Frederik Kloiber

Die wunderbare Frau Schmetterling

 

Alte Augen besahen die Beute, die vor ihm auf den Tisch lag. Glänzend und glitzernd im Schein der alten Lampe, die schon ewig an der Decke hing. Sie saß in der Ecke. Eine Flasche von diesem neumodischen Superwasser in ihren filigranen Händen haltend. Rudi hatte noch nie verstanden, was man unter Trend, als unverzichtbar, betrachtete.

 

> Schon wieder Rolex? <, bemerkte Rudi stöhnend, als er Susas Beute in seinen Händen haltend begutachtete.

 

Seine Worte ließen sie Rudi süß anlächeln, warum der sich so beschwerte... – Keine Ahnung? Dachte sie vor sich hin, als sie ihm zusah, wie seine Hände die Uhren berührten. Ein Ritual war es, das war es immer.

 

>Hab dich doch nicht so! <, dabei klimperte sie mit ihren Augen und pausierte bei ihren Worten einen Moment lang. Rudi musste lachen, da er ihr Spielchen schon kannte.

Sie liebte es zwischen den Sätzen Pausen einzulegen, dass wusste er nur zu gut. Sein wissendes Lachen ärgerte sie, dass Beben ihrer Mundwinkel, dass ihm ankündigte, wie gut er es mit ihr hatte, amüsierte Rudi jedes Mal mehr.

Tatsächlich folgte, was Rudi schon kannte, als sie ihm mitteilte: >Die nimmt dir jeder ab, insbesondere der unkluge Neureiche. <

 

Flöten? Oh ja! Darin war sie geübt! Dachte Rudi vor sich hin, als seine Hände das kühle Gold des Armbands jener Rolex streichelten.

 

> Schätzchen, die haben alle Nummern... <, teilte er ihr ungerührt ihres süßen Flötens mit.

 

Rudi war recht alt geworden. Früher hätte er der guten Susa diese Uhren umgehend zurückgegeben. Zu heiß – zu gefährlich! Und heute? Er mochte das Mädchen, das klebrigere Finger hatte, als ein Rudel diebischer Elstern auf dem Kriegspfad. Er zog die Augenbrauen streng hoch.

Das Grau seiner Haare, die tiefen Falten? Das er immer noch „geklemmte“ Uhren „verschob“? Nun ja... - Seit wann kann ein alter Kater das mausen einfach so lassen? Und Susa? Die hatte diese seltsame Fähigkeit, dass ihr jeder aus ihren zarten Händen, mit größter Lust, fressen wollte.

Die Klamotte? Eng an elegantem Körper anliegend. Ein jeder Maler hätte an ihr seine Freude. Sie war attraktiv, mehr als die Hölle dies erlaubt hätte. Rudi war sich sicher, diese Frau könnte selbst dem Teufel einen Beutel Gold, mit der Leichtigkeit einer Feder, abschwatzen. Susa grinste. Sie wusste genau, was ihr Rudi dachte. – Männer waren immer so leicht zu durchschauen, glaubte sie zu wissen.

 

> Mehr als dreißig Tausend ist nicht! <, gab ihr Rudi als Antwort auf die Frage, die still im Raum schwebte.

 

> Dreißig? < Sie sah ihn mit ihrem Bettelblick an. > Keinen Euro mehr! <, gab er ihr streng zur Antwort.

 

Seufzend ließ sie sich darauf ein. >Schau nicht so! <, murmelte Rudi vor sich hin, ehe er ihr noch süffisant mitteilte: >Du machst doch mit deiner Muschi mehr Umsatz als ein Banker...<

 

Sie sah ihn sehr böse an. >Schmutziger alter Mann! <, warf sie ihm eingeschnappt vor. Rudi lachte. Susa spielte einmal mehr die Schmollende, mit eng am Körper verschränkten Armen - und böse funkelnden Augen.

 

Da war sie wieder, wie sie leibt und lebt: Susa Schmetterling. Die Gute hatte mehr Kerle ausgeräumt, als ein Puff jemals Besucher sehen würde. Erstaunlich an ihr? Oh ja, da gäbe es so einiges! Ging es Rudi still durch den Kopf, während er das Geld zählte. Sie bekam nie Ärger. Fast hätte man gemeint, ihre Opfer fanden ein gewissen, fast schon perfides Gefallen daran? Nun, wer wusste schon genau, was diese Szene dachte? Sind aber gute Kunden! Stellte er überaus entzückt in Gedanken fest, als er das Geld für Susa fast abgezählt hatte.

