Heinz-Walter Hoetter

Sechs Kurzgeschichen zum Nachdenken

Wir sind alle Lehrlinge in einem Handwerk, in dem niemand zum Meister wird.“ (Ernest Hemingway)

***


1. Begegnung mit dem Schicksal


 


 

Ein junger Mann verließ kurz nach Mitternacht übermüdet eine feucht-fröhliche Party. Draußen war es ziemlich kalt und es schien, als wollte es bald zu schneien anfangen. Deshalb beeilte er sich. Auf dem Nachhauseweg kam er an einem kleinen Park vorbei, der nur vom schwachen elektrischen Licht einiger sporadisch verteilter Parklaternen trübe beleuchtet wurde.

 

Der Weg mitten durch den Park stellte für ihn eine Abkürzung dar. Ohne lange zu zögern entschloss sich der Partygänger dazu, den Vorteil des kürzen Weges zu nutzen, um schneller nach Hause zu kommen.

 

Etwa in der Mitte des Parks kam er an eine einzeln da stehende Bank vorbei, auf der er sich nur für ein paar Minuten ausruhen wollte, weil ihm seine Füße vom Tanzen weh taten. Er setzte sich also hin, zog den Kragen seines Mantels weit nach oben, zündete sich schließlich noch eine Zigarette an und sog den blauen Dunst Zug um Zug genüsslich in sich hinein.

 

Ganz plötzlich jedoch wurden seine Augen schwer wie Blei, sodass er sich gegen die aufkommende Müdigkeit nicht wehren konnte. Die Zigarette fiel ihm aus der Hand und bald war er tief und fest eingeschlafen.

 

Draußen war es mittlerweile immer kälter geworden. Die Temperatur fiel auf unter Null Grad Celsius. Schließlich fing es sogar noch an zu schneien. Doch der junge Mann schlief immer noch tief und fest und spürte nicht, in welcher Gefahr er schwebte. Er würde bestimmt langsam erfrieren und wohl sterben, käme niemand vorbei, um ihn aufzuwecken.

 

Doch wie aus dem Nichts erschien auf einmal das Schicksal in der Gestalt eines alten Mannes, der sich dem mittlerweile völlig zugeschneiten Schlafenden mit langsamen Schritten bedächtig näherte. Als er den jungen Mann sah, weckte er ihn vorsichtig auf.

 

„Mensch Alter, was soll das? Warum lässt du mich nicht schlafen?“ beschwerte er sich sofort ziemlich mürrisch bei seinem Gegenüber.

 

„Damit du hier auf der Bank mitten im Park nicht erfrierst, mein Junge“, antwortete ihm der Alte mit ruhiger Stimme. Hätte ich dich nicht wach gemacht, würden die Menschen bestimmt wieder mir die Schuld an deinem Unglück geben, statt deine Dummheit und deinen Leichtsinn anzuklagen.“

 

Der junge Mann erhob sich zitternd und frierend von der Bank, klopfte hastig den kalten Schnee von seinem Mantel und verließ schleunigst den nächtlichen Park. Als er noch einmal verstohlen in den Weg mit der einsam da stehenden Bank zurückschaute, konnte er aber niemanden mehr sehen, obwohl er den alten Mann doch vor wenigen Augenblicken erst verlassen hatte.

 

„Der Alkohol lässt mich schon fantasieren“, murmelte er noch in sich hinein, beschleunigte seine Schritte, um jetzt schnell nach Hause zu kommen.

 

Unter einer schwach leuchtenden Parklaterne stand ein alter Mann im heftigen Schneegestöber dieser kalten Nacht, dessen Gestalt sich jetzt aber langsam aufzulösen begann, bis sie schließlich nicht mehr zu sehen war.

 

 

 

ENDE

 

(c)Heinz-Walter Hoetter

 

 

 

 

2. Das Fenster zum lieben Gott


 

Eine junge Mutter ging mit ihrer fünfjährigen Tochter durch die belebten Straßen von New York.

