Es gibt so viele Geheimnisse im Universum, von denen wir nicht die geringste Ahnung haben. Wir können nur langsam und behutsam vorgehen, wenn wir von diesem ominösen Ort heil wieder wegkommen wollen. Ich habe etwas gesehen, was ich nie für möglich gehalten hätte. Ich...“

 

Er hielt abrupt inne und wandte abermals den Kopf in die Höhe.

 

Da! Hören sie das auch, Morgan?“

 

Aus den Wolken drang ein seltsam fremdes Geräusch an die Ohren der beiden Raumfahrer. Es war ein Geräusch, wie sie es nie zuvor gehört hatten; ein schwerfälliges Grollen, das mit jeder Sekunde lauter und schrecklicher wurde. Man konnte meinen, der Himmel bräche auseinander.

 

Nun schwoll es zu einem brausenden Heulen an, das in einem hohen, schrillen Kreischen mündete, das den Ohren weh tat. Den beiden Männern jagte das fürchterliche Kreischen kalte Schauer über den Rücken.

 

Welches Tier bringt solchen Lärm zustande?“ dachte Morgen halblaut vor sich hin und trat ängstlich einen Schritt zurück in die Höhle. Instinktiv griff er nach der Strahlenpistole. Seine Phantasie reichte nicht aus, sich eine Kreatur vorzustellen, die dazu in der Lage war, derartig ohrenbetäubenden Lärm in er Luft zu verursachen.

 

Dann sah er plötzlich den gewaltigen Drachen, der mit riesigen Flügeln in gleichmäßigen Kurven über ihnen dahinzog und sie mit feurig roten Augen beobachtete. Er kreiste immerzu über ihren Köpfen, bis er auf einmal wie ein Raubvogel auf weniger als fünfzig herabstieß und mit donnerndem Getöse in einem weiten Bogen ganz nah an der Höhle vorbeiflog. Das tat er einmal, zweimal und noch ein drittes Mal. Der Drache wandte absichtlich immer wieder seinen riesigen Schädel den beiden völlig erstarrt da stehenden Männern zu, sodass man ihn direkt von vorne sehen konnte.

 

Dr. Henderson und Morgan erschraken zutiefst.

 

Sie hatten bei jedem Vorbeiflug des gewaltigen Tieres in die mutierten Gesichtsüberreste ihres Freundes Hallbergs gesehen, dessen ehemals menschlicher Kopf sich in einen monströs aussehenden Drachenschädel verwandelt hatte, aber unverkennbar von Henrys typischen Gesichtszügen durchzogen war.

 

Die beiden Männer in den Raumanzügen wussten jetzt, was in der vergangenen Nacht geschehen war. Etwas aus einer alten Sage war lebendig geworden und hatte ihren Freund Hallberg auf unerklärliche Weise mutieren lassen. Er wollte sich offenbar mit diesen letzten Flügen über der Höhle für immer von ihnen verabschieden.

 

Dann verschwand der riesige Drache mit donnernden Flügelschwingen ebenso schnell, wie er gekommen war. Sein lautes, röhrendes Kreischen verstummte bald in der Ferne eines rötlich leuchtenden Horizonts, bis man das Ungeheuer nur noch als kleinen schwarzen Punkt erkennen konnte, bis auch dieser schließlich ganz verschwand.

 

Was kann das gewesen sein, Commander? Hat sich Hallberg tatsächlich in ein Drachenwesen verwandelt?“

 

Sieht ganz so aus, Hollester. Irgend etwas veränderte den Körper unseres Freundes innerhalb kürzester Zeit. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen. Es war schier unglaublich. Das erklärt auch das hohe Fieber. Anscheinend hat dieser Bazillus nur bei Henry seine metamorphorische Wirkung entfalten können. Es ist wohl besser, wir verschwinden von hier jetzt so schnell wie möglich. Ich habe bereits ein Signal an die Leviathan II geschickt. Das Mutterschiff hat ein Beiboot abgesetzt, das schon auf dem Weg zu uns ist und hier sein wird, noch bevor die nächste Nacht hereinbricht. Wir werden dann sofort den Rückflug einleiten, in die gleiche Umlaufbahn unseres Raumschiffe einschwenken und eine vorbestimmte Warteposition beziehen, bis die Leviathan II nach der nächsten Umrundung des Planeten am vereinbarten Treffpunkt erscheint. Der Zeitpunkt und die Zielkoordinaten des Andockmanövers stehen bereits fest. Machen Sie sich also bereit, Morgan. Außerdem steht uns eine lange Quarantänezeit bevor, mal ganz abgesehen davon, dass man an uns beiden eine Menge medizinischer Untersuchungen und intensiver Tests durchführen wird. Das kann dauern, wie sie selbst wissen.“

 

Morgan antwortete nicht mehr. Ihm war das alles egal. Sein Blick wanderte suchend zum fernen Horizont.

 

Er wollte einfach nur noch zurück zur Erde, weg von diesem seltsamen Planeten, der ihm Angst einjagte und dessen unheimliches Geheimnis sicherlich von Experten der terranischen Wissenschaftsgilde irgendwann untersucht und gelüftet werden würde. Dessen war er sich absolut sicher.

 

Aber bestimmt ohne ihn. Nichts und niemand würde ihn hierhin zurückbringen können.

 

Dann sah er mit Erleichterung das stromlinienförmige Beiboot heranschweben, das mit aufheulenden Atmosphärentriebwerken in einem weiten Bogen direkt vor den beiden Raumfahrern zur Landung ansetzte.


Als Hollester Morgan zusammen mit Commander Dr. Henderson durch die geöffnete Einstiegsschleuse in das Innere des wartenden Miniraumschiffes stieg, dachte er traurig und tief in Gedanken versunken an seinen alten Freund Henry Hallberg, den er niemals mehr wiedersehen würde.

 

ENDE

 

© Heinz-Walter Hoetter

 


 


 


 


 

Vorwort

Was ist Science Fiction?


 

Science Fiction: Das ist Spekulation total. Mit Raum und Zeit, in Raum und Zeit. Mit nie dagewesen Kulturen, fremden Zivilisationen und Philosophien. Wir stehen vor dem Tor zur Unendlichkeit und gehen in Gedanken auf Reisen. Die Erde und die Planeten des Sonnensystems werden zur winzigen Realität. Fast unbedeutend, aber noch immer bedeutend genug als Schauplatz und Ausgangspunkt unzähliger, unbekannter Möglichkeiten. Wir suchen nach Antworten auf die Frage: Was wird uns in vorstellbarer Zukunft erwarten?


Die Science Fiction will das eigene Denken anregen und das eigene Bewusstsein erweitern helfen, um das Unfassbare zu beschreiben, hier im Jetzt und in Zeiten nach unserer Zeit.


Vielleicht können wir etwas daraus lernen?


 

***

1. Die Station Rosenberg

 

Hier draußen auf dem weiten Landeplatz mit seinen Staub überzogenen Positionslichtern hatte die Stille schon seit vielen Jahrzehnten ein festes Zuhause. Nur das leise Dauerrauschen der mannshohen Rotoren der Frischluftanlagen im Hintergrund der riesigen Betongebäude störte ein wenig die unheimliche Ruhe der einsam daliegenden Station, die sich weit draußen irgendwo in den unendlichen Weiten des Universums auf dem Planeten TELLOGG befand, der eine für den Menschen weitestgehend lebensfreundliche Atmosphäre besaß und über eine äußerst exotische Flora und Faune verfügte.

 

Es gab sogar monströs aussehende Fleisch fressende Pflanzen, die leicht einen ausgewachsenen Menschen verspeisen konnten. Sie lebten gerne in sandigen Gegenden, wo sie sich tief im Boden eingegraben hatten und oft viele Wochen lang geduldig auf ihre Beute warteten. Deshalb mied ich diese wüstenähnlichen Gebiete tunlichst und machte meist einen weiten Bogen um sie herum, wenn ich hin und wieder die Station ROSENBERG mit einem der robusten Antigravitationsgleiter (kurz von mir AGG genannt) verließ, um die abwechslungsreichen, kontinentalen Landschaften des Planeten zu erkunden.

 

Ich suchte allerdings stets nach irgendwelchen größeren Hügeln im offenen Gelände, die mit genügend festem Untergrund ausgestattet waren und mir für den schweren AGG als Landeplatz ausreichend geeignet und entsprechend sicher erschienen.

 

Von solchen Stelle aus unternahm ich zusammen mit meinem Androiden TRION ausgedehnte Märsche in die umliegende Gegend, aber nur zusammen mit ihm, weil dieser künstliche Mensch über Kräfte verfügte, die einem hydraulisch arbeitenden Bagger gleichkamen. Da TRION fast drei Meter groß war, saß ich deshalb die meiste Zeit oben auf seinem breiten Rücken in einem durchsichtigen, Kabinen ähnlichen Rucksack und beobachtete von dieser Warte aus die weite, sich bis zum fernen Horizont ausbreitende, grüne Dschungellandschaft.

 

Außerdem verfügte TRION über einige gefährliche Waffen, wie z. B. einen Hochenergie-Impulslaser und über eine unbestimmt Anzahl dieser faustgroßen und flugfähigen Antimaterie-Granaten, die eine fürchterliche Explosionswirkung entwickeln konnten. Schon allein mit diesen Dingern war es ihm möglich, eine kleine Armee aufhalten zu können. Der Androide war damit sozusagen meine wichtigste Lebensversicherung, denn seine unglaublichen Fähigkeiten ließen seine Einsatzmöglichkeiten schier unbegrenzt erscheinen.

 

Der Name der Station hieß früher übrigens ASS-TG 6422. Irgendwann habe ich sie einfach "Rosenberg Station" genannt, weil ich glaubte, dass es für mich besser war, wenn sie meinen Namen trug. Dafür hatte ich meine ganz persönlichen Gründe, denn nach so langer Zeit war sie zu meinem einzigen Zuhause geworden..., so unendlich weit von Mutter Erde entfernt.

 

***

 

Auf TELLOGG gab es immer viel Neues zu entdecken. So gesehen wurde es mir auch nie langweilig. Auf meinen ausgedehnten Entdeckungsreisen, in die völlig unberührte Natur dieses außergewöhnlichen Planeten, traf ich bisweilen auf gewaltige Gebirgsketten mit mehr als achttausend Meter hohen, schneebedeckten Gipfeln von außergewöhnlicher Schönheit. Am Fuße der Berge gab es tiefe Täler und ungestüm dahinfließende Wildbäche, wie ich sie noch nie zuvor in meinem Leben gesehen habe. Sie wurden auf beiden Seiten von einer unglaublich bizarren und schier undurchdringlichen Pflanzenwelt gesäumt, in die ich mich allerdings nicht rein traute, auch in Begleitung meines Beschützers TRION nicht, denn diese wilde Dschungellandschaft erschien mir irgendwie außerordentlich heimtückisch und gefährlich zu sein, auch deshalb, weil es in ihr ziemlich viele fressgierige Tiere gab, die bestimmt selbst vor dem Verzehr von menschlichem Fleisch nicht zurückschrecken würden. Manche von ihnen schienen sehr intelligent zu sein, und ich konnte nur von Glück reden, dass die gesamte Station von einer fast vier bis fünf Meter hohen Steinmauer umgeben war, die zusätzlich rundherum durch eine große Anzahl empfindlicher Annäherungssensoren abgesichert wurde. Bei drohender Gefahr schossen die Lasergeschütze der zahlreich vorhandenen Verteidigungstürme mit tödlicher Sicherheit automatisch und ohne Vorwarnung auf alles, was sich in unberechtigter Weise der Station näherte oder möglicherweise sogar in sie eindringen wollte.

 

***

 

Wie ich im Laufe meiner Erkundungsreisen herausfand, gab es auf TELLOGG insgesamt fünf kleinere Kontinente, die durch gewaltige Meere voneinander getrennt waren. Zwischen den weit auseinander liegenden Landmassen entdeckte ich zahllose große und kleine Inseln. Auf den größeren davon gab es imposant aussehende Vulkane, die äußerst aktiv waren. Manche dieser beeindruckenden Feuerberge schleuderten Massen von glühender Lava in die Luft und dicke Rauchwolken verfinsterten zusätzlich den Himmel bis hin zum Horizont, sodass ich mit meinem AGG diesen gefährlichen Bereich stets weit umfliegen musste.

 

Der größte Kontinent bestand, einmal abgesehen vom Meerwasser umspülten Küstenbereich, nur aus trockenen Wüsten und kargen Steppen. Trotzdem gab es hier üppig gedeihendes Leben, wie z. B. diese gefährlichen Fleisch fressenden Pflanzen, vor denen man sich ganz besonders in Acht nehmen musste.

Jahrzehntelang erforschte ich den Planeten TELLOGG und entdeckte immer wieder Aufregendes. Doch die Jahre gingen dahin, und bald merkte ich, wie der Zahn der Zeit auch an mir unaufhörlich nagte. Ja, die Menschheit hat das Universum erobert aber gleichzeitig auch den Tod überall mit hingenommen, den jedes einzelne Individuum als biologisches Erbe in sich trug.

 

***

 

Nun, nach irdischer Zeitrechnung schrieb man heute den 21. Juni des Jahres 4920. Ich bin also schon seit über siebzig Jahre hier allein auf dem Planeten TELLOGG. Diese vollautomatisch arbeitende Außenstation wurde genau im Jahre 4800 funktionstüchtig fertig gestellt. Für sie war zu einem späteren Zeitpunkt unter anderem auch eine militärische Bedeutung vorgesehen. Die zahlreich vorhandenen unter dem Boden liegenden Abschussrampen für die atomar bestückten Abwehrraketen stehen aber heute noch leer und waren somit völlig nutzlos geblieben. Gegen einen bewaffneten Angreifer aus dem All gab es somit überhaupt keine all zu großen Verteidigungsmöglichkeiten. Die Lasertürme oben auf der Schutzmauer konnten die Station zwar auch effektiv verteidigen, wozu sie bestimmt in der Lage gewesen wären, aber einem massiv geführten Angriff würden auch sie bestimmt nicht dauerhaft standhalten können.

 

Gott sei Dank hat die Rosenberg Station seit ihrer Fertigstellung bis heute aber nie auch nur einen einzigen direkten Angriff erfahren, was sicherlich einzigartig war, denn die intergalaktische Föderation hatte sich auch einige schlimme Feinde im Universum gemacht, die danach trachteten, alles was menschlich war gnadenlos zu vernichten.

 

***

 

Ich erinnere mich an die Zeit, als ich zum ersten Mal meinen Fuß auf diesen Planeten setzte.

 

Ich wurde von der galaktischen Flottenleitung im Jahre 4850 als Wartungstechniker nach TELLOGG zur Station Rosenberg abkommandiert, da war ich gerade mal zweiundzwanzig Jahre alt. Doch kurz nach meiner Indienststellung kam alles ganz anders, als die meisten von uns wohl gedacht hatten. Eine gefährliche Konfrontation zwischen den PLEJANERN und der intergalaktischen Föderation bahnte sich an.

 

Als der große galaktische Krieg 4851 schließlich begann, verließen alle Besatzungsmitglieder mit dem einzig noch verfügbaren Raumschiff fluchtartig den Planeten TELLOGG, weil sie einen Hyperfunkspruch mit der dringenden Warnung erhalten hatten, dass wohl mehrere feindliche Kampfschiffe der PLEJANER bereits auf dem Weg zu unserer Station waren, um sie zu vernichten.

 

Plötzlich ging alles sehr schnell. Innerhalb weniger Stunden war die gesamte Anlage menschenleer und ohne Personal. Komischerweise griffen die PLEJANER aber nie an, weil einfach keine kamen. Mich hatte man allerdings Mutterseelen allein zurück gelassen. Der Grund dafür war einzig und allein der, dass ich mich damals ziemlich weit unten im elektrischen Turbinenraum der Zwillingskernfusionsreaktoranlage befand und von der überstürzten Flucht der übrigen Stationsbesatzung einfach nichts mit bekommen hatte. Mehr als 120 Männer und Frauen waren in panischer Angst vor den zu erwartenden Angriffen der PLEJANER geflohen, die für ihre grausame, überaus gnadenlose Brutalität gegenüber der menschlichen Rasse überall im Universum bestens bekannt waren. Und so kam es, dass ich plötzlich ganz allein war und nicht wusste, ob mich ein Rettungsteam der Föderation hier von TELLOGG jemals wieder abholen würde.

Ich selbst habe eigentlich nie in Erfahrung bringen können, was der Besatzung mitsamt ihrem Raumschiff, der EARLY BIRD, nach der hastigen Flucht vom Planeten TELLOGG da draußen in den unbekannten Weiten des Alls zugestoßen war. Ich hatte jedoch schon damals die böse Vermutung, dass die PLEJANER das terranische Raumschiff wohl möglich als leicht zu erlegende Beute ohne lange zu zögern angegriffen haben und es ein für allemal vernichten wollten. Wenn das zutraf, dann mussten die PLEJANER ihr blaues Wunder erlebt haben.

 

Die EARLY BIRD besaß nämlich außerordentlich gefährliche Waffen an Bord, die sie zu ihrer Verteidigung sehr wirkungsvoll einsetzen konnte. Ich hielt es sogar theoretisch für möglich, dass alle beteiligten Raumschiffe im Verlauf der kriegerischen Handlungen mindestens schwer beschädigt oder sogar vernichtet worden waren. Immerhin haben sich die PLEJANER auf TELLOGG ja nicht sehen lassen und von der EARLY BIRD erhielt ich ebenfalls kein einziges Lebenszeichen mehr, obwohl ich damals pausenlos ein verschlüsseltes Notsignal gesendet habe, um heraus zu bekommen, was eigentlich geschehen war. Leider bekam ich auf meine verzweifelten Funksprüche keine Antwort. Also musste etwas Außergewöhnliches passiert sein, was auch eventuell die Vernichtung der EARLY BIRD mit einschloss.

 

Dann gab es plötzlich auch keine Kommunikationsmöglichkeiten mehr. Immer dann, wenn ich die Hyperempfangsanlage der Station einschaltete und auf ein erlösendes Rettungssignal von draußen aus den unendlichen Weiten des Alls hoffte, empfing ich nur ein langweiliges, knisterndes Dauerrauschen, das ich irgendwann einfach nicht mehr hören konnte, weil es mich total nervte. Ich ließ deshalb die gesamte Sende- und Empfangsanlage einfach im automatischen Empfangsmodus weiterlaufen, ohne mich dabei auch nur einen Deut um sie zu kümmern.

 

Ab und zu befasste sich allerdings TRION mit der Anlage. Es gab Tage, da schlich er sich unauffällig in den Senderaum der Station und machte dort irgendwelche Dinge, die ich nicht verstand. Ich kümmerte mich aber wohlweislich nicht darum. Es war mir auch irgendwie egal gewesen, was er da tat. Ich vermutete jedoch, dass er hin und wieder heimlich ein Notsignal in den Hyperraum absetzte, wohl in der Hoffnung, dass es irgendwo aufgefangen und gehört wurde. Aber nichts geschah. Es gab einfach keinen Kontakt mehr mit der intergalaktischen Förderation. Nicht einen einzigen Funkspruch erhielt ich, der mir sagte, es käme bald Rettung, um mich aus meiner grenzenlosen Einsamkeit in Raum und Zeit zu befreien.