 

Würde man erzählen, dass sie nicht mit einem im Bett war. Nun! Man müsste sich Lügner nennen lassen. – Zu Unrecht! Susa war keine Hure. - Ganz gewiss nicht! Sie verband, hier und da, dass was man neumodisch „fun“ nannte mit dem Job.

Das ist keine Sünde. Sünde wäre, von den Armen zu nehmen und den Reichen zu geben...

> Wo geht’s als nächstes hin? <, fragte Rudi plötzlich mit der Sorge, das er wieder Rolex vorgesetzt bekäme.

> Berlin! < Antwortete Susa aus vollem Munde lachend. – Er schüttelte ungläubig den Kopf...

> Warst du da nicht schon vor drei Monaten? < Susa lächelte, als er dies fragte. > Klar! <, antwortete sie keck. – Menschen vergessen schnell. – Eine durchaus brauchbare Laune der Zeit. Stellte sie ohne weiter Worte zu verlieren, grinsend fest.

Es hätte auch keinen Sinn gemacht zu diskutieren! Immerhin war sie, Susa, eine ganz und gar gelernte Theaterschauspielerin. Ergo! Es gab keine Rolle, die sie nicht hätte vorzaubern können. Es ist ja auch nicht ihre Schuld, dass sie kein Engagement bekam!? – Das Land sparte an Geld und Verstand. – Egal!

Die „Upper Class“ hatte genug Geld. Etwas jedoch hatte diese Klasse im Überfluss, wie keine andere. - Großen Mangel an Verstand.

 

Kleine übereifrige, notgeile Bübchen, die Männer spielen wollen? Herzallerliebst! Dachte sie lächelnd.

 

Ein Klingeln unterbrach beide Gedankenmonologe. Rudi lief zur Tür. Er öffnete sie und blickte dem Chemiker ins Gesicht. Er wirkte ein wenig übermüdet und verwahrlost. Schien ganz so, als hätte er nicht mehr so gut geschlafen, seitdem Susa ihn bei den Eiern gepackt hatte. Rudi hätte beinahe laut losgelacht, als er die Gestalt vor sich, in all ihrer Erbärmlichkeit, erfasst hatte...

 

> Ist sie da? <, fragte der Chemiker angebunden und harsch.

> Ja… <, antwortete ihm Rudi gelassen.

 

Die miese Laune ließ Rudi an die Zeit denken, als der Chemiker noch die ganz große Klappe hatte - und das Maul nicht geschlossen zu halten vermochte. Eine ängstliche, unbehagliche Sorge überkam ihn, als er sich eilte dem Chemiker zu folgen, der bereits auf dem Weg zum Hinterzimmer war. Manchmal fürchtete Rudi, dass Susa einen Schritt zu weit geht… - Komischer Tag heute? Dachte er fragend und eilenden Schrittes.

 

Susa erkannte ihn bereits an den Geräuschen seines Gangs, die durch die offene Türe an ihre Ohren drangen. Ein Blick Richtung Tür war nicht drin.

 

> Tiberius - ach wie schön... < Sie verspottete ihn gerne. Hatte sie Tiberius doch erwischt, wie er dreist versuchte, einer Studentin an die Wäsche zu gehen. – Mit Mixtur und Sekt.

Fortan musste der Perversling gehorchen! Er knallte ein Fläschchen Temazepan auf den Tisch, dabei machte er kehrt auf dem Absatz. – Wortlos

 

> Bye, bye Tiberius! <, flötete sie  ihm mit Hohn und noch mehr Spott in der Stimme hinterher.

 

Vorbei an Rudi marschierend, eilte Tiberius zur Tür, die er aufriss und mit Wut im Bauch zuschlug. Das ärgerte Rudi zutiefst, diese Türe hielt sei 35 Jahren ohne ersetzt werden zu müssen.

 

> Blöder … <, fluchte Rudi los.