Plötzlich blieb das kleine Mädchen stehen, schaute mit neugierigem Blick eine Weile nach oben und fragte schließlich ihre Mutter, warum die Häuser so groß sind, dass sie mit ihrer Spitze den Himmel berühren.

Die erstaunte Mutter wusste zuerst nicht, was sie ihrer Tochter antworten sollte, so verblüfft war sie über die Frage ihres Kindes.

Doch dann sagte sie: „Das sind Wolkenkratzer, mein liebes Mädchen. Sie sind so hoch, dass man von ganz oben sogar durch das Fenster in die Wohnung vom lieben Gott reinschauen kann.“

Die Kleine blickte abermals staunend nach oben. Dann sagte sie: „Bitte Mama, zeig mir dieses Fenster! Ich will den lieben Gott sehen.“

 

(c)Heinz-Walter Hoetter


 


 


 


 

3. Das Gleichnis mit dem Geldschein


 

Auf dem Marktplatz einer großen Stadt in Deutschland stand ein bekannter Redner vor einer großen Menschenmenge, die sich um ihn herum versammelt hatte, um andächtig seinen weisen Erzählungen zu lauschen. Kurz vor dem Ende seiner Veranstaltung zog er plötzlich einen 50 Euro Schein aus der Tasche und hielt in weit nach oben in die Luft.

Dann rief er mit lauter Stimme ins Mikrofon: "Wer von euch diesen 50 Euro Schein haben möchte, der hebe die Hand."

Fast alle Hände gingen schlagartig nach oben und allgemeiner Jubel brach aus. Jeder wollte den Geldschein haben.

Der Redner bat die Zuschauer, ihre Hände wieder runter zu nehmen. Dann klemmte er den 50 Euro Schein in seine geschlossene Faust und zerknitterte ihn so stark, dass er wie ein Papierknöllchen aussah.

"Wer von euch will diesen Schein jetzt noch?" rief er abermals in die Menge.

Wieder gingen fast alle Hände nach oben. Jeder wollte den zerknüllten 50 Euro Schein trotzdem haben.

Plötzlich warf der Redner den lädierten Geldschein vor sich in den Dreck, trat sogar noch absichtlich darauf herum, hob ihn schließlich wieder auf und riss ihn grinsend vor aller Augen in vier Teile auseinander. Ein dumpfes Raunen ging durch die Menge, weil der 50 Euro Schein jetzt so gut wie unbrauchbar geworden war.

"Wer von euch möchte diesen Geldschein haben, obwohl er zerknüllt, dreckig und zerrissen ist?" frage er die Leute abermals und wartete ab, was geschehen würde.

Und siehe da, es gingen immer noch viele Hände nach oben, obwohl der 50 Euro Schein schon total kaputt vor ihnen lag.

Nach einer kurzen Pause ergriff der Redner dann wieder das Wort und sprach: "Meine lieben Zuhörerinnen und Zuhörer! Ihr werdet von mir jetzt wohl wissen wollen, was ich euch mit diesem kleinen Experiment sagen wollte? Das ist einfach zu erklären! Nun, es kommt manchmal vor, dass wir in unserem Leben zu Boden geworfen werden und sprichwörtlich im Dreck landen. Zerknittert hadern wir dann mit unserem Schicksal, weil wir uns schlecht behandelt fühlen. In solchen Situationen kommen wir uns wertlos vor, halten unser Leben für gescheitert und sind verbittert. Das muss aber nicht sein. Denn, egal was auch immer mit uns passiert, jeder einzelne von uns verliert niemals an Wert, gleichgültig, ob er schmutzig geworden ist oder sich für sauber hält. Hat der 50 Euro Schein denn auch an Wert verloren, obwohl ich ihn zerknüllte, ihn mit Dreck besudelte und am Ende auch noch zerriss? Nein! Er hat trotz allem seinen Wert behalten. Gleiches gilt für das menschliche Individuum. Jeder von uns ist unendlich wertvoll und damit unbezahlbar. Die Schöpfung kennt kein sinnloses Leben. Das Gegenteil ist der Fall. Das Leben eines jeden einzelnen von uns muss als Geschenk der Liebe betrachtet werden. Wir haben den Auftrag, etwas sinnvolles daraus zu machen. Auch wenn wir in den Schmutz fallen oder uns das Schicksal schwer zusetzt und nicht selten in die Verzweiflung treibt, so verändert sich der Mensch im Kern nicht, weil sein ursprünglicher Persönlichkeitsanteil, die Seele, unsterblich ist. Das ist unser Persönlichkeitsanteil am ewigen Leben. Ihr habt ja gesehen, was ich mit dem 50 Euro Schein gemacht habe. Trotzdem hat sich der Wert des Geldscheines nicht verändert, obwohl er von mir fast bis zur Unkenntlichkeit beschädigt wurde. Denkt immer daran, was ich euch damit sagen will. Jeder einzelne Mensch behält seinen Wert, egal was auch immer mit ihm geschehen mag, sei es nun gut oder böse. - So, die Veranstaltung ist hiermit beendet. Ich wünsche euch allen noch einen schönen Tag und kommt gut nach Hause!“



