Ingo R. Hesse

Unerfüllte Schwärmereien eines Halbwüchsigen

Als ich vorgestern mit meinem besten Freund in seinem Wagen durch seine Heimat und darüber hinaus gondelte, begegneten uns immer wieder Fahrzeuge mit einem bestimmen Nummernschild-Ortskennzeichen.

In meiner früheren Heimat war dieses Kennzeichen ein Exot. Und auch hier im Ruhrgebiet sieht man es selten.

Diese zwei Großbuchstaben lösen in mir immer wieder eine Erinnerung aus. Eine Erinnerung an eine ganz große und sehr unerfüllte Liebe. Eine von den vielen größten Lieben meiner Jugend, die ebenso schmerzhaft wie unerfüllt bleiben sollten.

Ich war ziemlich genau 16 Jahre alt. Fast zeitgleich mit dem Kauf meines ersten Mopeds hatte ich mir zuhause das Recht auf den Besuch der örtlichen Gaststätte erkämpft.

Hier bei den Erwachsenen, die irgendwie anders erwachsen waren als meine Eltern, fühlte ich mich weder als Kind noch als Halbwüchsiger. Mit meiner großen Klappe und meinem Sinn für Humor, glaubte ich, mir eine gewisse Zugehörigkeit erworben zu haben.

Gegenüber dieser Stätte der abendlichen Unterhaltung und in Sichtweite meines Elternhauses gab es ein kleines Appartement-Haus, in dem einige recht junge, recht attraktive, angehende Lehrerinnen aus aller Herren Bundesländern Quartier bezogen hatten.

Mein „erstes Mal“ sollte erst ca. 3 Jahre später stattfinden. Denn eine große Klappe bei den Männern des Dorfs zu haben, bedeutet leider nicht, auch Mädchen oder Frauen gegenüber so smart sein zu können.

Trotzdem oder gerade deshalb hatte ich immer wieder einmal einen Blick hinüber zu dem Parkplatz vor dem Appartementhaus gewagt.

So eine von den schönen, jungen erwachsenen Frauen, die dort aus ihren Autos stiegen, ..die zwar sicher nicht übermäßig viel älter als ich waren, aber irgendwie doch unerreichbar reifer schienen, ..das wäre schon so etwas für mich gewesen.

Wäre!

Doch eines Abends betrat eine von ihnen das besagte Gasthaus. Zwar war sie nicht so weiß wie Schnee und obwohl ihre Wangen leicht gerötet waren, war sie nicht so rot wie Blut. Aber ihre Haare waren schwarz wie Ebenholz.

Das alles begab sich zu der Zeit, in der ich für blonde Mädchen und Frauen schwärmte. Wohl um ganz sicher zu sein, keine Chance zu bekommen. Denn die Blonden, die mir begegneten, standen allesamt auf dunkelhaarige Typen. Und ich war ziemlich blond.

So wie diese wunderschöne Frau das Lokal betreten und die Gespräche der anwesenden Männer zum Verstummen gebracht hatte, geriet mein Frauengeschmack unweigerlich ins Wanken.

Sie zahlte und nahm mit beiden Händen das schon fertige Essens-Paket entgegen. Dann schritt sie Richtung Tür.

Das war mein Moment! Kneipentüren öffnen sich immer nach außen. Ich eilte ihr also voraus, schob die Tür auf und stellte mich, die Klinke noch in der Hand, wie der Teil eines Spaliers für die Königin zur Seite, verbeugte mich leicht und machte mit der anderen Hand eine nach außen einladende, huldvolle Geste.

Ich war ziemlich stolz auf mich. Und wie ich noch so in Verbeugung und innerer Bewunderung meiner selbst verharrte, beugte sie sich für eine Millisekunde, die sich für mich aber wie ein halber Tag anfühlte, zu mir herunter und hauchte mir einen Kuss auf die Wange.

Feuerwerk!.. Kapelle! ..Tusch! ...Hochzeitsmarsch!

Ey, jetz kannze aber wieder reinkommen un die Tür zumachen!“ Die Männer des Dorfes hatten das beobachtet und lachten mich teils neidisch, teils bewundernd, teils sich für mich freuend an.

Jahre später meinte ich mich zu erinnern, dass der eine oder andere vielleicht auch bedauernd gelächelt hat. Berechtigt wäre es jedenfalls gewesen.

Was macht ein junger Mann mit so einer großen Liebe? Da hat diese Frau deutlich gezeigt, dass man der Richtige für sie ist. Sie hat eine nonverbale Einladung in ihr Appartement ausgesprochen.

Und ich? Was habe ich getan? Ich tat das, was schüchterne Männer in solchen Fällen tun. Sie leiden. Ich auch. Sehr intensiv, sehr lange. So lange, bis ich mich in die nächste Unerreichbare verliebte. Doch das war dann kein neues Leiden. Eher ein schon bekanntes, nur eben ab jetzt doppelt. Und so weiter.

Mein Freund, dem ich das erzählte, lachte verständnisvoll. Ihm gingen sofort ähnliche Geschichten aus seiner Jugend durch den Kopf.

Und ich überlege seitdem, wie schade es ist, dass man nicht jetzt, gefühlte hundert Jahre später, solche flüchtigen Bekanntschaften, die aber so wichtig waren, einfach einmal treffen kann, um gemeinsam über solche damals so intensiven Schwärmereien zu lachen.

:-)
 

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