 

Rudis Zorn entging Susa, sie war in Gedanken versunken. Vorsicht war mit dem geboten, was in diesem Fläschchen abgefüllt vor ihr auf der Theke stand. Sie nahm das Fläschchen in die Hand. Die Idee war ihr gekommen, als dieser Schwanz glaubte, er müsse eine Frau vögeln, wenn sie ihrer Sinne, voll und ganz, beraubt wäre.

 

> Perverse Schlappschwanz… <, murmelte Susa, während Rudi ihr zusah.

 

> Schau mal nach Glashütte und Benzinger, wenn du schon dabei bist... <, mahnte Rudi streng an.

 

Susa wirkte verblüfft. Klauen auf Bestellung? Sie klaute doch eh schon alles, was nicht niet- und nagelfest war. Jetzt sollte sie auch noch eine Klau-Liste führen? Ihre Gedanken ließen sie Rudi irritiert ansehen, der daraufhin zu lachen begann und abwinkte.

 

> Warum issen der eigentlich so angepisst? <, fragte Rudi neugierig.

 

>Ach... Mag wohl daran liegen, dass er seine Drogen aus Versehen selbst schluckte...<, begann Susa zu erzählen. Plötzlich fasste sie sich theatralisch an die Stirn und fuhr for zu berichten: > Es gibt da dieses Filmchen – und die Ansage, dass es seinen Weg in die Hände seines Arbeitgebers finden würde, wenn er nicht ganz brav zu gehorchen gedachte! < Ihr Stoßseufzer ließ Rudi fasst aus den Latschen kippen vor Lachen. Er brauchte ein paar Momente, um sich zu sammeln, um wieder ernsthaft sein zu können.

 

>Aus Versehen? <, fragte er sie ungläubig.

 

> Is ja gut! Ich habe ihm eine Runde verpasst, als er wieder...<, blaffte sie ihn, die Empörung spielend, an.

 

Rudi winkte rasch ab. Er wusste, dass Tiberius ein kleiner perverser Stiefelspritzer war. Eigentlich hätte diese Studentin seiner Susa einen Korb voller köstlichster Leckereien, zum Dank, schenken müssen! Lina? Die Studentin hatte beschlossen, dass sie bei Susa einsteigen müsse! Die elenden, zahllos und unbezahlten Praktika? Davon konnte man nicht leben und einen Job bekam man nur dann, wenn man viel Glück hatte - oder die Schenkel nicht allzu verklemmt zusammenkniff. - Wer wollte das schon?

Susa hatte das Mädchen, eilig, mit zu sich Nachhause genommen - und ihr ordentlich die Leviten gelesen, als sie wieder bei Sinnen war.

Susa würde ihn bestimmt eines Tages unschädlich machen, da war sich der alte Mann mehr als sicher. Eine viertel Stunde später saß sie in ihrem Auto auf dem Weg nach Berlin – der Stadt der vielen locker sitzenden Geldbörsen, die alle nur auf Susas zarte Pfoten zu warten schienen, um geleert zu werden…

 

*

 

Berlin. Susa trug ein knappes Kleid. Sehr knapp und doch elegant. Blicke waren ihr mehr als sicher. War auch so gewollt!

Die Dame von der St. Germaine Boutique, in der Hardenbergstraße 27, hatte das Kleid als den Türöffner schlechthin angepriesen. Susa ließ der Gedanke heiter lachen. Passte irgendwie gut! Doch statt Türen öffnen, sollte es aber Brieftaschen öffnen! Und dies geschah gewissenhaft. Wer guckt da nicht hin? Das Gesäß einer Frau - schaltete schon so manches Gehirn aus. - Das war auch gut so! Dachte sie vergnügt vor sich hin. Der Preis für das Kleid war schon fast Diebstahl! Dachte Susa. Dennoch, es war einfach zu perfekt, zu schön! > Ach was soll´s! <, murmelte sie vor sich hin, als sie mit beiden Händen entlang den Stoffes strich. Ihr Blick fiel auf einen der armen Teufel, die sich mit Betteln über Wasser hielten. Der soziale Abstieg war eine Furcht, die Susa gar nicht mochte.