 

***

 

Nun, ich stand wieder einmal allein und verlassen hier draußen mitten auf dem kreisrunden Landeplatz für die AGG's und blickte nachdenklich nach oben in den blauen, wolkenlosen Himmel. Die Doppelsonnen von TELLOGG standen hoch am Firmament und langsam wurde es unerträglich heiß.

 

Doch heute war für mich ein ganz besonderer Tag, denn ich hatte Geburtstag. Es war der 21.06. des Jahres 4920, nach irdischer Zeitrechnung jedenfalls. Und damit bin ich genau 92 Jahre alt geworden. Über siebzig Jahre meines Lebens habe ich auf diesem einsamen Planeten zugebracht und währenddessen nie einen anderen Menschen zu Gesicht bekommen, außer TRION, der aber kein echter Mensch war, sondern ein Androide, allerdings der Extraklasse, die ihn fast menschenähnlich aussehen ließ. Manchmal stellte ich mir daher die wundersame Frage, ob man einen Androiden, der ja eigentlich im Prinzip eine Maschine war, ebenso lieben könnte wie einen echten Menschen. Ich konnte es jedenfalls nicht, obwohl TRION mir sehr ans Herz gewachsen war. Für ein echtes, unverfälschtes Gefühl der Liebe reichte es eben nicht, weil dem Androiden etwas fehlte, was uns Menschen ja so einzigartig machte. Wir besaßen eine Seele, die Androiden nicht.

 

Wie auch immer.

 

Ich wunderte mich plötzlich darüber, dass ich überhaupt solange auf dem Planeten TELLOGG allein durchgehalten hatte, denn ich war mittlerweile ziemlich gebrechlich geworden. Der Rücken war in den letzten Jahren immer krummer geworden und meine Beine wollten mich nicht mehr tragen. Auch waren die Haare mittlerweile schlohweiß und reichten mir fast bis zur Schulter runter. Ich hatte einfach keine Lust mehr dazu, sie immer wieder kurz zu schneiden. Die Haut an meinem Körper war dunkelbraun und sah wie gegerbtes Leder aus. Mein Gesicht war eingefallen und von tiefen Furchen durchzogen. Sehen konnte ich noch relativ gut, obwohl meine Augen in den letzten Jahren immer häufiger schlimme Entzündungen über sich ergehen lassen mussten, und die Sehkraft langsam aber sicher dadurch ständig weiter abnahm.

 

Heute jedoch gestand ich mir endlich ein, dass mir die Lust, am Leben zu bleiben, endgültig vergangen war. Die Einsamkeit in den vielen zurückliegenden Jahrzehnten hatte mich zermürbt und seelisch fertig gemacht. Außerdem wollte ich nicht auf einem fremden Planeten, so entsetzlich fern der heimatlichen Erde, langsam und qualvoll dahinsiechen, bis der Tod mich von meinen Qualen endlich erlösen würde. Ich hatte deshalb beschlossen, am Tag meines jetzigen Geburtstages Selbstmord zu begehen. Für mich gab es in dieser Hinsicht kein Zurück mehr. Mein Entschluss stand fest. Ich wollte einfach nur noch sterben, mehr nicht.

 

***

 

Ja, heute würde ich meinem Leben ganz bewusst ein Ende setzen. Ich rief deshalb über Interkom nach TRION, der wenige Minuten später neben mir stand.

 

"TRION, hast du die Spritze dabei?" fragte ich ihn mit fast tonloser Stimme.

 

"Natürlich Sir. Sobald Sie mir den außerordentlichen Befehl dazu gegeben haben, werde ich Sie narkotisieren und danach das Gift spritzen. Normalerweise dürfen Androiden keinen Menschen töten, aber Sie haben mich für diesen bevorstehenden Prozess kurzzeitig anders programmiert. Diese Programmierung wird in etwa dreißig Minuten von selbst aufgehoben bzw. gelöscht. Wir sollten uns deshalb hier nicht lange aufhalten und mit dem AGG auf ihre Lieblingsanhöhe fliegen. Dort werde ich Ihnen das Giftgemisch injizieren. Nachdem Sie friedlich eingeschlafen sind, lege ich den toten Körper in den bereitgestellten Vakuumzylinder und befülle ihn gänzlich mit flüssigem Stickstoff. Ihr Körper wird darin möglicherweise mehre Jahrhunderte oder länger vollständig erhalten bleiben, weil keine Verwesung eintreten kann. Auch die DNA bleibt in diesem Kältezustand der Konversierung komplett erhalten. - Wir sollten jetzt aber endlich aufbrechen, Sir."

 

"In Ordnung, dann lass uns losfliegen, TRION! Du wirst anschließend zurück zur Station fliegen und alle notwendigen Wartungsarbeiten übernehmen. Es könnte ja sein, dass irgendwann einmal ein Raumschiff der Föderation nach TELLOGG zurück kommt. Wenn es die PLEJANER sein sollten, dann jage die gesamte Anlage in die Luft. Du musst auf alles vorbereitet sein! Ist es die Föderation, dann zeige der Besatzung, wo du meine Leiche aufbewahrt hast. Vielleicht sehen wir uns ja eines Tages wieder, auf welche Art und Weise auch immer, TRION. Nun, ich danke dir jetzt schon mal für deine Loyalität und Treue, die du mir gegenüber in all den vielen zurück liegenden Jahrzehnten so eindrucksvoll bewiesen hast. Du warst ein wirklich großer Freund für mich. Was hätte ich ohne dich gemacht, hier auf diesem einsamen Planeten am Rande der Milchstraße, den wir TELLOGG nennen? - Übrigens, was ich dich schon immer mal fragen wollte. Wie alt kannst du eigentlich werden TRION?"

 

"Wie bitte, Sir?"


 

"Komm schon TRION! Stell dich nicht so an! Wie alt kannst du werden?"

 

"Meine technische Lebenserwartung liegt im Durchschnitt bei ca. 800 Jahre. Dann sind meine Antimateriebatterien verbraucht. Da ich mich auch ohne fremde Hilfe reparieren und warten kann, bin ich auch dazu in der Lage, die Antimateriebatterien selbst austauschen zu können. Solange mir diese rechtzeitig zur Verfügung stehen, ist meine Lebensdauer also unbegrenzt - nach dem heutigen Stand der Androidentechnik natürlich."


"Kann man da überhaupt noch von ‚Alter’ sprechen, wie bei einem Menschen? Ihr Androiden seid uns heute schon weit überlegen. Wir Menschen sind äußerst zerbrechliche Wesen. Wir sehnen uns nach Schutz und Fürsorge. Deshalb brauchen wir euch Androiden. Ihr verfügt über Fähigkeiten, von denen wir nur träumen können. Wir haben euch zur Existenz verholfen. Dann habt ich euch eigenständig weiter entwickelt und habt euch trotzdem nicht von uns abgewendet. Im Gegenteil. - Wie auch immer, vergiss mich nicht, TRION! Halte mich immer in guter Erinnerung, mein alter Freund!"

 

"Natürlich Sir. Wie könnte ich Sie auch jemals vergessen. In meinen Molekularspeichern wurde jede Information über Sie abgelegt, die ich für relevant gehalten habe. - Aber gut, lassen Sie uns jetzt losfliegen und die verabredete Angelegenheit zu Ende bringen. Ich wünsche Ihnen eine gute Reise, wohin auch immer, Sir!"

 

"Danke TRION. Du bist schon fast wie ein richtiger Mensch geworden. Nun trage mich rüber zum AGG und lass' uns von hier verschwinden."

 

***

Etwa einhundertunddreißig Jahre später nach irdischer Zeitrechnung.


Ein gewaltiger Kugelraumer war neben der Rosenberg Station gelandet. Überall ging es hektisch zu. Androiden und Roboter untersuchten die wissenschaftlichen Labors der Außenstation und sammelten Informationen.

 

Ein Mann in einem schwarzen Raumfahreranzug stand einsam und allein mitten auf dem freigelegten, kreisrunden Landplatz und blickte angestrengt hinüber zu einer nah gelegenen Anhöhe.

 

Plötzlich kam über Funk eine Nachricht zu ihm rein.

 

"Jack, wir haben hier einen vollautomatisch funktionierenden Metallzylinder mit einer einwandfrei erhaltenen, männlichen Leiche darin gefunden. Sie liegt in Flüssigstickstoff. Auf der Erkennungsplatte außen steht gut lesbar der Name des Verstorbenen. Willst du, dass ich ihn dir über Funk mitteile?"

 

"Ja..., schalte aber auf eine andere Frequenz um, Mike! Ich will nicht, dass jeder den Namen des Mannes erfährt, der hier mal vor langer Zeit auf der Rosenberg Station seinen Dienst einsam und völlig allein auf sich gestellt so heldenhaft verrichtet hat. Nun, um wen handelt es sich also? Ich bin mal gespannt ob ich mit meiner Vermutung richtig liege."

 

"Sein Name war Peter Rosenberg. Alle weiteren Informationen teile ich dir mit, wenn wir den gesamten Metallzylinder an Bord unseres Schiffes gereinigt und analysiert haben. Da steht noch mehr auf der Erkennungsplatte, aber sehr undeutlich und schlecht lesbar."

 

"In Ordnung! Der Metallzylinder wird aber vorläufig nicht geöffnet. Es ist gut möglich, dass die DNA auch noch nach so langer Zeit erhalten geblieben ist. Wenn das der Fall sein sollte, können wir ihn als Königsandroiden auferstehen lassen. Aber darüber muss der intergalaktische Rat entscheiden. Verdient hätte er sich das. Also ab mit der Leiche in die Konservierungskammer. Wir werden zur Erde zurückfliegen und lassen etwa 120 Männer und Frauen auf der Rosenbergs Station zurück. Sie sollen die gesamte Anlage wieder richtig in Schuss bringen. Sie haben Zeit dafür, bis wir wieder zurückkommen."

 

"Alles klar Jack. Wir bringen jetzt die Leiche aufs Schiff. Wir sehen uns dann später!"

 

"Ist in Ordnung, Mike. Ich werde in etwa dreißig Minuten bei dir sein. Ich habe hier noch jemanden, mit dem ich reden muss. Ich werde mich aber beeilen. Also warte auf mich!"

 

Der Mann in dem schwarzen Raumfahreranzug drehte sich plötzlich auf der Stelle herum. Hinter seinem Rücken hatte sich ein fast drei Meter großer Androide aufgebaut und schaute stumm auf ihn herab.

 

"Wie ist dein Name. Gib dich zu erkennen, Androide!"

 

"Meine Name ist TRION, Sir. Ich stehe Ihnen jederzeit zu Diensten. Ich habe Peter Rosenberg gut gekannt. Wir waren etwa siebzig Jahre lang zusammen hier auf der Station und haben gemeinsam den Planeten TELLOGG erforscht. Die Daten sind alle in meinem Molekularspeicher untergebracht. Bevor Peter Rosenberg mit 92 Jahren starb, habe ich eine DNA Probe von ihm nehmen können und in der Kältekammer der wissenschaftlichen Abteilung konserviert, sozusagen aus Sicherheitsgründen. Ich war mir nämlich nicht ganz sicher, ob die DNA in dem Metallzylinder größere Zeiträume unversehrt überstehen kann. Die von mir sicher gestellte DNA von Peter Rosenberg ist auf jeden Fall noch vollständig erhalten. Ich habe sie immer wieder überprüft. Ich würde mich daher sehr freuen, wenn Rosenberg als Königsandroide wieder auferstehen könnte. Wir waren auf TELLOGG ein überaus erfolgreiches Team. Sein ganzes Leben hier habe ich mit ihm ohne Probleme zusammengearbeitet. Auf diesem Medium, einen Quantenspeicherwürfel, sind alle meine Aufzeichnung und Daten abgelegt. Sie haben das Recht, darüber zu verfügen."

 

Der Androide stockte plötzlich. Dann sagte er: "Sir, ich hätte da mal eine Frage an Sie."

 

"Und die wäre, TRION?"

 

"Sind Sie wirklich mit Peter Rosenberg entfernt verwandt?"

 

"Ja, das bin ich. Ich heiße Jack Rosenberg. Peter Rosenberg ist in der Tat ein entfernter Verwandter von mir, sozusagen ist er mein Ururur Großvater. Er hatte seinerzeit eine kurze Liebschaft mit einer jungen Astrophysikerin, die ebenfalls zur Besatzung dieser Station gehörte. Als der Krieg gegen die PLEJANER begann, floh die Mannschaft überstürzt mit ihrem Raumschiff vom Planeten TELLOGG und sie gerieten schon kurze Zeit später an zwei Kriegsschiffe der PLEJANER, die auf dem Weg zur Rosenbergs Station waren. Es kam schließlich sehr weit von TELLOGG entfernt zu einem heftigen Kampf. Die PLEJANER wurden dabei vernichtend geschlagen, aber auch das terranische Schiff, die EARLY BIRD, wurde dabei erheblich beschädigt und torkelte ohne Antrieb durchs All. Als die Überlebenden endlich gerettet wurden, waren nur noch ganze zwölf Besatzungsmitglieder am Leben, darunter auch eine schwangere Frau namens Linda Davies. Als sie später erfuhr, wer der Vater ihres Kindes war, taufte sie ihn auf den Namen Erik und nahm den Familiennamen Rosenberg ihres Geliebten an. Auch Linda Rosenberg glaubte wohl ganz fest daran, dass ihr Geliebter bei dem Kampf mit den PLEJANERN ums Leben gekommen sei, dabei war er gar nicht auf dem Schiff gewesen, wie wir heute wissen. Nun, als Erik Rosenberg schließlich erwachsen war, heiratete er mit etwa achtundzwanzig Jahren eine gewisse Stella Cromwell, die sich nach der Heirat Stella Cromwell-Rosenberg nannte. Erik zeugte selbst wieder drei Söhne mit ihr. Die Söhne hießen Bruce, Philipp und Ron. Der jüngste von ihnen, Philipp Rosenberg, war übrigens mein Vater."

 

"Und wie haben Sie Peter Rosenberg gefunden?"

 

"Als man die elektronische Passagierliste der schwer beschädigten EARLY BIRD überprüfte, fehlte ein Mannschaftsmitglied, nämlich Peter Rosenberg. Man gab diese Information an die Zentrale der intergalaktischen Föderation weiter, die auf dem Mond ein Zentralarchiv für verschollene Raumfahrer unterhielt, wo dieser spezielle Fall auch aufgenommen und abgespeichert wurde. Aber man vergaß ihn wohl, aus welchen Gründen auch immer. Wahrscheinlich wegen der Kriegswirren. Die Sache wurde irgendwann nicht mehr weiter verfolgt. Der Krieg gegen die PLEJANER dauerte länger als ein halbes Jahrhundert, bis wir ihn endlich für uns entscheiden konnten. Heute ist die Föderation mächtiger denn je. Die PLEJANER wurden entwaffnet und der intergalaktischen Föderation einverleibt. Als ich die Raumakademie mit Erfolg verließ, arbeitete ich eine Zeit lang in dem erwähnten Zentralarchiv auf dem Mond. Dabei stieß ich zufällig auf den Namen Peter Rosenberg und nahm mich der Sache an, weil mich schon allein die Namensgleichheit irgendwie interessierte. Seltsamerweise wusste die Föderation nichts mehr von dem damals neu entdeckten Planeten TELLOGG, auf dem sich die Rosenberg Station befand. Jahre später wurde ich dann Raumschiffkommandant des hypersprungfähigen interstellaren Kugelraumers TRANSGALAKTIKA mit weit über 2000 Besatzungsmitgliedern. Es ist ein reines Kampfschiff und bestens ausgerüstet für ausgedehnte Reisen durch Raum und Zeit. Eines Tages erinnerte ich mich wieder an das Schicksal Peter Rosenbergs und forschte nach den Koordinaten des Planeten TELLOGG. Ich fand sie schließlich im alten Logbuch der EARLY BIRD, die es allerdings zurzeit meiner Nachforschungen nicht mehr gab. Man hatte sie kurz nach Rettung der letzten überlebenden Besatzungsmitglieder in ein Hangar geschleppt und verschrottet. Das Logbuch der EARLY BIRD befand sich übrigens in einem der zahlreichen Raumfahrtmuseen in NEW YORK. Ich fand schließlich die Koordinaten des Planten TELLOOG. Mit der TRANSGALAKTIKA war es schließlich ein Kinderspiel, ihn am Rande der Milchstraße wiederzufinden."

 

Der Androide hörte aufmerksam zu. Schließlich räusperte er sich ein wenig, fast wie ein Mensch.

 

Dann sagte er: "Die Geschichte ist sehr interessant, Major Rosenberg. Alles scheint mir irgendwie miteinander über weite Strecken in Raum und Zeit verknüpft zu sein. Nun, wenn Sie es erlauben, würde ich gerne auf der TRANSGALAKTIKA Dienst tun, Herr Major."

 

"Kein Problem für mich, TRION. Ab jetzt bist du Mitglied meiner Crew. Ich möchte dich immer in meiner Nähe haben und alles von dir über Peter Rosenberg erfahren. Melde dich in der Kommandozentrale bei Captain Mike Avenger. Er wird dich in deine neue Arbeit bei uns einweisen."

 

"Vielen Dank Sir. Ich freue mich schon auf den Tag, an dem Peter Rosenberg wieder auferstehen wird. Vielleicht setzen wir eines Tages unseren Dienst gemeinsam wieder auf der Rosenberg Station fort, wenn alles gut geht und der intergalaktische Rat seine Zustimmung zur Wiederaufstehung gibt."

 

"Ich hätte nichts dagegen, TRION. Ich habe sehr großen Einfluss auf die Entscheidungen des intergalaktischen Rates. Eines der Mitglieder ist übrigens mein ältester Bruder Ron, der Flottenadmiral ist und zum inneren Zirkel der weisen Männer gehört. Sein Wort hat großes Gewicht. Ich denke, er wird sich in dieser Angelegenheit bestimmt positiv entscheiden. Er hat mir noch nie einen Wunsch abschlagen können. - Aber jetzt ist erst einmal Arbeit angesagt, TRION. Ich muss auf die Brücke. Captain Avenger wartet auf mich. Wir haben noch viel zu tun. Die TRANSGALAKTIKA ist startbereit und wird in etwa 30 bis 40 Minuten abheben. Gehen wir also an Bord!"

 

***

 

Neun Jahre Später nach irdischer Zeitrechnung.

 

Die Rosenberg Station ist um vier neue Start- und Landeplätze erweitert worden. Die Abwehrraketen sind mittlerweile installiert und befinden sich einsatzbereit in Explosion gesicherten Bunkern. Überall geht es überaus hektisch zu. Am fernen Horizont entsteht gerade eine riesige Kuppelstadt, denn seit zwei Jahren kommen immer mehr Siedler mit Raumschiffen aus allen Regionen des Alls und lassen sich auf TELLOGG nieder.