ENDE

(c)Heinz-Walter Hoetter


 


 


 

4. Das Puzzle

 

Ein kleiner Junge kam zu seinem Vater, um mit ihm zu spielen.

Aber der Vater hatte gerade das Fernsehgerät eingeschaltet, weil er sich ein Fußballspiel ansehen wollte.

Doch sein kleiner Sohn ließ ihm partout keine Ruhe, was den Vater natürlich ziemlich nervte. Plötzlich fiel ihm ein, dass sein Junge gerne Puzzles zusammen setzte.

Er sah sich kurz um und entdeckte auf dem Wohnzimmertisch eine Zeitung mit dem farbigen Bild einer großen Weltkugel. Er trennte das Blatt ab, holte eine Schere aus der Küche, schnitt das Bild mit der Weltkugel in viele kleine Einzelteile und gab es seinem Jungen, der sich sogleich an die Arbeit machte, um die einzelnen Teile des Bildes wieder zusammen zu setzen.

Zufrieden zog sich der Vater zurück, machte es sich gemütlich vor dem Fernseher und schaute dem Fußballspiel zu.

Es dauerte aber nicht lange, da kam sein kleiner Junge mit sichtlichem Stolz wieder zurück und sprach mit freudiger Stimme: "Papa, ich habe das Puzzel fertig. Komm und schaue es dir an!"

Der Vater wollte seinen Sohn nicht enttäuschen, stand aber sichtlich genervt auf, um das Puzzle zu betrachten. Tatsächlich befand sich jedes Teil an der richtigen Stelle, obwohl er das Bild doch extra in viele Einzelteile aufgeschnitten hatte.

Der Vater war darüber ziemlich verblüfft und fragte schließlich seinen Sohn: "Wie hast du es so schnell geschafft, die einzelnen Bildteile richtig zu ordnen?"

"Ach Papa", antwortete sein Junge mit strahlendem Gesicht, "das war gar nicht so schwer. Auf der Rückseite des Bildes war ein Mensch abgebildet. Als der Mensch wieder in Ordnung war, war es die Welt auch."

 

ENDE

 

(c)Heinz-Walter Hoetter


 

 

 

 

 

5. Dem Schicksal überlassen

 

 

Der Mensch hat drei Wege, klug zu handeln. Erstens durch Nachdenken: Das ist der edelste. Zweitens durch Nachahmen: Das ist der leichteste. Drittens durch Erfahrung: Das ist der bitterste.


Konfuzius

 


***


Durch mehrere Atombombentestversuche auf der Erde wurde eine mächtige, aber äußerst friedliebende Raum fahrende Rasse auf die Menschheit aufmerksam. Diese fremden Lebewesen fühlten sich irgendwie bedroht, weil sie befürchteten, dass eine neue, waffentechnisch hochentwickelte Zivilisation möglicherweise früher oder später für sie gefährlich werden könnte.

 

Aber das war nicht alles, wovor sie Angst hatten.