Wer will schon bei Peters Almosen von Staatsgnaden dahindarben? – Sie ganz gewiss nicht! Das einfache Volk sollte nicht für sie aufkommen müssen!? – Geht gar nicht! Dachte sie verärgert. Eine Frau müsse schließlich ihren Stolz und ihre Würde bewahren! Ein Credo dem Susa standhaft folgte.

Tini hatte ihr erzählt, dass es im Bricks, das war ein Nachtclub, nur so Geldscheine regnen würde. Verzückt dachte sie daran, dass sie heute die blonde Perücke tragen würde. Da werden die wilden Alfa-Placebos immer ganz zahm und scheiterten grandios daran den Don Juan zu geben. Ihr Blick fiel auf ihre Clutch. Sorgsam kontrollierte sie den Inhalt. Niemals leichtsinnig werden! Ermahnte sie sich streng und stellte dabei erleichtert fest, dass alles genau da war, wo sie es auch wissen wollte.

 

Das Bricks soll es also sein! Viel Geld watschelt dort unbeaufsichtigt herum? – Reif gepflückt zu werden! Berlin bei Nacht, war fast noch lohnender, als bei Tag...

 

Einen reichen Möchtegern erkennt man an ein paar ganz simplen Eigenheiten. Zahlt er entspannt Cash oder eilig mit Karte? Sind die Scheine penibel gefaltet in der Brieftasche oder lässig und achtlos in der Hosentasche? In der Hosentasche ist stets leicht verdientes Geld... – Und der Besitzer? - Bettelt förmlich darum es loszuwerden!

Uhr, Schuh, Hemd und der Autoschlüssel sind mit erklärt, geschult, weiblichen Blicke doch tüchtig zu mustern!

Bei Karten, dass wusste Susa, musste man noch ein paar andere Dinge bedenken! Schwätzer gibt es in nahezu jeder Stadt. Berlin stellte da keine Ausnahme dar.

Der Auftritt war immer der Moment, wo aller Blicke Begierden auf sie gerichtet sein mussten, denn so war Beute gewiss. Susa war darin geübt, wie keine andere Frau. Betrat sie einen Raum und wollte Aufmerksamkeit? Sie bekam sie und ließ all die anderen Damen, in mausgrauem Lichte versauern.

Wenn sie jungfräulich wirken wollten? So tat sie dies auch. Wenn sie wirken wollte, als sei die Nacht mit ihr Wert einen Krieg anzuzetteln, dann tat sie dies auch.

Passende Schminke! Passende Haare! Das Dekolleté elegant, in manierlicher Verführung, arrangiert. Alles mit dem einem dezenten Spritzer feinstem Parfüms unterstrichen.

So stürzte sie sich ins Getümmel des Bricks. Sie suchte nach dem passenden Spender, der als williger Finanzier ihrer Gelüste, brav, zur Verfügung zu stehen begehrte. Die Suche versüßte sie sich mit ein bisschen Taschendiebstahl, man nahm mit, was da mitzunehmen war.

Es dauerte nicht lange und sie hatte sich schon den passenden Kandidaten ausgespäht. Ein Bürschchen, das 12 x die Woche ins Fitnessstudio rannte. Das Sonnenstudio sah dieses Prachtexemplar in der gleichen Summe? Mutmaßte Susa wortlos fragend bei ihrer, in üblichen Sorgsamkeit ablaufenden, Begutachtung. Einer von der Sorte, der sehr, sehr viel länger im Badezimmer verbrachte, als eine Frau. - Allein diese Sünde schrie schon nach gehöriger Bestrafung!!!

Den Schönling da anzuschärfen, dauerte genau zehn Minuten. Sie hätte fast lautlosgelacht, als sich der Junge als Kevin vorstellte. Es war nicht Susas Art dem Klischee die Komik zu geben – aber Kevin? Das Lachen verkniff sie sich, stattdessen setzte sie die Mine der so beeindruckten, hilflos wirkenden Maid auf.

Für einen Moment dachte sie an den Trottel von einem Intendanten, der sie nicht zu engagieren gedachte. Später hatte sie recht empört herausgefunden, dass sich die perfekte Hauptrolle vögeln ließ. Kein Selbstwertgefühl - das Flittchen! Dachte Susa mit ihren funkelnden Augen – Kevin raubte dies, ganz und gar, den Atem.