 

Vor dem Haupteingang der Rosenberg Station stehen zwei fast drei Meter große Androiden stumm nebeneinander vor einem in Stein gemeißelten Gesicht. Darunter steht der Name auf einer schwarzen Metallplatte:


 

"ZUM ANDENKEN AN DEN RAUMFAHRER PETER ROSENBERG"

 

Unter der Metallplatte befand sich ein gläsernes Medium und erzählte mit freundlicher Stimme die Geschichte von einem Mann, der hier mal auf der Rosenberg Station siebzig Jahre lang seinen Dienst getan hat, und das einsam ganz allein auf sich gestellt.

 

Plötzlich fing einer der Androiden an zu sprechen.

 

"Man hat mir alle meine Erinnerungen wieder gegeben, TRION. Nichts ist bei der Wiederauferstehung verloren gegangen. – Das war ich also einmal. Ich kann es fast nicht glauben. Die Menschen verehren mich heute als großes Vorbild und nur wenige wissen, was aus mir geworden ist und wer ich wirklich bin. - Ich bin jetzt ein Königsandroide und war einmal der Mensch Peter Rosenberg."

 

ENDE

(c)Heinz-Walter Hoetter

 

 

 

 

2. Das Ding aus dem All


 

Am fernen Horizont konnte man eine lange Kette von mächtigen Bergen erkennen, die weit in den blauen Himmel hineinragten. Auf den meisten Gipfeln lag noch Schnee, der selbst im Hochsommer nicht auftaute.

Am Fuße der Berge gab es viele enge Schluchten und tiefe Täler mit geheimnisvoll anmutenden Wäldern, die noch nie eine Axt oder Kettensäge gesehen hatten.

Weit draußen vor dem Gebirge durchzogen sanfte Grashügel die stille Landschaft und manchmal traf man auf einsame, moosbewachsene Hütten, die allerdings unbewohnt waren. Einige von ihnen standen wohl schon seit langer Zeit hier, was man auch daran erkennen konnte, dass ihre Kamine langsam zerbröckelten und die niedrigen Dächer an vielen Stellen große Löcher aufwiesen.

Obwohl diese Gegend jedem Durchreisenden auf dem ersten Blick menschenleer vorkommen musste, wohnten dennoch ein paar unverwüstliche Einheimische hier, die aber allesamt weit verstreut am Rande eines weitgespannten Sperrgebietes ihr karges Dasein fristeten.

Einer dieser wenigen, alteingesessenen Bewohnern war der alte Mr. Henry Bischoff, der zwar recht wirr im Kopf war, aber bestens darüber Bescheid wusste, warum vor langer Zeit die meisten Bewohner aus dieser schönen Landschaft nach und nach weggezogen sind.

Mr. Bischoff war eigentlich von Natur aus ein sehr schweigsamer Mensch, der über die damaligen Vorkommnisse nur selten ein Wort verlor. Wenn jedoch mal Besucher hier vorbei kamen, die sich für die schöne, unberührte Landschaft interessierten, erzählte er ihnen stets von den seltsamen Ereignissen, die sich hier vor langer Zeit zugetragen haben sollen, und die angeblich bis heute fortdauern würden, wie er stets ahnungsvoll andeutete.

Warum der Alte noch da war, das hatte einen einfachen Grund. Sein kleines Haus, welches man seinerzeit extra für ihn bauen lies, lag an einer belebten Straße, die damals neu gebaut werden musste. Sie schlängelte sich wie eine Schlange unmittelbar am weitläufigen Sperrgebiet entlang und verlor sich schließlich irgendwo im fernen Gebirge.

Die alte Straße gab es zwar immer noch, die allerdings unten an den Bergen vorbei durch die tiefen, stark bewaldeten Täler verlief, jedoch später zu einem erheblichen Teil vom smaragdgrünen Wasser eines neu gebauten Stausees überflutet worden war.

Und genau aus diesem Grunde hatte man vorsichtshalber die alte Straße eben für den gesamten Verkehr gesperrt, weil es immer wieder Leute gab, die mit ihren geländegängigen Fahrzeugen, trotz aller Warnungen übrigens, auf dem Rest der überwucherten Fahrbahnen bis tief in die dunklen Wälder und meist zu nah an die zerklüfteten, steil abfallenden Ränder des Stausees gefahren waren. Immer wieder ereigneten sich deshalb in fast schon regelmäßigen Abständen unheimlich anmutende Unfälle, die sich niemand erklären konnte. Die meisten Unfallopfer tauchten seltsamerweise nie wieder auf und blieben verschollen, obwohl man wochenlang mit allen technischen Mitteln nach ihnen gesucht hatte. Aber das alles ist schon lange her. Heute darf kein Mensch mehr dieses weiträumig abgesperrte Gebiet betreten. An etlichen Stellen hat man sogar unüberwindbare Stacheldrahtzäune hochgezogen.

***

Ich hielt meinen schweren Geländewagen an und stieg aus. Es war still in der Gegend und der Boden, auf dem ich jetzt stand, war überzogen mit feuchtem Moos und faulenden Resten alter Bäume, die sich hier einst hoch in den Himmel erhoben hatten. Nun lagen sie morsch und verwittert überall herum. Ich ließ meinen Blick langsam über die weite Landschaft gleiten und erinnerte mich an längst vergangene Zeiten, die mein damaliges Leben von Grund auf verändert haben.

Ach so, ich habe mich ja noch nicht vorgestellt.

Mein Name ist Joe Allen. Als ich damals hier das Gelände für den neuen Stausee zu vermessen begann, lernte ich während meiner Tätigkeit auch den etwa 40jährigen Mr. Bischoff kennen, der hier wohnte.

Mr. Bischoff lebte zu jener Zeit noch in einem kleinen Anwesen direkt am Rande eines tiefen Tales mit dichtem Waldbestand. Beides gibt es allerdings schon lange nicht mehr, weil sich heute sowohl das Tal als auch der Wald tief unterhalb der Wasseroberfläche des neuen Stausees befinden, an dessen Bau ich als junger Vermessungsingenieur viele Jahre, und bis zu seiner Fertigstellung, mitgewirkt habe.

Heute werde ich endlich mal den mittlerweile 85 Jahre alten Mr. Bischoff besuchen, was ich eigentlich schon immer in der Vergangenheit tun wollte, doch jedes mal kam etwas Unvorhergesehenes dazwischen. Ich habe ihm einfach einen Brief geschrieben und ihn darin gefragt, ob wir uns über gewisse Dinge aus der damaligen Zeit unterhalten könnten. Er war nicht abgeneigt, und so stehe ich heute hier.

Ich schloss meinen abgestellten Geländewagen ab und marschierte hinüber zu seinem Haus. Eine Weile später klingelte ich an seiner Tür. Schon bald wurde sie geöffnet. Der alte Mr. Bischoff begrüßte mich freundlich, ließ mich herein und wies mir einen gemütlichen Platz am Wohnzimmertisch zu, auf dem bereits dampfender Kaffee stand.

Während Mr. Bischoff unsere Tassen mit heißem Kaffee füllte, fing ich das Gespräch an.

Es ist schon lange her, Mr. Bischoff, als wir uns das letzte Mal gesehen haben. Leider war ich wegen meiner Arbeit immer verhindert. Ich habe mir heute extra Zeit dafür genommen, ihnen mal einen Besuch abzustatten. Danke auch für ihre nette Einladung. Wie gesagt, bin ich sehr daran interessiert, mir von ihnen die Geschichte erzählen zu lassen, was sich damals wirklich in dieser Gegend hier abgespielt haben soll. Es gab so viele Gerüchte, die im Umlauf waren, und immer noch sind wohlgemerkt, sodass keiner weiß, welche Erzählung eigentlich wahr ist und welche nicht. Was ist also ihre Version von dem, was damals passiert ist, Mr. Bischoff?

Der alte Mann blickte mich argwöhnisch an. Dabei stellte er ein Stück Kuchen vor mir auf den Tisch, nahm dann behäbig auf seinem Stuhl Platz und fing an zu reden.

Nun Mr. Allen, ich möchte nicht lange um den heißen Brei reden. Wann alles anfing, weiß ich eigentlich nicht mehr so genau. Ich erinnere mich aber noch ganz genau daran, dass alles mit diesem Meteoriten begonnen hat, der nur eine Woche vor ihrer Ankunft hier in dem tiefen Tal donnernd explodiert war. Die meisten Leute haben allerdings nichts davon mitbekommen. Ich aber schon, da ich ganz in der Nähe des Tales wohnte, wo der Meteorit nieder ging. Einen Tag später, es muss wohl um die Mittagszeit gewesen sein, ereigneten sich eine Kette von weiteren, jedoch kleineren Explosionen, deren weiße Rauchschwaden schließlich wie ein Nebelschleier das ganze Tal zudeckten. Erst am nächsten Tag bin ich zusammen mit einem anderen Bauern aus der Gegend frühmorgens zu der Einschlagstelle hinaus geeilt, um den Besucher aus dem All näher zu besichtigen. Dann lag er vor uns. Die Erde war überall aufgerissen und in einem Umkreis von mehreren einhundert Metern waren alle Pflanzen verbrannt worden. Einige Büsche und Bäume qualmten immer noch, auch das umliegende Gras war bis auf den letzten Halm verkohlt. Das komische jedoch war, dass der Meteorit gar nicht so aussah, wie ein Meteorit. Seine Form glich vielmehr die einer Kugel, etwa in der Größe eines Fußballs. Die sich ständig bewegende Oberfläche glitzerte wie ein Meer aus Millionen von Sternen. Wir nannten diese Kugel nur „Das Ding aus dem All“, weil es nicht von dieser Erde war. Hin und wieder schossen sogar kleine Blitze aus der unheimlichen Oberfläche der Kugel, die kleine Vertiefungen im verbrannten Waldboden hinterließen. Wir beschlossen später, niemanden von unserem geheimnisvollen Fund etwas zu erzählen und deckten „Das Ding“ einfach mit einer Schicht Erde, losen Ästen und Zweigen zu. Wir markierten die Stelle noch zusätzlich mit herumliegenden Steinen, um die Kugel später schneller wieder finden zu können. Danach verließen wir den Ort und wollten erst einmal sozusagen Gras über die Sache wachsen lassen. Nach etwa zwei Woche kamen wir wieder zurück. Zu unserer großen Überraschung konnten wir das kugelförmige Ding nicht mehr wiederfinden. Wo wir auch suchten, das Gebilde war wie vom Erdboden verschluckt. Außerdem hatte sich während unserer Abwesenheit seltsamerweise die gesamte Vegetation erholt, was uns erst im Nachhinein aufgefallen war. Neue, kräftige Bäume waren in den Himmel gewachsen, Sträucher wucherten überall herum und auf den freien Stellen wuchs mannshohes Gras. Mein Kollege und ich haben uns darüber sehr gewundert. Zum Glück hatten wir die Stelle mit Steinen gekennzeichnet. Deshalb konnten wir den so markierten Ort genau lokalisieren. Aber die Kugel blieb dennoch verschwunden. Sie ist nie wieder aufgetaucht. Zur gleichen Zeit trafen Sie bei uns ein und fingen mit den Vermessungsarbeiten für den Stausee an. Ich dachte schon, sie hätten dieses kugelförmige Ding vielleicht auch gesehen oder möglicherweise etwas davon mitbekommen, wo es verblieben war. Sie sind doch die ganze Zeit dort herumgelaufen und haben die Gegend vermessen, Mr. Allen. Ach was, vergessen sie meine dümmlichen Fragen. Nun, die Geschichte geriet danach jedenfalls langsam in Vergessenheit, bis eines Tages diese seltsamen Vorkommnisse eintraten, wodurch in unserer Umgebung die Menschen in Angst und Schrecken versetzt worden sind. Zuerst begann das Sterben der Haustiere, dann folgte das Geflügel und alle anderen Tiere auf den angrenzenden Bauernhöfen. Die Tierärzte standen vor einem Rätsel. Ein paar Monate später fingen schließlich einige Bewohner an, wirres Zeug zu reden. Auch wurden sie in der Nacht von schlimmen Alpträumen heimgesucht, die ihnen schwer zusetzten. Manche brachten sich sogar um, weil sie glaubten, von Dämonen verfolgt zu werden. Als dann noch verschiedene Krankheiten ausbrachen, die man sich nicht erklären konnte, verließen immer mehr Bewohner ihre Häuser und zogen weg von hier. Dann waren die Dörfer dran. Auch sie waren bald öd und leer. Einige davon versanken schließlich in den Fluten des neuen Stausees, andere wiederum wurden später von der Regierung zu Sperrgebieten erklärt, die man nicht mehr betreten durfte. Es gab allerdings immer wieder Leute, die sich den Anweisungen der Regierung widersetzten und bis in die alten Dörfer vordrangen. Keiner von ihnen ist je zurück gekehrt. Was mit ihnen geschah, weiß man bis heute nicht. Die örtlichen Behörden hüllten sich stets in Schweigen. Sie haben jeden Vorfall vertuscht und tun bis heute so, als sei alles normal. Das ist es aber nicht, Mr. Allen. Irgend etwas Schreckliches kam in der Gestalt dieser schwarzen Kugel in das tiefe Tal herab und keiner weiß, wo dieses Gebilde hin ist, das seine Umgebung extrem verändern und beeinflussen kann, wie ich das damals zu meinem Entsetzen selbst heraus gefunden habe. Es kann alles verändern, und das ganz nach seinem Belieben. Unfassbar, nicht wahr? Es hat offenbar große Macht über die Materie und ganz besonders über jenen Teil der Materie, die lebt. Wissen Sie, was mir komisch vor kommt? Sie waren doch ebenfalls die ganze Zeit damals da unten in dem Tal und sind als einziger immer wieder unbeschadet daraus aufgetaucht. Vielleicht hat Sie dieses Ding aus dem All verändert, Mr. Allen. Es hatte ja Zeit genug, um sich von seinem schweren Aufschlag zu erholen. Deshalb verstand ich auch, warum dieses seltsame Gebilde meinem Kollegen und mir anfangs nichts anhaben konnte. Es hat, wohl um seine Spuren zu verwischen, später auch die gesamte zerstörte Vegetation wieder innerhalb kürzester Zeit neu entstehen lassen. Unerklärlich, wie es so etwas fertigbringen konnte. Aber es kann auch töten, wie ich weiß. Es ernährt sich eigentlich von allem, was lebt. Das würde auch das Verschwinden der vermissten Personen erklären, die man damals nicht mehr gefunden hat. So, und das ist meine Geschichte, Mr. Allen.“

***

Viel später. Draußen war es schon dunkel geworden.

Ich verließ das Haus von Mr. Bischoff wieder und ging zu meinem Wagen zurück. Der alte Mann hat mich nicht angelogen. Seine Erzählung war auch keine Ausgeburt seines verwirrten Geistes, wie andere behauptet haben. Nein, seine Geschichte entsprach völlig der Wahrheit. Seine Fragen haben mich deshalb auch nicht überrascht. Ich wusste nur zu gut, was er dachte. Ganz sicher war er sich allerdings nicht, aber er wusste wohl, wer ich wirklich war. Ich hätte ihn mit Leichtigkeit töten können, trotzdem verschonte ich sein Leben. Der Gedanke war mir einfach verhasst, einen alten Mann, der sowieso bald sterben würde, der inneren, verformbaren Masse meines Körpers zuzuführen. Ich habe auch meine guten Seiten, wie jeder Mensch, zu dem ich mich nach und nach verwandelt habe.

Ich, Joe Allen, bin nämlich „DAS DING“.

Oder sollte ich lieber sagen, dass ich es einmal war?


 

ENDE

(c)Heinz-Walter Hoetter

 

 

 

3. Der Teleporter


 


 

Es regnete schon eine ganze Weile leicht vor sich hin. Außerdem war es hier draußen ungemütlich kalt.

 

Ich stand auf einem weiten Platz aus verdreckten, quadratisch geformten Steinplatten, von denen die meisten zerbrochen waren. Zwischen den breiten Fugen, den zahllosen Rissen und Ritzen spross dichtes Unkraut und eine buschige Grasart, die fast überall wucherte. Hier und da huschten im Schutze der dunklen Gemäuer irgendwelche scheuen Tiere vorbei, von denen manche aussahen wie katzengroße Ratten. Kein angenehmer Ort, dachte ich so für mich.

 

Ich schob meine blaue Umhängetasche nach hinten auf den Rücken und blickte hinüber zu einigen verfallenen Häusern, die den Rand des düster daliegenden Platzes säumten. In einem total verwilderten Gartengrundstück stand eine leere Hundehütte mit eingestürztem Dach. Gleich daneben befand sich eine gusseiserne Badewanne, die randvoll mit Regenwasser gefüllt war. Alles wirkte verlassen, auch die Tankstelle, die gleich am Eingang des kleinen Dorfes stand. Ihre Glasscheiben waren zerbrochen und die vergammelten Türen standen offen. Manchmal, wenn der Wind das lose Türblatt hin und her bewegte, knarrten die alten Scharniere und man hatte den komischen Eindruck, als stöhnten sie vor sich hin.

 

Scheinbar lebten hier schon seit Jahrzehnten keine Menschen mehr. Sie hatten aus irgendwelchen Gründen heraus alles aufgegeben oder vielleicht sogar aufgeben müssen. Wer wusste das schon.

 

Tja“, sagte mit einigem Bedauern hinter mir eine harte, metallisch klingende Stimme, die von Dsheezad, dem Cyborg stammte, der schon seit vielen Jahren mein bester Freund war, „ich nehme einmal an, dass es keineswegs so einfach werden wird, wie wir dachten. Du wirst nicht allzu lange ohne ausreichende Nahrung überleben können, Amroon. Die Gegend hier ist anscheinend in weitem Umkreis völlig unbewohnt und menschenleer. Leider konnte ich dir wegen der letzten Vorkommnisse nur eine ungenaue Notkoordinate übermitteln. Ich weiß im Augenblick selbst nicht, wo wir sind. Ich weiß nur, dass wir uns immer noch im Scannerbereich unserer Verfolger befinden. Meine Sensoren zeigen das genau an. Das Suchsignal ist allerdings sehr schwach. Damit sie uns nicht so schnell lokalisieren können, habe ich uns beide mit einer starken Störwelle abgeschirmt.“

 

Ich sah zu Dsheezad hinüber, nickte mit dem Kopf und dachte darüber nach, wie viel Zeit wir wohl durch unseren gemeinsamen Teleportersprung gewonnen hatten. Vielleicht ein bis zwei Tage, hoffte ich. Aber das müsste eigentlich ausreichen, um mich wieder gut erholen zu können.

 

Dann griff ich mir mit beiden Händen an den Kopf und rieb mir die Stirn in der Nähe der Schläfen. Mein Hirn wurde von heftigen Kopfschmerzen geplagt, weil ich meine Teleporterkräfte in letzter Zeit wegen der sich überstürzenden Ereignisse zu oft und ohne ausreichende Erholungsphasen in Anspruch nehmen musste. Je länger nämlich die zusammen hängenden Ruhephasen andauerten, desto weiter konnte ich teleportieren. Die Sprungweite durch Raum und Zeit war dabei dann nach oben hin offen.