 

Sie wollten auf gar keinen Fall Krieg führen, um anderes Leben töten zu müssen.

Ihre Waffen dienten nämlich nur der eigenen Verteidigung und sollten sie ausschließlich vor unvernünftigen Aggressoren schützen. Noch nie in ihrer langen Geschichte hatten sie auch nur einen ihrer Artgenossen durch Anwendung von Gewalt getötet. Absolute Friedfertigkeit und größten Respekt vor allem Lebendigen war ihr höchstes Gesetz, ihr höchstes Ideal.

Kriege untereinander kannten sie nicht. So was war ihnen von jeher fremd.

 

Daher wollten sie unbedingt in Erfahrung bringen, mit welcher neuen Rasse sie es hier zu tun hatten, die derart gewaltige Atombombenexplosionen auf ihrem Planeten durchführen ließ und wozu das gut sein sollte.

Also schickten sie eines ihrer besten Raumkreuzer mit den fähigsten Spähern los. Sie sollten vorerst vom Mond aus unauffällig die Menschen beobachten und alles registrieren, was sie auf der Erde so anstellten.

Nach einem Jahr auf dem MOND und des ausgiebigen Observierens der menschlichen Rasse auf TERRA werteten sie alle Beobachtungen sorgfältig aus und kamen schließlich zu dem Ergebnis, dass von der Erde und ihren zweibeinigen, aufrechtgehenden Bewohnern keine echte Gefahr für sie ausgehen kann.

Folgendes stand im Bericht an den HOHEN RAT ihres eigenen Planeten.

 

HOHER RAT!

 

Ein Erdenjahr lang haben unsere Späher vom Mond aus das Treiben der Menschheit auf dem Planeten Erde beobachtet.

Ja, diese Lebewesen verfügen über schlimme Massenvernichtungswaffen. Das ist richtig! Doch seltsamerweise setzen sie diese Waffen gegen sich selbst ein und bringen sich zu Millionen und Abermillionen damit um. Sie zerstören nicht nur ihre Städte, sondern vernichten auch ganze Landstriche, die hinterher nicht selten unbewohnbar für sie werden.

Wir verstehen das nicht!

Ein paar von uns haben eine Zeit lang unerkannt unter den Menschen auf der Erde gelebt.

Es war einfach grausam.

Wir konnten es bald nicht mehr ertragen und mussten das Experiment abbrechen. Mord und Totschlag, Lug und Betrug sind unter ihnen an der Tagesordnung. Sie töten unablässig und schlachten sich gegenseitig bestialisch wie im Wahn ab. Sie foltern und misshandeln sich, als ob sie unter einer schizophrenen Geisteskrankheit leiden würden. Dabei sind Hunger und Elend ihr größtes Problem.

 

Und nicht nur das!

 

Unsere Späher haben durch intensive Messungen mit Schrecken festgestellt, dass diese seltsam aussehende Rasse die Hunderte von Millionen Jahre alte, natürlich gewachsene Bios- und Ökosphäre des Planeten durch ihr absolut egoistisches Umweltverhalten zu großen Teilen schon irreparabel geschädigt hat.


Aber trotzdem geben sie keine Ruhe und machen mit ihrer krankhaften Selbstzerstörung permanent weiter. Es ist schier unfassbar!

Diesem äußerst negativen Bericht von der menschlichen Zivilisation auf TERRA müssen wir nichts mehr hinzufügen. Es erübrigen sich alle weiteren Ausführungen dazu. Details können sie im Anhang nachlesen. Ich würde es aber keinem empfehlen.

 

Ergebnis:

Die Menschheit auf dem Planeten Erde zerstört sich selbst. Sie wird auf Dauer in dieser zivilisatorisch, aggressiven Form nicht überleben. Deshalb stellen die Menschen für uns keine echte Gefahr dar.

Überlassen wir sie ihrem natürlichen Schicksal!

Ich kann dem HOHEN RAT daher versichern, dass wir auch in Zukunft in gesichertem Frieden weiterleben können ohne unsere Waffen einsetzen zu müssen. Wir sollten dafür dankbar sein.