 

Ihm ein paar Tropfen Temazepan unterzujubeln? Nahm unter drei Sekunden in Anspruch. Ihn ins Auto zu verfrachten? Drei Minuten. Die Fahrt zu seinem Schloss? Eine viertel Stunde. Den Burggraben samt Bewachung lahmlegen? Weniger als 20 Sekunden. Ihn nackig machen? Vier Minuten. - Dann fiel er um. – Der Anblick? Ist mit keiner Karte der Welt zu bezahlen! Stellte Susa wortlos, so süß lächelnd, mit Unzucht in Gedanken fest.

Sie griff nach ihrem tricky Telefon. Einen Tastendruck später schon klingelte es.

 

> Bist du denn schon da? <, säuselte Susa lasziv durch das Telefon.

 

> Fragt der Hase den Igel - und sagt ja! <, antwortete Tini süß und mit entspannter Vorfreude in der Stimme.

 

> Gut! Das Licht am Eingang ist aus. <, flötete Susa zurück und Tini, die sagte, was sie schon sooft sagte: >Danke Süße! <

 

Ein schmatzendes Geräusch später, war das Gespräch beendet und Tini auf dem Weg.

Fräulein Albertan? Eine Frau gemacht aus vielen Talenten. Eines davon war das Öffnen von Eisenschränken. Böse Menschen hatten doch, tatsächlich, Geld plus Beute darin versteckt. Wie konnten die das nur tun? Ging es Tini schelmisch durch den Kopf. Sie öffnete die Tür zum Grundstück der Villa.

 

> Schönes Häuschen… <, bemerkte Tini flüsternd, als sie durch den Vorgarten lief. - Geschmeidig wie eine Katze.

 

Ein warmer Nachthauch streichelte ihr übers Gesicht. Kein Licht, das sie exponierte. – Dies liebte sie umso mehr!

Kurz, nach ein paar launigen Gedanken stand sie auch schon vor der Haustüre. Sie war offen. Susa hatte, einmal mehr, ganze Arbeit geleistet... – Tini lächelte und ihr Ritual fand seinen Anfang.

Sie zog sich ihre Latexhandschuhe über, denn Spuren sind Böse! Die bringen einen rasch in den Knast! Wusste schon ihr alter Herr zu sagen! Der saß, satte 20 Jahre in Sing-Sing ein, wegen akuter Dummheit.

Die schwere Tasche, die sie bei sich trug, gab keinen Laut von sich. Gut so! Dachte sie, als sie diese einmal mehr schüttelte, um zu prüfen, ob auch wirklich alles lautlos verstaut war. Geräusche sind genau wie Spuren - ebenfalls Böse! Dachte Tini, denn so manches allzu neugierige Ohr, war in der Nacht zu bedenken. Schlussendlich zog sie sich eine Haube über den Kopf, um keine Haare am Tatort zu hinterlassen. Zufrieden lächelte Tini und reckte und streckte sich. Motiviert griff sie, mit ihren flinken Händen, in ihre Jackentasche und holte die Plastiküberzieher hervor, die sie über ihre Schuhe zog. Ihre rechte Hand griff nach dem Türgriff der angelehnten Haustüre und sie trat ein. Es roch gut in dieser Bude! Dachte Tini. Ihre Schritte waren zu hören.

 

>Wo bist du? <, wollte sie von Susa wissen.

 

Ihre knappe Antwort lautete: >Schlafzimmer! <

 

Tini folgte Susas Stimme. Schon kurz darauf hatte sie es gefunden. Ihre Freundin hatte ebenfalls blaue Latexhandschuhe übergezogen. - Kluge Susa! Schoss es ihr erleichtert durch den Kopf. Tini hatte auch immer ein wenig Sorge, dass Susa leichtsinnig werden würde – bei all ihren Erfolgen.

Sie blickte auf den Schlafzimmerboden und rieb sich verwundert die ungläubigen Augen.

 

> Spinn ich oder liegt da wirklich ein roter Männerschlüpfer? <, fragte sie Susa.

 

> Kevins Teufelsschlüpfer? <, bemerkte Susa beiläufig fragend. >Ja? - Und wieso nennst du ihn eigentlich Kevin? <, wollte Tini irritiert von Susa wissen.