 

Ich glaube, dass der letzte Teleportersprung bei mir zu einer Überlastung meines gesamten Nervensystems geführt hat. Bis ich meine Kräfte wieder voll einsetzen kann, dauert es wohl noch eine Weile. Bis dahin werde ich bestimmt schon ganz durchnässt sein und an Unterkühlung sterben. Sei bloß froh, dass du ein Cyborg bist und diese Probleme nicht kennst, mit denen wir Menschen uns herumschlagen müssen. Deine implantierten Energiezellen werden dich noch sehr lange am Leben erhalten.“

 

Dsheezad schüttelte plötzlich mit dem Kopf.

 

Du wirst nicht sterben, Amroon! Jedenfalls nicht, solange ich bei dir bin. Ich werde für dich schon einen geeigneten Unterschlupf finden, damit ich dich in Sicherheit bringen kann.“

 

Der Cyborg drückte auf eine bestimme Stelle seines Unterarmes und im gleichen Moment schaltete sich das helle Licht seiner integrierten Stablampe ein. Er ließ den kreisrunden Lichtkegel durch den anhaltenden Regen wandern.

 

Wir werden uns jetzt mal zusammen die nähere Umgebung anschauen. Vielleicht finden wir irgendwo ein trockenes Plätzchen“, sagte Dsheezad und ließ den zitternden Scheinwerferkegel an einer schmutzigen Häuserwand zur Ruhe kommen.

 

Ich folgte mit meinen Augen dem Strahl des gebündelten Lichts und sah, was er meinte: Eine kleine Häuserreihe etwas weiter rechts von uns, deren Fenster allesamt mit robusten, hölzernen Läden von innen verriegelt waren. Ohne geeignetes Werkzeug würden wir da wohl bestimmt nicht reinkommen, so alt und verfallen die Gebäude auch aussahen, dachte ich skeptisch. Oben, auf den schrägen Flachdächern, wucherte ein dichter Moosteppich. Irgendwelche Einstiegsmöglichkeiten gab es auch dort nicht. Jedenfalls konnte ich keine erkennen.

 

Es regnete jetzt in Strömen.

 

Ich fluchte und trottete dem breitschultrigen Cyborg widerstrebend hinterher, als dieser ohne ein Wort zu sagen zielstrebig an mir vorbei ging und schließlich vor einer wuchtig aussehenden Haustüre stehen blieb. Dann ging er ein wenig in die Hocke und betrachtete das klobige Schloss.

 

Sieht aus wie ein Zylinderschloss“, stellte er fachmännisch fest. „Tja, und es ist zudem noch sehr massiv. Die Bewohner hatten wohl Angst vor Eindringlingen, wie man sieht.“

 

Ich musste jetzt doch ein wenig grinsen, obwohl mir auf Grund der Umstände gar nicht danach zumute war.

 

Sie werden dafür schon ihre Gründe gehabt haben“, sagte ich lakonisch und betrachtete nun ebenfalls das schwere Türschloss.

 

Dsheezad richtete sich wieder auf.

 

Vielleicht finden wir irgendwo einen Schlüssel“, murmelte er halblaut vor sich hin und leuchtete mit seiner Stablampe den völlig verschmutzten Türrahmen von oben bis unten ab. Dann hob er vorsichtig die recht gut erhaltene Kunststoffmatte aus dem stabilen Metallrahmen und spähte darunter. Zuletzt kippte er die rechts und links neben dem Hauseingang stehenden Blumenschalen um, aus denen nur noch kahle, verdorrte Pflanzenstängel herausragten.

 

Wie kommst du eigentlich darauf, dass da irgendwo ein Schlüssel liegen soll. Was bringt dich auf diese Idee“, fragte ich Dsheezad erstaunt.

 

Der Cyborg schüttelte verständnislos den Kopf, sah mich kurz an und suchte weiter. Während er das tat, sprach er mit mir.

 

Weist du Amroon, die meisten Leute riskieren für ihre Bequemlichkeit eine ganze Menge. Das weiß ich aus Erfahrung. Stell dir mal vor, der Besitzer kommt von der Arbeit nach Hause und hat seinen Schlüssel im Büro liegen lassen. Er muss zurückfahren. Ob er will oder nicht. Das passiert ihm garantiert nur einmal; spätestens nach so einem Vorfall sucht er ein leicht erreichbares Plätzchen für seinen Ersatzschlüssel, den er bestimmt irgendwo ganz in der Nähe der Haustür versteckt hat.“

 

Ich fror jetzt ein wenig und schlang die Arme um mich. Das wärmte mich zwar nicht, tat aber dennoch gut.

 

Das klingt ja richtig toll, was du mir da erzählst, Dsheezad“, sagte ich mit zitterndem Mund und fragte ihn bewundernd, von wem er das hat.

 

Ich hab’ das mal irgendwo aufgeschnappt. Nun, wir Cyborgs haben ein gutes Erinnerungsvermögen. Das müsstest du doch eigentlich wissen, Amroon“, erwiderte der Maschinenmensch knapp.

 

Ich nickte etwas mit dem Kopf, weil man einem Cyborg in dieser Sache nicht widersprechen konnte. Sie hatten tatsächlich ein phänomenales Gedächtnis.

 

Trotzdem, wie wäre es, wenn du mal die Türklinke runterdrücken würdest. Kann ja sein, dass die Tür nicht verschlossen ist.“

 

Dsheezad sah mich verdutzt an.

 

Wie bitte?“ schoss es aus ihm hervor.

 

Ja, du hast richtig gehört. Beweg’ mal die Klinke. Vielleicht ist die Tür gar nicht abgeschlossen.“

 

Der Cyborg drehte sich langsam herum und nahm den Türgriff fest in die Hand.

 

Das wär’ ja ein Ding“, murmelte er wieder vor sich hin und drückte den klobigen Griff langsam nach unten. Aber die Tür war tatsächlich abgeschlossen.

 

Verlegen sah ich zur Seite.

 

Hätte ja sein können...“, meinte ich entschuldigend.

 

Hör bitte auf damit, mir gute Ratschläge zu geben. Hilf mir lieber beim Suchen“, plärrte Dsheezad verärgert und untersuchte einige Fensterbänke neben der Haustür.

 

Ich friere mir hier langsam den Arsch ab“, schimpfte ich mit lauter Stimme. „Außerdem bin ich schon völlig durchnässt und ich habe keine Lust dazu, nach einem Schlüssel zu suchen, den es vielleicht gar nicht gibt.“

 

Von mir aus kannst du es bleiben lassen“, antwortete der Cyborg gelassen und schritt gemächlich in den nah gelegenen Garten, wo eine halb verfallene Garage stand. Er wollte sie etwas genauer untersuchen. Als er dort angekommen war, leuchtete er durch einen breiten Mauerriss in das Innere hinein. Einige lose herunter hängende Dachlatten versperrten ihm allerdings die Sicht. Deshalb suchte er vorne am Eingang weiter. Das blecherne Garagentor war zwar noch da, aber verschlossen und mit großen Rostflecken überzogen. Der Cyborg versuchte erst gar nicht, das Tor zu öffnen, sondern trat einfach kräftig dagegen. Polternd fiel es aus seiner maroden Halterung und kippte krachend nach innen in die Dunkelheit. Sofort leuchtete Dsheezad den Raum mit dem hellen Licht seiner Lampe aus, konnte aber im Augenblick nichts Verwertbares erkennen.

 

Vielleicht ist in der Garage Werkzeug. Suchen wir nach einer Brechstange oder ähnlichem und hebeln damit die Tür aus den Angeln. Wir könnten aber auch ein Fenster aufbrechen, was bestimmt leichter sein wird“, rief ich Dsheezad hinterher.

 

Hier gibt es nichts, außer alte Autoreifen. Außerdem: durch ein verriegeltes Fenster einzubrechen macht eine ganze Menge Arbeit, Amroon. Man merkt, dass du keine Ahnung hast. Glaub mir, es ist besser wir suchen weiter.“

 

Ich glaubte dem Cyborg diesmal und schaute mich um. Mittlerweile bibberte ich am ganzen Körper. Der kalte Regen rann mir durch die nassen Haare. Meine Hände bekamen langsam eine blaue Färbung.

 

Plötzlich kam mir ein Gedanke.

 

Ich kann mich daran erinnern, dass mein Onkel den Reserveschlüssel zu seiner Wohnung immer mit einem Klebestreifen an die Unterseite eines Blumentopfes festklebte“, rief ich mit zitternder Stimme und fuhr fort: „Er meinte, dass ein Einbrecher zwar einen Blumentopf anhebt, um zu sehen, ob ein Schlüssel darunter liegt, aber er schaut nicht nach, ob einer am Topfboden klebt.“

 

Dsheezad ließ eine morsche Dachlatte fallen und trabte mit weit ausholenden Schritten zurück zur Haustür. Außer den zwei großen Blumenschalen, die jetzt umgekippt da lagen, standen noch einige andere, kleinerer Blumentöpfe herum, die in einer Doppelreihe neben dem verwilderten Plattenweg aufgestellt waren. Wir hatten sie vorher einfach übersehen.

 

Dein Onkel war ein kluges Köpfchen. Er hatte gar nicht so Unrecht“, sagte der Cyborg und hob einen Topf nach dem anderen hoch. Schon beim zweiten triumphierte er. „Und er war nicht der Einzige mit diesem Trick. Hier ist ein Schlüssel. Leicht angerostet zwar, aber noch soweit in Ordnung, dass man ihn bedenkenlos verwenden kann.“

 

Na also“, seufzte ich erleichtert.

 

Der Schlüssel passte sogar. Dsheezad schloss die Tür behutsam auf, öffnete sie vorsichtig einen Spalt weit und lauschte mit mir zusammen in die Finsternis hinein. Ein modriger Gestank kam uns entgegen.

 

Ich gehe zuerst hinein. Warte hier auf mich, während ich mich da drinnen ein wenig umsehe“, flüsterte er mir zu.

 

Wieso? Ich komme gleich mit. Soll ich hier draußen noch länger im Regen stehen bleiben? Das kannst du von mir nicht verlangen, Dsheezad!“ Dann folgte ich dem Cyborg einfach mit ins Haus. Widerwillig ließ er es geschehen.

 

Gleich hinter der Haustür lag ein schmaler Flur mit einer niedrigen Decke. Ich hatte das komische Gefühl, mich ständig bücken zu müssen. Hier drinnen war es aber wenigstens trocken. Ich blieb deshalb erst mal stehen und hörte, wie Dsheezad die einzelnen Zimmer abging. Türen öffneten sich, Schubladen wurden aufgezogen und wieder zugeschoben. Immer wieder sah ich den hellen Lichtstrahl seiner Stablampe durch die Dunkelheit geistern. Mal verharrte der Lichtkegel für einen Moment, dann huschte er weiter. Offenbar hatte der Cyborg eine Menge Erfahrung darin, in fremder Leute Wohnungen wie ein geübter Einbrecher herumzustöbern. Ich wunderte mich darüber, woher er das hatte.

 

Im schattenhaften Licht erkannte ich, dass das Haus schon sehr lange leer stand. Außerdem roch die Luft hier drinnen noch stärker nach Fäulnis und Verwesung, wie in einer Gruft oder einem tief unter der Erde liegenden, fensterlosen Verlies.

 

Hin und wieder konnte ich sogar in den Zimmerecken verstaubte Spinngeweben erblicken, die, wenn der Lichtschein darüber glitt, silbern aufleuchteten. Spinnen gab es aber keine, und wenn doch, dann hatten sie sich vor uns verkrochen.

 

Ich ging zurück zur Eingangstür und machte sie sicherheitshalber zu. Dann folgte ich dem Cyborg, wobei ich mich vorsichtig an den feucht-schmierigen Wänden und halb zerfallenen Schränken wie blind entlang tastete.

 

Unvermutet stand Dsheezad wieder vor mir, der plötzlich wie aus dem Nichts kam und den Lichtkegel an die Decke richtete, wo große Löcher zu sehen waren. Ich erschrak etwas. Der Cyborg übersah absichtlich meine ängstliche Reaktion.

 

Hier ist niemand“, sagte er gelassen.

 

Ja, keiner ist mehr hier. Alle sind weg“, wiederholte ich, „es muss schon ziemlich lange her sein, dass hier mal Menschen gewohnt haben“, sinnierte ich weiter und blickte um mich, sah aber im Augenblick nicht sehr viel.

 

Der Cyborg bemerkte das und schwenkte die Taschenlampe herum. Im Schein des Lichts erkannte man, dass alles sehr altmodisch aussah. Der Fußboden bestand aus grün-weißen Fließen, die sich an vielen Stellen gelockert und übereinander geschoben hatten. Die verstaubten Wände waren mit einer Art Blümchentapete überzogen, die alten Möbel sahen ehr so aus, als schienen sie vom Dachboden zu stammen.

 

Hier riecht es ja wie in einem Familiengrab. Wir sollten ein Fenster aufmachen oder eins einschlagen, damit frische Luft reinkann“, sagte ich zu Dsheezad.

 

Ich hab’ meine Geruchssensoren abgeschaltet. Tut mir leid für dich, Amroon. Aber diesmal kann ich dir wirklich nicht helfen, mein Freund“, erwiderte der Cyborg, der ein wenig die Mundwinkel zu einem angedeuteten Grinsen verzog.

 

Dann ließ er den Lichtkegel wieder durch die nähere Umgebung wandern.

 

Währenddessen redete er weiter.

 

Ich habe eine Küche am Ende des Ganges entdeckt. Dort steht ein alter Kohleofen. In einem durchgerosteten Behälter befinden sich sogar noch eine ganze Menge Kohlen. Das heißt, wir können den Ofen in Betrieb nehmen und heizen. Ich werde die Kohlen mit meinen Energiezellen anzuzünden“, machte er mir deutlich.

 

Aber vorher werden wir ein Fenster öffnen, Dsheezad. Ich kann die muffig modrige Luft hier nicht ertragen.“

 

Zusammen gingen wir erst mal durch alle Zimmer, um jedes erreichbare Fenster zu öffnen. Zu unserer Überraschung waren nicht alle mit Brettern von Innen verriegelt worden.

 

Das Gebäude war in der Tat ziemlich klein. Aber immerhin gab es ein Wohnzimmer, ein Schlafzimmer, außerdem ein Badezimmer mit Klo und die erwähnte Küche, aber man konnte die schmutzigen Räume wegen der allgemeinen Verrottung nicht oder nur eingeschränkt benutzen. Der Ofen allerdings war noch in einem äußerst guten Zustand. Er sah ziemlich unverwüstlich aus.

 

Während sich der Cyborg am Kohleofen zu schaffen machte, öffnete ich vorsichtig das Küchenfenster, dessen stabiler, imprägnierter Holzrahmen und alle vier darin eingefassten Glasscheiben trotz des schleichenden Verfalls seltsamerweise intakt geblieben waren. Die frische Luft von draußen tat mir gut, obwohl sie unangenehm kalt über meine Haut strich.

 

Trotzdem blieb ich eine Weile bewegungslos stehen, sah aus dem Fenster hinaus und versuchte die Umrisse des Gartens in der Dunkelheit auszumachen, den ich hier hinter dem Haus vermutete. Jetzt, da der Cyborg Dsheezad und ich im Trocknen waren, hatte es draußen plötzlich aufgehört zu regnen. Ganz klar, so geht es ja immer, fiel mir dazu ein. Selbst der Himmel schien auf einmal nicht mehr ganz so schwarz und undurchsichtig zu sein, wie zuvor. An einigen Stellen, wo die Wolkendecke etwas aufriss, schimmerte das fahle Licht des Vollmondes hindurch, den es noch nach wie vor gab.

 

Schweigend stand ich so da. Ich erkannte die Silhouette eines verkrüppelten, windschiefen Baumes, erahnte die Gestalt der Büsche, die schattenhaft entlang einer verfallenen Gartenmauer wuchsen. Und über allem lag eine seltsam anmutende Stille, die mich daran zweifeln ließ, dass so etwas wie eine Welt jenseits dieser beschädigten Gartenmauer überhaupt existierte.

 

Ein Zaubergarten, dachte ich abwesend. Ein verwunschener Ort, an dem die Zeit stillsteht.

 

Plötzlich spiegelte sich in den blinden Scheiben des Küchenfensters ein matt leuchtendes Licht. Lange Schatten tanzten an Wänden und Zimmerdecke herum. Ich wendete meinen Kopf und sah, dass auf einer vermoderten Tischplatte drei Kerzen brannten, die Dsheezad irgendwo gefunden haben muss. In ihrem Licht war er damit beschäftigt, den Ofen anzuheizen. Ich schaute ihm bei der Arbeit zu. Offenbar schien er das nicht zum ersten Mal zu machen, denn bald loderte in der Brennkammer ein knisterndes Feuer, das wohlige Wärme verströmte.

 

Ich schloss das Küchenfenster. Dann ging ich noch mal durchs ganze Haus, um die anderen Fenster zu schließen, die nicht verbarrikadiert waren.

 

Leider haben wir kein fließendes Wasser“, erklärte mir der Cyborg, als ich wieder zurückkam und neben ihm in der Küche stand, in der es jetzt rasch angenehm warm wurde.

 

Draußen habe ich eine Wanne voll Regenwasser gesehen“, fiel mir ein. „Wir können es reinholen und auf dem Ofen warm machen. So haben wir wenigstens etwas Wasser. Ich muss mir den gröbsten Dreck runterwaschen und brauche etwas zu essen und zu trinken.“

 

Dsheezad sah mich mitleidig an, als ob er mir nachempfinden konnte, was Hunger für einen Menschen bedeutet. Dabei kannte ein Cyborg das hässliche Gefühl eines leeren Magens nicht, da er selbst völlig ohne Nahrung auskam.

 

Wie geht es dir Amroon“, fragte er mich auf einmal voller Fürsorge.

 

Es geht. Meine Kopfschmerzen verschwinden langsam und die Taubheit in meinen Gliedern lässt nach. Ich glaube, es ist bald überstanden. Wahrscheinlich können wir bis morgen Mittag oder so einen neuen Teleportersprung über eine größere Distanz wagen. Bis dahin sind meine Kräfte bestimmt wieder voll einsatzfähig.“

 

Ich werde rechtzeitig die Raum-Zeit-Koordinaten für einen gezielten Sprung neu berechnen. Wenn ich damit fertig bin, übertrage ich sie auf dein Speichermedium. Du kannst sie dann jederzeit abrufen, wenn du willst. – Na, du weist schon was ich meine. Ehrlich gesagt bin ich froh darüber, wenn wir diesen ungemütlichen Ort endlich wieder verlassen können“, sagte Dsheezad zu mir und stocherte dabei mit einer krummen Eisenstange im Ofenfeuer herum.

 

Das Dsheezad mir die neuen Koordinaten so schnell wie möglich übermitteln wollte, fand ich gut. Man wusste ja nie, was einen erwartet.

 

Ich starrte derweil schweigend in die flackernden Kerzenflammen auf dem Tisch. Der gusseiserne Ofen knisterte gemütlich vor sich hin, und die Glut ließ die Ofenplatte feuerrot aufglühen. Nach all den Strapazen war ich mittlerweile von einer immer stärker werdenden Müdigkeit erfüllt, die mich mit jeder Minute schwerer werden ließ. Ich suchte nach einer Sitzgelegenheit und fand neben dem Fenster eine alte Holzkiste. Ich zog sie zu mir herüber und überprüfte ihre Standfestigkeit. Sie war noch recht stabil und würde wohl mein Gewicht aushalten, dachte ich. Vorsichtig setzte ich mich darauf und lehnte mich rücklings an die Wand.