 

Es lebe der Frieden!

Es lebe der HOHE RAT!

 

 

Ende


©Heinz-Walter Hoetter

 

 

 

 

6. Der alte Esel und der gute Zauberer


 

Es war einmal ein alter Esel, der stand mit tief gesenktem Kopf und traurigem Blick am Rande eines kleinen Dorfes in der heißen Sonne. Er döste schon die ganze Zeit wie benommen vor sich hin. Und weil er wegen seines hohen Alters meistens schwach und müde war, konnte er die ihm aufgebürdeten Lasten nur noch unter großen Anstrengungen mühevoll und schleppend tragen.

Er blieb deshalb oft stehen und trottete manchmal mit letzter Kraft und matten Beinen qualvoll dahin. Und weil das so war, schimpfte sein böser Besitzer auch jedes Mal ganz schlimm über ihn, schlug dann mit einem harten Stock auf sein zerfetztes Fell ein und drohte ihm ständig damit, dass er ihn eines Tages in die Abdeckerei bringen werde, wo man ihn einschläfern und schlachten würde. Außerdem sei er zu einem nutzlosen Esser geworden, weil er zu nichts mehr richtig taugte. Der Esel bekam es jedes Mal mit der Angst zu tun, wenn er von seinem Besitzer wieder mal gepeinigt wurde. Also riss er sich so gut er konnte zusammen, tat ohne Murren seine schwere Arbeit, auch wenn es ihm nicht immer so recht gelingen wollte. Was sollte er sonst tun?

Da kam eines Tages ein guter Zauberer des Weges und fragte den alten Esel danach, wie es ihm denn so gehe. Der Esel wunderte sich darüber, dass ein Mensch mit ihm plötzlich reden konnte und ihn sogar obendrein noch verstand.

„Wer bist du, dass du mit einem Esel sprechen kannst?“ fragte er den Mann mit dem langen schwarzen Mantel, der direkt vor ihm stand und einen weiten Schlapphut auf den Kopf trug, den er tief in seine faltige Stirn gezogen hatte. Zudem trug er noch einen langen Wanderstab in der rechten Hand, der knorrig und verbogen aussah.

„Ich bin ein guter Zauberer und kann mit allen Tieren sprechen. Ich gehe schon seit undenklichen Zeiten durch die Welt des Menschen und beobachte ihr Tun und Lassen. Wenn ich irgendwo ein Übel sehe, schreite ich ein und helfe gerne, um es zu beseitigen. Ich habe deinen bösen Besitzer eine Zeit lang beobachtet, wie er dich immerfort so niederträchtig und abscheulich behandelte. Er hat dich oft übel beschimpft und geschlagen, obwohl du schon so viele Jahre für ihn treu und hart gearbeitet hast. Jetzt bist du alt und schwach geworden und kannst nicht mehr. Er droht dir damit, dich schlachten zu lassen, obwohl du für ihn immer gute Dienste erbracht hast. Noch nicht einmal das Gnadenbrot gesteht er dir zu. Deshalb frage ich dich, ob ich dir irgendwie helfen kann. Ich kann dir jeden Wunsch erfüllen, den du mir gegenüber äußerst. Meine Zaubermacht ist groß und unbegrenzt.“

Der alte Esel blickte den Zauberer verwundert an und dachte eine Weile nach. Dann sagte er plötzlich: „Ich wünsche mir, dass du meinen Besitzer in einen alten Esel verwandelst und mich zu seinem Besitzer machst. Das soll so lange gehen, bist du hier an diesen Ort wiederkehrst. Dann möchte ich, dass alles wieder so wird, wie zuvor.“

„Das ist für mich überhaupt kein Problem“, sagte der gute Zauberer und schlug kurz danach dreimal heftig mit seinem krummen Zauberstab auf den staubigen Boden, aus dem plötzlich ein greller Blitz schoss, der die Umgebung in ein gleißend helles Licht tauchte. Im Nu hatte sich der Wunsch des alten Esels erfüllt. Die Rollen hatten sich ins Gegenteil verkehrt. Der alte Esel war jetzt der Besitzer und der Besitzer der alte Esel. Kurz darauf verschwand der gute Zauberer, als hätte es ihn nie gegeben.

***

Die ganz Nacht hindurch war Regen gefallen. Der alte Esel stand da mit trübe geneigtem Kopf. Sein Besitzer hatte ihn einfach draußen stehen lassen und sich nicht weiter um ihn gekümmert. Sein graues Fell war völlig durchnässt und mit Matsch verdreckt, weil er irgendwann nicht mehr stehen konnte und sich einfach auf den durchweichten Lehmboden gelegt hatte. Erst kurz vor Morgen war er dann wieder aufgestanden, denn sein Besitzer sah es nicht gern, wenn er faul herum lag. Jetzt aber knurrte sein Magen vor lauter Hunger. Doch sein Futter bekam er auch diesmal wieder nicht. Also fraß er das, was er in seiner unmittelbaren Umgebung so an Essbarem fand.

Als die ersten Sonnenstrahlen schließlich ihren Weg durch die abziehenden Regenwolken brachen, erschien plötzlich sein Besitzer. Ängstlich hob der alte Esel seinen Kopf und erschrak, als er den großen, harten Stock in der rechten Hand des Mannes sah. Kaum stand er vor ihm, schlug er auch schon auf das wehrlos da stehende Tier ein. Dann schrie er mit zornesrotem Gesicht: „Was für ein fauler Esel. Steht hier die ganze Zeit nur herum, obwohl es genug Arbeit gibt. Ich werde dir gleich Beine machen! Heute müssen wir Kartoffel in die Stadt karren. Wenn du schlapp machst, bringe ich dich sofort in die Abdeckerei und kaufe mir von dem Geld einen neuen Esel. Los, los, hoffentlich wird’s bald!“

Der Besitzer hob drohend den Stock und machte Anstalten, als wolle er wieder zuschlagen. Dann riss er den alten Esel fort und zerrte ihn zum bereitstehenden, zweirädrigen Holzkarren, belud diesen randvoll mit dicken Kartoffeln und trieb den alten Esel mit dem schweren Gespann zum Dorf hinaus.

Es war schon fast Mittag, die heiße Sonne brannte vom wolkenlosen Himmel herab und man konnte am fernen Horizont bereits die ersten rot leuchtenden Dächer der großen Stadt sehen.

 

Doch plötzlich bockte der alte Esel und wollte partout keinen Schritt mehr weitergehen. Er hatte einfach keine Kraft mehr und konnte sich kaum noch auf den zitternden Beinen halten. Sein Besitzer war darüber so erbost, dass er mit dem harten Stock jetzt gnadenlos und ohne Unterlass auf ihn einschlug. Er wollte unbedingt, dass sich der störrische Esel endlich wieder in Bewegung setzt. Aber es half nichts. Im Gegenteil. Das geschundene Tier stieß plötzlich einen lauten, jämmerlichen Schrei aus, brach schlagartig zusammen und streckte schließlich alle vier Läufe von sich. Der alte Esel war tot. Kurz darauf stürzte die Holzkarre um, und die gesamte Kartoffelladung verteilte sich über den holprigen Weg.

Fassungslos stand der Besitzer da und konnte einfach nicht begreifen, was soeben geschehen war. Überall lagen seine schönen Kartoffeln herum. Er machte sich zwar große Vorwürfe, weil er es offenbar mit der Strafe an seinem Esel zu weit getrieben hatte, doch Mitleid empfand er nicht.

Schließlich riss er sich zusammen, marschierte allein des Weges weiter und erreichte schon bald die große Stadt, wo er sich sogleich einen neuen Esel kaufte und mit ihm zusammen schleunigst an den Ort des Unglücks zurückkehrte. Dort angekommen, spannte er das neue Tier sofort vor den aufgerichteten Holzkarren, lud die herumliegenden Kartoffeln auf den Wagen und fuhr damit in Stadt, wo er die Erdäpfel alsbald mit gutem Gewinn auf dem Markt verkaufte. Am nächsten Tag holte er den toten Esel ab, der immer noch leblos am Wegesrand lag, warf ihn auf den Holzkarren und brachte ihn in eine Abdeckerei, die sich mit der Beseitigung und Verwertung von Tierkadavern beschäftigte. Auch dafür bekam er noch einmal einen kleinen Batzen Geld. Zufrieden kehrte er später in sein Dorf zurück und tat so, als sei gar nichts geschehen.

***

Es war noch kein Jahr vergangen, da erschien der gute Zauberer wieder bei ihm.

„Hier bin ich wieder, mein Freund. Du hast es dir so gewünscht. Es wird Zeit, dass ich dich nunmehr in den alten Esel zurück verwandle, der du vorher gewesen warst. Mein Zauber kann aus gewissen Gründen nicht ewig währen. Alle Dinge müssen früher oder später wieder an ihren richtigen Ort zurück.“

Der verzauberte Esel in der Gestalt des Besitzers bekam es auf einmal mit der Angst zu tun, weil er um sein Leben fürchtete. Deshalb berichtete er dem Magier davon, welch schreckliches Unglück ihm mit dem alten Lasttier unterwegs auf dem Weg in die Stadt zugestoßen war. Von den brutalen Schlägen sagte er ihm nichts, weil er sich vor dem Magier selbst in kein schlechtes Licht stellen wollte.

„Ich weiß, ich weiß“, sagte der gute Zauberer und fuhr mit rollender Stimme fort: „Nun, ich war der alte Esel, den du zu Tode geschunden hast. Ich stellte mich aber nur tot und konnte mich aus der Abdeckerei durch die Macht meiner Zauberkünste sehr schnell wieder befreien. Trotzdem war es auch für mich eine schmerzhafte Erkenntnis. Leider musste ich aber feststellen, dass du auch kein Deut besser warst, als dein Besitzer, der dich dein ganzes Leben hindurch so schlecht und niederträchtig behandelt hat. Du wolltest ihm aber nur mit gleicher Münze heimzahlen, anstatt es besser zu machen. Wer das Böse mit Bösem vergelten will, der schafft nur neues Böse. So überlasse ich dich jetzt wieder deinem Schicksal und du wirst es nun bald sein, der auf dem Weg in Stadt am Wegesrand sein Ende finden wird. Ich wollte dich durch meine gute Zaubermacht vor deinem leidvollen Schicksal bewahren, aber du hast deine letzte Chance vertan, weil du es nicht verstanden hast, sie für dich zum Guten zu wenden.“

Der Magier hob den Stab und schlug ihn dreimal mit voller Wucht auf den Boden. Abermals zuckte ein heller Blitz daraus hervor und im nächsten Moment wurde aus dem Besitzer wieder der alte Esel und umgekehrt.

***

Die Zeit verschob sich auf geheimnisvolle Weise in die Vergangenheit zurück und draußen wurde es dunkel. In der Nacht fing es an zu regnen und am nächsten Morgen stand der Esel hungrig und voller Matsch bis auf die Poren durchnässt immer noch am gleichen Ort, wo ihn der Magier hin gezaubert hatte.

Als die ersten Sonnenstrahlen ihren Weg durch die abziehenden Regenwolken brachen, erschien plötzlich sein Besitzer. Ängstlich hob der alte Esel seinen Kopf und erschrak, als er den großen Stock in der rechten Hand des Mannes sah. Da wusste er genau, was ihm der heutige Tag bringen würde. Noch bevor die schmerzhaften Schläge auf ihn niederprasselten, trottete er langsam zum schweren Holzkarren mit der Kartoffelladung hinüber, nahm die mühsame Arbeit auf sich und ergab sich still und schweigend seinem bevorstehenden Schicksal.


Er wusste genau, dass er diesen Tag nicht mehr überleben würde.

ENDE


©Heinz-Walter Hoetter

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.11.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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