 

Susa beugte sich nach vorne und hob den roten Schlüpfer auf, dabei lächelte sie fies.

 

> Na weil er Kevin heißt und lebt… <, trällerte Susa belustigt vor sich hin.

 

Tini begann zu kichern, der rote Schlüpfer aber ließ ihr keine Ruhe. Warum trägt ein Mann einen roten Schlüpfer?

 

>Schmutzige Bübchen brauchen saubere Lektionen! < Und bei diesen Worten, steckte sie ihm recht zackig, den roten, schmutzigen Schlüpfer, in den schmutzigen Schnabel. Aber? Er merkte ja gar nichts mehr. Schlummert vor sich hin. Oh traurig war diese Nacht... – Für Kevin. Tini konnte sich nicht halten. Sie lachte, als gäbe es da keinen Morgen.

 

> Genug Erheiterung meine Beste! <, stellte Susa streng fest! Tini nickte und begab sich umgehend in des Teufelsschlüpfer-Besitzers Arbeitszimmer.

 

Hinter einem offensiv, provokativen Werk des Künstlers Mel Ramos schlummerte, sanft und erwartend, der Eisenschrank.

 

Tini verzog das Gesicht, dann flüsterte sie: >Oh Baby… Ich werde dich jetzt deiner Jungfräulichkeit berauben! <

 

Zehn Minuten später, war das Schränkchen offen: >Immer dasselbe! Angeben wie eine Tüte Mücken auf dem Kriegspfad? Aber kein Stehvermögen...<

 

Ein Berg an kühlen, sexy Geldscheinen. Ein paar Mappen mit Unterlagen. Einen Blick reinwerfen? Ging es ihr unschlüssig durch den Kopf. Sie tat es. - Die Neugierde siegte!

 

Susa räumte inzwischen fleißig Schmuck und Uhren ab. Ab und zu sah sie nach Kevin, nicht das er aufwachte und Ärger bereiten würde. 

 

> Ich glaube Rudi wird sehr glücklich sein... < Bei diesen Worten starrte sie verzückt auf eine Glashütte und drei weitere seltene Uhren. – Seufz. Würden die Uhren Rudi gar anmachen? Dachte Susa unschlüssig vor sich hin.

 

> Kätzchen! Das schmutzige Kevin hat es aber faustdick hinter den Ohren... <

 

Ein kurzes, fragendes mmh später und Susa hatte bereits inquisitiv ihre funkelnden Augen auf Kevins schmutzigste Wäsche gerichtet. Die Zeilen, die offenbarten was Kevin so trieb, entflammten den Zorn, tief, in Susas Herzen.

 

> Soso, der verschiebt also abgelaufene Pillen nach Afrika? < Kaum gesagt, machte Susa schon Fotos, mit ihrem schlauen Telefon.

 

> Das gehen wir doch petzen? <, wollte Tini, zutiefst empört, von Susa wissen. – Susa nickte. - Tini atmete erleichtert aus.

Während Susa Fotos machte, packte Tini die Geldbündel ein. Ein Gefühl, das besser war als der kleine Tod selbst. Sozialismus ist eine ganz und gar wunderbare Sache. Insbesondere der Teil mit der Umverteilung! Dachte Tini sehr, sehr erregt.

 

> Hast du ihm schon unsere Visitenkarte verpasst? <, wollte Tini streng wissen. >Klar, was denkst du denn...< Bei diesen Worten hielt Susa einen dicken Edding Stift in die Luft, wie ein Zepter.

 

> Na dann lass uns verschwinden! <, forderte Tine von Susa, die nickte und so verließen sie dies traurig, leere Häuschen. – Mit einer vollen Tasche leckerer Geldscheine. Nicht zu vergessen, die Uhren und der Schmuck, den sich Susa unter ihre hübschen, raffgierigen Nägel gerissen hatte...

 

Pankow stand noch auf ihrer Liste. Dort lebte Maria mit ihren drei Kindern. Der Vater der Kinder? Längst schon abgehauen. Maria knappste an allen Ecken und Enden. Jetzt ist auch noch ihre Jüngste böse krank geworden. Schlimm! Susa wollte ihr helfen, insbesondere als sie Maria vor einigen Monaten beim Stehlen von Lebensmitteln, im Supermarkt, erwischte. Susa hatte ihr damals Geld und ihre Telefonnummer gegeben. Das Gesetz wollte im Falle von Maria einfach nichts hergeben. Susa beschloss, dass sie eben dann für Gerechtigkeit sorgen müsse.

 

> Wohin? <, wollte Tini wissen.

 

> Pankow! <, antwortete Susa entspannt.

 

> Maria? Sie bekommt  doch  jetzt den Job, um ihre Kinder anständig versorgen zu können? Hasse fein gemacht Süße? <, wollte Tini besorgt von Susa wissen. Susa nickte lächelnd.

 

> Manchmal muss man eben sozialistische Umverteilung betreiben! <, stellte Susa theatralisch, sich die Stirn berührend, fest. Tini begann lauthals loszulachen, während sie das Auto ruhig durch die Nacht steuerte.

 

> Ich will dich sogleich heiligsprechen! Die heilige Susa von Klau und Greif!!! <, erwiderte Tini kichernd nach der nächsten Kurve.

 

> Das ist das Wenigste! <, empörte sich Susa.

 

Sie brauchten nicht lange, dann hatten sie Pankow erreicht. Susa besuchte kurz Maria und gab ihr ein größeres Bündel Geldscheine. Gespendet vom allerliebsten Kevin höchst selbst.

 

Sie weinte. Sie schämte sich. Scham aber half nichts! Scham machte einfach nicht satt! Es war Zeit, die Dinge zu ändern!

All das, war sowas von unnütz. Susa umarmte sie, gab ihr einen Kuss auf die Stirn und verschwand wieder in der dunklen Nacht... – Zusammen mit Tini.

 

*

 

Ein paar Tage später saß sie wieder bei Rudi im Hinterzimmer. Er war gerade dabei die Ware zu begutachten. Sie sah währenddessen die Nachrichten im TV an. Der Besitzer des Teufelsschlüpfers wurde dingfest gemacht. Ihm blühte wohl einige Jahre Sing-Sing; und im Anschluss winkte Sicherheitsverwahrung.

Seine Pillen hatten einigen, armen Schweinen das Leben gekostet, da verstand man keinen Spaß! Kein Wort darüber, dass man ihm die Bude leergeräumt hatte? Susa war sehr, sehr zufrieden mit sich. Nach Berlin würde sie in ein paar Monaten wieder reisen. Es gab da noch viel zu beschaffen? Erledigen? - Nun man durfte es sehen, wie man wollte...

 

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Frederik Kloiber).
Der Beitrag wurde von Frederik Kloiber auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.11.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Der Autor:

  • Autorensteckbrief
  • frederik_w_kloiberyahoo.de (Spam-Schutz - Bitte eMail-Adresse per Hand eintippen!)

  Frederik Kloiber als Lieblingsautor markieren

Bücher unserer Autoren:

cover

Arbeitslos ins Paradies von Ralf D. Lederer



Arbeitslos ins Paradies? Eigentlich ein Widerspruch in sich. Dennoch ist es möglich. Dieses Buch erzählt die wahre Geschichte eines schwer an Neurodermitis erkrankten und dazu stark sehbehinderten jungen Mannes, der sein Leben selbst in die Hand nimmt und sein Ziel erreicht. Er trennt sich von den ihm auferlegten Zwängen, besiegt seine Krankheit und folgt seinem Traum trotz starker Sehbehinderung bis zum Ziel. Anfangs arbeitslos und schwer krank zu einem Leben im sozialen Abseits verurteilt, lebt er nun die meiste Zeit des Jahres im tropischen Thailand.

In diesem Buch berichtet er von den Anfängen als kranker Arbeitsloser in Deutschland, aufregenden Abenteuern und gefährlichen Ereignissen, wie z.B. dem Tsunami in seinem Traumland. Dieses Buch zeigt auf, dass man durch Träumen und den Glauben an sich selbst fast alles erreichen kann.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Satire" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Frederik Kloiber

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Banu Negar *Das Achte Monat* von Frederik Kloiber (Sonstige)
Zähne von Norbert Wittke (Satire)
Sie nannte ihn Schnucki von Christiane Mielck-Retzdorff (Einfach so zum Lesen und Nachdenken)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen