Heinz-Walter Hoetter

Drei Weisheitsgeschichten

1. Die kleine Flamme

 

Eines Tages kam eine kleine Flamme zu einer Fackel und wollte sie anzünden.

"Ich will nicht, dass du mich anzündest. Wenn ich brenne, dann sind meine Tage gezählt", schrie die Fackel außer sich vor Entsetzen.

"Du bist doch eine Fackel. Willst du denn dein ganzes Leben lang hier an der Wand kalt und nutzlos herum hängen und den Menschen kein Licht spenden? Das ist doch der Sinn deines Daseins", sagte das Flämmchen mit ruhiger Stimme.

"Wenn ich brenne, dann vergehe ich. Das Feuer zehrt an meinen Kräften, bis ich total ausgebrannt und nur noch Asche bin", rief die Fackel verzweifelt.

"Das ist wahr", entgegnete die kleine Flamme. "Aber das ist doch gerade das Geheimnis unserer Berufung. Du und ich können das Licht sein, das die Dunkelheit erhellt. Ich bin nur eine kleine Flamme, aber wenn ich dich entzünde, wird sie zu einem großen Feuer werden und viele Male heller und länger leuchten, als ich das jemals könnte. Du bist eine Fackel. Das Licht deines Feuers soll für andere leuchten, ihnen den Weg zeigen und auch Wärme schenken. Du gehst ja in Wirklichkeit nicht verloren, auch wenn du dich opfern musst. Andere werden dein Feuer weitertragen, so wie ich es weitergetragen habe. Nur dann, wenn du nicht brennen willst, werden du und ich sterben. So verstehe mich doch endlich! Ich werde bald ausgehen. Dann kann ich das Feuer nicht an dich weitergeben."

Die Fackel wurde auf einmal ganz still und dachte eine Weile über die Worte der kleinen Flamme nach, bis sie sich plötzlich nach vorne neigte und voller Erwartung sprach: "Ja, jetzt habe ich dich verstanden. Bitte zünde mich an!"

ENDE

(c)Heinz-Walter Hoetter

 

 

2. Die stille Stimme der Natur


 

Es waren einmal drei Mönche, die in einem alten Kloster am Fuße eines Berges wohnten. Alle waren weise und fromm. Jeden Tag verrichteten sie andachtsvoll ihre Gebete, bevor sie ihrer Arbeit draußen auf dem Feld nachgingen.

Eines Tages geschah etwas sehr Sonderbares, das ihnen zu denken gab.

Die drei Mönche verließen wie immer das Kloster, um sich um die Früchte des Feldes zu kümmern. Da es an diesem Tag sehr heiß wurde, hängten sie ihre Mäntel an die dünnen Äste eines uralten Baumes ganz in ihrer Nähe.

Während sie so arbeiteten, flog plötzlich ein riesiger Steinadler über ihre Köpfe hinweg, der sich nur wenige Augenblicke später vor ihren Augen wie ein Stein vom Himmel auf ein frisch geborenes Zieglein stürzte, es mit seinen kräftigen Krallen packte und das kläglich schreiende Opfer mit in die Höhe nahm.

"Was für ein böser Vogel!" schrie einer der Mönche erzürnt. In diesem Moment brach der Ast ab, an dem sein Mantel hing.

Der zweite Mönch schrie: "Mein Gott, das arme Tier! Es war ja noch so klein und unschuldig!" Auch sein Mantel fiel augenblicklich zu Boden, als hätte ihn der alte Baum absichtlich abgeworfen.

Der letzte Mönch hatte den Vorfall ebenfalls beobachtet, sagte jedoch kein Wort. Er schwieg und schaute nur dem davon fliegenden Steinadler nach, bis er schließlich am fernen Horizont mit dem zappelnden Zieglein in seinen scharfen Krallen verschwand.

Sonderbarerweise bleib aber ausgerechnet sein Mantel am Ast des Baumes hängen, obwohl er der schwerste aller drei Mäntel war.

Alles nur reiner Zufall?

Oder war es vielleicht nur die stille Stimme der Natur, die zu den drei gläubigen Mönchen gesprochen hatte, um ihnen etwas mitzuteilen?

Wer weiß?

 

(c)Heinz-Walter Hoetter

 

 

3. Die vermeintliche Last des Lebens


 


 

Es war einmal ein erwachsener Sohn, der hatte einen alten, aber sehr weisen Vater.

Eines Tages kam der Sohn zu ihm und sprach: "Vater, ich habe das Gefühl, dass mir mein Leben wie eine schwere Last auf den Schultern liegt. Manchmal fürchte ich mich davor, dass ich unter dieser Last zusammenbrechen werde. Was soll ich tun, damit es mir wieder besser geht?"

"Mein lieber Sohn", sagte der Alte mit einem nachdenklichen Lächeln, "das Leben ist an sich so leicht wie eine Seifenblase, die vom Wind davon getragen wird."

"Das mag schon sein, Vater. Ich habe auch großen Respekt vor deinen weisen Worten. Dennoch glaube ich, dass du dich vielleicht irrst. Ich spüre doch jeden Tag die erdrückende Last auf meinen Schultern. So sage mir doch endlich, was ich tun kann, damit ich mich von dieser Last wieder befreien kann."

"Ach Sohn", seufzte der Vater sanft lächelnd, "was soll ich dir denn sagen? Sind es nicht die Menschen oft selber, die sich die schwere Last auf ihre Schultern laden?"

"Aber Vater, wenn ich..."

Der Vater sah seinen Sohn jetzt tief und eindringlich in die Augen, legte sogleich den rechten Zeigefinger auf die geschlossenen Lippen und deutete seinem Sohn damit an, er solle nicht mehr weiter reden.

Schließlich sprach der Alte: "Mein lieber Sohn, so höre mir jetzt genau zu. Die vielen Wenn und Aber sind es, die du ständig vorbringst, welche zu deiner schweren Last werden, die du tragen musst."

 

(c)Heinz-Walter Hoetter

 

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