 

Alles ist so friedlich“, flüsterte ich in die aufkommende Stille hinein. Es war wirklich friedlich. Und so still, dass man es kaum glauben konnte.

 

Der Cyborg murmelte etwas vor sich hin.

 

Vielleicht haben wir sie abgeschüttelt“, sagte ich zu ihm.

 

Mmmh, ja, vielleicht. Du solltest dir nicht so sicher sein, Amroon“, erwiderte Dsheezad.

 

Ich musterte ihn stirnrunzelnd.

 

Was mag wohl jetzt gerade in deinem künstlichen Gehirn vorgehen, wenn ich dich mal fragen darf, Dsheezad?“

 

Oh, nichts. Ich dachte eigentlich nur an deine Sicherheit, Amroon. Du weist, dass die Leute vom interplanetarischen Geheimdienst hinter uns her sind. Früher oder später werden sie uns finden. Wir sollten also gerüstet sein. Du musst jetzt unbedingt ausruhen und deine Kräfte sammeln, damit wir bald von hier wegkönnen.“

 

Der Cyborg verstummte auf einmal und ging nach draußen, um Wasser zu holen.

 

Ja, ja“, erwiderte ich mit schleppender Stimme und hörte noch, wie er knarrend die Haustür öffnete, um schließlich irgendwo in der pechschwarzen Dunkelheit einer mir ehr unwirklich erscheinenden Welt zu verschwinden.

 

Eine bleierne Müdigkeit überkam mich, gegen die ich mich nicht erwehren konnte. Dann schlief ich widerstandslos ein...

 

***

 

Das Erwachen am nächsten Morgen ließ mich erschreckt auffahren. Es war fast so, als habe jemand einen Presslufthammer neben mir in den festen Teerboden einer Straße gesetzt. Ein ohrenbetäubendes Knattern zerriss meinen Schlaf, und als ich träge und müde mit den Augen blinzelte, drang helles Licht unter meine Lider. Ich wälzte mich ärgerlich knurrend auf die andere Seite, aber das schreckliche Geräusch blieb, ja, es wurde sogar immer lauter.

 

Ich bemerkte auf einmal verdutzt, wie Dsheezad zu mir herüber eilte und sich schützend vor mir aufbaute. Dann schrie er meinen Namen. Irgendwas stimmte hier nicht.

 

Amroon, wach auf! Sie kommen! Du bist ein Teleporter. Bring uns von hier weg, sofort!“

 

Dsheezads Geschrei machten mich schlagartig hellwach. Aber es war schon zu spät. Draußen vor den verbarrikadierten Fenstern waren plötzlich Bewegungen auszumachen. Ein lautes Stimmengewirr war zu hören. Knappe Befehle schallten durch den Garten, über den weiten Platz vor dem Haus und kamen schnell immer näher. Dann wurde mit lautem Getöse die Hauseingangstür eingeschlagen. Krachend fiel sie nach Innen auf den staubigen Boden. Für einen Moment blieb es ruhig, bis auf einmal von allen Seiten Stiefel tragende Männer auf uns zustürmten. Es waren Männer in schwarzen Lederjacken und langen Regenmänteln, die mit Gewehren und Pistolen schwer bewaffnet waren. Noch ehe ich meine Teleporterfähigkeit einsetzen konnte, hatten sie sich im Zimmer verteilt und vier von ihnen auf den Cyborg gestürzt. Es waren riesige Männer mit Bärenkräften, die Dsheezad brutal auf den Boden drückten und ihn festhielten, sodass er sich nicht mehr rühren konnte. Wieder hörte ich abgehackte Befehle. Sie gellten hin und her, von denen ich nur wenige verstand. Es kamen immer mehr Leute herein, als ob das kleine Zimmer nicht schon voll genug gewesen wäre. An ihrer Uniform konnte ich erkennen, dass es Geheimdienstmänner waren. Sie redeten auf Dsheezad ein, der sie aber nur finster ansah und kein Wort sagte.

 

Auf Grund der Ereignisse beschloss ich, mich vorerst so unscheinbar wie ein kleines Mäuschen zu machen. Doch es half nichts. Angst stieg in mir hoch und mein Herz pochte von Innen wie wild gegen die Brust. Im nächsten Augenblick packten mich auch schon zwei kräftig aussehende Agenten in langen Ledermänteln und hielten meine Arme schraubstockartig fest. Es folgte ihnen ein großer schlanker Mann, der einen schmalen Aluminiumkoffer bei sich trug, ein Arzt offenbar, dem die umstehenden Uniformierten sofort respektvoll Platz machten.

 

Die beiden Typen griffen noch fester zu, als der hagere Kerl seinen Koffer vor mir auf den Boden stellte und ihn öffnete. Dann fasste er nach meinem rechten Handgelenk und streckte den Arm brutal nach vorne. Ein weiterer Helfer schob gleichzeitig den Ärmel nach oben, schnürte mit geübtem Griff ein Gummiband um meinen Oberarm, um mit einem Desinfektionsspray meine Armbeuge zu desinfizieren. Der vermeintliche Arzt holte eine vorbereitete Spritze aus dem Alukoffer, in der eine klare, grünlich schimmernde Flüssigkeit aufgezogen war: ohne Zweifel ein Betäubungsmittel oder ähnliches, dachte ich.

 

Dsheezad warf mir einen kurzen Blick zu, in dem zu gleichen Teilen Ratlosigkeit wie Bedauern zu lesen war. Er konnte sich offenbar nicht erklären, wie sie uns so schnell gefunden hatten. Dann verfolgte er mit ausdruckslosem Gesicht, wie man mir die Spritze in die Vene der Armbeuge stach. Ich ließ es geschehen, ohne mich zu widersetzen. Im Moment konnte ich sowieso nichts anderes tun.

 

Endlich war die Spritze leer. Der Arzt legte sie zurück in den Metallkoffer, drückte einen Tupfer auf die Einstichstelle, löste das Gummiband und fühlte noch rasch meinen Puls. Einen Augenblick später nickte er den Männern zu, die neben mir standen und mich immer noch fest umklammert hielten. Er erteilte ihnen ein paar rasche Befehle. Sie lockerten daraufhin ihren Griff, und im ganzen Zimmer schien die Nervosität spürbar nachzulassen: meine Teleporterkräfte waren bis auf weiteres so gut wie ausgeschaltet, aber sie waren nicht ganz verschwunden.

 

Trotzdem: Man hatte mich wieder mal eingefangen.

 

***

 

Ziehen Sie sich an!“ befahl eine Stimme knapp, die mir sofort bekannt vor kam. Sie gehörte dem hageren Mann, der mir die Betäubungsspritze verpasst hatte. Sein Name war Dr. Stan Morlock, wie er sich nachträglich vorstellte. Er arbeitete für den Geheimdienst der interplanetarischen Förderation und man wollte mich offenbar schon wieder in eines dieser schrecklichen Versuchslabore des Militärs zurückbringen, um weitere Experimente an mir vornehmen lassen zu können. Aber ich dachte überhaupt nicht daran, auch nur einen Zentimeter unter der Bettdecke hervorzukommen. Ich fluchte und protestierte vielmehr.

 

Dies ist nicht der geeignete Zeitpunkt, um sich in Empfindlichkeiten zu üben, Mister Amroon“, schimpfte er wütend. Dann zog er mir einfach die Decke weg und sah mich an. Sein starrer Blick wirkte irgendwie gefährlich. „Außerdem bin ich auch nicht in der Stimmung, besonders höflich zu sein. Wenn Sie sich nicht anziehen wollen, kommen Sie so mit, wie Sie sind.“

 

Ich dachte kurz nach, verließ das Bett ohne weiter zu lamentieren, angelte mir meine Sachen und zog mich an. Die Spritze wirkte zwar immer noch nach, aber ich spürte auch, wie sich mein Nervensystem langsam erholte. Die Teleporterkräfte in mir wurden wieder stärker. Sie regenerierten sich offenbar schneller, als ich dachte. Trotzdem tat ich so, als würde mir das verabreichte Mittel noch zu schaffen machen und torkelte absichtlich etwas unbeholfen herum.

 

Der Doktor rief sofort nach ein paar seiner Männer in schwarzen Lederjacken, die mich äußerst unhöflich an den Armen packten, als sei ich ein Schwerverbrecher, und führten mich stützend hinaus. Ich ließ alles über mich ergehen und dachte darüber nach, was aus Dsheezad geworden ist.

 

Der Himmel war ohne Wolken, und die Strahlen der Sonne wärmten mein Gesicht. Ich staunte nicht schlecht, was ringsherum um mich los war, als ich durch einen parkähnlich angelegten Garten zu einer überlangen, dunklen Limousine schritt, die mit geöffneten Wagenschlag auf uns wartete. Überall standen Männer mit schussbereiten Waffen herum, die weiträumig um das Gebäude postiert waren. Ich entdeckte an ihnen, dass sie alle Stöpsel im Ohr und ein Mikrofon vor dem Mund trugen.

 

Als ich fast am Fahrzeug angekommen war und Dr. Morlock mich dazu aufforderte, hinten auf dem Rücksitz Platz zu nehmen, entdeckte ich zu meiner großen Überraschung Dsheezad, der gefesselt zwischen zwei Bewacher saß.

 

In diesem Moment blieb ich störrisch stehen.

 

Ich habe meine Umhängetasche mit den Zigaretten und dem Feuerzeug darin vergessen“, sagte ich mit lauter Stimme. „Die müssen noch im Haus sein. Ich gehe nicht ohne meine Sachen von hier weg.“

 

Der hagere Doktor musterte mich unwillig. „Was für eine Tasche?“ fragte er mich und fuhr fort: „Ich wusste gar nicht, dass sie rauchen.“

 

Ich bin nikotinsüchtig und starker Raucher. Sie wissen schon, der ständigen Nervenanspannung wegen“, log ich, „nun machen Sie schon. Schicken Sie jemanden los! Die Umhängetasche liegt unter dem Bett. Sie ist blau. Es sind außerdem noch eine Menge Sachen darin, die mir persönlich gehören. Ich will sie unbedingt mitnehmen.“

 

Es schien dem Doktor allerhand Nachdenken zu kosten, ehe er sich zu einer Entscheidung durchrang.

 

Na gut. Man wird sie Ihnen holen.“

 

Mit einer knappen Geste winkte er einen seiner bulligen Männer heran, entfernte sich ein paar Schritte mit ihm von mir und erklärte ihm wohl, was er tun solle. Dann setzte sich der Mann zurück in Richtung des Hauses in Bewegung.

 

Dr. Morlock wandte sich mir zu.

 

Sie bekommen gleich Ihre Tasche zurück“, sagte er. „Und nun steigen Sie ein! Wir haben schon zu viel Zeit verloren.“

 

Ich kletterte in den Wagen und setzte mich sofort neben Dsheezad, was den beiden Bewachern zwar nicht passte, aber es trotzdem murrend hinnahmen.

 

Der Cyborg wusste in diesem Moment, dass ich irgend etwas vorhatte. Er machte sich unauffällig bereit. Wir wollten einen neuen Fluchtversuch unternehmen, wobei das Feuerzeug in meiner Tasche jetzt eine überaus wichtige Rolle spielen würde. Es war in Wirklichkeit ein kleiner Empfänger, auf dem sich die Sprungkoordinaten befanden, die der Cyborg mir in dem verfallenen Gebäude noch rechtzeitig übermittelt hatte, bevor man uns verhaftete. Beim Anzünden einer Zigarette konnte man auf einem unscheinbaren Display in der hohlen Hand eine ganz bestimmte Folge von Zahlen ablesen, die, wenn sie von meinem Gehirn vollständig registriert wurden, noch im gleichen Augenblick schlagartig meine mir zur Verfügung stehenden Teleporterkräfte freisetzen und uns beide von einer Sekunde auf die andere von jedem gegenwärtigen Ort verschwinden lassen würden. Keine Macht der Welt könnte diesen Vorgang noch aufhalten, wenn er erst einmal begonnen hat. Wichtig war nur, dass Dsheezad mich dabei direkt körperlich berühren musste, um den Tandemsprung durch Raum und Zeit mitzumachen.

 

Als der bullige Agent wieder zurückkam und die Tasche zu mir ins Auto warf, kramte ich gleich darin nach dem Feuerzeug und tat so, als wollte ich mir genussvoll eine Zigarette anzünden. Mich wunderte dabei, wie einfach man die Leute vom Geheimdienst der interplanetarischen Förderation überlisten konnte. Offensichtlich waren sie sich ihrer Sache mehr als sicher.

 

Die schwere Limousine setzte sich in Bewegung, die kurz darauf automatisch beschleunigte und im rücksichtlosem Tempo über eine abgelegene Landstraße raste.

 

Mittlerweile hatte ich mir eine Zigarette zwischen die Lippen gesteckt und das Feuerzeug in die hohle Hand genommen. Beim Betätigen des Zündmechanismus erschien gleichzeitig das Display und ich konnte ungehindert die eingegebenen Sprungkoordinaten darauf ablesen, die nur wenige Sekunden später wie eine Initialzündung meine ungeheuren Teleporterkräfte freisetzten. Dsheezad fasste augenblicklich nach meinem freien Handgelenk und im nächsten Moment waren wir beide lautlos verschwunden.

 

Der Fluchtversuch war gelungen.

 

***

 

Irgendwann nach einer Zeit, die mir endlos vorkam, materialisierten Dsheezad und ich auf einem unbekannten Planeten weit draußen in der mit unzähligen Sternen übersäten Milchstrasse. Es war eine jungfräuliche Welt mit einer für Menschen atembaren Atmosphäre, die sich über weite Meere und ebenso weite Landmassen mit hohen Bergen spannte. Es gab eine üppige Flora und Fauna, die jener auf der Erde nicht unähnlich war. Wir entdeckten wenig später auf unseren ausgedehnten Erkundungen eine aufrechtgehende zweibeinigen Rasse, die sich noch auf einer sehr niedrigen Stufe ihrer evolutionären Entwicklung befand und dem frühzeitlichen Menschen auf der Erde äußerlich sehr ähnlich sah. Nachdem wir uns nach und nach zu erkennen gaben, fielen sie vor uns reihenweise auf die Knie.

 

Dsheezad und ich wurden wie himmlische Götter verehrt (was ja auch aus unserer Sicht nicht ganz so abwegig war). Von dem Tag an veränderte sich ihre bis dahin primitiv gebliebene Welt. Sie waren sehr lernfähig und eines Tages gingen sie mit Pfeil und Bogen auf die Jagd. Dann lernten sie von uns, wie man Feuer machte und feste Hütten baute, sesshaft wurde oder mit einfachen Mitteln Metall gewinnen konnte, um Werkzeuge und Waffen daraus anzufertigen.

 

Den Schlauesten unter ihnen brachten wir bei, wie man Bäume fällte, Felder anlegte und diese dann bestellte, indem man genießbare Pflanzen in großer Zahl darauf anbaute. Eine Revolution nach der anderen setzte sich seitdem in Gang und bald bildeten sich unter ihnen große Völker und Zivilisationen heraus. Zu diesem Zeitpunkt aber entschlossen sich Dsheezad und ich dazu, den Planeten, den wir GENESIS nannten, mit seinen aufstrebenden neuen Zivilisationen auf unbestimmte Zeit wieder zu verlassen. Auf unseren gemeinsamen Teleporterausflügen in die benachbarten Systeme stießen wir nämlich auf einen weiteren lebensfreundlichen Planeten, auf dem seltsame Kristalle wuchsen, die, wenn man sich in der Nähe ihrer Strahlung aufhielt, dies zu einer umfassenden Zellverjüngung führte. Man konnte den Prozess so oft wie man wollte wiederholen. Je öfter man sich in die Nähe der Kristalle begab, desto jünger wurde man. Die Wirkung auf Dsheezad war allerdings gleich null. Seine künstlichen Zellen erneuerten sich sowieso schon von selbst und ein Cyborg konnte locker mehrere hundert Jahre alt werden.

 

Von diesem Zeitpunkt an streiften wir gemeinsam durch die unendlichen Weiten des Universums und besuchten ferne Welten, die vor uns noch kein Mensch betreten hatte. Regelmäßig aber kehrte ich mit dem Cyborg Dsheezad zu jenem Planeten zurück, auf dem die geheimnisvollen Kristalle wuchsen, deren Strahlung meine biologischen Zellen verjüngten. So wurde ich im Prinzip unsterblich und mein Tod war eine Sache, mit der ich mir seither noch viel Zeit lassen wollte, jedenfalls solange, wie mein bester Freund Dsheezad noch einwandfrei funktionierte.

 

ENDE


 

©Heinz-Walter Hoetter

 

 

 

4. WARTEN AUF P1


 

Diese Geschichte ist meinem besten Freund, dem Androiden P1, gewidmet

 

Man schreibt das Jahr 4249.

Durch das schwach getönte Panzerglas der stählernen Sicherheitstüren und des mit runden, wuchtigen Marmorsäulen ausgestatteten riesigen Empfangsgebäudes konnte ich deutlich die auf und ab gehenden mit schussbereitem Lasergewehr bewaffneten Wachsoldaten erkennen. Manchmal drangen sogar ihre harten Stiefelschritte auf den glatt polierten Steinfußböden als schwach dumpfes Echo bis zu mir durch.

An diesem späten Nachmittag war es ziemlich laut in Megacity, einer gigantischen Riesenstadt mit ungefähr 120 Millionen Einwohner auf dem Planeten STRANGER 25. Der nervtötende Dauerlärm des unablässig pulsierenden Straßenverkehrs auf den zahlreich vorhandenen Verkehrsebenen reichte sogar bis in die weiten Stadtrandbezirke von Megacity hinein, wo sich auch fast alle militärisch bedeutsamen Einrichtungen dieser atemberaubenden Riesenstadt befanden. Noch weiter draußen, fast an der Peripherie, lagen die ausschließlich von Robotern gesteuerten Verteidigungsanlagen mit ihren absolut tödlichen Raketenabwehrstellungen und einer unübersehbaren Kette vollautomatisch funktionierender Laserimpulskanonen, die hoch droben auf monströs aussehenden Türmen installiert waren. Ihr einmal anvisiertes Ziel hätte nicht die geringste Chance zu entkommen.

Auf STRANGER 25 gab es insgesamt noch 24 weitere Riesenstädte ähnlicher Art, die teilweise mehr Einwohner hatten als Megacity. Einige davon lagen weit unter der Meeresoberfläche oder befanden sich tief im Innern gewaltiger Gebirge, ausgestattet mit künstlicher Vegetation unter gigantischen Kuppeldächern.

Fahrig strich ich mir jetzt etwas nervös mit beiden Händen über die mit mehreren prachtvollen Orden behangene Militäruniform, die mir P1 von irgendwo her auf illegalem Wege beschafft hatte. Diese beeindruckende Uniform wies mich nämlich als General der Intergalaktischen Planetenstreitkräfte (IPS) aus, und sie diente mir in der augenblicklichen Situation eigentlich nur als perfekte Tarnung, um P1 und mich vor eventuell bevorstehenden unangenehmen Personenkontrollen zu bewahren, die man hier als Zivilist oder Normalreisender mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu erwarten hätte.

Für uns beide gab es zur Zeit gute Gründe den Planeten STRANGER 25 so schnell wie möglich wieder zu verlassen..., und das ging eben leider nur über diese vom Militär betriebene Transmitterstation. Allerdings hatte ich den seltsamen Eindruck, dass man anscheinend dabei war, die am Eingang patrouillierenden Wachen mit zusätzlichen Soldaten zu verstärken. Ich wurde skeptisch. Waren die Putschisten vielleicht schon auf der Suche nach uns? Anderseits genossen hohe Dienstgrade gewisse Privilegien, die selbst erbitterten Feinden gewährt wurden. Dessen war ich mir sicher. Man würde uns auf gar keinen Fall öffentlich behelligen oder gar festnehmen lassen. Dafür gab es andere, wirksamere Methoden, wie ich wusste.


Wieder blickte ich vorsichtig durch das abgedunkelte Panzerglas der wuchtigen Sicherheitstüren und beobachtete aufmerksam den im dahinter liegenden Raum stehenden Wachposten. Ein weiterer gesellte sich noch hinzu.

P1, der Androide, stand plötzlich direkt hinter mir und tippte mir mit dem wuchtigen Zeigefinger seiner rechten Multifunktionshand sachte auf die Schulter. Obwohl ich genau wusste, dass es sich um meinen Androiden handelte, zuckte ich trotzdem unwillkürlich zusammen. Meine Nerven lagen im Augenblick so blank wie ein nacktes Kupferkabel. Ich war wegen unserer bevorstehenden Flucht innerlich bis zum Zerreißen angespannt, was offensichtlich auf P1 nicht zutraf. Nebenbei fiel mir ein, dass Androiden wie P1 nicht aus der Ruhe gebracht werden konnten, wenn sie ihren Emotionschip in Gefahrensituationen, wie in der jetzigen, vorsorglich abgeschaltet hatten.

Diese unglaublichen Wundermaschinen waren eben anders als Menschen.

Nun, als der Androide aber meine nervöse Reaktion bemerkte, signalisierte er mir sofort unmissverständlich, dass er bereits seit geraumer Zeit den so genannten „passiven Kampfmodus“ aktiviert hatte, und ich mir also überhaupt keine Sorgen zu machen bräuchte. Natürlich wusste ich, dass mich im Ernstfall P1 mit all seinen gewaltigen Kräften verteidigen würde, daran gab es überhaupt keinen Zweifel. Hier allerdings wollte ich nur weg..., und das so schnell wie möglich.

 

Die Androiden der P1-Klasse.

P1 war ein hochkomplexer Roboter in Menschengestalt, ein so genannter Cyborg oder Androide der Klasse Alpha. Eigentlich hatte man diese faszinierenden Roboter hauptsächlich für die nicht selten von besonders großen Gefahren begleiteten intergalaktischen Langstreckenraumflüge zu den weit entfernt liegenden Galaxien im Universums konzipiert. Von solch waghalsigen Reisen in die unerforschten Tiefen des Alls wusste man nie im voraus, wie sie enden würden. In einigen Fällen waren es in der Tat Androiden gewesen, die ein für verschollen gehaltenes Raumschiff mitsamt seiner Besatzung unter allergrößten Gefahren wieder sicher und unversehrt in den heimatlichen Raumhafen zurück gebracht hatten.

Sowohl ihrer sehr hohen Zuverlässigkeit und Lebensdauer, ihrer außergewöhnlich Kraft und nicht zuletzt ihrer unglaublich bestechenden Intelligenz wegen wurden die meisten dieser hoch komplizierten, dem menschlichen Äußeren (bis auf ihre Körpergröße von ca. 2 bis maximal 3 Meter) nachempfundenen Supermaschinen aber mehr und mehr von der Intergalaktischen Planetenförderation zu allen nur denkbar möglichen und unmöglichen Einsätzen herangezogen, ganz besonders dann, wenn es darum ging, entweder fremde Sonnensysteme oder neue Planeten zu erforschen, die man nicht selten, manchmal zum Teil auch rein zufällig, auf den schier endlosen Flügen durchs unbekannte All entdeckte.

Speziell Unternehmungen dieser Art wurden generell als äußerst gefährlich und riskant eingestuft. Immer wieder kam es bei solchen waghalsigen Einsätzen zu schweren Unfällen und in der Folge zu herben Verlusten unter den Raumpiloten terranischer Herkunft. Nicht besser erging es oft der mitgeführten wissenschaftlichen Crew, deren Mitglieder nicht selten aus wichtigen Spezialisten bestand, die gar nicht oder nur sehr schwer durch ebenso erfahrene Kräfte ersetzt werden konnten.

Als jedoch zum ersten Mal in der Raumflotte diese hoch entwickelten Androiden auftraten, war man sich im Flottenkommando der IPS schon bereits nach den ersten erfolgreich durchgeführten Tests schnell im Klaren darüber gewesen, dass man das menschliche Raumschiffpersonal, bis hin zum 1. Kommandanten, in sehr vielen Fällen oft durch den gezielten Einsatz der weitaus robusteren Androiden ersetzen konnte. Cyborgs waren beliebig austauschbar und konnten unter den schwierigsten Bedingungen absolut exakt und zuverlässig arbeiten. Sie brauchten keine Wartung oder ähnliches. Menschen waren dagegen anfällig für Krankheiten und litten auf den langen Raumflügen oft an Depressionen oder bekamen Heimweh nach der Erde. Deshalb lautete bald generell überall in der Raumflotte die Devise: „Erst die Androiden, dann die Menschen.“

Neuer Schauplatz.

Red Moon, ein erdähnlicher Planet mit einer ausreichend sauerstoffhaltigen Atmosphäre am Rande der Milchstraße.

Ich erinnere mich noch genau daran, wie ich P1 damals auf der TRANSGALAKTIKA II kennen gelernt habe, als er sich gerade lässig wartend auf einem der zahlreichen Starts- und Landedecks aufhielt, um für weitere Erkundungsflüge auf Red Moon vorbereitet zu werden.

Zu dieser Zeit gehörte ich noch dem Instruktionspersonal auf der TRANSGALAKTIKA II an und jedes Mitglied unserer Mannschaft war einzig und allein damit beschäftigt, alle uns zugeteilten Androiden mit den neuesten Information über den Planeten Red Moon zu versorgen, die von einer dafür speziell eingerichteten Computerdatenbank jederzeit aktuell abrufbar waren.

Durch die häufigen Kontakte war mir P1 im Laufe unserer gemeinsamen Dienstzeit so richtig ans Herz gewachsen. Ja, irgendwie mochte ich diese menschähnliche Supermaschine sogar, weil ich manchmal bei ihr das seltsame Gefühl nicht los wurde, dass sie auffällig darum bemüht war, sich nach außen hin ganz wie ein richtiges menschliches Wesen aus Fleisch und Blut zu geben. P1 imitierte deshalb oft meine typischen Hand- und Körperbewegungen nach oder sprach täuschend echt plötzlich und ohne die geringste Vorwarnung in der sonor klingenden Befehlsstimme unseres 1. Raumschiffkommandanten. Nicht selten führte das bei mir dazu, dass ich total verblüfft über eine derart hohe Stimmenperfektion jedes Mal aufs Neue einen leichten Schrecken bekam. Hinterher musste ich darüber natürlich herzlich lachen, wenn mich P1 wieder einmal, trotz aller Aufmerksamkeit und Vorsicht meinerseits, mit seinen eigentümlich anmutenden Imitationskünsten, unter Mithilfe seines Multi-Stimmengenerators, akustisch überlistet hatte und damit so tat, als wäre unser 1. Kommandant unmittelbar vor Ort.

Darüber hinaus redete P1 ständig in meiner Gegenwart über seine gefährlichen Einsätze in der Raumflotte, und manchmal entstand bei mir der seltsame Eindruck, als hätte er eine unbestimmte Angst vor den Gefahren entwickelt, die er durchgemacht hatte oder vor jenen, welche noch auf ihn zukommen würden. Dann litt er förmlich irgendwie in für mich nicht näher erklärbare Weise unter seinen uralten Erinnerungen, was bei einem Androiden ziemlich ungewöhnlich war, da sie eigentlich keine Angst oder ähnliches empfinden durften. Ihr Emotionschip schloss derartige Gefühlsrichtungen konsequent aus. Hatte sich P1 möglicherweise von selbst in gefühlsmäßiger Hinsicht weiterentwickelt? Ich hielt es für denkbar, ja sogar für möglich.

Er erzählte mir oft bis ins letzte Detail von seinen unzähligen abenteuerlichen Kampfeinsätzen, aber auch von den vielen tödlichen Gefahren, die dort draußen in den unendlichen Weiten eines weithin unbekannten Universums auf Mensch und Androide lauerten.

Ich hörte P1 jedes Mal fasziniert dabei zu, wenn er sich von Zeit zu Zeit mit einem eigenartig aussehenden, nach innen gekehrten Blick in seine mehrere jahrhundertealten Erinnerungen verlor, welche sich tief im Innern seines auf molekularer Ebene arbeitenden Gedächtnisspeichers verbargen.

Alle von P1 gesammelten Daten, so nahm ich jedenfalls damals an, umfassten den unglaublichen Speicherzeitraum von mehr als 350 Jahren, was bei mir irgendwann dazu führte, dass ich dem Androiden deswegen ungewollt einen gewissen Respekt entgegen brachte, obwohl es sich bei ihm ja eigentlich im Prinzip „nur“ um eine von Menschenhand genial konstruierte Maschine handelte, wenngleich sie auch über einige überaus faszinierende Fähigkeiten verfügte, die wir an ihnen so bewunderten. Andererseits rief genau dieser Umstand bei vielen Menschen eine unterschwellige Angst gegenüber den Androiden hervor. Sie waren dem Homo sapiens sapiens schlichtweg weit überlegen, und nur die in ihrem molekularen Kernspeicher unauslöschbar fest integrierten Robotergesetze machten sie zu unseren bedingungslosen Dienern. Aber die Skepsis gegenüber den Androiden oder Cyborgs blieb.

Darüber hinaus besaßen die Androiden der neuesten Generation, wie P1, einen codierten Mini-Fusionsreaktor, der sie wohl eine Ewigkeit lang mit Energie versorgen konnte. Jedenfalls schätze man die Lebensdauer dieser unglaublichen Dinger auf etwa sieben bis achthundert Jahre und mehr.

Doch dann geschah ein schlimmes Unglück.

Als P1 kurz nach einem Start von der TRANSGALAKTIKA II die zerklüftete Oberfläche des Planeten Red Moon mit einem kleinen Spezialgleiter zu Forschungszwecken überfliegen sollte, setzten plötzlich völlig überraschend die beiden Atmosphärentriebwerke aus und der Androide musste mit seiner manövrierunfähigen Flugmaschine über einem gewaltigen Eisgebirge des Planeten Red Moon eine gefährliche Notlandung einleiten, die trotz aller Rettungsversuche in einer totalen Katastrophe endete.

Der trudelnde Gleiter des Androiden krachte steuerlos und ungebremst in eine mit Eis und Schnee überzogene Steilwand, wobei er seinen rechten Arm beim Aufprall verlor, was zwangsläufig zu erheblichen Einschränkungen der motorischen Gesamtfunktionen führte.

Aus Sicherheitsgründen wurde P1 nach der Bergung sofort deaktiviert und in einen speziell dafür vorgesehenen explosionssicheren Stahlcontainer verstaut, den man später auf eines dieser tief im Bauch der TRANSGALAKTIKA II gelegenen Sicherheitsdecks verfrachtete. Die Dunkelheit dort unten wurde nur ab und zu vom diffusen Glimmerlicht einiger sporadisch an den meterdicken Bunkerwänden angebrachten, rötlich schimmernden Markierungslämpchen unterbrochen.

Besonders hier unten war das tiefe Brummen der gewaltigen Magnetspulen der Zwillings-Kernfusionsreaktoren des interplanetarischen Kugelraumers TRANSGALAKTIKA II als gleichmäßig anhaltendes Hintergrundgeräusch deutlich zu hören. Mit größter Wahrscheinlichkeit wäre P1 wohl auch für eine sehr lange Zeit dort unten in seinem einsamen Stahlsarg geblieben, wenn ich mich nicht selbst eines Tages aus ganz persönlichen Gründen darum bemüht hätte, ihn da wieder rauszuholen.

Wie gesagt, Androiden waren zwar hochkomplexe, mit künstlicher Intelligenz ausgestattet, perfekt funktionierende Wundermaschinen, denen man aber dennoch auf gar keinen Fall menschliche Gefühle entgegen bringen sollte. Das war strikt untersagt.

An diese Verhaltensregel versuchte sich jedes menschliche Besatzungsmitglied zu halten, was mir bei P1 allerdings nicht immer gelang, wie ich ehrlicherweise zugeben muss. Deshalb beschränkte ich mich in der Gegenwart anderer Androiden stets darauf, konsequent und sachlich zu bleiben. Ich erteilte ihnen trotz aller Sympathie nur knapp gehaltene Befehle und gab ihnen klare Anweisungen für ihre eingeteilte Arbeit. So konnte ich jedes menschliche Gefühl ihnen gegenüber einigermaßen unterdrücken.

Nun, irgendwie schien mir das bei P1 doch etwas anders gewesen zu sein. Sein schier unglaubliches Wissen setzte mich immer wieder in grenzenloses Erstaunen. Aber noch viel interessanter waren die aus diesem tiefgründigen Wissen heraus gewonnenen, ja schon fast philosophischen Erkenntnisse, die er gewissermaßen als Nebenprodukt auf seinen langen Reisen durchs All gewonnen hatte. Das alles ruhte schon seit Jahrhunderten seiner Existenz irgendwo verborgen in seinem gigantischen molekularen Gedächtnisspeicher. Diese sonderbare Eigenschaft des Androiden faszinierte mich immer wieder aufs Neue.

Deshalb kam mir P1 in vieler Hinsicht oft menschlicher als ein Mensch vor. Manchmal glaubte ich sogar, dass er über uns, also der menschlichen Rasse ganz allgemein, weit mehr wusste, als er bereit war zuzugeben.

Die TRANSGALAKTIKA II.

Die TRANSGALAKTIKA II war ein von ihren Dimensionen her alle normalen Maßstäbe sprengender gigantischer Kugelraumer mit einem Durchmesser von mehr als 3,8 Kilometern Länge. Auf diesem unvorstellbar großen Raumschiff befanden sich etwa 6000 Besatzungsmitglieder (Terraner), 1800 Androiden aller Kategorien und knapp 2500 mutig entschlossene Kolonisten aus allen möglichen Raumquadranten der Intergalaktischen Planetenförderation.

Die TRANSGALAKTIKA II verfügte über einen so genannten Hyperlichtantrieb, einen sensitiven Schildgenerator und einer Zeitsprungmaschine der LUUPS, mit deren Hilfe künstlich hervorgerufene Wurmlöcher erzeugt werden konnten, um schnelle Zeitreisen sowohl in die Zukunft als auch in die Vergangenheit unternehmen zu können, was aber nur sehr selten vorkam. Dafür gab es außerordentlich strenge Regeln.

Die LUUPS

Die LUUPS waren ein überaus friedliches, aber sehr geheimnisvolles und uraltes Volk gewesen, deren Heimatplanet sich irgendwo im Orionnebel befand. Genau konnte eigentlich niemand sagen, wo sie herkamen. Auch ihr Ursprung lag im Dunkeln. Sie waren einfach da. Schon kurz nach ihrer überraschenden Entdeckung durch den Menschen gingen die LUUPS eine fast seltsam anmutende, innige Freundschaft mit uns ein. Keiner wusste eigentlich so recht warum sie das taten, denn sie waren mächtiger als alles, was die Terraner bisher an Macht gekannt hatten. Außerdem lag ihre Körpergröße bei ca. drei Meter. Menschen wirkten ihnen gegenüber wie Zwerge und waren den LUUPS kräftemäßig weit unterlegen.

Von den LUUPS erhielt die Raum fahrende Menschheit auch das bis dahin für sie verborgen gebliebene Wissen um das Geheimnis der Zeitreisen. Trotz ihrer väterlich anmutenden Großzügigkeit des Menschen gegenüber kontrollierten die LUUPS rigoros aus dem Hintergrund heraus jede noch so kleine Transmitterfunktion und registrierten jeden Zeitsprung in den unzähligen Quadranten des Universums. Sie kannten anscheinend keine Grenzen, tauchten plötzlich wie aus dem Nichts auf oder verschwanden wieder im Nichts und ihre Macht reichte bis hinein in die fernsten Winkel des Alls.

Sie waren die strengen Wächter über Raum und Zeit, die jede Zeitanomalie unterbanden oder aufkommende Zeitparadoxien schon im Kern erstickten. Wenn es erforderlich wurde griffen sie selbst mit rigoroser Gewalt ändernd in die Zeitabläufe ein, um die für sie gewünschte Korrektur stattfinden zu lassen.

Hochmoderne Zivilisationen hatten deshalb die Macht der LUUPS schon hart zu spüren bekommen und manche von ihnen waren ganz plötzlich von der intergalaktischen Bildfläche verschwunden, weil sie ihre schmutzigen Finger von illegal betriebenen Zeitreisen nicht lassen konnten.

Wieder Schauplatz TRANSGALAKTIKA II

Irgendwann ließ ich mich dann auf der TRANSGALAKTIKA II in die ehr ruhige Reparaturabteilung für beschädigte Roboter und Androiden versetzen, die einzige übrigens, die es auf diesem gewaltigen Raumschiff gab. Meine Versetzung geschah natürlich nicht ganz ohne Grund, wie ich nachträglich dazu anmerken muss.

Der Dienst auf den oberen Instruktionsdecks war mir sowieso mit der Zeit zu stressig geworden. Außerdem wollte ich unbedingt meinen Androiden P1 wieder sehen, der mir nicht aus dem Kopf ging.

Um ihn möglichst schnell reparieren lassen zu können beschloss ich deshalb, ihn aus der Versenkung zu holen und durchsuchte schon kurze Zeit später mit Hilfe der elektronischen Reparaturlisten, nach erfolgreicher Einstellung in die Roboter- und Androideninstandsetzungsabteilung, die vielen einzelnen explosionssicheren Decks in den unteren Sektionen des Kugelraumers - und zwar eins nach dem anderen, bis ich schließlich P1 in einem der gesicherten Stahlcontainer ausfindig machen konnte.

Die aufwendige Reaktivierung von P1 erforderte zwar eine Sondergenehmigung der obersten Raumschiffadministration, die mir seltsamerweise aber ohne allzu große Schwierigkeiten in kürzester Zeit erteilt wurde. Die komplizierten Reparaturarbeiten am rechten Arm von P1 zogen sich etwa ein viertel Jahr hin (nach irdischer Zeitrechnung).

Ein Bord eigenes Raumschiffteam von ausgesuchten Spezialisten setzte den defekten Androiden Stück für Stück wieder kunstvoll zusammen und verbesserte sogar noch einige seiner inneren und äußeren Funktionen, wobei sie auch gleich die gesamte Außenhaut von P1 durch Schlaumetall ersetzten. Durch dieses ungewöhnliche Metall konnte sich die Primärhaut von P1 zumindest an den wichtigsten Stellen von selbst reparieren. Außerdem hielt sie einer Gluthitze von über 2500 Grad Celsius locker stand.

Nach seiner Komplettreparatur erreichte ich, dass P1 vorläufig in unserer Instandsetzungsabteilung bleiben durfte, wo er eine sehr wichtige Stelle im Konstruktions- und Materialarchiv übernahm. Der Androide und ich waren bald ein unzertrennliches Team, was ehrlich gesagt von einigen meiner Vorgesetzen gar nicht gern gesehen wurde. Eine Freundschaft zwischen Mensch und Maschine wurde als abnorm eingestuft. P1 schien das alles nicht im Geringsten zu stören, ehr das Gegenteil war der Fall! Das Gleiche galt für mich.

So ging ein Jahr nach dem anderen dahin...

Irgendwann einmal keimte in mir die fixe Idee auf, dass ich nach meiner Verabschiedung aus den Diensten der intergalaktischen Planetenstreitkräfte zusammen mit P1 jene Planeten der Förderation wieder einen Besuch abstatten wollte, die nach ihrer gefahrvollen Besiedlung sehr interessante Zivilisationen entwickelt hatten.

Auf diesen neu besiedelten Planeten war es für Kaufleute und Glücksritter aller Art besonders interessant, weil die entstandenen Wirtschaftsmärkte boomten und man in sehr kurzer Zeit zu sehr viel Geld kommen konnte, immer vorausgesetzt natürlich, man arbeitete in der richtigen Branche, wie z. B. in einem der staatlichen Informationsbeschaffungsbüros der mächtigen Planetenförderation.

Diese so genannten Informationsbüros (IMB's) gehörten eigentlich fast alle zum weitläufig verzweigten Arm des regulären interplanetarischen Geheimdienstes. Mir war bekannt, wenn ich für diese Leute arbeiten würde, dass ich P1 behalten durfte, der mir in solchen Fällen offiziell nicht nur als kompetenter Berater, sondern auch als sichernder Begleit- und Personenschutz (Paladin) uneingeschränkt zur Verfügung stand.

 

Die Verabschiedung


 

Eines schönen Tages war es dann so weit. Ich wurde mit allen Ehren ganz offiziell in den Ruhestand versetzt. Inoffiziell arbeitete ich allerdings für den interplanetarischen Geheimdienst weiter, sozusagen als Privatmann. Ich hatte mich rechtzeitig um diesen Posten beworben und wurde prompt übernommen.

Nach meiner Verabschiedung aus dem aktiven Raumflottendienst, die recht unspektakulär im allerkleinsten Rahmen ablief, verließen P1 und ich die TRANSGALAKTIKA II und gründeten auf der schönen Mutter Erde ein eigenes Basisbüro unter dem wohlklingenden Namen „Nova Express“. Schon kurz darauf erhielten wir den ersten gewinnbringenden Auftrag, der P1 und mich weit weg von Terra bringen sollte.

Das Ziel hieß STRANGER 25.

Was war geschehen?

Auf STRANGER 25, einem Planeten etwa 2 Lichtjahre von Terra entfernt, hatte es einen brutalen Militärputsch mit unzähligen Toten gegeben. Dabei war den neuen Machthabern unter anderem auch einer der wenigen Transmitter von Megacity in die Hände gefallen. Aber es kam noch schlimmer. Mit Hilfe einiger raffiniert ausgeklügelter technischer Tricks modifizierten die Umstürzler die vorhandenen Transmitter zu perfekten Zeitmaschinen um, mit denen sie nun Zeitreisen in die Vergangenheit und in die Zukunft unternehmen konnten. Ganz wie es ihnen beliebte. Ihre Absichten waren genial, aber nichtsdestotrotz kriminell und verbrecherisch.

Es sickerte durch, dass die Putschisten alle geschichtlich relevanten Ereignisse auf STRANGER 25 umkehren und ganz bestimmte Abläufe innerhalb ihres eigenen Raumsektors in der Vergangenheit durch entsprechende Manipulationen gezielt zu ihren eigenen Gunsten verändern wollten, um damit den von ihnen gewaltsam herbeigeführten Putsch, der mehrere Millionen unschuldige Menschen das Leben gekostet hatte, nachträglich legitimieren zu können. Die Geschichte zu verändern war in der Vergangenheit gar nicht so schwer. Am Ende musste in der Zukunft nur dabei herauskommen, dass man der legalen Regierungsmacht Machtmissbrauch, Korruption und Verrat vorzuwerfen in der Lage war. Damit würde es den brutalen Putschisten gelingen, um nachträglich ihren blutigen Putsch militärisch zu legitimieren.

Die Transmittertechnik, das war ein allgemein gültiger Grundsatz, durfte allerdings zu derartigen kriminellen Vorhaben nicht Zweck entfremdet werden. Ein anderes Gesetz der LUUPS besagte außerdem, dass geheime Zeitsprünge nicht erlaubt waren, um mögliche Zeitparadoxien von vorne herein auszuschließen. Offensichtlich hielten sich die Putschisten aber nicht an die ungeschriebenen Gesetze der LUUPS und setzen alles auf ihre erbeuteten Transmitteranlagen. Durch den überraschenden Putsch hatten sie sich in der Tat einen kleinen Zeitvorsprung verschafft, den sie nutzen wollten.

Als unsere Arbeit begann...

Die verdeckten Nachforschungen auf STRANGER 25 stellten sich von Anfang an als ziemlich schwierig heraus, doch Dank der alles überragenden Fähigkeiten meines Androiden P1 konnten wir unsere langwierigen Ermittlungstätigkeiten schon nach knapp einem Jahr mit einem ziemlich spektakulären Erfolg krönen. Uns waren die hochbrisanten Geheimpläne der Putschisten für die technischen Manipulationen an den Transmittern von Megacity in die Hände gefallen. Aus diesem Grunde mussten wir jetzt so schnell wie möglich STRANGER 25 verlassen, bevor die Putschisten von unserer geheimen Aktion Wind bekommen würden.

Wieder am Empfangsgebäude der Transmitteranlage...

Jetzt standen P1 und ich also hier vor einem der wenigen nur für das militärische Personal vorbehaltenen Eingänge des Empfangsgebäudes der riesigen Transmitteranlage, die von starken militärischen Einheiten der Putschisten bewacht wurde. Alles war jetzt nur noch eine Frage der Zeit und alles hing davon ab, ob meine Tarnung funktionieren würde oder nicht, die immerhin aus einer hoch dekorierten Generalsuniform bestand. Das sollte eigentlich reichen, wie ich dachte.

Mittlerweile war es draußen dunkel geworden.

Der Androide P1 stand noch immer hinter mir, den ich mit gedämpfter Stimme fragte, ob wir das Empfangsgebäude jetzt betreten sollten oder nicht.

Die Antwort folgte sofort: „Herr General, der Zeitpunkt war nie günstiger! Wir sollten gehen.“

P1 betonte dabei ganz bewusst meinen militärischen Dienstgrad, wie wir es vorher zusammen besprochen hatten, um keine Zweifel in Gegenwart anderer aufkommen zu lassen.

Einen kurzen Augenblick später gab ich meinem Paladin mit einer vorher vereinbarten Handbewegung ein ganz bestimmtes Zeichen. Damit wurde unsere Flucht von STRANGER 25 in die alles entscheidende Phase eingeleitet. P1 nickte behäbig mit dem Kopf und lies gleichzeitig völlig lautlos sein absolut tödliches Kampf- und Verteidigungsprogramm sekundenschnell hochfahren.

Der Androide war jetzt dazu bereit, mein Leben mit allen ihm zur Verfügung stehen Mitteln entschlossen zu verteidigen, vorausgesetzt natürlich, dieser Fall würde tatsächlich eintreten.

„Na, dann los!“ gab ich den Befehl und steckte die gefälschte Magnetstreifenkarte mit dem geheimen Tageszugangscode in den schmalen Öffnungsschlitz der elektronischen Kontrollkonsole. Sogleich setzte sich mit einem surrenden Geräusch die schwere Sicherheitsstahltür in Bewegung und gab den Eingang zum Innern des Gebäudes frei. P1 und ich traten ein und gingen mit selbstsicheren Schritten schnurstracks auf die beiden Wachposten zu, die sich sofort auf der Stelle umdrehten, wobei sie mit ihren schweren Lasergewehren auf P1 und mich zielten.

Nur ruhig bleiben“, dachte ich in Gedanken und schritt lässig weiter. Ich tat nach außen hin so, als ob für mich die Reaktion der postierten Soldaten etwas ganz normales sei. Ich war immerhin ein General. Dann hob einer der martialisch aussehenden Wachposten plötzlich den rechten Arm und befahl uns stehen zu bleiben. Er musterte einen Moment lang nachdenklich meine Uniform, überlegte dabei angestrengt, sah im nächsten Augenblick zu P1 hinüber und sagte dann respektvoll: „Herr General, bitte entschuldigen Sie mein Verhalten! Ich habe Sie nicht gleich erkannt. Es wird nicht wieder vorkommen! Sie können natürlich ungehindert weitergehen!“

Kaum hatte er seinen Satz beendet, stellte er noch im gleichen Moment das Lasergewehr neben sein linkes Bein, salutierte zackig und stand solange still, bis ich an ihm vorbeigegangen war. Seine übrigen Kollegen taten einer nach dem anderen das gleiche wie er. P1 ging nur wenige Schritte hinter mir her, genau wie wir es verabredet hatten. Ein Problem war damit gelöst. Die Generalsuniform entfaltete ihre volle Wirkung und machte offenbar großen Eindruck auf die Putschisten.

Unser eigentliches Ziel war ein komfortabler Personentransmitter am Ende des langen Ganges, welchen wir gerade betreten hatten. Dieser Transmitter konnte entweder Personen oder kleinere technische Ausrüstungsgegenstände über eine vorher genau festgelegte Strecke quer durch die Galaxie ohne Zeitverzögerung befördern. Man schritt einfach in den Transmitter hinein und kam sogleich auf der anderen Seite wieder heraus.

Irgendwie funktionierte das Ganze mit der Raumkrümmung, wie ich so für mich dachte und streng genommen befand man sich dabei für den Bruchteil einer Sekunde in zwei Welten, die eigentlich sehr weit voneinander entfernt lagen.
Alles schrumpfte auf wenige Zentimeter zusammen und doch befanden sich zwischen der Sende- und Empfangsstation des Transmitters im wahrsten Sinne des Wortes ganze Welten und Galaxien.

Nachdem P1 und ich die Eingangsschleuse schon weit hinter uns gelassen hatten, konnten wir wenige Augenblicke später den flimmernden Eingang des etwas drei Meter hohen Personentransmitters erkennen. Kurz danach war es dann so weit. Ein Service-Roboter kam heran, brachte uns direkt bis an eine Warterampe unterhalb des Transmitters, der für drei bis vier Personen Platz bot, und begleitete uns während der Fahrt nach oben.

Der Weg war endlich frei und niemand konnte P1 und mich jetzt noch aufhalten.

Ich blickte kurz zu meinem Androiden hinüber, deutete ihm durch ein zufriedenes Kopfnicken an, dass die ganze Aktion erfolgreich verlief. Es dauerte nicht mehr lange, da wurden wir beide langsam von der bereitgestellten Transportplattform vorsichtig an das knisternde Licht des Transmitters heran gefahren. Ein Schritt noch, dann würden wir ohne die geringste Zeitverzögerung am anderen Ende der Station wohlbehalten wieder auf der 2 Lichtjahre entfernten Erde herauszukommen. Die erbeuteten Geheimpläne der Putschisten von STRANGER 25 befanden sich gut verborgen im molekularen Datenspeicher von P1, der immer noch regungslos neben mir auf der Plattform stand. Meine Gedanken kreisten jetzt um die erbeuteten Geheimpläne, die wohl eine Menge Geld einspielen würden, bestimmt genug, dass P1 und ich für die nächste Zeit erst einmal ausgesorgt hätten, sinnierte ich zufrieden.

Dann traten wir in den Transmitter ein. Plötzlich gab es einen fürchterlichen Knall. Meine Knie wurden weich wie Butter, ich sank zu Boden und wurde noch im gleichen Augenblick fast ohnmächtig. Ich wusste eigentlich nicht, was genau geschehen war. "Die Sache ist wohl schief gegangen", war mein letzter Gedanke, bevor ich auf der anderen Seite des Transmitters kopfüber heraus stürzte.


Man schreibt das Jahr 2002.

Als ich an diesem schönen Morgen in dem durchwühlten Bett des schäbigen Motels neben der schwach befahrenen Wüstenautobahn aufwachte, war es bereits fast 10 Uhr. Durch die offenen Schlitze der herunter gelassenen Rollos fluteten schmale Lichtstreifen, die das spartanisch eingerichtete Zimmer ein wenig erhellten. Einen Moment lang konnte ich keinen klaren Gedanken fassen, und fast wäre ich am liebsten gleich wieder eingeschlafen, wenn es nicht schon so spät gewesen wäre. Mit halb geöffneten Augen döste ich geistig abwesend weiter so vor mich hin. Dann kamen die Erinnerungen zurück, die mich seit meiner unfreiwilligen Ankunft hier auf der Erde vor etwa drei Monaten immer wieder in aller Regelmäßigkeit beschäftigten.

In Gedanken wanderte ich zu jenem Augenblick zurück, als mein Androide P1 und ich den Transmitter betraten. Beide kamen wir zwar in einer Gegenstation an, die sich aber mit Sicherheit nicht auf der Erde, sondern irgendwo auf STRANGER 25 befunden haben musste.

Ich sah schnell ein, dass man uns auf raffinierte Art und Weise reingelegt hatte, denn wir waren schnurstracks in eine Falle getappt. Wir wurden in einen ovalförmigen Raum gebracht, der mit einer kleineren Anzahl technisch manipulierter Personentransmitter bestückt war. Dort hielt man uns eine zeitlang gefangen. Von den Putschisten selbst erfuhr ich, dass es sich hierbei um die eigentliche Zentrale der Zeitreise-Transmitter handelte, von wo aus sie unbemerkt ihre geheimen Zeitreisen in die Vergangenheit und Zukunft unternahmen.

Zu meiner allergrößten Überraschung sah ich in diesem Raum auch zum ersten Mal einen echten LUUP, der mit seiner gewaltigen Körpergröße von annähernd drei Meter wie ein Elefant plötzlich vor mir stand. Er kooperierte offenbar mit den Putschisten und war ein verbrecherischer Abtrünniger seines Volkes. Mit seiner hilfreichen Unterstützung gelangten die Putschisten also gefahrlos und unbemerkt in die von ihnen anvisierte Vergangenheit, ohne dass man sie jetzt noch wirkungsvoll davon abhalten konnte. Das sie ihr Ziel auch erreichen würden, das war mir damals schon kurz nach meiner Gefangennahme schnell klar geworden.

Meine Mission war anscheinend umsonst gewesen.

Doch es kam alles anders...

Als die schwer bewaffneten Putschisten mich von P1 trennen und möglicherweise sogar töten wollten, ging der kampferprobte Androide sofort zum Gegenangriff über. Wie ein Berserker überwältigte er mit rasenden Bewegungen und mit bloßen Händen einen nach dem anderen der sich verzweifelt wehrenden Soldaten. Er richtete ein Blutbad unter ihnen an. Dann stellte er sich schützend vor mich. Gleichzeitig deutete P1 mitten im Kampfgeschehen mit der linken Hand auf einen ganz bestimmten Transmitter, der sich direkt unmittelbar vor mir befand und schrie mir zu, ich solle mich beeilen und darin verschwinden. Im nächsten Moment schon steckte P1 mir etwas zu. Ich hatte keine Ahnung was es war.

Bevor der Androide seine alles vernichtenden Waffen einsetzte, gab er mir von hinten einen heftigen Stoß, sodass ich in einem hohen Bogen durch den hell aufblitzenden Energievorhang des Transmitters flog.

Als ich am anderen Ende wieder herauskam, befand ich mich in der fernen Vergangenheit auf der Erde des Jahres 2002. Nach meinem ersten Schreck rannte ich sofort instinktiv von der sich materialisierenden Gegenstation weg, die nur für einige wenige Augenblicke im offenen Gelände über dem staubigen Boden schwebte und danach mit einem gewaltigen Donnerschlag wieder verschwand.

P1 muss wohl gründliche Arbeit geleistet haben, denn der höllische Explosionslärm, den ich noch für Bruchteile von Sekunden mit bekam, konnte nur bedeuten, dass er die geheime Anlage der Putschisten, und des Verräters der LUUPS, mit seiner fürchterlichen Feuerkraft total vernichtet hatte.

Das P1 noch da war und sich irgendwo unversehrt in der Zukunft aufhielt, merkte ich etwa eine Stunde später daran, dass in meiner rechten Hosentasche ein kleines Hyperraumempfangsgerät piepsend in regelmäßigen Abständen auf einem grün leuchtenden Minibildschirm immer die gleiche Nachricht anzeigte.

Sie lautete: „Wichtige Mitteilung! Hier spricht Ihr Androide P1. Ich weiß, wo Sie sind! Sie befinden sich in der Vergangenheit auf der Erde des Jahres 2002. Ich werde mir wohl erst noch einen Transmitter beschaffen müssen, den ich dann so schnell wie möglich in eine Zeitmaschine umfunktionieren werde. Zum Glück habe ich die Geheimpläne noch bei mir. Kann aber noch eine Weile dauern, bis ich die Anlage einsatzfertig in Betrieb nehmen kann. Suchen Sie sich bis dahin irgendwo auf der Erde einen sicheren Unterschlupf und verhalten Sie sich bis zu meiner Ankunft so unauffällig wie möglich. Ich habe Ihnen ein Empfangsgerät mit gegeben, das auch als automatischer Hyperraumpeilsender arbeitet. Ich werde Sie also überall finden, ganz gleich wo Sie sich aufhalten. Wenn Sie wollen, können Sie sich vielleicht die Wartezeit damit vertreiben, über die altmodischen Robotergesetze nachzudenken. Eines davon heißt übrigens, dass ein Roboter oder Androide kein menschliches Wesen verletzen oder durch seine Untätigkeit gestatten darf, dass einem menschlichen Wesen Schaden zugefügt wird. Ich musste Sie beschützen. Ich habe andere dafür getötet. Denken Sie darüber nach, mein menschlicher Freund! Ich werde mich ab jetzt in regelmäßigen Abständen bei ihnen wieder melden. Warten Sie auf P1!“


Mittlerweile hat mich P1 schon zum x-ten Mal in den zurückliegenden drei Monaten davon unterrichtet, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis er mich endlich abholen kommt. Ich solle mir also weiterhin keine allzu großen Sorgen machen, denn der Zeitreise-Transmitter sei bald betriebsfertig.

Stopp! Gerade bekomme ich eine neue Nachricht rein.

„Halten Sie sich bereit! Ihr Androide P1 macht sich auf dem Weg durch Zeit zu Ihnen. Die Koordinaten liegen bereits fest. Bleiben Sie also da, wo Sie sind! Das Warten hat ein Ende!“

Mit einer schlappen Handbewegung werfe ich die schmuddelige Bettdecke zur Seite, stehe träge auf und ziehe mich in aller Ruhe an.

Zufrieden denke ich: „So wie es aussieht, werde ich meine Mission doch noch zu Ende führen können. Keine schlechten Aussichten für meine Zukunft in der Zukunft die wieder meine Gegenwart sein wird – oder?"

***

Irgendwo in einer weit, weit entfernten Galaxie.

Zwei LUUPS stehen sich gegenüber und stellen zufrieden fest, dass sie mit P1 und mir offenbar eine sehr gute Wahl getroffen hatten. Die manipulierten Transmitter-Zeitmaschinen auf STRANGER 25 sind zerstört worden. Die brisanten Zeitmaschinenpläne befinden sich in den molekularen Speichern des Androiden P1 in absoluter Sicherheit. Nun gut, einen Transmitter musste der Androide mit den sichergestellten Plänen noch in eine Zeitmaschine umfunktionieren. Aber nur diese eine war noch nötig gewesen um seinen Schützling, der ungewollt einen Zeitsprung in das Jahr 2002 gemacht hatte, in seine eigene Zeit wieder zurückzuholen. Er hätte sonst eine Zeitanomalie erzeugt, die ungeahnte Veränderungen in der kommenden Zukunft nach sich gezogen hätte.

Das jedoch konnten die LUUPS auf gar keinen Fall zulassen.

Für sie gehörte nun mal alles und jedes in seine Zeit.

Auch ich.

 

ENDE


© Heinz-Walter Hoetter

 

 

 

5. Henry Hallberg kehrt nicht mehr zurück


 

Tötet ihr einen von mir, wird einer von euch so wie wir.“

 

Uralte Drachenweisheit.

 

Gefunden auf einem unbekannten Planeten, irgendwo da draußen in den unendlichen Weiten des Alls.


***

 

Der Mann namens Henry Hallberg lag stöhnend in der Ecke des Höhlenraumes, der nach einer Seite hin offen war und helles Licht hineinließ. Sein seltsam verzerrtes Gesicht war weiß wie Schnee. Auf seiner Stirn glänzten Schweißtropfen, die Augen hielt er krampfhaft geschlossen. Offenbar hatte er große Schmerzen, denn er biss mit den Zähnen immer wieder auf seine blutleeren Lippen. Plötzlich krümmte er sich und presste seine Hände gegen den Magen.

 

Zwei Männer knieten bei ihm. Der eine hieß Hollester Morgan, der andere Dr. John Henderson.

 

Morgan wühlte verzweifelt in einer zerschlissenen Sanitätstasche herum, so als hoffe er, darin ein Wundermittel zu finden. Seine überaus dürftigen medizinischen Erfahrungen reichten offenbar für Hallbergs besorgniserregenden Zustand nicht aus.

 

Er ist heiß wie eine Ofenplatte“, flüstere Dr. Henderson. Er wird zuerst ins Delirium fallen und dann das Bewusstsein verlieren. Hast du etwas in der Tasche gefunden, das Henry helfen könnte, Hollester?“

 

Morgan zuckte hilflos die Achseln.

 

Eigentlich nichts Brauchbares. Ein paar Schmerztabletten, Verbandszeug, eine Flasche Desinfektionsmittel und einige Spraydosen. Mehr nicht.“

 

Henry Hallberg bewegte sich plötzlich. Dann öffnete er schlagartig die Augen. Sie waren glasig, und schienen niemanden zu erkennen. Ein gequältes Stöhnen drang aus seinem Schmerz verzerrten Mund.

 

Ah, mir ist so heiß. Ich verbrenne. Kühlt mich ab! Abkühlen, nur abkühlen..., bitte!“

 

Ruhig liegen bleiben Henry“, sagte Dr. Henderson. „Wir werden dir helfen. Schon bald wird es dir besser gehen. Wir haben die richtige Medizin für dich gefunden, alter Haudegen.“

 

Hallberg versuchte sich aufzurichten, wurde aber von den zwei Männern festgehalten.

 

Mir ist so heiß..., so fürchterlich heiß. Warum helft ihr mir nicht?“ stöhnte der Kranke.

 

Moment, ich hab hier was gefunden, was vielleicht helfen könnte..., John“, meinte Morgan und hielt dem Doktor eine weiße Dose mit aufgesetztem Injektionsapparat und schwarzer Etikettenschrift vors Gesicht.

 

Wie es aussieht, soll der flüssige Inhalt gegen Infektionen und Schwellungen sein. Versuch es mal damit. Schaden kann es auf keinen Fall. Was ist? Soll ich?“

 

Ja, von mir aus. Es bleibt uns sowieso keine andere Wahl. Scheint das einzige Medikament zu sein, das wir Henry verabreichen können. Was anderes haben wir nicht“, sagte Dr. John Henderson bitter.

 

Hollester Morgan hielt eine Sekunde später die Dose mit dem Spritzen-Gerät an Hallbergs rechten Oberarm und drückte auf den rot markierten Auslöseknopf. Ein schwacher Summton war zu hören, als die Ultraschalldüse der Injektionsapparatur die Flüssigkeit durch Hallbergs Haut in die darunter liegenden Vene schoss, der im Fieberwahn davon allerdings nichts mitbekam. Er stöhnte nur immerzu und krümmte sich vor Schmerzen.

 

Morgan setzte eine nachdenkliche Miene auf und dachte darüber nach, warum sie auf ihrer waghalsigen Expedition so wenig Arzneimittel mitgenommen hatten, denn nichts war für Hallbergs Fall dabei. Es ärgerte ihn irgendwie, dass der Doktor wieder einmal alle Sicherheitsvorschriften über Bord geworfen hatte, nur weil er sich als Commander stets auf die technische Perfektion der Leviathan II verließ, die in einer Umlaufbahn den unbekannten Planeten umkreiste und über ein beeindruckendes Waffenarsenal verfügte. Mehrere vollautomatisch arbeitende Hochenergielaserkanonen waren zudem in der Lage, aus dem Orbit heraus jedes Ziel punktgenau auf dem Planeten zerstören zu können, wenn es sein musste, hintereinander sogar im Sekundentakt.

 

Und das hier? Purer Leichtsinn aus Überheblichkeit, obwohl im Mutterschiff alle Medikamente von der medizinischen Roboterabteilung selbst hergestellt werden konnten.

 

In der Hauptsache enthielt die Sanitätstasche Medikamente, die man gegen Infektionen oder ganz allgemein gegen Schwellungen anwenden konnte, und ein paar spezielle Instrumente zum Schließen von Wunden und zum Blutstillen. Es fand sich nichts darunter, das man bei hohem Fieber verabreichen konnte.

 

Hollester Morgan griff nach einem elektronischen Fiebermessgerät und maß die Körpertemperatur. Die digitale Anzeige raste nach oben auf über vierzig Grad.

 

Unglaublich! Das ist wirklich eine Fieberglut, die in Hallberg tobt“, sagte er mit Ausdruck des Entsetzens.

 

Das Stöhnen ihres Freundes wurde jetzt immer heftiger. Hallberg fasste sich unvermittelt mit beiden Händen an den Hals und riss wie von Sinnen am offenen Kragen seines eng anliegenden Spezialanzuges herum. Der Metallring des Panzerhelmes war von Morgan entfernt worden. Man hatte den Eindruck, als müsse der Fiebernde ersticken.

 

Voll Pessimismus schüttelte Dr. Henderson den Kopf.

 

Wie es aussieht, werden wir ihm nicht helfen können. Hallberg wird sterben, wenn nicht bald Hilfe kommt. Das Mutterschiff befindet sich leider auf der anderen Seite des Planeten. Wir können es frühestens in zwölf Stunden über Funk erreichen, wenn es uns wieder überfliegt.“

 

Verdammt noch mal, nein!“ fauchte ihn Morgan an. Er hat doch nur hohes Fieber, mehr nicht!“

 

Wirklich, Hollester? Sieh ihn dir doch an! Ich glaube ehr, dass sich Hallberg eine Bakterien-Infektion geholt hat. Das muss durch das Fleisch des kleinen wilden Tieres mit den lederartigen Flügelstutzen passiert sein, das wir gestern Abend gegessen haben. Unsere Körper sind gegen die Bazillen auf diesem Planeten offenbar nicht so gefeit, wie wir es uns eigentlich vorgestellt haben. Wir waren einfach zu leichtsinnig. Es überrascht mich daher, dass wir nicht alle schon so weit sind wie Henry."

 

Hollester Morgan schüttelte verbissen seinen Kopf.

 

Mag ja alles richtig sein, John. Aber wir haben doch das erlegte Tier mit unserem Bakterien- und Virenscanner untersucht, zig Proben genommen und keine gefährlichen Krankheitserreger in dem Fleisch gefunden. Außerdem war das Fleisch gut durchgebraten. Nichts tötet Krankheitserreger besser ab, als Feuer und Hitze. – Zugegeben, Henry wird von hohem Fieber geschüttelt. Jeder von uns hatte schon mal so ähnliche Zustände. Und, hat es uns vielleicht umgebracht? Nein, verdammt noch mal. Nicht das ich wüsste.“

 

Das ist doch ganz was anderes, Hollester. Hallberg muss sich ein hitzeresistentes Bazillus zugezogen haben, den unsere Scanner nicht erkannt haben. Er steckt jetzt tief in seinem Körper und greift sein Immunsystem an. Soviel steht schon mal fest. Woher soll denn sonst das hohe Fieber kommen? Vielleicht befällt dieses Ding sogar seine DNS und verändert es wohl möglich noch. Man muss alles in Betracht ziehen. Ich denke mal, dass dieser teuflische Krankheitserreger Henry auf jeden Fall in seine Gewalt gebracht hat. Wir können einfach nichts mehr für ihn tun, wie es im Augenblick danach aussieht.“

 

Hallbergs Stöhnen hatte auf einmal komischerweise etwas nachgelassen, was Dr. Henderson und Hollester Morgan dazu veranlasste, ihn erst einmal in Ruhe zu lassen. Sie waren sowieso am Ende ihrer Kräfte.

 

Draußen brach die Planetennacht herein. Sie kam ganz überraschend und schnell. Die Männer schalteten ihre Helmscheinwerfer ein, deren kreisrunde Lichtkegel gespenstisch über die schroffen Höhlenwände huschten. Ein paar Stunden später schaltete sich das Licht ihrer Panzerhelme automatisch ab, als die empfindlichen Körpersensoren bemerkten, dass sie langsam müde wurden und einschliefen.

 

Wir hätten diesen verfluchten Planeten niemals besuchen sollen, war Commander Dr. Hendersons letzter Gedanke, bevor ihn der Erschöpfungsschlaf übermannte.

 

Bis zur Morgendämmerung blieb alles ruhig.

 

Zu ruhig, wie Hollester Morgan dachte, als er verschlafen seine Augen wieder öffnete und hinüber zum Höhlenausgang blickte, wo bereits Commander Dr. Henderson stand und nach oben in einen rötlich schimmernden Himmel schaute, der vom Licht einer kleinen aber extrem hellen Sonnen erleuchtet wurde. Sein Panzerhelm hatte er sich unter den rechten Arm geklemmt, und die Laserpistole steckte im äußeren Bereitstellungsgürtel.

 

Morgan stand auf und wunderte sich darüber, dass das fieberkranke Crewmitglied Hallberg nicht mehr in seiner Höhlenecke lag. Er fragte sich beunruhigt und grübelnd nach dem Grund dafür.

 

Was war geschehen?

 

Mit wackligen Beinen stolperte er über das herumliegende Geröll in der Höhle und stand wenige Augenblicke später neben Dr. Henderson, dessen Gesicht wie versteinert aussah. Als er Morgan neben sich sah, schaute er ihn mit weit geöffneten Augen an.

 

Hollester wollte eine Frage wegen Hallberg stellen.

„Wo ist...?“

 

Commander Henderson schnitt ihm das Wort ab.

 

Sagen sie nichts, und stellen sie jetzt bloß keine Fragen, Morgan. Es gibt so viele Geheimnisse im Universum, von denen wir nicht die geringste Ahnung haben. Wir können nur langsam und behutsam vorgehen, wenn wir von diesem ominösen Ort heil wieder wegkommen wollen. Ich habe etwas gesehen, was ich nie für möglich gehalten hätte. Ich...“

 

Er hielt abrupt inne und wandte abermals den Kopf in die Höhe.

 

Da! Hören sie das auch, Morgan?“

 

Aus den Wolken drang ein seltsam fremdes Geräusch an die Ohren der beiden Raumfahrer. Es war ein Geräusch, wie sie es nie zuvor gehört hatten; ein schwerfälliges Grollen, das mit jeder Sekunde lauter und schrecklicher wurde. Man konnte meinen, der Himmel bräche auseinander.

 

Nun schwoll es zu einem brausenden Heulen an, das in einem hohen, schrillen Kreischen mündete, das den Ohren weh tat. Den beiden Männern jagte das fürchterliche Kreischen kalte Schauer über den Rücken.

 

Welches Tier bringt solchen Lärm zustande?“ dachte Morgen halblaut vor sich hin und trat ängstlich einen Schritt zurück in die Höhle. Instinktiv griff er nach der Strahlenpistole. Seine Phantasie reichte nicht aus, sich eine Kreatur vorzustellen, die dazu in der Lage war, derartig ohrenbetäubenden Lärm in er Luft zu verursachen.

 

Dann sah er plötzlich den gewaltigen Drachen, der mit riesigen Flügeln in gleichmäßigen Kurven über ihnen dahinzog und sie mit feurig roten Augen beobachtete. Er kreiste immerzu über ihren Köpfen, bis er auf einmal wie ein Raubvogel auf weniger als fünfzig herabstieß und mit donnerndem Getöse in einem weiten Bogen ganz nah an der Höhle vorbeiflog. Das tat er einmal, zweimal und noch ein drittes Mal. Der Drache wandte absichtlich immer wieder seinen riesigen Schädel den beiden völlig erstarrt da stehenden Männern zu, sodass man ihn direkt von vorne sehen konnte.

 

Dr. Henderson und Morgan erschraken zutiefst.

 

Sie hatten bei jedem Vorbeiflug des gewaltigen Tieres in die mutierten Gesichtsüberreste ihres Freundes Hallbergs gesehen, dessen ehemals menschlicher Kopf sich in einen monströs aussehenden Drachenschädel verwandelt hatte, aber unverkennbar von Henrys typischen Gesichtszügen durchzogen war.

 

Die beiden Männer in den Raumanzügen wussten jetzt, was in der vergangenen Nacht geschehen war. Etwas aus einer alten Sage war lebendig geworden und hatte ihren Freund Hallberg auf unerklärliche Weise mutieren lassen. Er wollte sich offenbar mit diesen letzten Flügen über der Höhle für immer von ihnen verabschieden.

 

Dann verschwand der riesige Drache mit donnernden Flügelschwingen ebenso schnell, wie er gekommen war. Sein lautes, röhrendes Kreischen verstummte bald in der Ferne eines rötlich leuchtenden Horizonts, bis man das Ungeheuer nur noch als kleinen schwarzen Punkt erkennen konnte, bis auch dieser schließlich ganz verschwand.

 

Was kann das gewesen sein, Commander? Hat sich Hallberg tatsächlich in ein Drachenwesen verwandelt?“

 

Sieht ganz so aus, Hollester. Irgend etwas veränderte den Körper unseres Freundes innerhalb kürzester Zeit. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen. Es war schier unglaublich. Das erklärt auch das hohe Fieber. Anscheinend hat dieser Bazillus nur bei Henry seine metamorphorische Wirkung entfalten können. Es ist wohl besser, wir verschwinden von hier jetzt so schnell wie möglich. Ich habe bereits ein Signal an die Leviathan II geschickt. Das Mutterschiff hat ein Beiboot abgesetzt, das schon auf dem Weg zu uns ist und hier sein wird, noch bevor die nächste Nacht hereinbricht. Wir werden dann sofort den Rückflug einleiten, in die gleiche Umlaufbahn unseres Raumschiffe einschwenken und eine vorbestimmte Warteposition beziehen, bis die Leviathan II nach der nächsten Umrundung des Planeten am vereinbarten Treffpunkt erscheint. Der Zeitpunkt und die Zielkoordinaten des Andockmanövers stehen bereits fest. Machen Sie sich also bereit, Morgan. Außerdem steht uns eine lange Quarantänezeit bevor, mal ganz abgesehen davon, dass man an uns beiden eine Menge medizinischer Untersuchungen und intensiver Tests durchführen wird. Das kann dauern, wie sie selbst wissen.“

 

Morgan antwortete nicht mehr. Ihm war das alles egal. Sein Blick wanderte suchend zum fernen Horizont.

 

Er wollte einfach nur noch zurück zur Erde, weg von diesem seltsamen Planeten, der ihm Angst einjagte und dessen unheimliches Geheimnis sicherlich von Experten der terranischen Wissenschaftsgilde irgendwann untersucht und gelüftet werden würde. Dessen war er sich absolut sicher.

 

Aber bestimmt ohne ihn. Nichts und niemand würde ihn hierhin zurückbringen können.

 

Dann sah er mit Erleichterung das stromlinienförmige Beiboot heranschweben, das mit aufheulenden Atmosphärentriebwerken in einem weiten Bogen direkt vor den beiden Raumfahrern zur Landung ansetzte.


Als Hollester Morgan zusammen mit Commander Dr. Henderson durch die geöffnete Einstiegsschleuse in das Innere des wartenden Miniraumschiffes stieg, dachte er traurig und tief in Gedanken versunken an seinen alten Freund Henry Hallberg, den er niemals mehr wiedersehen würde.

 

ENDE

 

© Heinz-Walter Hoetter

 

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Heinz-Walter Hoetter).
Der Beitrag wurde von Heinz-Walter Hoetter auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.11.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Der Autor:

  • Autorensteckbrief
  • Heinz-Walter_Hoettergmx.de (Spam-Schutz - Bitte eMail-Adresse per Hand eintippen!)

  Heinz-Walter Hoetter als Lieblingsautor markieren

Bücher unserer Autoren:

cover

...weil es eben Liebe ist von Viola Meyer-Schaa



All diese Gedichte sind Gefühle und Gedanken, die jeder schon einmal erfahren hat. Traurige Gedichte, die nachdenklich machen. Aber auch fröhliche, voller Lebensmut schreiende Worte. Und liebevolle Gedichte, als Geschenk für erlebte wundervolle Gefühle.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Sonstige" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Heinz-Walter Hoetter

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Der einzige Christ war Jesus von Heinz-Walter Hoetter (Einfach so zum Lesen und Nachdenken)
Mama ...Lupus...autobiographisch... von Rüdiger Nazar (Sonstige)
Meine Bergmannsjahre (elfter Teil) von Karl-Heinz Fricke (Autobiografisches)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen